Lupo und Eroc zur Konzertfilm-Premiere „Solar Movie“ (Grobschnitt-Boxset)

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Schnitten at the Movies

Gerd Kühn-Scholz („Lupo“) und Joachim Heinz Ehrig („Erke“ bzw. „Eroc“) geben Euch gewohnt filmreif Auskünfte zur nach produktionsbedingten Verzögerungen am 2.12. endlich erschienenen „Solar Movie“-Box, zu den Vorgängen am 8.12.78 vor, auf und hinter der Rockpalast-Bühne (Codename „Bohnerbesen“), aber auch zu ihren nächsten Vorhaben – hier lauten die Stichworte: die Schnitten auf Vinyl, Grugahalle 1981 als DVD, Juckreiz und die (Un-) wahrscheinlichkeit von Live-Auftritten …

Grobschnitt-Originalbesetzung von 1978 v.l.n.r.: Willi Wildschwein: Sänger, Gitarrist; Hunter: Bass; Lupo: Leadgitarre; Mist: Keyboards; Eroc: Schlagzeug; Toni Moff Mollo: Lichtorgel, Showeffekte.

Grobschnitt-Originalbesetzung von 1978 v.l.n.r.: Willi Wildschwein: Sänger, Gitarrist; Hunter: Bass; Lupo: Leadgitarre; Mist: Keyboards; Eroc: Schlagzeug; Toni Moff Mollo: Lichtorgel, Showeffekte.

Nach all diesen Jahren und sozusagen „post mortem“ eine Veröffentlichung mit „Grobschnitt zum Sehen“. Warum erst jetzt?

Lupo: Seit Jahren werden wir von den Grobschnitt-Freunden immer wieder daran erinnert, doch endlich mal den Rockpalast-Klassiker von Grobschnitt auf DVD zu veröffentlichen. Ich habe den Auftritt ja immer noch auf einer alten VHS-Kassette archiviert, aber meistens nach einigen Minuten sofort wieder auf die Stopptaste gedrückt, weil ich mir nicht vorstellen konnte, die WDR-Originalaufnahme so zu optimieren, dass sie unserem eigenen Qualitätsanspruch genügen würde. Mit den technischen Möglichkeiten von heute war das ganze Projekt zwar immer noch unglaublich arbeitsintensiv, aber das Ergebnis spricht für sich. Glasklarer Sound und eine exzellente Bildqualität. Mein persönliches Rockpalast-Highlight ist der Abspann mit der Szene in der das Solar Music-Feuer langsam erlischt und die Sonne aufgeht, dazu die sphärische Musik und die Bilder von uns Musikern sowie der Grobschnitt-Crew, das ist schon sehr emotional, weil auch einige der damaligen Kollegen nicht mehr unter uns sind.

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Für Fans, die Euch live erlebt haben, ist das Teil eine wunderbare, fast rührend nostalgische Erinnerung an diese einzigartigen Konzerte. Für alle, die das verpasst haben, ist es the next best thing. Ganz persönlich war ich im Nachhinein beeindruckt davon, auf wie absolut internationalem Standard sich Grobschnitt als Live-Band abgespielt haben. Und oben drauf auf das Ganze dann noch der individuelle Charme, den wohl nur die wenigsten internationalen Top Acts der Zeit in dieser Form hatten.

Lupo: Besser kann man es gar nicht in Worte fassen. Die Begeisterung für das Rockpalast-Konzert ist bei den Grobschnitt-Freunden und anderen Musikliebhabern immer noch ungebrochen. Trotz der schlechten Bild- und Tonqualität wurde der alte VHS-Clip unzählige Male im Netz angeklickt. Den Leuten war es egal, Hauptsache Grobschnitt gucken und glücklich sein. Die DVD ist für Nostalgiker und Neuentdecker ein zeitloses Stück unserer Bandgeschichte. Und der erwähnte Charme war immer die tragende Säule unseres Erfolgs und zieht sich bereits seit den Anfängen als Schülerband –, damals noch unter dem Namen „The Crew“ –, wie ein roter Faden durch unsere Chronologie. Bereits 1969 hatten uns Hunderte von Hagener Fans in gecharterten Reisebussen zu einem Beatfestival nach Recklinghausen begleitet und frenetisch unterstützt. Nicht anders war es auch bei unserem Rockpalast-Auftritt. Die Grobschnitt-Fangemeinde stand wie eine Wand hinter uns. Live auf der Bühne zu stehen war immer schon unsere Welt, egal ob in der Schützenhalle oder in den großen Arenen. Wenn es am Wochenende hieß, das Schiff läuft aus, um neue Häfen sprich Städte und Konzertsäle anzusteuern, war die Grobschnitt-Crew Feuer und Flamme. Die Order lautete: „Spaß haben und neue Fans erobern“. Live-Konzerte waren für uns Abenteuer, Vergnügen und natürlich auch harte Arbeit in einem.

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Eroc: Wir waren damals einfach völlig gefangen in unserem Ding. Das war unser Leben, unsere Arbeit, unsere Ehre und unser größter Spaß. Wir haben uns jedes Mal mit allem, was wir hatten und konnten, in die Auftritte rein gestürzt. Und wenn mal nur ein paar Dutzend Zuschauer zum Konzert kamen, was in den Anfangsjahren durchaus passieren konnte, wenn wir allein und fern der Heimat in den deutschen Provinzen erstmalig auftraten, dann hieß es immer: „Jetzt erst recht! Die erobern wir. Die kennen uns zwar noch nicht, aber anschließend werden die uns nie wieder vergessen, dafür sorgen wir.“ Ich selbst kann für mich sagen, dass ich nicht einen einzigen Auftritt in all den Jahren „mit links absolviert“ habe. Jeder war anders, jeder war eigen, und jeder war ein echtes Abenteuer, eine Herausforderung an mich selbst und an die Leute. Auf der Bühne stehen und die Musik zu machen, die man liebt, ist die großartigste Sache der Welt. Und wenn man dementsprechend fühlt und agiert, springt der Funke aufs Publikum über. Dann hat die Sache Format. Und bei uns war das immer international, nicht nur im Sauerland.

