Mariusz Duda, Lunatic Soul/Riverside, zu „Fractured“

0

»Ich wollte es einfach überleben und dachte, es wäre eine schöne Sache, all diese negative Energie zu etwas Positivem zu verarbeiten.«

(Foto: Andrew Ilms)

Lunatic Soul, das Soloprojekt des Riverside-Frontmanns Mariusz Duda, bringt Album Nummer fünf heraus: „Fractured“ erscheint am 6. Oktober. Duda verarbeitet sein Jahr 2016, das vom Tod des Riverside-Gitarristen Piotr Kozierdadzki und seines Vaters geprägt war. Keine einfache Thematik: Duda öffnet sich mehr denn je und ist gleichzeitig musikalisch eingängiger und zugänglicher als je zuvor. Fans vom Vorgängerwerk „Walking On A Flashlight Beam“ brauchen jedoch nicht fürchten, dass Duda nun einen Pop-Schwenk à la Steven Wilson hinlegt. Der diensthabende Betreuer hat sich sofort ins neue Album verliebt und konnte sich mit dem sympathischen Polen trotz technischer Schwierigkeiten über „Fractured“ unterhalten.

Zur englischsprachigen „Original“-Version des Interviews

All english interviews on BetreutesProggen.de

Ich habe euch vor einiger Zeit in Köln auf Tour gesehen. Die Tour stand ja unter einem besonderen Stern, ich fand es toll.

Danke! Es war eines unserer Ziele, Riverside nach dem schweren Jahr davor im wahrsten Sinne des Wortes zurück ins Leben zu bringen!

Das ist euch dreien bzw. vieren meiner Meinung nach mehr als gelungen. Wie die meisten wissen, war das keine leichte Zeit für die Band und für dich, und wahrscheinlich fragt dich nun jeder nach dem Einfluss dieser Zeit auf das neue Lunatic Soul-Album „Fractured“. War das Ganze eine Art Therapie für dich?

Auf jeden Fall. Ich habe viele Bücher und viele Filme gesehen, die mit einfließen, aber den größten Einfluss hatte natürlich das Jahr 2016. Ich wollte es einfach überleben und dachte, es wäre eine schöne Sache, all diese negative Energie zu etwas Positivem zu verarbeiten. Im Studio war ich dann auch sehr positiv.

Hast du es also genossen, dieses Album zu machen? Oder fiel es dir trotzdem schwer?

Lunatic Soul ist eine Band, in der sich alles umd das Thema Tod dreht. Die ersten beiden Alben drehten sich um Reisen ins Jenseits, „Impressions“ ist ähnlich angelegt, „Walking On A Flashlight Beam“ ist meiner Meinung nach das düsterste Album, das ich je aufgenommen habe. Es dreht sich hauptsächlich um Selbstmord. Und nun stell dir vor: All diese Dinge passierten dann wirklich in meinem Leben! Was sollte ich also tun? Noch weiter gehen und die Fortsetzung von „Walking On A Flashlight Beam“ aufnehmen und es sollte sich um – ja, was, Lustmord? – drehen? Jesus! Also dachte ich: Wie fühle ich mich? Gebrochen. Das sollte der Titel des neuen Albums sein, das Motiv, das sich überall wiederfindet. Dafür wollte ich musikalisch nicht all diese endlosen Ambient-Schichten kreieren. Jetzt klingt es ein wenig nach Achtziger (Lachen). Ich wollte in so eine Richtung gehen und einfach Spaß haben! Es sollte ein Album über jemanden sein, der nicht in die Dunkelheit eintaucht und darin versinkt, sondern sich all der Problemfragmente um sich herum annimmt, sie zu einem Ganzen formt, und weiterlebt. Ich denke also, ich habe im Endeffekt ein ziemlich positives Album gemacht.

Das stimmt, und das spiegelt sich auch in den letzten Textzeilen wider: „I’m moving on.“ Dieses Statement ist ja nach den traurigen Themen ein durchaus positiver Ausblick in die Zukunft.

