Leprous – Pitfalls

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(55:11, CD, InsideOut Music/Sony Music, 2019)
Wenn schon die Plattenfirma mit den Worten “”Pitfalls”, das sechste Studioalbum der Norweger, ist nicht vergleichbar mit dem, was die Band bisher gemacht hat” warnt bzw. Sänger / Keyboarder Einar Solberg die Aussage tätigt “dies ist ehrlicherweise ein Album, das niemand von uns erwartete” (siehe auch das “discussion”-Video bei den untenstehenden Surftipps), dann rechnet man logischerweise mit etwas ganz anderem als das, was man bisher von Leprous kennt.

Dass sich ein Künstler einer kreativen Neuorientierung unterziehen darf, ist nachvollziehbar und fair, doch ist der kreative Bruch hier doch stellenweise sehr gewagt, selbst wenn man gewisse Trademarks und den definierbaren Sound der Norweger immer noch erkennt.

Eingespielt wurde das Album in folgender Besetzung:
Einar Solberg – Gesang / Synthesizer
Tor Oddmund Suhrke – Gitarre
Robin Ognedal – Gitarre
Simen Børven – Bass
Baard Kolstad – Schlagzeug

Der Opener ‘Below’ lässt noch nicht viel von einem Neuanfang erahnen. Das klingt alles noch relativ bandtypisch: verhaltener Beginn, emotionaler Ausbruch und etwas überdrehter Gesang im typischen Art Rock-Gewand. Doch selbst wenn vieles einem irgendwie bekannt vorkommt, schwingt doch etwas Unbekanntes, etwas anderes mit.

Und dieses Unbekannte gewinnt auf den folgenden Tracks immer mehr die Oberhand. Das wirkt alles wesentlich kontrollierter, weniger überdreht, auf gewisse Weise auch sparsamer instrumentiert, nach zurückgehaltenen, intimen Emotionen. Aggressivität oder inhaltliche Brüche sind fast gar keine zu finden, vielmehr durchziehen vor allem bis zur Mitte des Albums die mehrstimmige Vokalarbeit und eine griffige, poppige Atmosphäre die Arrangements, die sich jedoch fernab von radiokompatibler Einheitskost bewegen.

Gerade die Gitarrenarbeit (bei immerhin zwei(!) Gitarristen) und andere instrumentale Ausschmückungen wurden wesentlich in den Hintergrund gedrängt bzw. sind fast komplett verschwunden. Vielmehr schwebt die Musik, wird von treibender, aber niemals zu offensiver, teils elektronisch geprägter Rhythmik getragen.

Das Material fußt in erster Linie auf den persönlichen Erfahrungen von Solberg, der während des Entstehungsprozess des Albums gegen eine Depression ankämpfte. Vielleicht ist deswegen vieles geradliniger, unterschwellig dunkler, weniger von Überschwänglichkeiten geprägt. Doch gibt es zum Schluss noch eine Rückkehr in eher gewohntes Terrain: die zwei das Album abschließenden Tracks ‘Foreigner’ und besonders das über elfminütige, sehr düstere, orchestral und verschachtelt angelegte ‘The Sky Is Red’ drehen den musikalischen Level und den Komplexitätsgrad wieder sehr hoch, sind eine Rückkehr zum musikalischen Mikrokosmos, in dem Leprous ansonsten zu Hause sind.

Einige großartige Momente sind somit zweifellos auch auf diesem Album zu finden, auf der anderen Seite wirkt einiges noch zu unentschlossen bzw. zu uneinheitlich. Wer auf eine zugänglichere, etwas düstere Version von Leprous gewartet hat, wird mit diesem Album also sicherlich glücklich werden. Ob “Pitfalls” einen Neubeginn darstellt oder nur als gewollter Bruch aufgrund persönlicher Erfahrungen zu werten ist, wird wohl erst die Zukunft zeigen. Eine interessante Band bleibt Leprous auf jeden Fall.
Bewertung: 10/15 Punkten (KR 11, KS 10)

Leprous (Foto: Künstler)

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Video Leprous Discuss “Pitfalls”
Video “Pitfalls” Artwork Discussion

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Über den Autor

Kristian Selm

Höre eigentlich alles quer durch den bunten Gemüsegarten des Progressive Rocks, vergesse dabei aber auch nicht den Blick über den Tellerrand hin zu "normaler" Rock- und Popmusik, auch wenn mir vom aktuellen Mainstream leider immer weniger gefällt.

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Leprous – Pitfalls

von Kristian Selm Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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