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»Wir haben nie geplant, nur eine Rockpalast-DVD zu veröffentlichen«

Etliche der Rockpalast-Produktionen werden ja von Made in Germany (MiG) Music verwertet. Und zwar jeweils fein mit offiziellem Logo an prominenter Stelle, das man im schönen „Solar Movie“-Booklet erstmals auf S. 46 findet – in winzig. Wie sieht das überhaupt lizenzrechtlich aus – ist Geld geflossen, um diese Veröffentlichung zu ermöglichen? Falls ja – in welche Richtung und wie viel?

Lupo: „Verwertet“ passt wie die Faust aufs Auge, trifft aber nicht auf unsere „Solar Movie“-Box zu. Wir haben auch nie geplant, nur eine Rockpalast-DVD zu veröffentlichen, sondern wollten das für uns so erfolgreiche Jahr 1978 mit den Erlebnissen auf der Tour und den insgesamt 95 Konzerten in den Mittelpunkt stellen. Die einzig Pseudo-Prominenten in dieser Box sind deshalb auch wir selbst. Was den Rockpalast-Auftritt betrifft, haben wir die Leute in der Halle und zuhause an den Bildschirmen begeistert und sind dann zu guter Letzt von den Fernsehzuschauern auch noch zur Rockpalast Live-Gruppe des Jahres gewählt worden. Die Rockpalast-Macher haben uns die Plattform dafür geschaffen und der WDR ist der Rechteinhaber, das war damals auch Bestandteil des Vertrages. Entsprechend partizipiert der WDR auch an den Verkäufen. Ich hatte bereits 2012 Kontakt zum WDR aufgenommen um die Voraussetzungen für eine Veröffentlichung zu klären. Geld ist natürlich auch geflossen, aber nicht in irgendwelche Lizenzkassen, sondern ausschließlich in die teure Produktion. Die Rockpalast-Videorestaurierung war äußerst aufwendig und zeitintensiv, was gleichermaßen für das komplette Remastering, die Remixe und das Artwork gilt, aber der Aufwand hat sich gelohnt. Wir haben über ein Jahr an der Produktion gearbeitet und hätten das Gesamtpaket in dieser Qualität und Umfang ohne die Unterstützung unserer Plattenfirma Universal auch nicht realisieren können.

Lupos leicht entnervt wirkende Ansage von dem „weniger Schönen“ ist ein wenig rätselhaft – wer sind die hier nicht namentlich genannten „Kollegen“? Schließlich hattet doch íhr bereits den Soundcheck überzogen, wenn ich das richtig verstehe. Insofern fühlten doch eher die Organisatoren sich vermutlich etwas genervt?

Lupo: Das waren die Kollegen von der Technik und der Aufnahmeleitung, die ihren Job genau nach Zeitplan erfüllten, während wir ohne auf die Uhr zu gucken unseren Soundcheck und die Lichtprogrammierung gemacht haben. Wir spielten als einzige Band über unser eigenes Saalmischpult inklusive der gesamten Effektperipherie und hatten zudem einen zweiten Grobschnitt-Tontechniker in den WDR-Ü-Wagen beordert, der dort den optimalen Fernsehton mischte. In dem Punkt haben wir nichts dem Zufall überlassen und beim Rockpalast erst recht nicht. Im Nachhinein konnten wir froh sein, dass wir so akribisch vorgegangen sind, weil die Technik während unseres Konzertes bis auf die lästigen Brummgeräusche gut funktioniert hat.

Kameras zu Bohnerbesen

Wie professionell fandet ihr damals Erocs Ansage von der Tonanlage, „die uns sicher nicht zum Vorteil gerät“ vor Publikum und laufenden Kameras der Gastgeber? Wie fühlt sich das heute an?

Eroc: Ich war stinkesauer und gestresst, wie wir alle. Da hat man viele Jahre die Technik für den „besten Bühnensound der Welt“ geplant und entwickelt, will wie immer den „besten Auftritt aller Zeiten“ hinlegen und dann muss man über eine dieser verhassten Hörner-Anlagen spielen, denen wir mit unseren Multi-Chassis-Konzept ja gerade etwas Geniales entgegengesetzt hatten. Ein Hauptgrund für unsere Überlegung, den Auftritt sogar abzusagen, war ja die Vorgabe gewesen, über eine solche Schrott-Anlage spielen zu müssen. In dem Moment wusste ich, dass wir für das Publikum im Saal trotz aller Fähigkeiten unseres Geheimrats am Mixer klanglich nicht optimal rüber kommen würden. Das frustrierte schon heftig.

Lupo: Dass Erke dann auch noch die fahrbaren WDR-Kameras als „Bohnerbesen“ tituliert hat, hat die Laune der Rockpalast-Organisatoren auch nicht wirklich verbessert. Aus heutiger Sicht ist das aber nicht mehr als eine wunderbare Anekdote, über die wir nur noch herzlich lachen können, weil wir unserem Ruf als Festival-Outlaws wieder einmal voll gerecht wurden.

»Der Peter Pan von Grobschnitt«

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Das Booklet platzt schier vor attraktiven, inspirierenden Fotos. Darunter auch eines vom aufgrund des Lichtes ungeschminkt wirkenden Volker. Warum bzw. wann hat sich „Mist“ eigentlich geschminkt?

