Nolan Stolz Rock Orchestra – N.S.R.O.

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(54:45, CD, Tributary Music, 2017)
Besondere Herausforderungen erfordern besondere Maßnahmen. Darum haben sich gleich drei Betreuer – namentlich Debo, Joan und Phil – versammelt, um dieser Sache gerecht zu werden. Aber Moment, warum das alles? Das Nolan Stolz Orchestra wurde 1999 in Las Vegas gegründet. Der Kopf der Truppe ist logischerweise Dr. Nolan Stolz, der Musik an der South Carolina Upstate Universität lehrt. Seine Mutter, Gale Winds, eine zeitgenössische Gospel-Musikerin, ist auch im Team. Des Weiteren besteht das Line-Up aus beachtlich vielen Professionellen mit entsprechender Ausbildung und auch aus Gast-Musikerin des Art Rock Circus. Wir haben es hier also mit Musikern zu tun, die Ahnung von dem haben, was sie machen. Und zwar so viel Ahnung, so viel Kenntnis über die Theorie, dass sie sich ein kleines Experiment mit berühmten Klassikern erlaubt haben. Ja, niemand hat gesagt, dass es einfach werden würde, und vielleicht lässt sich die Ehrfurcht der Rezensenten nachvollziehen. Ob es denn zu dritt einfacher wird, dieses Album zu bewerten? Das werden wir gemeinsam herausfinden. Es folgen nun Auszüge, Gesprächs- und Gedankenfetzen einer exklusiven und erstmals in dieser Form auf BetreutesProggen.de erscheinenden Round-Table-Diskussion, (mehr oder weniger) angepasst an das akademische Level, begleitet von einem Erzähler, der das Chaos zu ordnen versucht.

‘Rite of Spring Suite’, im Original von Stravinsky, wurde für diese Version gekürzt und in ein Prog-Stück umgewandelt, in dem dann auch ein neuer Gitarren-Riff hinzugefügt wurde, um das orchestrale Ausmaß, das Stravinskys  Original annimmt, zu verdeutlichen. Das Gute ist, dass sich diejenigen, die mit der Materie vertraut sind, genauere Einzelheiten im Booklet durchlesen können. Für den Moment sollte es allerdings genügen, diese kurz zu skizzieren. Was bei diesem Titel für Unruhe am Tisch gesorgt hat, ist die Gliederung des Stücks in mehrere Kapitel:

“Bin positiv überrascht!”
“Mir ist’s zu viel.”
“Den Rhythmus erkenne ich nicht.”
“Hat coole Momente.. und gruselige?!”
“Schlagzeug-Solo!!”
“Man kann nichts gegen Stravinsky sagen.”
“Verstehe die Absicht bzw. das Konzept nicht…”
“Ja, wartet mal, das ist so ein Chaos weil das Lied aus mehreren Teile besteht.”
“Hä? Rechne mal! Laut Booklet (“das heißt Booklet!”) dauert das Lied sechs Minuten und ein paar Sekunden… aber das ist dann definitiv länger als sechs:nochwas.”
“Das ist so ein Chaos, weil das Keyboard klingt als würden sich Kinder damit beschäftigen.”
“Leute! Die Unterteilung sagt nicht die Gesamtspielzeit an, sondern ab wann ein neuer Teil beginnt!”
“Aaaah, betreutes Chaos”
“Ja, gut… mal gucken, was das noch wird.”

Knapp sieben Minuten sind vergangen und das Rezensententrio ist bereits irritiert. Das Mantra, “Lass dich darauf ein”, wird am Tisch wiederholt und irgendwann passiert das tatsächlich auch. An diesem Punkt sind wir noch nicht angelangt, er folgt jedoch bald. Mit ‘Introduction; Variations on a 12-Tone Row by Schoenberg’ geht es weiter. Sanft leitet das Steinway Piano den Hörer in eine schwere Jazz-Impro, die dennoch verhältnismäßig zugänglich ist:

“Interressant!”
“Die haben halt Musik studiert, die dürfen das.”
“Nicht, dass uns das zu hoch ist?!”
“Hätten wir das mal Horst-Werner Riedel machen lassen, der hat sicher die nötige Erfahrung mit sowas.”
“Aber ich kann den Erlkönig auswendig!”
“Deswegen sitzen wir hier.”

‘The Unanswered Question’ von Charles Ives greift zwei Versionen seines Stücks auf. Da das Orchester es aber nicht bei der Kombination dieser beiden Versionen belassen hat, sondern noch Material hinzugefügt hat, klingt es im Verlauf des Songs immer verzerrter und trotzdem angenehm:

“Halloween-Sounds.”
“Pink Floyd in dissonant, wobei die bestimmt eher davon beeinflusst waren.”
“Hat es gerade geklingelt?”
“Das ist die Pausenglocke.”