Ja! Auf den letzten beiden Alben, die ich aufgenommen habe, Riversides „Love, Fear And The Time Machine“ und dem letzten Lunatic Soul-Album, geht es viel um das Licht am Ende des Tunnels, wenn man das so sagen kann. Dieses hier ist auch melancholisch und düster, aber die endgültige Botschaft ist positiv, nicht negativ.

Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht einfach ist, sich öffentlich so zu öffnen und sich so verletzlich zu zeigen. Ich finde das sehr stark, nicht jeder würde so ein persönliches Album kreieren. Aber es scheint für dich die richtige Wahl gewesen zu sein.

Genau. Wie du am Anfang sagtest, es war wie eine Therapie. Ich habe mich so gefühlt. Ich schreibe keine Märchengeschichten, ich schreibe nicht über die politische Situation oder Ähnliches, sondern – seien wir mal ehrlich – ich schreibe eher etwas, was man hören würde, wenn man zu einem Seelenklempner geht. Alles was ich sagen und mitteilen möchte, ist sehr intim. Es soll unter die Haut und ans Herz gehen. Also habe ich keine Probleme damit gehabt, etwas so Intimes zu veröffentlichen. Und vielleicht hilft es sogar anderen in ähnlichen Situatione. Jeder verliert ihm Nahestehende, jeder kämpft mal mit seinen momentanen Situationen. Ich versuche nur ehrlich zu sein.

Mich hast du erreicht, ich hätte bei ‚A Thousand Shards Of Heaven‘ heulen können. Es klappt.

Yaaay! (lacht)

Das Album beginnt mit ‚Blood on the Tightrope‘ und ich habe mich sofort in diesen Anfang verliebt, all die schon erwähnte positive Energie, diese 80er-Elektroniksounds. Das signalisiert ja auch eine Art Wandel. Und ich las bereits, dass dieses Album laut dir selbst dein eingängigstes ist, was ich bestätige.

Ich war es müde, all diese düsteren Dinge zu machen und wollte mich stärker fühlen. Die Musik auf diesem Album sollte mehr Power haben, dynamischer sein und vor allem selbstbewusst. Ich habe dreißig Minuten Musik von dem Album gestrichen, denn ich hatte angefangen wie immer: langes Intro, mehrere Balladen. Und ich dachte: Nein, nicht schon wieder. Dann ‚passierte‘ quasi ‚Blood on the Tightrope‘ und ich wusste, das ist der beste Opener. Es half mir, dem Album eine bestimmte Richtung zu geben. Zwei Balladen musste ich drauf lassen, da ich schon so viel Geld für das Orchester ausgegeben hatte (lachen). Es ist eine gute Balance. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Zum Opener könnte man fast tanzen.

Die letzten Alben waren ja auch sehr orientalisch angehaucht, hatten Einflüsse von Peter Gabriels „Passion“. Dieses Mal habe ich gemerkt, dass ich mich mit den orientalischen Einflüssen wiederhole. Ich sagte also zu meinen Tontechnikern: Ich lasse den orientalischen Kram raus, wir müssen den durch irgend etwas ersetzen. Da das Keyboard mein erstes Instrument ist, sind mehr elektronische Klänge mit eingeflossen.

Und ‚Anymore‘ könnte im Radio laufen.

Ja, wir haben gerade das Video dazu veröffentlicht. Es ist sehr gut und es ist das erste Lunatic Soul-Video.

Hast du einen Lieblingssong auf dem Album?

Mehrere. Das Album funktioniert als Ganzes. Die meisten Songs sind ganz nett. Ich mag ‚Anymore‘, ‚A Thousand Shards Of Heaven‘ und ‚Battlefield‘.

‚A Thousand Shards Of Heaven‘ ist auch mein Favorit und ich liebe das Saxofon darin. Das ist das erste Mal, dass ein Saxofon auf einem Lunatic Soul-Album zu hören ist, richtig?

Genau. Marcin Odyniec spielt auf dem Album, er hat das schon gelegentlich bei Riverside gemacht.

Und du hast, wie bereits erwähnt, ein Orchester (das polnische Sinfonietta Consonus Orchestra, Anm. d. Red.) dabei.