Lupo: Stimmt, das Booklet mit seinen insgesamt 48 Seiten ist wirklich sehr schön geworden. Vor allen Dingen die vielen Originalfotos vom Rockpalast-Konzert dokumentieren, wie viel Spaß wir hatten. Wir haben Wert darauf gelegt, dass jeder Musiker ein ganzseitiges Bildporträt erhält und Mist ist auf seinem Foto natürlich auch wieder geschminkt. Unser damaliger Bassist „Bär“ hat Anfang der 70er damit angefangen, weil er meinte, dass ein wenig Farbe in seinem Gesicht gut zu seinem Schlafanzug-Bühnenoutfit passen würde. Auf dem Cover des 1974 veröffentlichten „Ballermann“-Albums sind bis auf Erke und Willi alle Musiker und Roadies geschminkt. Für Mist hatte die Schminkmaskerade fast schon eine mystische Bedeutung und inmitten seiner Keyboard-Burg wirkte er immer ein wenig wie der Peter Pan von Grobschnitt. In der ersten Reihe zu stehen war nie sein Ding; ich kann mich nicht daran erinnern, dass er jemals einen Song auf der Bühne angesagt hat.

90 Prozent der mir bekannten Konzertfilme sind stark mit Interviews „angereichert“ oder sogar komplett von Kurz-Interview-Schnipseln durchsetzt. Dieser Versuchung wurde widerstanden – warum? Weil es nichts gab – oder nichts repräsentativ Gutes?

Lupo: Eine Versuchung stand nie im Raum, weil es aus 1978 einfach kein authentisches Interview-Videomaterial gibt. Wir wollten auch keine Interviews aus späteren Jahren auf die DVD packen, weil das chronologisch nicht gepasst hätte.

Legendär zumindest bei den „Rockpalast-Nächten“ waren ja die vorsichtig ausgedrückt enthusiasmierten bis zugedröhnten Live-Interviews von Alan Bangs und Albrecht Metzger mit den Auftretenden. War das für nach dem Auftritt am 8.12.78 geplante Fernsehinterview wirklich nur „aus Zeitgründen“ entfallen?

Lupo: So wurde es uns zumindest mitgeteilt. Obwohl wir keine Zugabe mehr geben durften, waren wir eigentlich total happy über den gelungenen Auftritt und freuten uns auf das verabredete Interview. Leider brannte hinter der Bühne aber dann so richtig der Baum und die beteiligten Protagonisten überschütteten sich gegenseitig mit mehr oder weniger netten Komplimenten. Nichts ging mehr, alle gut gemeinten Erklärungsversuche liefen ins Leere und wir mussten den Sekt alleine trinken. Wir sind dann runter in die Halle und haben mit den Fans gefeiert.

Welche zwei Bands haben eigentlich an dem Abend noch nach euch spielen müssen? Haben die Eures Wissens einen Soundcheck gehabt?

Lupo: Alle beteiligten Bands hatten ihren Soundcheck bereits am Nachmittag vor uns absolviert. Direkt hinter uns spielten City aus Ostberlin, die an dem Tag ihren ersten Auftritt im Westen hatten. Interessanterweise hat Toni Krahl, der Sänger der Band, in seinem im letzten Jahr veröffentlichten Buch „Rocklegenden“ einen Teil darüber geschrieben, der so unglaublich ist, dass er hier mit in die Story reingehört. Denn auch City hatten an dem Abend große technische Probleme:

„City wurde im Dezember 1978 eingeladen. Nach Dortmund. In die Westfalenhalle. Ausverkauft! Es war eine Festival-TV-Aufzeichnung mit mehreren Bands. Wir waren bis zu diesem Zeitpunkt die erste und einzige Band, die es von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs in diese renommierte Sendung geschafft hatte, entsprechend groß also die Erwartungshaltungen und Aufregungen auf beiden Seiten. Einerseits waren die DDR-Funktionäre sich nicht sicher, ob sie den Auftritt genehmigen sollten, hatte die Sendung doch auch große Fangemeinden in der DDR, andererseits waren sie aber auf die Devisen scharf, die wir mitbringen sollten. Und die WDR-Menschen wussten auch nicht, was für ein Haufen da aus dem Osten anreisen würde. Egal, wir waren da! Direkt vor unserem Auftritt war die Band Grobschnitt an der Reihe. Die kamen aus dem Ruhrpott und hatten somit ein Heimspiel. Vor der Bühne standen also mehrere hundert Grobschnitt-Fans, die ihre Helden gebührend feierten und wahnsinnig enttäuscht waren, als die Band ohne Zugabe die Bühne verließ. Die kurze Umbauzeit und zwischenzeitliche Moderation von Alan Bangs reichte nicht aus, die Gemüter zu beruhigen. Wir gingen auf die Bühne, als die Fans immer noch vehement die Zugabe mit Grobschnitt-Grobschnitt-Rufen einforderten.

Wir ernteten, bevor wir auch nur einen Ton gespielt hatten, lautstarke Buhs und Pfiffe. Völlig verunsichert durch diese Abfuhr kam bei uns auch nicht die rechte Spielfreude auf. Aber es kam noch schlimmer. Irgendein Kabelsalat sorgte dafür, dass die Violine nicht zu hören war. „Am Fenster“ sollte in dieser Situation unser Rettungsanker werden, war aber nicht zu hören. Eine gefühlte Ewigkeit nur die beiden Gitarrenakkorde von Fritz und über die Bühne huschende Techniker, die das Problem nicht in den Griff bekamen und keine rettende Geige. Irgendwann erklangen dann doch die erlösenden Töne, aber wir waren mit unseren Nerven am Ende.“

zu Tony Krahls Beitrag
Am späten Abend sind dann noch Lucifer`s Friend aus Hamburg aufgetreten.

»Außerdem hätte sich sowieso keiner getraut, uns mitten in ‚Solar Music‘ den Saft abzudrehen«

Ihr habt sehenden Auges 25 Minuten überzogen, hinterher war „dicke Luft“, wie es im Booklet heißt. Ist da jemals mit den Rockpalast-Machern drüber gesprochen worden?

