Yesterdays – Senki Madara

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(45:29, CD, digital, Yesterdays Eigenvertrieb/ Say Yes Foundation, 2018)
Yesterdays ist eine im Jahr 2000 gegründete progressive Rockband, die sich aus Musikern der ungarischen Minderheit im rumänischen Siebenbürgen und Ungarn zusammensetzt. Wer einmal die Gelegenheit hatte, die Bandmitglieder persönlich kennenzulernen, erkennt schnell, welche Bedeutung diese Tatsache für ihr Selbstverständnis und für ihre Musik hat. Ihre Wurzeln sind sowohl die ungarische Volksmusik, die symphonische Klassik, als auch der Progressive Rock der 70er Jahre. Natürlich haben neben den Ungarn Zoltán Kodály und Béla Bartók auch die Großen der Rockgeschichte wie ELP, Genesis, Gentle Giant, Camel und Yes, neben vielen anderen hörbar ihre Spuren hinterlassen. Ein gravierender Unterschied zu ihren angloamerikanischen Vorbildern ist allerdings sofort erkennbar und passt zu ihren Wurzeln. Yesterdays ziehen es vor, ihre Texte in ungarischer Sprache vorzutragen.

Das dürfte aber auch aus Sicht einiger Fans der einzige Kritikpunkt sein, da dieses eine bessere Vermarktung bzw. Zugänglichkeit zu den Inhalten erschwert. Wer ist schon in der Lage, sich mit dieser ungewohnten Sprache intensiv auseinander zu setzen? Abgesehen von dieser kleinen Hürde steht natürlich die Musik im Vordergrund.
Nach dem erfolgreichen “Holdfénykert” (2006) und “Colours Caffé” (2011) folgt nun mit “Senki Madara“ (2018) das dritte Studioalbum von Yesterdays. Das heißt allerdings nicht, dass die Musiker um Mastermind Bogáti-Bokor Ákos in den letzten Jahren nicht zusätzlich aktiv gewesen wären. Eine Vielzahl von Singles und Produktionen wie “Dante´s Inferno”, “Dante´s Purgatorio”, “Dante´s Paradiso” und “The Spaghetti Epic III”, um nur einige zu nennen, gehörten zur musikalischen Entwicklung der letzten Jahre. Wobei sich die Musiker stets treu geblieben sind in ihrer Art Progressives und Klassisches, Folkloristisches und sogar Jazziges zu vereinen. Das trifft selbstverständlich auch auf das aktuelle Werk zu. Wenn man den Titel „Senki Madara“ einmal aus dem Japanischen übersetzt, so bedeutet das kurz -Schau es dir an-, ob das tatsächlich gemeint ist, wissen nur die Künstler, doch passt das sehr gut, obwohl -Hör es dir an- vielleicht noch treffender gewesen wäre.

Der von Yesterdays gewählte Einsatz von Instrumenten der symphonischen Progressive Rock-Musik der Siebziger gibt von Beginn an die Richtung vor. Als Ergebnis entstanden zehn Arrangements traditioneller ungarischer Volksmusik. Mellotron, Moog Synthesizer, Flöte, akustische Gitarre, Cello, Violine und ein harmonisches Schlagzeugspiel, dazu Stephanie Semeniuc mit ihrem wohltuenden Gesang sind die besten Voraussetzungen für bedeutungsvolle, atmosphärisch gefühlvolle Songs.
Dezent, aber sehr ansprechend gestaltet ist auch das Cover Artwork des Digipaks. Dem beigefügten ebenso stimmigen Booklet (leider ohne Übersetzung der ungarischen Songtexte) kann man entnehmen, dass das Album ein musikalisches Experiment sei, dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Alte Musik in neuem Gewand mit Instrumenten aus der symphonischen Rockgeschichte arrangiert, das Experiment ist gelungen. Wunderbare Musik mit Gefühl und Freude am musikalischen Erbe. Moderne meets Historisches. Yesterdays nur weiter so.
(Anmerkung der Redaktion: In Ungarn werden die Vor- und Nachnamen in einer anderen Reihenfolge aufgeführt. Also andersherum.)

Ergänzend Georgs Rezension zu diesem Album:

Yesterdays ist eine Band aus Rumänien, genauer gesagt aus Transsylvanien, deren Mitglieder ungarischer Abstammung sind. Einige von ihnen, zuvorderst Bandgründer Akos Bogati-Bogor, spielten zuvor bei der ungarischen Sympho-Prog-Band You And I, 2006 erschien das Yesterdays-Debut “Holdfenykert”, 2011 dann der Nachfolger “Colours Caffe”. Beide Alben wurden von der Kritik – völlig zu recht – hochgelobt, ins deutsche Proggerbewusstsein haben sie es allerdings nicht nachhaltig geschafft. Woran liegt das?

