Big J – Above

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Big J– Above(Electric Bush Project, 14.12.20

© chainscreek

(57:56, Digital, CD, Electric Bush Project, 2020)
Als ich „Above‘ zum ersten Mal in den Händen hielt und daraufhin nach dem Namen Big J im Internet googelte, stieß ich prompt auf Jakob Kattner alias Austriaz Most Blunted, einen deutschsprachigen Rapper aus Österreich.
Dass es sich bei diesem nicht um den Künstler handelte, der sich für vorliegendes Album verantworlich zeichnet, wurde mir spätestens klar, als ich in den begleitenden Pressetext schaute, denn hier war von einem gewissen Johannes Neu die Rede.
Neu ist schon seit Mitte der 90er Jahre als Musiker im Großraum Mannheim/Karlsruhe unterwegs und spielete in diversen Bands so unterschiedliche Instrumente wie Keyboards, Gitarren, Perkussion und Schlagzeug. Nachdem sich seine Hauptband aufgrund künstlerischer Divergenzen aufgelöst hatte, veröffentlichte Neu im Jahre 2011, mit Hilfe einiger befreundeter Musiker, „Duality“, sein erstes Solo-Album unter dem Pseudonym Big J. Im Anschluss etwickelte Johannes Neu zusammen mit dem Gitarristen Matthias Steuer das Electric Bush Project, eine Electro Psycho Rock Band, bei welcher Videokunst und Live-Musik miteinander fusionieren. Als gesundheitliche Gründe das EBP in eine Pause zwangen, nutzte Neu die Zeit, um die Mini Rock-Oper ‚Story Of A Man Who Turns Back Time‘ aufzunehmen. Es sollte die grundlage für „Above“ werden, das zweite Solo-Album als Big J, dass nun, knapp zehn Jahre nach seinem Vorgänger im Dezember 2020 das Licht der Welt erblickt hat.

Im Gegensatz zu „Duality“, das noch in Kooperation mit Gastmusikern aufgenommen worden ist, handelt es sich bei „Above“ um ein waschechtes Solo-Album, denn ganz wie Mike Oldfield bei seinem legendären „Tubular Bells“, hat Johannes Neu auf seinem neuen Werk sämtliche Instrumente eigenhändig eingespielt und zudem auch noch den Gesang übernommen. Ganz so bahnbrechend wie „Tubular Bells“ ist „Above“ in seinem Ergebnis zwar nicht geworden, doch ansprechend und beeindruckend ist die Mischung aus Psychedelic, Progressive und Electronic Rock allemal.

Big J, hat mit „Above“ ein Album erschaffen, mit welchem er seinen musikalischen Einflüssen Tribut zollt.
Schon das Intro des gut zehnminütigen Openers ‚Retreat From The World‘ lässt Progger-Herzen höher schlagen, denn sowohl Piano als auch der Gesangsstil Johannes Neus weisen starke Parallelen zu Steven Wilsons Song ‚The Raven That Refused To Sing‘ auf. Was über lange Strecken wie eine freche aber gute Hommage an den britischen Künstler klingt, verändert im letzten Drittel dramatisch seine Stimmung, da nun elektronische Elemente zum tragen kommen, die aus der Zauberkiste von Archive stammen könnten.

Auch bei den folgenden drei Liedern darf man von Johannes kein musikalisches Neu-Land erwarten. Stattdessen bewegt er sich klanglich geschickt in dem Dreieck, dessen musikalische Eckpunkte von Pink Floyd, den schon erwähnten Archive sowie Porcupine Tree abgesteckt worden sind. Der unaufgeregte Gesangstil Neus lässt aufgrund seiner Intonation dagegen eher an die ruhigen Momente von IQs Peter Nicholls denken.

Das anschließende ‚Insecure‘ ist eine wunderschöne Piano-Ballade, die durch ihre Simplizität begeistert und durch eine einfache in die Länge gezogene Gitarrenmelodie zusätzlich geschmückt wird.

Den Abschluss des Albums bildet mit ‚Story Of A Man Who Turns Back Time‘ die schon anfangs erwähnte Mini-Rock Oper welche von dem Buch „Der Mann, der nie Glück hatte“ von Brandon Q. Morris alias Matthias Matting inspiriert wurde. Sie erzählt die Geschichte eines Mannes, der ein Leben durchlebt, in dem alles schiefgeht, was man sich vorstellen kann. Am Schluss muss auch noch seine große Liebe sterben, aber glücklicherweise kann er in der Zeit zurückreisen, um so Veränderungen vorzunehmen. Eingeleitet durch ein bluesiges Gitarrenintro zwischen Rothery und Gilmour entführt Johannes Neu hier seine Zuhörer auf ein fast 25-minütiges musikalisches Abenteuer, welches stimmungsvoll das Leben des Protagonisten nachzeichnet. Obwohl auch dieses Stück stark von Big Js Vorbildern geprägt ist, vermag es Johannes Neu hier, die Zuaten zu einem Schmackhaften Cocktail zu mischen. Dass das Ende des Liedes nach Jeff Buckleys Cover-Version von Cohens ‚Hallelujah‘ klingt, ist dabei nicht störend, sondern so etwas wie das krönende Deko-Schirmchen auf dem Glase.

Bewertung: 10/15 Punkte


Tracklist:
01. ‚Retreat From The World‘ (10:34)
02. ‚Gotten Into‘ (5:02)
03. ‚The Thirst Is Us‘ (6:54)
04. ‚The Whistle Blows‘ (7:55)
05. ‚Insecure‘ (3:28)
06. ‚Story Of A Man Who Turns Back Time‘ (24:01)

Besetzung:
Johannes „Big J“ Neu (Gesang, Keyboards, Gitarren, Bass, Schlagzeug, Perkussion, Programmierung)

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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Electric Bush Project zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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