Lupo: Sehenden Auges ist gut, es war uns in dem Augenblick aber wirklich völlig egal. Wir haben bei unseren Konzerten niemals auf die Uhr geschaut. Außerdem hätte sich sowieso keiner getraut, uns mitten in ‚Solar Music‘ den Saft abzudrehen, weil die meisten Zuschauer wegen Grobschnitt gekommen waren. Bei den Rocknächten in der Grugahalle in Essen wäre doch auch keiner der Fernsehleute auf die Idee gekommen, auf die Stoppuhr zu gucken. Ehrlich gesagt hatten wir nie die Gelegenheit, mit den Rockpalast-Machern darüber zu sprechen. Wir haben uns aber bereits vor Monaten mit Peter Rüchel, dem Produzenten der Sendung verabredet und werden ihm die „Solar Movie“- Box persönlich überreichen. Das ganze Hickhack ist doch längst vergessen und wir sind Peter und dem Regisseur Christian Wagner auf ewig dankbar, dass sie uns damals eingeladen haben. Einmal im Rockpalast spielen, davon träumte doch jede Band. Und wenn ich mir heute die restaurierte DVD anschaue, kann ich immer noch nicht so richtig glauben, dass wir das auf der Bühne sind.

Selbst mit absehbarem Überziehen für „Solar Music“ hattet ihr nur sehr begrenzt Zeit. Warum habt Ihr Euch unter allen Anwärtern für das unveröffentlichte „Come On People“ entschieden?

Lupo: Wir haben immer schon neue Titel vor der eigentlichen Veröffentlichung live gespielt. Bestes Beispiel ist der Grobschnitt-Klassiker „Solar Music“, den wir über ein Jahr im Programm hatten, bevor er auf dem „Ballermann“-Album erschien. Wenn ein Titel gut ankam, war die Vorfreude auf die neue LP bei den Leuten umso größer und wir konnten die Gelegenheit nutzen, weiter an den Stücken zu feilen. Die Rockpalast-Version von „Come On People“ ist verglichen mit der Studiofassung übrigens fast doppelt so lang und hat uns während der Tour schon viel Freude bereitet. Speziell der improvisierte „funky“ Mittelteil ist ein echtes Highlight.

Eroc: Für uns war auch wichtig, in der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit den Leuten möglichst viel von unserer gewohnten Abwechslung bieten zu können. Deshalb kamen wir auf die bewährte „Dreifaltigkeit“ zurück: bekannter Einheizer wie ‚Vater Schmidt‘ am Anfang, etwas Neues wie ‚Come On People‘ in der Mitte, und als „Zugabe“ dann das Stück worauf sowieso alle nur gewartet haben: ‚Solar Music‘, insgesamt ein vortreffliches, kleines Menü.

Im Booklet heißt es: „… feiern diesen 85-minütigen Rockpalast-Auftritt als das Fernseh-Nonplusultra der Band“ – gab es also noch mehr TV-Auftritte? Wo? Sind weitere Veröffentlichungen geplant?

Lupo: Wir hatten diverse Auftritte mit Singleveröffentlichungen und waren sogar 1977 in der ARD-Kultursendung Aspekte zu Gast. 1984 holte uns Mike Leckebusch für ein Live-Konzert nach Bremen in seinen „Musikladen“, und 1986 standen wir bei „Rock aus dem Alabama“ in München auf der BR3-Bühne. Die beiden Auftritte dauerten jeweils rund eine Stunde. Die Moderation in der Alabamahalle hat seinerzeit übrigens der heutige Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo gemacht. Was die Veröffentlichung angeht, kann ich mir aber gut vorstellen, in dieser Richtung noch aktiv zu werden, weil diese Aufnahmen ja auch mit zu unserer Bandhistorie gehören.

»Die Grobschnitt-Freunde dürfen also auf eine weitere komplette Konzert-DVD hoffen«

Gibt es sonst noch Footage in Euren legendären Archiven– habt ihr nie selbst Eure auch optisch so ergiebigen Konzerte gefilmt oder filmen lassen?

Lupo: Doch, haben wir, überwiegend allerdings von den Konzerten in den 80er-Jahren. Darunter auch ein komplettes Konzert von 1981 aus der Grugahalle in Essen, das ein Videoteam mit mehreren Kameras für uns aufgezeichnet hat. Die Grobschnitt-Freunde dürfen also auf eine komplette Konzert-DVD hoffen. Mal schauen was dabei alles an Restaurierung möglich ist.

Eroc: Großer Vorteil des Konzertes von ’81 aus der Gruga: Ich habe dieses auch in allerbester Qualität komplett auf Tonband mitgeschnitten, sodass wir hierbei nicht auf den Kameraton angewiesen sind. Klanglich wird das also mit Sicherheit wieder ein Meilenstein. Und wenn das Bild dann auch noch so schön hinzukriegen ist wie beim Rockpalast, kaufe ich mir vielleicht sogar endlich mal einen richtig guten Fernseher.

Der Rockpalast-Auftritt hat einen starken Sound, trotz der im Booklet dargestellten Mono-Problematik. Ist er auch als Audio-Medium wirklich nie offiziell veröffentlicht worden?

Lupo: Nein, nie, außer vielleicht auf irgendwelchen Bootlegs. Erke hat es tatsächlich geschafft, das Klangbild so zu optimieren, dass jetzt sogar über weite Strecken Stereo zu hören ist. Wie er das gemacht hat? Betriebsgeheimnis! Bevor wir aber überhaupt intensiv am Remastering arbeiten konnten, mussten zunächst einmal alle Brumm- und sonstigen Störgeräusche sekundengenau lokalisiert und anschließend gesäubert werden.

Eroc: Der Auftritt hat ja erst jetzt nach dem Remastering diesen „starken Sound“. Vorher war er nicht optimal – wie leider viele Rockpalast-Mitschnitte aus dieser Zeit. Was auch an der veralteten Technik der Öffentlich-Rechtlichen damals lag. Die mussten z.B. Symmetrie-Übertrager mit Eisenkernen verwenden, die bekanntlich Klang kosten, denn das war DIN-Norm und somit Vorschrift. Von der später allgemein anerkannten und praktizierten Weisheit „get the iron out“ waren die WDR-Techniker damals noch meilenweit entfernt. Allerdings wurde die Basis, der eigentliche Mono-Mix, dank unseres zweiten Mannes am Mixer, Udo Klempt-Gießing (später Gründer und Betreiber des Unternehmens Glockenklang) doch schon sehr gut abgeliefert. Denn Udo war, wie auch unser Geheimrat, ein absoluter Fachmann auf seinem Gebiet und beherrschte seit Jahren jeden Ton und jeden Akzent unseres Repertoires im Schlaf. Bevor er bei uns anfing, hatte er bereits im Studio von Conny Plank reichlich Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt.

