Igorrr – Savage Sinusoid

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(39:26, CD, Metal Blade/Sony Music, 2017)
Nachdem der Demo-Release „Poisson Soluble“ (2006) sowie die selbst produzierte Scheibe „Moisissure“ mehrfach veröffentlicht wurden (zuletzt 2011 als mächtig aufgebohrte Doppel-CD) und 2010 das Album „Nostril“ als CD über Ad Noiseam, allerdings als Doppelvinyl via Aentitainment Records unter dem Namen „BaroqueCore EP“ erschien, stellte sich so etwas wie ein reguläres Releasegebaren ein und mit dem stilistischen Swingerclub „Hallelujah“ (Ad Noiseam) fand Igorrr-Kopf Gautier Serre dann auch zu deutlich runderen, homogeneren Produktionen.

Das 2012er-Album ist auch fünf Jahre nach seiner Veröffentlichung noch eine Wundertüte der Musikstile, in der man immer wieder neue Gimmicks findet, weil man sie durch den Overkill an akustischen Eindrücken schlichtweg nicht wahrgenommen hat. Black Metal, Death Metal, Oper, Barockmusik, Breakcore, Dubstep, Klassik, Folklore, Flamenco, Progressive, Industrial – alles und noch viel mehr geht, alle Ideen müssen raus. Doch endlich klang alles wie aus einem Guss und stellte den Höhepunkt des Igorrr‘schen Schaffens dar. Absolut nicht zu verachten war dann auch die Mairgre EP, eine Kollaboration mit dem französischen Elektro/Breakcore-Künstler Ruby My Dear, die stilistisch perfekt beide Welten der kreativen Köpfe miteinander kollidieren ließ.

Vor wenigen Monaten ließ Serre, auf dessen Mist auch schon das abgedrehte Death-Metal-Projekt Whourkr gewachsen ist, dann die Bombe platzen, dass das neue Full-Length-Album nicht mehr wie die letzten Releases via Ad Noiseam, sondern über das Majorlabel Metal Blade auf den Markt gehievt werden würde. Da stellt sich natürlich schnell die Frage, ob die künstlerische Freiheit des durchgeknallten französischen musikalischen Freigeists erhalten bleibt. Und es stellt sich ebenso die Frage, ob man dem Wahnsinn noch eins draufsetzen kann.

Einmal mehr verschanzte sich der Meister mit den beiden Sänger*innen Laure De Prunenec und Laurent Lunoir im Studio und holte mit Cattle Decaptitations Travis Ryan noch etwas extremmetallische Prominenz mit ins Boot, die mit herrlich übertriebenem Klospülungsgegrunze zusätzliche Akzente setzt. Beim Songwriting öffnete Serre sich laut Eigenaussage so sehr wie nie und ließ viel Input seiner Mitmusiker*innen einfließen. Doch was sagt das über „Savage Sinusoid“ aus? Wohin geht die Reise? Sicherlich sind Track-by-Track-Rezensionen nicht unbedingt die angenehmste Methode, wenn es um eine Albenbeschreibung in lesbarer Form geht, doch wie soll man ein Werk adäquat beschreiben, bei dem man nie weiß, was Serre und Konsorten da gleich aus dem Hut zaubern werden? Steigen wir also ein in den Rollercoaster – allerdings mit blickdichter Brille.

‚Viande‘ eröffnet mit hysterischem Geschrei und tiefen Stakkato-Groll-Riffs, schleppend und stampfend, wabernd, wummernd, mechanisch, maschinell, und obendrauf werden Stimmübungen praktiziert, die auch von Mike Patton auf „Adult Themes For Voice“ hätten stammen können. Doch spätestens bei ‚ieuD‚ hört man vertraute Töne – melancholische, Bach‘sche Cembaloklänge und Laurent Lunoirs schizophrene Gratwanderung zwischen manischem Geschrei und mal heroischem, mal majestätischem und dann wieder klagendem Bariton. Und dann zündet das Feuerwerk. Elektronische Funken sprühen, Laures Sopran kündigt sich an, doch erst rast ein schwarzmetallischer Hochgeschwindigkeitszug durch die Schönheit hindurch und reißt in seinem strudelnden Sog alles mit sich. Es folgen stilistische Schlagabtäusche, wie man sie von Igorrr kennt und liebt – mit allerlei liebevoll eingestreuten Effekten und Spielereien. Also fast ein klassischer Igorrr-Song.

