Raìse – Crepa!

0

Abbildung: Raìse; Artwork: Nicola Stradiotto

(43:06, CD, Digital, Eigenveröffentlichung, 2020)
Raìse ist nicht etwa eine avantgardistische Schreibweise des englischen Wortes für “sich / etwas erheben”. Im venezianischen Dialekt bedeutet Raìse nämlich “Wurzeln” (zum Vergleich: auf hochitalienisch sagt man “radica” im Singular und “radice” im Plural).

Raìse ist auch ein musikalisches Duo aus den Städten Malo und Marano Vicentino in der nordostitalienischen Provinz Vicenza (zwischen Mailand und Venedig). Die beiden Musiker Luca Brunello und Fabio Silvestri haben sich auf ihrem ersten Album “Crepa!” auf eine Reise begeben, die im Sonnenlicht beginnt, auf der Erde landet und sich dann von der Oberfläche aus wie Wurzeln ins dunkle innere unseres Planeten macht. Der doppeldeutige Titel des Albums “Crepa!” steht im Sinne dieser Expedition zunächst für “Riss” oder “Fissur”, also das Portal, welches den Weg ins Erdinnere ermöglicht. Als Imperativ Singular kann “Crepa!” auch “Stirb!” oder “Krepier!” bedeuten. Diese Aufforderung richtet sich an diejenigen, die das Gleichgewicht unseres Heimatplaneten außer Kraft setzen wollen. Und hier soll der linguistische Teil der Rezension enden, welcher auch mit Titeln wie ‘ønd/tⒶ’ ins Philosophische abschweifen würde.

Raìses Debut ist experimentell, minimalistisch und atmosphärisch. Zu hören gibt es auf den sechs Anspielern vor allem Gitarre und Schlagzeug. Sprachsamples, synthetische Sounds und perkussive Elemente werden zur Verstärkung eingesetzt, wenn Silvestri und Brunello ihre düsteren Klangwelten erschaffen. Das Ganze spielt sich im Spektrum von Post Rock, Drone und Post Hardcore ab. Die dabei präsentierten Bilder erscheinen zunächst kalt und schroff. Es liegt aber auch ein unweigerliches Gefühl von Freiheit in der menschenleeren Luft von Raìses Musik. Rau aber in sich friedlich entsteht so ein naturverbundenes Gesamtwerk, welches Parallelen zu Veröffentlichungen von Action & Tension & Space aufweist.

Abbildung: Raìse

“Crepa!” kann als Ehrerbietung an die Natur sowie als Kampfansage an die zerstörerische Energie der Menschheit gesehen werden. Abseits der naturschutzpolitischen Konnotation ist das Debüt von Raìse eine starke Veröffentlichung atmosphärischen Post Rocks. Ambient, Drone und Hardcore fügen sich geschmeidig ins schroffe Post-Rock-Gewand ein. “Crepa!” ist wie ein Winterspaziergang am Meeresufer: schneidend kalt, rau und doch wirklich schön.
Bewertung: 11/15 Punkten

Surfipps zu Raìse:
Facebook
Bandcamp
YouTube

image_pdfArtikel als PDF herunterladenimage_printArtikel drucken
Teilen.

Über den Autor

Raphael Lukas Genovese

Kontemporär in Würzburg ansässig. Irgendwo zwischen Punk, Psychedelic, Kraut, Wahnsinn und Jazz zuhause.

Antworten

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Raìse – Crepa!

von Raphael Lukas Genovese Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
0