Wo man nun u.a. Lupo endlich über eine Stunde lang bestens auf die flinken Finger schauen kann – gibt es Grobschnitt-Musik eigentlich transkribiert? Sind Tabulaturen machbar/sinnvoll/geplant?

Lupo: Ja, da gab es tatsächlich mal ganz offiziell Klaviernoten für unser erstes Album aus dem Jahre 1972. Bei „Solar Music“ wäre das aber mit Ausnahme einiger fester Elemente ein sinnloses Unterfangen gewesen, da wir ja jede Version anders gespielt haben. Vielleicht sollten wir das aber wirklich mal ins Auge fassen, da immer mehr Musikfreunde unsere Stücke nachspielen.

Wenn Ihr Euch das Endprodukt (nach all der Restaurationsarbeit damit) heute anschaut – juckt es in den Fingern, das Material selbst noch mal zu spielen? Oder tut ihr das womöglich sogar?

Lupo: Jucken schon, aber es nach wie vor alles eine Frage der Zeit. Wir haben noch so viel an Neuveröffentlichungen in der Pipeline und auch noch ein Familienleben. Als nächstes widmen wir uns erst mal dem längst angekündigten Vorhaben, die Grobschnitt-Alben neu auf Vinyl zu veröffentlichen und den Konzertmitschnitt von 1981 zu restaurieren. „Solar Music“ in Verbindung mit der „Solar Movie“-Videoinszenierung live zu spielen ist natürlich ein Traum. Mehr möchte ich im Moment aber auch nicht dazu sagen, weil es auch nichts bringt immer wieder neue Geister zu wecken.

Eroc: Dave Davies hat ja mal gesagt: „Man muss nicht alten Männern zuschauen, wie sie in Rollstühlen sitzen und ‚You Really Got Me‘ singen.“ Etwas davon hat jeder alternde Musiker im Gefühl. Speziell, wenn man, wie in unserem Fall, knallhart und unmittelbar mit den Leistungen der Vergangenheit in wochenlangen Remastering-Sitzungen konfrontiert wird. Es ist klar, dass damals im jugendlichen Überschwang Dinge zustande kamen, die heute nach Jahrzehnten ganz anders aussehen würden. Als Schlagzeuger kann ich sehr gut meine körperlichen Kräfte einschätzen. Das professionelle Drumming ist mit Hochleistungssport vergleichbar und man weiß ja, wie früh in ihrem Leben z.B. Fußballer aussteigen müssen. Klar juckt es, aber irgendwann erreicht man mit seinen Händen nicht mehr die betreffende Stelle auf dem Rücken, um sich zu kratzen.

Die Schnitten 1978: Lupo, Hunter, Willi

Die Schnitten 1978: Lupo, Hunter, Willi

Was hat dagegen gesprochen, die Box den verstorbenen Mist und Hunter zu widmen?

Lupo: Wir haben uns dafür entschieden, den beiden Musikerkollegen in den Booklets von „79:10“ und auch von „Solar Movie“ noch einmal danke zu sagen für die tolle Zeit, die wir mit ihnen erlebt haben. Darüber könnte ich ein ganzes Buch schreiben, auch wenn nicht alles immer nur Gold war. Das klingt aber ehrlicher, als dieses ganze Widmungsgefasel. Die vielen Fotos im Booklet zeigen besser als tausend Worte, was wir damit meinen.

»Wäre ‚Solar Music‘ zur Routine geworden, hätten wir es auch nicht mehr gespielt. Es gab nach 1978 tatsächlich die Überlegung, das zu tun.«

Wo seht ihr den Hauptunterschied zwischen dem vermutlich enorm Adrenalin-betankten ‚Solar Music‘ à la Rockpalast und der aus dem Quartier Latin? (Meinereiner hört zum Beispiel Unterschiede in Mists wunderbaren Harpsichord- und E-Piano-Parts. Und dann dieser herrliche Latin-Groove im letzten Viertel!)

Eroc: „Solar Music“ RP lässt durchaus unseren Enthusiasmus gepaart mit etwas Anspannung und Ärger durchschimmern. Es ist das typische „jetzt-erst-recht“-Feeling, das wir immer wieder auf unseren Tourneen hatten und auch brauchten, wenn die Umstände mal nicht so optimal waren. Als Musiker kann man sich dann tatsächlich freispielen. Und wenn eine Band das Glück einer solch fantastischen Spielwiese wie ‚Solar Music‘ hat, wo ohne Einschränkung jeder machen und zeigen konnte, was er konnte und wollte, dann gibt es diese musikalischen Höhepunkte und Explosionen, die das Publikum stets an uns so liebte. „Solar Music“ Berlin hat gegenüber der Rockpalast-Version andere Qualitäten. Hier und da eher zielgerichtete Parts, auf der anderen Seite auch wiederum experimentellere Teile. Und man darf nicht vergessen: Zwischen beiden Versionen liegt ja auch ein halbes Jahr mit Dutzenden von weiteren Auftritten. Und Solar Music lebte und veränderte sich stetig.