Möglicherweise an einfach zuviel Bescheidenheit. Still und leise wurde im letzten Oktober das neue Album veröffentlicht, ohne Promo, ohne nervige Postings auf diversen Facebook-Seiten, ohne Belagerung der Reviewer. 500 CDs wurden gepresst, die die Band handsigniert und mit “everlasting love and affection” versehen für wenig Geld an ihre Fans verschickt.

Verglichen mit dem lebhafteren und auch etwas poppigeren Vorgänger kehren Yesterdays mit “Senki Madara” mehr zurück zu dem melancholisch angehauchten, folkig-besinnlichen Retroprog, der schon “Holdfenykert” auszeichnete. Zuvorderst getragen wird dieser von der sehr prägnanten, schwebend-lyrischen Querflöte von Gabor Kecskemeti, unterstützt von Bogati-Bogors mal akustischer , mal elektrischer Gitarre und Zsolt Enyedis klassisch-proggigen Keyboards. Homogen hiermit verwoben gibt Stephanie Semeniucs leicht rauchig-sinnliche Stimme dem Ganzen einen leicht jazzigen Touch, vor allem aber eine enorme emotionale Tiefe.

Unterstützt von einer gut aufgelegten Rhythmusabteilung und einigen Gastmusikern spielen Yesterdays einen höchst melodischen, technisch perfekten und äusserst stimmungsvollen Retroprog, dem auch die Breaks und überraschenden Wendungen nicht fehlen. Natürlich gibt es Anklänge an die Vorbilder wie Beatles, Genesis, Yes, Camel oder auch die Flower Kings zu hören, insgesamt ist man aber weit weg von zu starker Affinität zu den Altvorderen und musiziert selbstbewusst und sehr eigenständig

Dies zeigt sich insbesondere in der Integration traditioneller, teils Jahrhunderte alter ungarischer Volksmusikthemen, ganz in der Tradition von Bela Bartok oder Zoltan Kodaly, die in ihren Werken ähnliches vollzogen. Erstaunlich ist hierbei, wie gut sich diese Motive in den Prog-Kontext integrieren, wie homogen hier Tradition und Moderne miteinander sich verweben lassen.

Yesterdays ist mit “Senki Madara” erneut ein bemerkenswert schönes Album gelungen, welches hoffentlich der Band zu größerem Bekanntheitsgrad verhelfen wird. In der zweiten Jahreshälfte sind Gigs zusammen mit Argos hierzulande geplant, auf ein ausgedehnteres Touren bleibt zu hoffen. Bis dahin kann der Rezensent nur jedem Leser dieser Zeilen empfehlen, die musikalische Welt der ungarischen Rumänen zu erkunden. Denn hierbei handelt es sich um Prog, bei dem es einem warm ums Herz wird.
Bewertung: 12/15 Punkten (WE 11, GH 12, JM 11, HR 12)

Line-up / Musiker:
Stephanie Semeniuc / Lead & Backing Vocals
Bogáti-Bokor Ákos / Acoustic & Electric Guitars, Fretted & Fretless Basses, Mellotron, Hammond, Piano, Moog, Synthesizers, Percussion, Backing Vocals, Production & Mixing
Fehér Róbert Benjamin / Acoustic & Electric Guitars, Backing Vocals
Enyedi Zsolt / Piano, Hammond, Moog, Synthesizers
Kecskeméti Gábor / Flute
Szűcs József / Drums
Kósa Dávid / Percussion, Vocals
weitere Gastmusiker:
Szirtes Edina Mókus / Lead Vocals (5,10)
Tarsoly Csenge / Lead (6) & Backing Vocals
Bogáti-Bokor Orsolya / Violin, Viola
Márton-Sípos Dóra / Cello.

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Über den Autor

Horst-Werner Riedel

Musik spielt seit jeher eine große Rolle für mich. Ursprünglich stand der Sammeltrieb und die Suche nach Neuem im Vordergrund. Erst 2005 eröffnete mir der engere Kontakt zu Gleichgesinnten die Möglichkeit einen intensiveren Blick in die Szene zu erhalten. So blieb es nicht aus, dann auch einmal meine Gedanken und Beobachtungen in Worte zu fassen. Aus dem Blickwinkel des kritischen Betrachters erhalten Konzerte und CD´s oftmals eine tiefergehende Bedeutung und Musik wird neu erlebt.

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Yesterdays – Senki Madara

von Horst-Werner Riedel Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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