Doch es folgt mit ‚Houmous‚ die erste faustdicke Überraschung, denn zu den eben genannten Elementen kommt hier noch eine wilde Odyssee, die phrygische Tonleiter hinauf und hinab, hinzu – irgendwo zwischen Orient und Balkan zu verorten, die Tanzbeinmuskeln stimulierend, und zu diesen mit Klarinette und Akkordeon vorgetragenen 1/32-Notengewirren gesellt sich noch Musette. Blastbeats passen da auch noch irgendwie mit rein. Pervertiert wird das Ganze am Ende durch eine satte 8-Bit-Breitseite.

Opus Brain‚ führt den Wahnsinn nur oberflächlich gemäßigter weiter, denn hier dominiert nach einem sakral anmutenden, durch Effekte filetierten Intro ein Hauptthema, doch das wird gänzlich unmonoton in epischer Film-Epos-Manier, dann wieder mit der Sitar, etwas Folklore, pathetischen offenen Metal-Riffs weitergeführt. Und dann bricht der Song aus seinem Korsett aus und schlägt wild um sich.

Hiernach ist mit ‚Problème d’émotion‚ absolutes Kontrastprogramm angesagt. Dunkle Klavierklänge im 3/4-Takt, als lieferten sich Chopin und Beethoven ein Duell, eröffnen die düstere Pracht, bis der Spot auf Madame De Prunenec gerichtet wird, die hier erneut demonstriert, dass sie jeder großen Opernsängerin das Wasser reichen kann. Edel-Trip-Hop verfeinert diesen Gänsehautmoment im letzten Drittel perfekt. Klassisch-barocke Akustikgitarren führen einen im krude betitelten ‚Spaghetti Forever‘ ein klein wenig aufs Eis, denn dann donnert erst mal ein fetter Big Beat durch die Boxen, nur um von einem Blastbeat, über den epische mehrstimmige Opernvocals gelegt wurden, weggefegt zu werden. Eine halbe Sekunde High Noon, Westerngitarrenschnäng, wieder Gekloppe, Geschrei und Epik­bombast­kir­chen­or­gel­break­beat­down­tem­po­riff­herr­der­rin­ge­sai­ten­strei­cheln. Und wie man Musette, Deathcore, Dubstep, Extremmetal, Slapbass, Sauflieder, Chanson, jazzige Töne, Klezmer und Frognoises unter einen Hut bekommt, wird in ‚Cheval‚ demonstriert.

‚Apopathodiaohultophobie‘ (dt.: Angst vor Verstopfung) ist dann eine kleine Lockerungsübung, man hat sich wohl mal ein Microklist gegönnt und legt mal eben ein zweiminütiges, halbwegs gradliniges Stück hin, das von für Igorrrsche Verhältnisse fast schon trivialen Stilmitteln lebt. Ein wenig mitgrooven, mit dem Kopf wippen, selbigen in den Schleudergang versetzen, fertig. Läuft besser als nach einem Neda-Früchtewürfel.

Ähnlich, aber mit doppelter Geschwindigkeit, rauscht ‚Va te foutre‘ dann durch die Gehörgänge, die Arpeggien krabbeln flink das dicht gesponnene Netz auf und ab. Ruby My Dear hat spätestens bei der „Maigre„-Kollaboration Spuren hinterlassen, denn der Song ‚Robert‘ ist eine verspielte Collage aus rhythmisch-hektischen Spielereien, die so auch von einem Amon Tobin auf Anabolika hätten stammen können – hier und da hängen noch Fetzen vom Balkan, Skrillex‚ Haarwürsten und Stimmeinsätzen der Damen und Herrn Lunoir, Ryan und de Prunenec im Klanggerüst. Die Dame des vokalen Dreiergespanns bekommt im programmatisch betitelten Rausschmeißer „Au Revoir“ dann noch mal eine große Bühne geboten. Sie streichelt dem Hörer, begleitet von langsamen barocken Klavierklängen und Streichern, den gegen den Strich gebürsteten Haarflaum wieder glatt. Und natürlich muss Monsieur Serre, dieser Filou, selbst hier wieder mal ein wenig Krach machen, packt dann aber schnell wieder den Lärm weg und lässt das Album ruhig ausklingen.