Lupo: Wir haben das Stück nie gleich gespielt, sondern immer so, wie wir uns gerade fühlten. Das ist es, was ‚Solar Music‘ immer schon ausgemacht hat. Wenn Du Dir zehn verschiedene Versionen hintereinander anhören würdest, kämest Du aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Mit den Jahren haben wir das Stück durch den Einsatz neuer Instrumente wie Fender Rhodes Piano, Mellotron, Polymoog und akustische Gitarren konsequent weiterentwickelt, sodass neue Klangbilder entstanden. Das war aber auch die Voraussetzung, um das Stück am Leben zu halten. Wäre es zur Routine geworden, hätten wir es auch nicht mehr gespielt. Es gab nach 1978 tatsächlich die Überlegung, das zu tun. Wir entschlossen uns aber, das Stück ab 1979 neu zu arrangieren und dann weitere, unerwartete Elemente einzufügen. Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich 1983 bei einem Konzert spontan zur Akustikgitarre griff und einen neues „Solar Music Gitarrenthema“ vorstellte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich alle Gitarrenparts ausschließlich auf der E-Gitarre gespielt. Die Band wusste überhaupt nicht, was in dem Augenblick passierte. Seit diesem Auftritt habe ich den Akustik-Part immer wieder gespielt.

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Welches genau waren die „rein technischen Gründe“ dafür gewesen, dass es die Mülheimer und nicht die Berliner Solar Music auf das Live-Album geschafft hat?

Eroc: Berlin hatte durch die Dimmer-Steuerung unserer Lichtanlage extreme Brumm-Einstreuungen hauptsächlich in Lupos Gitarre, die besonders die vielen, schönen, leisen Parts nahezu unbrauchbar machten. Je nach Erdpotenzial und Luftfeuchtigkeit waren diese Störungen bei unseren Auftritten mal mehr, mal weniger vorhanden. Ich erinnere mich an einen Gig in Schwaben in einer Turnhalle, unweit vom Neckar. Die Lichtanlage störte bereits beim Soundcheck wie Sau, sodass die Band erstmal frustriert etwas essen ging. Als wir zurückkamen, grinsten uns die Roadies an und präsentierten uns die absolut sauberste Anlage seit langem: Nichts brummte mehr, es war nicht die kleinste Störung zu hören. Auf meine verwunderte Frage an Franz, unseren elektrischen Geheimrat, zog der mich nach draußen vor die Halle über die Wiese bis zum Neckar: Dort lag im Wasser ein Mikrofonstativ, verbunden mit einem langen Kabel, das rüber zur Halle ging. „Das ist die beste Erde der Welt“, grinste er, „alle Störungen werden jetzt komplett in den Fluss abgeleitet.“

‚Zugabe Wesel‘ – was ist hier so speziell für Euch, dass just diese Fassung in die Box sollte? Drums und Percussion dieser ‚Symphony‘-Version? Des Geheimrats Bläsersolo?

Eroc: Das Bläsersolo war in Wesel gar nicht vorhanden, oder besser: nicht zu hören. Vielleicht, weil der Geheimrat mit seinem Pult zu weit weg stand. Ich hab’s vom vorherigen Auftritt (Essen, Grugahalle) reinkopiert. Aber die Spielfreude in Wesel und die gesamte Atmosphäre, die war wirklich herausragend. Band und Publikum hatten sich den ganzen Abend gegenseitig angetrieben und das fand dann in dieser Zugabe seinen Höhepunkt. Nur schade, dass die Aufnahme von ‚Solar Music‘ aus Wesel nicht mehr existiert.

Lupo: Diese Liveaufnahme ist pure Energie und wir haben sie genau vier Wochen vor dem Rockpalast-Auftritt bei unserem Konzert in Wesel mitgeschnitten. Wir spielten an dem Abend das vierte Konzert hintereinander und hatten tags zuvor noch einen gefeierten Auftritt in der Essener Grugahalle absolviert. Weil die Essener Nächte bei Grobschnitt nie endeten, kamen wir hundemüde in Wesel an. Die Leute haben uns dann aber dermaßen hochgepusht, dass wir von Null auf Hundert hellwach waren. Die ‚Symphony‘ mit der Bandvorstellung war auf der Tour immer unser letztes Stück und dauerte normalerweise 10 Minuten, nicht so in Wesel. Jeder der Musiker, besonders natürlich die Gitarristen, wollten gar nicht mehr aufhören zu dudeln. Die Nummer swingt, rockt und jazzt fast siebzehn Minuten lang, das es eine pure Freude ist.

»Ein brandneuer elfminütiger Song in Grobschnitt Reinkultur«

Zu ‚Solar Conclusion‘ heißt es im Booklet „aktueller Titel“ – was bedeutet das konkret?

Lupo: Das Stück basiert auf einem d-Moll-Riff, das ich bereits 1968 gespielt habe, als wir alle noch nicht an Grobschnitt dachten. Daraus entwickelte sich dann Jahre später das Grobschnitt-Epos ‚Solar Music‘. Wir hatten das besagte Gitarrenthema, ergänzt durch Erkes sphärische Soundcollagen ursprünglich nur als zweiminütige Abspannmusik auf der DVD vorgesehen. Ich habe mich dann hingesetzt und rein intuitiv einige Gitarrenelemente dazu ausprobiert. Das hat so viel Spaß gemacht, dass daraus ein brandneuer elfminütiger Song in Grobschnitt Reinkultur mit Erke, Willi und mir entstanden ist.

Eroc: Der Titel beendet ja sozusagen die Box und das RP-Video, von daher war es naheliegend, ihn auch so zu nennen.

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Der ganze „Solar Movie“ ist wirklich erst im Gefolge der „Muschelsalat Hagen„-Veranstaltung entstanden? Wie lange hat John McGeoch Eures Wissens dafür gebraucht?

Lupo: Das stimmt wirklich, die Idee dazu schwirrte mir nach der Veranstaltung die ganze Zeit im Kopf herum und im Herbst haben wir uns dann mit John getroffen. Ich sollte vielleicht noch hinzufügen, dass John für das Event mit dem Titel „Komm nach Hagen, werde Popstar“ einige wirklich sehr farbenprächtige Animationen zu diversen Grobschnitt-Titeln kreiert hat.
Das, was John aber in seinem Studio fernab im schottischen Hochland visuell mit der 55-minütigen ‚Solar Music‘-Liveversion aus Berlin von 1978 aus dem Hut gezaubert hat, ist einfach nur zeitlos schön. Auf solche Ideen muss man erst einmal kommen! Wir sind total happy und völlig angetan von dem Ergebnis und empfehlen allen Leuten, sich diese Inszenierung Marke „Grobschnitt im Wunderland“ am besten gleich zweimal hintereinander anzuschauen, weil es einfach so viel Überraschendes zu sehen gibt.