Höchstwahrscheinlich ist nun der besagte Punkt erreicht, an dem man empfangsbereit ist für das Ungewöhnliche und die Voreingenommenheit nachlässt. ‘Bolero’ ist eine äußerst komplizierte Version des Klassikers, was man an der Länge der Booklet-Erläuterung festmachen könnte. Trotz der Komplexität, freuen sich die Betreuer. Vielleicht befinden sie sich auch schon im Orchester-Rausch:

“Das kennt man ja.”
“Das ist schön, stell dir vor du trabst dazu auf deinem Pferd in den Sonnenuntergang.”
“Was ist das für ein Takt?”
“…6/8.”
“Kann man das kürzen?”
[Pause]
“Ja, 3/4.”
“Dann schreite ich mit meinem Pferd in den Sonnenuntergang.”
“Ah, Nintendo-Musik!”
“Wie schreibt man Nintendo?”
“Denk an Link… Auf dem Pferd, erschöpft vom Zelda-Gerette.”
“Jazzig wird’s!”
“So viele Geräusche.”
Kermit!”
“Ein bisschen lang…?”
“Eher ein Cardigan als ein Bolero.”

‘Diversions for Four (Other than Sex)’ wurde live aufgenommen mit Art Rock Circus eingespielt und behält lediglich die Perkussion und die Trompete des Originals bei. Mittlerweile sollte deutlich sein, dass Stolz ein Meister der Kunst ist und klassische Stücke wunderbar in modernen Jazz und Prog übersetzen kann.  Die Assoziationen und Gedanken des betreuenden Teams sind bei diesem Titel derart abgedriftet, dass erstmal Stille herrschte:

“Huiuiui.”
“Ich mag ja kein blasen…also Trompete und so.”
“Es sagt ja auch other than sex!”
“Ja, stellt euch mal vor, bei diesem Lied Sex zu haben.”

Mit ‘Symphony No. 3, I, Exposition’ wird es mit Metal-lastigen E-Gitarren, Bass und Keyboard düster:

“Doomig.”
“Das klingt mehr nach richtigem Lied.”
“Ein bisschen lame.”
“Ja, aber wahrscheinlich wirkt es nur so, weil wir den Rest des Albums jetzt kennen.”
“Ja, denn schlecht ist es auf keinen Fall!”
“Wäre das am Anfang gewesen, hätten wir es noch spannend gefunden.”
“Wann kommt der Erlkönig?”
“Den kann ich auswendig!”
“Deswegen sitzen wir hier!”

‘Symphony No. 6, I, Exposition’ ist eine Rock-Version Schuberts, die mit einem Mehrspurrekorder aufgenommen wurde, wobei das Hauptthema mit Synthesizern gespielt wurde. Eigentlich warten die Rezensenten nur noch ungeduldig auf den Erlkönig:

“Warum müssen die Keyboards so klingen?”
“Die Benutzen die Uni-eigenen Instrumente.”
“Klingt wie das davor, haben jetzt schon Verrückteres gehört.”
“Hat gerade aber auch seinen schrägen Charme.”

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Ja, der langersehnte Erlkönig folgt nun. Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. ‘The Erlking’, Goethes düstere Geschichte vertont von Schubert, erscheint in dieser Version natürlich im kompletten Wahnsinn. Der Text wird auf Deutsch und Englisch vorgetragen, während die einzelnen Rollen jeweils von einem Tenor und einer Falsett-Stimme gesunden werden. Die Menge tobt und der Creepyness-Effekt wird gefeiert:

“Der Einstieg ist geil!”
“Hoppla … ok, man gewöhnt sich an die Stimme.”
“Hat was Opern-mäßiges.”
“Den Sohn versteht man schlecht.”
“Ich kann den Erlkönig ja auswendig!”
“Deswegen sitzen wir hier!!!”

Nach Vollendung des kompletten Albums, fällt Betreuerin A erschöpft und vollkommen durchnässt zu Boden: “Ich fühle mich als hätte ich gerade eine Klausur geschrieben, mein Kopf ist zu, die Nase zieht in die Schläfen, kennt ihr das?” Genau so sollte es sein, oder? Denn Dr. Stolz und Anhang waren auch gar nicht darauf aus, ein einfaches Album zum Zwischendurch-Hören aufzunehmen, sondern wilde Ideen in die Tat umzusetzen, die einen überkommen, wenn man sich ausgiebig mit Musik auf einem theoretischen Ebene befasst hat. Eben solche Leute werden daran auch ihre Freude haben. Und auch so manch ein Otto-Normalhörer.

Teapot of the Week

“Teapot of the Week” auf Betreutes Proggen in der KW23/2018

Die eigentliche Frage ist allerdings: Bewährt sich das speziell für dieses Album erdachte Konzept eines Round-Tables? Für die Betreuer hat es sich allemal gelohnt und alle drei, auch die erschöpfte Betreuerin A, bedanken sich herzlich beim Nolan Stolz Rock Orchestra – ohne dieses Album, hätte es diesen witzigen Abend nicht gegeben.
Bewertung: JD: 7/15 Punkten, PR: 12/15, DW: 13/15

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von Joan Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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