Liest sich alles in allem wie ein typisches Igorrr-Abenteuer und klingt auch so – man wird als Hörer mehrmals quer durch den Genregemüsegarten geschubst, und kaum hat man ein Gewächs zur Hälfte bewundert, wird man wieder von ihm weggezerrt. Die stilistische Vielfalt, die Grenzenlosigkeit – all das ist nach wie vor gegeben, und niemals entsteht das Gefühl, man habe Serre in irgend etwas hineingeredet. Viele der Stücke sind oftmals zu sehr Collage für einen Song, aber zu sehr Song für eine Collage – auch hier bleibt alles beim Alten. Mal verlangt das Erschaffene Struktur und folgt einem Muster, dann aber wieder wird ein Knallfrosch gezündet, der unberechenbar hin und her hüpft. Es bedarf auch bei dieser Veröffentlichung wieder zahlreicher Hördurchgänge, um das Chaos für sich zu sortieren und zu verarbeiten – viele der Kompositionen, die allesamt übrigens erstmals gänzlich samplefrei sind, erschließen sich erst mit der Zeit. Die kleinen Brücken, Verbindungsstücke, die Details, die Andeutungen, all das muss erst einmal im inneren Auge Konturen annehmen, deren Inneres sich dann langsam mit Farben füllt. Aber: Es bleiben Löcher, denn einiges wirkt nahezu unfertig, so als hätte man sich im Studio und beim Songwriting zu sehr verzettelt und musste, das Damoklesschwert der Deadline über den Häuptern, fertig werden. Oder sind letztendlich nicht doch noch weitere Durchläufe notwendig?

Abgesehen davon lässt sich feststellen, dass Igorrr mit „Savage Sinusoid“ auf höchstem Niveau ihre Kunst zelebrieren. Dennoch lässt das Album ein klein wenig von der Intensität vermissen, wie man sie auf der ersten Hälfte des „Hallelujah“-Albums verspüren durfte. Und auch wenn das Potpourri der Stile hinsichtlich der Zutaten bei vorligendem Longplayer nicht minder reichhaltig ist als das des Vollzeitvorgängers, mag der Pegel des Wahnsinns, den Stücke wie „Absolute Psalm“ oder „Damaged Wig“ oder insbesondere „Tout Petit Moineau“ umtrieben, hier nicht so extrem ausschlagen wie anno 2012.

Trotz dieser rein subjektiv empfundenen Makel tut es gut, Bands wie Igorrr existieren zu wissen, denn es ist erfrischend zu hören, wie frei Kunst sein kann. Wie aufregend es sein kann, sich auszuprobieren. Wie aufregend es sein kann, seinen Horizont zu erweitern. Die Kunst als freigeistiges Spiel zu begreifen und dieses in die Tat umzusetzen – ohne sich den Gesetzen der Medienindustrie zu beugen und auf Absatz schielend musikalisch erfolgreichen Formeln zu folgen. Ohne zwanghaftes „so freaky und verrückt wie möglich sein“, sondern einfach einem inneren Gefühl zu folgen, welches die Essenz dieses ganz natürlichen, leidenschaftlichen Chaos‘ ist.
Bewertung: 12/15 Punkten (GH 13, CP 12, KR 12)

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Über den Autor

Chris Popp

Geschlüpft 1974 im Rhein-Neckar-Kreis, seit 2001 glücklich mit Frau in Nordhessen lebend. Musikalischer und literarischer Fast-alles-Fresser. Mag den musikalischen Hirnfick aber am liebsten hart. Ansonsten Schreiberling für Musikreviews.de und Betreiber von booknerds.de - literatur und mehr....

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Igorrr – Savage Sinusoid

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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