Eroc: John hat ungefähr ein halbes Jahr an „Solar Movie“ gearbeitet. Er hat mehrere andere Künstler, also Maler, Tänzer, dabei mitwirken lassen, von denen jetzt jeder genau so gespannt auf die Box wartet, wie wir alle. Die Namen der Beteiligten tauchen im Nachspann auf.

Ist eine über die Box hinausgehende Aufführung vorstellbar bzw. vielleicht sogar schon angedacht? Der Film würde doch – nur mal so als Beispiel – exzellent auf das Finki Open Air oder vielleicht auch den Herzberg passen?

Lupo: Da muss ich doch gleich mal schmunzeln. Unsere ursprüngliche Idee zur Veröffentlichung der „Solar Movie“-Box war, dass wir ein Kino anmieten und dazu die Medien und viele Grobschnitt-Freunde einladen. Leider ist aus der Aktion mit der großen Leinwand und dem Klangzauber nichts geworden, weil es terminlich einfach nicht mehr zu realisieren war. Aber die Idee lebt trotzdem weiter und über einen möglichen Anlass haben wir auch schon nachgedacht…

Im Booklet heißt es zur Multi-Chassis-PA, dass diese sonst nur von den Grateful Dead verwendet worden sei. Was machte sie so speziell? Was ist aus der PA geworden?

Eroc: Wir haben den Glockenklang-Gründer, Chef und Mastermind Udo Klempt-Gießing, einen echten Hüne aus dem Lippischen, 1975 in Conny Planks Studio bei den Aufnahmen zu unserem dritten Album „Jumbo“ kennengelernt, wo er als Techniker arbeitete. Wir fanden ihn sofort sympathisch und da Udo mit seinem Lötkolben und Messgerät jede noch so abstruse technische Notlage tatsächlich in wenigen Minuten in den Griff bekam, war er genau der richtige Roadie für unseren Chaoten-Verein. Auch er mochte das „Kurorchester“, wie Conny uns wegen unserer mitunter doch recht opulenten Arrangements liebevoll nannte, auf Anhieb. Er sprach irgendwie unsere Sprache (Westfalen unter sich?) und so haben wir ihn schamlos abgeworben und nahmen ihn sofort mit auf Tournee. Er bediente dann den Saalmixer, den er selbst entworfen und gebaut hatte und der die speziellen P.A. ansteuerte, die ebenfalls von ihm und aus seiner Werkstatt stammte. Ausschlaggebend an dieser Multi-Chassis-Anlage ist das Prinzip, dass eine große Fläche von sehr vielen Membran-Lautsprechern zugleich schwingt und dadurch die Luft sanft und gleichmäßig antreibt, während die üblichen Hörner P.A.s den Schall stark gebündelt heraus „schießen“ und dabei nervtötende Resonanzen produzieren. Ein guter Vergleich ist die Beleuchtung eines großen Saales. Das kann man mit drei extrem hellen Scheinwerfern bewerkstelligen. Die werden aber immer blenden und harte Schatten produzieren. Eine große Zahl von vielen kleinen Lampen erleuchtet den Saal genauso hell, das Licht ist aber wesentlich angenehmer und sanfter.

Grateful Dead hatten tatsächlich als Einzige ein ähnliches Soundsystem. Das war allerdings nicht von Glockenklang. Nachteil der Multi-Chassis-Technik: Es werden viel mehr Boxen und auch mehr Leistungsendstufen zum Betreiben der zahlreichen, kleinen Lautsprecher benötigt. Das bedeutet mehr Stauraum in den Trucks, längere Arme der Roadies vom Schleppen und Aufbauen, wesentlich mehr Kabelsalat und natürlich ungleich höhere Kosten. Allerdings hatten die vielen kleinen Lautsprecher auch einen weiteren, großen Vorteil: Es fiel überhaupt nicht ins Gewicht, wenn beim Konzert mal ein paar von ihnen den Geist aufgaben. Die wurden nach der Show einfach schnell ausgetauscht, während eine ausgefallene „Hörnerseite“ das Konzert und eventuell auch den folgenden Auftritt doch sehr drastisch einschränken konnte. Einige unserer alten Boxen laufen heute noch. Ich habe zwei davon z.B. neulich beim Geheimrat im Wohnzimmer entdeckt, der sie als Stereoanlage benutzt.

Grobschnitt Glockenklang Multi-Chassis Public Address System

Das legendäre Grobschnitt P.A.-System mit seinem Erbauer Udo Glockenklang.

Das im Text zu Berlin erwähnte 40-Kanal Saalmischpult ist „seit 1977 immer noch im Dauereinsatz“ – wo?

Lupo: Da gibt es in Hagen einen P.A.-Verleiher, der auch jahrelang mit uns auf Tour war. Der hat das Pult immer noch im Einsatz und nächstes Jahr heißt es dann „40 Jahre Grobschnitt-Mischpult“ und kein bisschen müde. Gute Qualität hält eben ewig!

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Eine letzte Equipment-Frage: Ich sehe nur wunderschöne Paulas und Thunderbird (ok, und Musicman Stingray, glaube ich). Waren die Saiten-Schnitten immer eine fast reine Gibson-Zone?

Lupo: Bis 1983 war das zumindest bei mir so. Ich habe keine andere E-Gitarre, als meine goldene Gibson Les Paul und die Gibson Heritage angerührt. Dann habe ich mir spaßeshalber mal eine Stratocaster für einige Tage ausgeliehen und mich in das Teil verguckt, obwohl ich immer einen großen Bogen um alle Fender-Gitarren gemacht hatte. Willi hat ab 1981 nur noch Ibanez-E-Gitarren gespielt, weil er den Sound richtig geil fand. Für die Akustikparts haben wir beide Ovation-Gitarren bevorzugt, weil die mit den eingebauten Pickups einfach extrem bühnenfreundlich waren. Bei ‚Solar Conclusion‘ habe ich übrigens auf einer George Benson Vollresonanz-Jazzgitarre und einer Strat gespielt, während die beiden Zupfgitarren von Willi und mir Gibsons sind.

