TesseracT – P O R T A L S

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TesseracT – Portals (Kscope/Edel, 27.08.21)

Credit: Amos Williams & Scott Robinson

(1:45:50, Vinyl/CD/DVD/Blu-ray/Download, Kscope/Edel, 2021)
“P O R T A L S”: Das Konzert, das es so niemals wieder geben wird und eigentlich auch niemals wirklich gegeben hat. Denn obwohl es sich bei dem neuesten Album der englischen TesseracT um einen Live-Mitschnitt handelt, war der Auftritt der Band kein klassisches Konzert vor Publikum, sondern ein Streaming-Event, das am 18. November 2020 von den Live Up Studios in Fareham aus in die Welt übertragen wurde. Damit waren die Prog Metaller aus Milton Keynes recht spät dran, was Streaming-Konzerte angeht. Und da es einem Großteil der Mitschnitte der Konkurrenz an Qualität mangelte, verpassten wohl auch einige Fans das Spektakel, das TesseracT auf die Beine stellen sollten. Denn die Briten hatten sich für ihr Online-Konzert etwas ganz besonderes ausgedacht.

Während die Studio-Alben von Acle Kahney, Daniel Tompkins und Co. vor allem durch ihre perfekte Produktion glänzen konnten, standen bei den Auftritten der Engländer immer die Spielfreude und Authentizität des Fünfers im Mittelpunkt. Zu aufwendig und teuer wäre es für eine Nischenband wie TesseracT gewesen, ihre Vision von perfektem Klang und Bühnenbild auf einer Tournee allabendlich in Szene zu setzen. Und so nutzte das Quintett die Gunst der misslichen Corona-Lage dazu, seine Traum-Vorstellung eines perfekten Konzertes umzusetzen. Ein Setting, das wohl einmalig bleiben wird, sollten TesseracT nicht irgendwann zu Rock-Superstars aufsteigen.

Denn was TesseracT für “P O R T A L S” auf die Beine gestellt haben, ist wohl der Maßstab für alle kommenden Streaming-Konzerte. Nicht nur, dass der fette Sound des Albums die Studio-Aufnahmen der Band fast verbleichen lässt, v. a. das Bühnenbild sowie die Lightshow sind geschmacklich sehr ansprechend und State of the Art. Das Portal, eine dezent wirkende, digitale Video-Leinwand im Zentrum des Geschehens, vor der ein Schlagzeug-Podest positioniert ist, das in seiner Form an einen Sternenzerstörer erinnert. Dazu eine Licht- und Lasershow, welche die ganz in schwarz getauchte Bühne und gekleideten Bandmitglieder perfekt in Szene setzt. Drei Monate Planung und Vorproduktion sprechen für sich und sind auch zu jeder Sekunde des Auftrittes spürbar. Und so hat das Event als Ganzes gesehen auch irgendwie den Anschein, als sei es ein überlanges MTV-Video. Nur dass es sich hier eben um einen Live-Mitschnitt handelt.

Den Nachteil, den klassische Konzert-Filme haben, findet man bei “P O R T A L S” natürlich nicht, nämlich die fehlende Live-Atmosphäre. Natürlich ist diese Atmosphäre auch bei “P O R T A L S” nicht vorhanden, doch hatte es sie von Anfang an auch nie gegeben. Und so unsinnig es war, sich das Streaming-Event unbedingt live anschauen zu wollen, desto empfehlenswerter ist es nun, sich “P O R T A L S” immer und immer wieder anzuschauen. Da man ja nichts verpasst.

Man könnte nun fast denken, dass die Musik auf “P O R T A L S” zur Nebensächlichkeit geworden ist. Und das stimmt auch zu einem gewissem Grad. Denn versucht man das Konzert ohne die dazugehörige visuelle Begleitung zu genießen, so ist die Freude nur halb so groß. Dies liegt allerdings nicht an der Musik, die über jeden Zweifel erhaben ist, sondern eben an dem perfekten Gesamtprodukt. Denn auch musikalisch zeigen sich TesseracT von ihrer Schokoladenseite. Und so ist “P O R T A L S” nichts anderes als ein Best Of-Album geworden, welches alle Phasen der 2003 gegründeten Formation widerspiegelt. Angefangen bei der bereits 2010 veröffentlichten ersten EP “Concealing Fate”, über das 2011er Debüt-Album “One” und das mit Sänger Ashe O’Hara aufgenommene 2013er “Altered State”, bis hin zum 2015er Durchbruchsalbum “Polaris” und dem jüngsten Werk “Sonder“, aus dem Jahre 2018. Dass die Stücke dabei wild durcheinander gespielt werden und nicht etwa in chronologischer Reihenfolge fällt dabei kaum auf, obwohl man TesseracT ja eigentlich keinen künstlerischen Stillstand vorwerfen kann. Auch, wenn der ein oder andere einen Song wie ‘Of Matter’ im Original mit Ashe O’Hara bevorzugen mag, so ist es erfrischend, Daniel Tompkins’ Stimme auch bei Liedern dieser Phase zu hören. Technisch ohne Aussetzer zeigen auch die Gitarristen Acle Kahney und James Monteith sowie Bassist Amos Williams, warum TesseracT zur Crème de la Crème des modernen Progressive Metal und Djent gerechnet werden. Doch der Größte Applaus gebührt wohl Mike Malyan. Denn der Schlagzeuger, der eigentlich bei Monuments zu Hause ist, musste kurzfristig für Jay Postones einspringen und das eindreiviertelstündige Set von Grund auf lernen.

Trotzdem unterscheiden sich die Songs auf “P O R T A L S” nur unwesentlich von den Originalversionen der Stücke. Eine variierte Gesangslinie hier, ein fetteres Djent-Riff dort. Nichtsdestotrotz oder aber vielleicht auch gerade deswegen erscheint “P O R T A L S” als die perfekte Einstiegsplatte für all jene, die TesseracT bisher noch nicht kannten; auch als dreifach Vinyl oder als Doppel-CD. Allen anderen sei jedoch die Blu-ray and Herz gelegt, denn “P O R T A L S” ist ein cineastisches wie audiovisuelles Erlebnis, das unbedingt in seiner Gesamtheit erlebt werden sollte.
Bewertung: 14/15 Punkte (FF 14, KS 12)

Tracklist:
Act 1: Beginnings
1.’Of Matter’ (14:54)
2. ‘King’ (5:45)
Act 2: All And Everything At Once
3. ‘Concealing Fate’ (18:23)
• Part 1: ‘Acceptance’
• Part 2: ‘Deception’
• Part 3: ‘The Impossible’
4. ‘Tourniquet’ (4:38)
Act 3: Traveller, Choose Your Way
5. ‘Beneath My Skin’/’Mirror Image’ (11:15)
6. ‘Orbital’ (2:16)
7. ‘Juno’ (6:01)
Act IV: Always In Motion
8. ‘Cages’ (5:28)
9. ‘Dystopia’ (6:22)
10. ‘Phoenix’ (4:10)
11. ‘Nocturne’ (4:17)
Act V: Ourobors
12. ‘Eden’ (6:33)
13. ‘Of Energy’ (10:53)
14. ‘Seven Names’ (4:55)

Besetzung:
Acle Kahney (Gitarre)
Daniel Tompkins (Gesang)
James Monteith (Gitarre)
Amos Williams (Bass, Gesang)
Jay Postones(Schlagzeug)

Gastmusiker:
Mike Malyan (Schalgzeug)

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Rezension: “Sonder” (2018)
Rezension: “Errai” (2016)
Rezension: “Polaris” (2018)

Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von cmm-online zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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