Årabrot – Norwegian Gothic

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Årabrot – Norwegian Gothic (Pelagic Records, 09.04.21)(57:07, Digital, CD, Vinyl, Pelagic Records, 2021)
Wann auch immer ich mir „Norwegian Gothic“ in Gänze anhöre, werde ich jedes Mal an jenen Charme erinnert, den das Bizarre Festival in seinen Anfangsjahren Ende der 80er bis in die Mitte der 90er verbreitete. Denn das nunmehr neunte Album der skandinavischen Band Årabrot deckt in seiner musikalischen Ausrichtung genau jene stilistische Vielfalt ab, für die das Bizarre seinerzeit so berühmt war. Würde dieses Festival auch heute noch existieren, so könnte man Årabrot ohne mit der Wimper zu zucken als Headliner auf die Hauptbühne stellen, denn das Duo bestehend aus Kjetil „Tall Man“ Nernes (Gitarre, Gesang) und Karin „Dark Diva“ Park (Piano, Hintergrundgesang) spielt auf seinem neuesten Werk genau jene genreübergreifende Form des Alternative Rock, die sowohl Freunde eingängiger Stücke wie auch jene obskurer musikalischer Experimente zufriedenstellen würde. Anhänger von Noise Rock, Industrial und Sludge würden genauso bedient werden wie Fans des Gothic, Punk Rock oder einfach nur des Rock’n‘ Roll.

„Norwegian Gothic“ ist vielleicht der Höhepunkt der rund 20-jährigen Geschichte jener Band, die Anfang des Milleniums als reine Noise Rock Band startete und vor allem durch den damals noch charakteristischen Schreigesang Kjetil Nernes gekennzeichnet war. Zwar klingen Årabrot, was manch ein Fan oder Kritiker der Band vorwerfen mag, zu heutiger Zeit um Längen kommerzieller als anno dazumal. Doch gleichzeitig ist die Band auch um ein Vielfaches reifer geworden. Kjetil Nernes selbst beschreibt den aktuellen Output der Band wie folgt:

„Norwegian Gothic“ ist der Höhepunkt all dessen, was Årabrot in den letzten zehn Jahren musikalisch geleistet haben. Es ist nicht nur der bisherige Klimax der Band, sondern auch ein guter Indikator dafür, was in Zukunft kommen wird. Es ist im Grunde eine Verschmelzung all unserer Einflüsse hier in der Kirche, in welcher wir leben. Musikalisch ist es von allen Alben unserer Plattensammlung und thematisch von den Büchern in unseren Regalen inspiriert. Genauer gesagt ist es unsere besondere Spielart der Rock’n’Roll-Musik, gemischt mit Fin de Siècle-Dekadenz, Surrealismus und obendrein sogar einer Prise alter deutscher Philosophie.

„Norwegian Gothic is the culmination of everything Årabrot has done musically the past 10 years. It is not only the climax of the band so far, but also a good indication of what to come. It is basically an amalgamation of all of our influences here in the church where we live. Musically it is inspired by all the albums of our record collection and thematically by the books we have in our shelves. More specifically it is our special brand of rock’n’roll music mixed with fin-de-siecle decadence, surrealism and even a pinch of old German philosophy to boot.

Hierzu ist anzumerken, dass Kjetil Nernes und Karin Park auch außerhalb von Årabrot ein Paar sind, und seit geraumer Zeit, gemeinsam mit ihren beiden Kindern eine Kirche bewohnen. Diese steht in Parks schwedischem Geburtsort Djura und beherbergt mittlerweile auch ein Aufnahmestudio sowie das Musiklabel Djura Missionshus. Die Kirche ist übrigens genau jenes Gebäude, in welchem die Künstlerin als zum ersten Mal als Kind vor Publikum auftrat. Ein Ereignis, welches der Anfang einer großen Karriere war, denn Karin Park hat schon gemeinsam mit Größen wie David Bowie und Lana Del Rey auf der Bühne gestanden und kann auch einige Grammys ihr eigen nennen.