Allerletzte Frage – ich persönlich kenne Menschen, die jetzt schon völlig hibbelig aufgrund dieser Veröffentlichung sind. Für die wird diesmal wirklich schon Anfang Dezember Weihnachten. Könnt Ihr Euch erklären, wieso Ihr nach all der Zeit noch derartig fanatische Anhänger habt?

Lupo: Als wir im letzten Jahr unsere „79:10“-Box veröffentlicht haben, war für unsere Grobschnitt-Freunde Maifest und Weihnachten an einem Tag. Bei „Solar Movie“ packen wir jetzt noch Silvester und Omas 100. Geburtstag oben drauf und dann ist es hoffentlich perfekt. Kürzlich fragte uns ein anderer Musikjournalist, ob uns der Kultstatus 45 Jahre nach Gründung der Band nicht langsam unheimlich wird. Genau genommen, war uns das früher nie so richtig bewusst, weil die gelebte Fankultur immer schon zum festen Bandritual gehörte. Heute nehmen wir das tatsächlich viel bewusster wahr.

Wenn ich mir die unzähligen Einträge auf unserer Facebook-Seite anschaue und auch beantworte, muss ich mich manchmal kneifen, weil die Leute immer noch so in Erinnerungen schwelgen. Bei Grobschnitt war das Konzert ja auch nie nach der letzten Zugabe vorbei, sondern erst, wenn alle Autogrammwünsche erfüllt waren. Wir hockten mitunter manchmal eine ganze Stunde am Bühnenrand und quatschten mit den Leuten, während die Roadies die Anlage abbauten. Dieses kommunikative Zusammensein mit den Fans war mit das Schönste am ganzen Abend. Spielten wir auf dem Land, ging es anschließend nicht selten in die örtliche Kneipe oder in die nächste Dorf-Disco zur Grobschnitt-After-Concert-Party. Ich habe unzählige Fanbriefe seit 1972 in Ordnern archiviert und zu seligen Zeiten des Kugelschreibers oder der heißgeliebten Schreibmaschine „Olympia Monica“ jeden davon persönlich beantwortet. Es kann sich niemand vorstellen, wie viel Zeit das immer in Anspruch genommen hat, aber auch, wie viel Freude es mir bereitete und wie viele Freundschaften daraus entstanden sind. Ich denke da nur an meinen alten Brieffreund Josef, der mir jede Woche drei Briefe geschickt hat und den ich dann auch noch bei Kaffee und Kuchen zuhause bei seiner Mutter besucht habe. Oh Mann, da könnte ich jetzt noch Stories erzählen, die glaubt kein Mensch. Wir waren ja damals nicht nur Musiker, sondern auch Seelentröster. Heute geht das via Facebook zum Glück alles viel schneller. Für die Fans waren wir wie eine wohltuende Medizin. Ging es einem schlecht, half nur noch ein Grobschnitt-Konzert und alles war wieder gut. Nicht umsonst heißt es immer noch „Kein Tag ohne Grobschnitt“.

Eroc: Weil es so etwas wie Grobschnitt nur einmal gegeben hat und nie wieder geben wird. Das spüren unsere Fans ganz genau. Für die meisten waren wir zudem Teil ihres Lebens: vielleicht das allererste Rockkonzert, die erste Freundin dabei, der erste Joint, und in späteren Jahren sogar die eigenen Kinder mit zum Grobschnitt-Abend geschleppt. Wer dabei war und den gemeinsamen „Spirit“ unserer Konzert-Happenings aufgesaugt hat, bleibt für sein ganzes Leben davon „geschädigt“. Und last but not least – wie Lupo richtig sagt – waren wir für unsere Fans immer da! Egal ob vor dem Auftritt, wenn viele beim Ausladen und Aufbauen mithelfen wollten, natürlich während des Auftritts durch unsere Interaktionen mit den Leuten, nach dem Auftritt am Bühnenrand oder eben auch als schriftliche „Anlaufstelle“. Und am Rande bemerkt: Ich selbst hatte, bedingt durch meine Soloprojekte, seit 1975 ebenso reichlich an mich gerichtete Fanbriefe in Ordnern archiviert und beantworte auch heute nach wie vor jeden Brief und jede E-Mail. Warum auch nicht? Was wäre denn ein Künstler ohne sein Publikum? Er stünde auf einer leeren Bühne.

Thank you for the (solar) Music!

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Solar Movie Box-Set

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Die beste Erfindung seit grobschnitten Brot – insgesamt umfasst die Box:
– remasterte PAL-SD DVD vom Rockpalast (85 Min.) + Solar Movie (56 Min.)
– remasterte Audio-CD (79:10 Min.) vom Rockpalast-Konzert
– farbige 180-Gramm-Vinyl, 33 RPM (54:36 Min.) mit Solar Music vom Rockpalast
– Audio-CD mit Solar Music aus Berlin plus 2 Bonustracks (79:10 Min.)
– farbige 180-Gramm-Vinyl, 33 RPM (52:08 Min.) mit Solar Music aus Berlin
– 48 seitiges Booklet im LP-Format mit Fotos und Memorabilien
– farbiger Solar Movie Kunstdruck
– Download Card.

Teapot of the Week

„Teapot of the Week“ auf Betreutes Proggen in der KW48/2016

Bewertung: 14/15 Punkten

Schnitten-Surftipps:
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Soundcloud (Eroc)
YouTube
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Umusic
Lupo und Eroc zur Lebenswerkschau „79:10“ (Grobschnitt-Boxset)
Wikipedia
Wikipedia (Eroc)
John McGeoch @ Vimeo

© aller Bandfotos: Grobschnitt-Archiv

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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