Alan Reed – Honey On The Razors Edge

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(42:09, CD, White Knight Records/Just For Kicks, 2017)
Alan Reed, Ex-Sänger wider Willen der Neoprog-Institution Pallas, legt dieser Tage sein zweites Soloalbum vor. Nach dem Folk-geprägten Debüt „First In A Field Of One“ findet Reed seine Heimat wieder im Neoprog. Das passt, schließlich hat er neben Geoff Mann, Fish und Peter Nicholls eine der einprägsamsten Stimmen dieses Genres. Und seien wir ehrlich: Aufgrund der Umstände kommt man um den Vergleich mit dem jüngeren Output seiner Ex-Kollegen nicht umhin. Sowohl „XXV“ als auch „Wearewhoweare“ stießen in Fan-Kreisen auf ein eher gemischtes Echo. Das lag nicht alleine daran, dass Paul Mackie als Sänger nicht vollends überzeugte. Sowohl produktionstechnisch als auch kompositorisch wurden Pallas den Erwartungen nicht gerecht.

Mit „Honey On The Razors Edge“ zeigt Alan Reed nun, was hätte sein können. Gleich im Opener ‚My Sunlit Room‘ katapultiert er seine Hörer zurück in „The Wedge“- und „Nightmoves“-Zeiten. Dabei wird er u.a. von Mike Stobbie, einem weiteren früheren Pallas-Mitglied, und Scott Higham (u.a. Pendragon) unterstützt; ein Bluesharp-Spieler aus der Nachbarschaft namens Steve Hackett darf auch mal ran. Die anschließenden Stücke „Razor“ und „Cross My Palm“ zeigen ebenfalls Kante und schlagen in eine ähnliche Kerbe.

Schon ist klar, dass Alan Reed seinen Ex-Kollegen mächtig in den Allerwertesten tritt. Zwar lässt ‚Leaving‘ nochmals die Folk-Ausrichtung des Debüts anklingen, aber das anschließende ‚The Other Side Of Morning‘ ist Neo-Wohlfühlprog at its best. Das ca. neunminütige Epos ist der Höhepunkt des Albums und zeigt Reed stimmlich in Höchstform. Das Stück erreicht eine Qualität, die man von Pallas mindestens seit dem Album „Beat The Drum“ nicht mehr gehört hat. In The ‚Covenanter‘ erlaubt sich Reed ein klitzekleines „Sentinel“-Zitat, und ‚Used To Be Someone‘ erinnert stark an ‚Just A Memory‘ von „The Wedge“. Mit ‚Northern Light‘ klingt das Werk etwas überzuckert aus – dank Mike Stobbie kriegt das Stück zum Schluss noch die progressive Kurve.

Leider ist der Spaß nach gut einer einer Dreiviertelstunde schon vorbei, jedoch lässt „Honey On The Razors Edge“ zu keiner Minute Zweifel, dass man mit Alan Reed im Neoprog noch rechnen kann. Für Fans von Pallas ist diese Scheibe ohnehin ein absolutes Muss. Mit diesem Album in der Tasche, seinen hochkarätigen Mitstreitern und eventuell ein paar Pallas-Klassikern im Gepäck würden wir diesen Mann sicher gerne wieder auf der Bühne sehen. Wer weiß, vielleicht ist das gar nicht so abwegig.

Bleibt noch zu erwähnen, dass noch ein weiterer Ex-Sänger einer Neoprog-Institution dieser Tage mit einem Soloalbum aufwartet: Paul Menel, zeitweise Frontmann bei von IQ in deren Major-Label-Phase Mitte der Achtziger, taucht mit „Spare Parts For Broken Hearts“ aus der Versenkung auf. Dieses Album stellen wird in Kürze hier vor. Alan Reed jedenfalls hat bei diesem kleinen Ex-Sänger-Battle schon mal mächtig vorgelegt.
Bewertung: 12/15 Punkten (DH 12, KR 11)

Alan Reed (vorne, Foto: Künstler)

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Über den Autor

Dieter Hoffmann

Dass der Prog-Virus hoch infektiös ist, musste ich bereits in meiner frühen Kindheit erfahren. Während meine Schulfreunde noch sorglos Ilja Richters Disco mit The Sweet und den Bay City Rollers schauen konnten, hatte mich mein älterer Bruder bereits in den frühen Siebzigern mit ELP und Yes verkorkst. Mein erster Radiorekorder und die LP-Hitparade von SWF3 gaben mir mit Genesis und Eloy dann den Rest.

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Alan Reed – Honey On The Razors Edge

von Dieter Hoffmann Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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