Ich stehe in gutem Kontakt mit dem Dirigenten Michal Mierzejewski. Er schlug mir mal vor, mit mir und Riverside etwas zusammen zu machen. Und ich meinte: Warum auf ein neues Riverside-Album warten? Also arbeiteten wir auf „Fractured“ zusammen. Das geschah zu einer Zeit, als ich noch ein wenig nach dem Stil suchte. Dann wurde das Album elektronischer, wie schon erwähnt, und das Orchester war teuer genug gewesen, sodass wir die zwei Balladen darauf ließen, die dann für das gute Gleichgewicht sorgten.

Du hast ja sicher im Moment mehrere Interviewtermine und ich habe dich sicher mit einigen Fragen genervt, die alle stellen. Was wirst du denn am meisten gefragt?

Alles gut. Am meisten werde ich gefragt, wann Lunatic Soul endlich mal live auftritt.

Es steht auf meinem Zettel, aber ich dachte, ich warte mit der Frage erstmal ab.

Ich sage immer: „Nach dem nächsten Album.“ Nach diesem jetzt wollte ich aber wirklich mal ein paar Shows mit Lunatic Soul spielen. Jetzt muss ich aber erst nochmal mit Riverside weiter auf Tour gehen und dann werden wir als Trio an einem neuen Album arbeiten. Aber wir werden ja sehen, was nach der Veröffentlichung von „Fractured“ noch so geschieht und wie das Feedback ist. Wenn genug Leute es fordern, warum nicht?

Es wäre an der Zeit!

Es wäre an der Zeit, vor allem weil wir nächstes Jahr zehnjähriges Jubiläum haben. Das wäre doch ein Anlass.

Das hatte ich auch im Kopf. Wann beginnt die Riverside-Tour?

Am 20.09. Dann spielen wir bis zum Lunatic Soul-Albumrelease, dann folgt für mich dazu eine kleine Promotiontour. Also Mitte Oktober werde ich endlich wieder freie Zeit finden. Ich muss bei einigen Serien und Spielen aufholen. Fallout 4 wartet immer noch auf mich! Und dann gegen Ende des Jahres, Anfang des neuen Jahres, geht es daran, das neue Riverside-Album zu schreiben.

Habt ihr schon angefangen?

Ich habe bisher ein Lied. Noch im Kopf, aber es wird ein guter Anfang für unser neues Kapitel. Und gut für die Festivals!

Ich habe euch das erste Mal vor einigen Jahren auf dem Herzberg-Festival erlebt.

Jaaa! Da haben wir dreimal gespielt, und das letzte Mal war die schlimmste Show, die wir je gespielt haben. Wir hatten alle Sonnenbrillen auf (es war am Nachmittag, Anm. d. Red.) und wir machten schreckliche Fehler. Ich weiß nicht, was da los war. Aber es ist ein Hippie-Fest, also war es allen egal. Alle waren glücklich. Ich mag die Stimmung dort.

Freust du dich denn auf die Arbeit als Trio oder bist du skeptisch?

Ich freue mich sehr darauf. Ich glaube, da ist viel Potenzial drin. Wir werden wohl mehr kürzere und härtere Sachen schreiben und aufnehmen, im Stil von ‚Panic Room‘. Diese Art von Tracks fehlen mir ein wenig in unserem Katalog, das würde ich dieses Mal gerne nachholen. Das letzte Album „Love, Fear And The Time Machine“ hat diese ganze Der-kleine-Prinz-Thematik, die sich durchzieht: Melancholisch, soft, und ich hätte gerne intensivere Klänge.

Kannst du uns schon grob einen Veröffentlichungstermin nennen?

Wahrscheinlich im August nächsten Jahres.

Mariusz Duda (Foto: Oskar Szramka)

Surftipps zu Lunatic Soul:
Homepage
Facebook
Twitter (Mariusz)
Instagram
YouTube

 

 

 

 

Print Friendly, PDF & Email
Teilen.

Über den Autor

Philipp Roettgers

“Journalism is a low trade and a habit worse than heroin, a strange seedy world of misfits and drunkards and failures.” – Hunter S. Thompson.

“Art is long and life is short, and success is very far off.” – J. Conrad

Antworten

Mariusz Duda, Lunatic Soul/Riverside, zu „Fractured…

von Philipp Roettgers Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
0