Möchte man an „Norwegian Gothic“ etwas kritisieren, so ist es vielleicht die Tatsache, dass das Duo die zugängigsten Stücke direkt an den Anfang des Albums gestellt hat, denn beim Auftaktsquartett, bestehend aus ‚Carnival of Love‘, ‚The Rule of Silence‘, ‚Feel It On‘ sowie der ersten Single ‚The Lie‘ jagt gleich ein Ohrwurm den anderen.

Doch Årabrot haben damit nicht etwa ihre Munition verschossen, sondern lediglich die massenkompatible Seite von dem gezeigt, was ihr Schaffen ausmacht. Denn Eingängigkeit wird im weiteren Verlauf der Platte immer mehr von musikalischen Experimenten mit erhöhtem künstlerischen Anspruch abgelöst. Diese mögen bei Erstkontakt vielleicht etwas sperriger sein, doch auch ihnen ist spätestens nach mehrmaligem Hören ein gewisser Grad an Zugänglichkeit nicht abzusprechen. Und spätestens in Kombination mit den zugehörigen Videos entfachen Songs wie ‚Kinks of the Heart‘, ‚Hailstones For Rain‘ und ‚The Moon Is Dead‘ eine unwiderstehlich, skurril-sinistre Anziehungskraft, die einen kaum wieder aus ihrem Banne freikommen lässt.

Teapot of the Week

„Teapot of the Week“ auf Betreutes Proggen in der KW15/2021

Hervorzuheben auf „Norwegian Gothic“ ist auch die illustre Schar an Gastmusikern, die Årabrot für Kollaborationen gewinnen konnte. Darunter Motorpsycho-Schlagzeuger Tomas Järmyr, Jaga Jazzist-Multi-Instrumentalist Lars Horntveth (Saxophone, Vibraphon, Mellotron, Hohner Clavinet, Lap- & Pedal-Steel-Gitarre) sowie die aus Prog-Kreisen kaum mehr wegzudenkende Cellistin Jo Quail, denn diese setzen immer wieder interessante Farbtupfer und Akzente, so dass das Album seine Spannung auch über die volle Länge von gut 57 Minuten halten kann. Es bleibt ein musikalischer Fluss, der auch durch drei Unterbrechung in Form von drei Spoken Word-Stücken nicht aufgehalten werden kann.

Schade nur, dass Karin Park nicht öfter, wie in ‚Hallucinational‘, in den Vordergrund drängt und die Lead-Vocals übernimmt, denn keines der Stücke auf „Norwegian Gothic“ ist so faszinierend wie diese gefühlvoll-zerbrechlich Ballade, bei der die Dark Diva den Hörer mit ihrer Stimme förmlich mesmerisiert.

Bewertung: 14/15 Punkte


Tracklist:

1. ‚Carnival of Love‘ (4:51)
2. ‚The Rule of Silence‘ (4:49)
3. ‚Feel It On‘ (3:21)
4. ‚The Lie‘ (4:04)
5. ‚The Crows‘ (2:25)
6. ‚Kinks of the Heart‘ (3:45)
7. ‚Hailstones For Rain‘ (4:57)
8. ‚The Voice‘ (0:51)
9. ‚Hallucinational‘ (5:01)
10. ‚(This Is) The Night‘ (2:50)
11. ‚Hard Love‘ (3:21)
12. ‚Impact Heavily onto the Concrete‘ (1:15)
13. ‚Hounds of Heaven‘ (3:32)
14. ‚Deadlock‘ (3:36)
15. ‚The Moon Is Dead‘ (7:13)
16. ‚You’re Not That Special‘ (1:16)

Besetzung:
Kjetil „Tall Man“ Nernes (Gitarre, Gesang)
Karin „Dark Diva“ Park (Piano, Hintergrundgesang)

Gastmusiker:
Lars Horntveth
Jo Quail
Tomas Järmyr
Anders Møller
Massimo Pupillo

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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Pelagic Records zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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