Long Distance Calling – Ghost

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Long Distance Calling – Ghost (independent, 26.2.21)

Credit: Nik Birkemeyer

(33:22, Digital, CD, Vinyl, Avoid The Light Records, 2021)
Spooky!!! … war mein erster Gedanke, als ich die Anfangssounds der neuen EP der Münsteraner Progressive/Post Rock-Band Long Distance Calling zum ersten Mal hörte. Dementsprechend hätte der Titel der Scheibe mit „Ghost“ für mein Empfinden nicht besser gewählt sein können, denn ‚Dullahan‘, das gut zweiminütige Intro zur Scheibe, verbreitet mit seinen schaurig-schönen Sounds – genau wie die fünf weiteren Stücke der EP – die gruselige Atmosphäre eines Geisterhauses. Ob dies dem abgelegenen Landhaus geschuldet ist, in das sich die vier Musiker für die Aufnahmen zu „Ghost“ zurückgezogen hatten, bleibt offen.

Unbestreitbar ist jedoch, dass der Rückzug ins Ländliche einen ungeheuer positiven Einfluss auf die Westfalen hatte. Hinzu kommt, dass Long Distance Calling auf „Ghost“ befreit von allen Zwängen aufspielen konnten, denn das Album war im Vorraus durch eine Crowdfunding-Kapagne finanziert worden und ist auf dem Band-eigenen Label Avoid The Light Records erschienen. Und so war es kein Problem, einem ähnlichen Konzept zu folgen, wie schon 2014 bei ihrer „Nighthawk“-EP: keine Vorbereitung und kein doppelter Boden, nur eine Band, die während einer dreitägigen Jam-Session wie aus dem Nichts Musik entstehen lässt. Das Resultat ist eine Aufnahme, welche, aufgrund ihrer Live-Einspielung (keine Overdubs, kein Editing), einen unheimlich authentischen Klang besitzt und die nur so vor Experimentierfreude sprudelt.

Und genau diese Kreativität ist es, welche „Ghost“ von den regulären Studio-Alben der Münsteraner unterscheidet, denn Long Distance Calling beschreiten hier viel häufiger musikalisches Neuland als man es von ihnen gewohnt ist. Deutlich wird dies vor allem an der Stimmung, welche die Scheibe verbreitet, da diese nicht nur von Geistern beseelt zu sein scheint, sondern gleichzeitig auch eine Art Lounge-artige Gelassenheit ausstrahlt, wie man sie gut von Massive Attack kennt. Beispielhaft sei an dieser Stelle das zweite Stück der Aufnahme genannt, ‚Old Love‘.

‚Black Shuck‘ schließt mit ähnlich triphoppiger Lässigkeit an, verwandelt sich aber schon nach gut einer Minute, mithilfe Jan Hoffmanns so charakteristischem Bass-Spiel und postrockiger Gitarrensounds von David Jordan und Florian Füntmann, in eine Art Blaupause des klassischen LDC-Sounds.

Einer musikalischen Seance gleich kommt das gleichnamige vierte Lied der Scheibe, denn Long Distance Calling beschören hier mithilfe von Synthie-Sounds, einem pulsierenden Rhythmus, und jaulender Gitarren einen Geist herauf, der in der zweiten Hälfte des Stückes in Form von harten Post Rock-Eskapaden über den Hörer hereinbricht. Was für ein Klang!

‚Fever‘ ist vielleicht der spacigste Track der Einspielung und wagt sich mit seinen fieberhaft psychedelischen Klängen ganz weit in Territorien von The Alan Parsons Project, Pink Floyd und frühen Porcupine Tree vor.

Zum Abschluss gibt es mit ‚Negative Is The New Positive‘ nicht nur das mit knapp neun Minuten Spielzeit längste Stück des Albums, sondern wohl auch das experimentellste, denn kein anderes Lied auf „Ghost“ atmet so sehr den Geist einer Live-Improvisation. Sowohl klanglich als auch musikalisch hat man nämlich den Eindruck, als würde man den vier Musikern beim Jammen auf der Bühne zuhören.

Und so fühle ich mich am Ende von „Ghost“ auch ganz wie ein Besucher nach dem Ende eines Live-Konzertes: überwältigt, zufrieden und begeistert, wobei die gehörte Musik noch für Stunden in den Gehörgängen nachhallt.

Zusammenfassend kann „Ghost“ als vollkommen gelungenes Experiment beurteilt werden, mit dem Long Distance Calling einmal mehr beweisen, dass sie zu den ganz Großen der deutschen Rock-Szene gehören. Denn was die Münsteraner binnen drei Tagen an musikalischen Geistern empfangen haben, ist besser als vieles, woran andere Bands jahrelang schreiben.
Bewertung: 13/15 Punkte (FF 13, KR 11, KS 11)


Tracklist:
1. ‚Dullahan‘ (2:15)
2. ‚Old Love‘ (5:28)
3. ‚Black Shuck‘ (3:39)
4. ‚Seance‘ (8:16)
5. ‚Fever‘ (4:53)
6. ‚Negative Is The New Positive‘ (8:51)

Besetzung:
David Jordan (Gitarre, Synthesizer)
Florian Füntmann (Gitarre)
Jan Hoffmann (Bass)
Janosch Rathmer (Schlagzeug, Perkussion, Beats, Synthesizer)

Gastmusiker:
Jojo Brunn (Keyboards – tracks 3, 6)

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Rezension: „How Do We Want To Live?“
Rezension: „Stummfilm (Live From Hamburg)“
Rezension: „Boundless“
Rezension: „Trips“
Konzertbericht: 05.09.20, Bremen, Hellseatic Postponed Open Air 2020, Altes Zollamt
Konzertbericht: 18.01.18, Essen, Turock

Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Avoid The Light Records zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

flohfish

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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