Anderson/Stolt – Invention Of Knowledge

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Invention Of Knowledge(65:00, CD/2LP, InsideOut Music, 2016)
Epigone trifft auf Idol. InsideOut-Labelboss Thomas Waber macht’s möglich. Auf die Zusammenarbeit von Jon Anderson (Ex-Yes) und Roine Stolt (Transatlantic, Flower Kings etc.) durfte man gespannt sein. Von offizieller Seite wurde folgende Zielsetzung bekannt gegeben. Es sollte ein Album mit epischem Progressive Rock in der Tradition von Yes werden. Namen wie „Tales From Topographic Oceans“ oder „Olias Of Sunhillow“ wurden in den Raum geworfen. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen bei den Fans. Dass Roine Stolt und die beteiligten Musiker, die größtenteils aus dem Flower-Kings-Umfeld kommen, die handwerklichen Fähigkeiten dazu mitbringen, steht außer Frage. Aber würde man kompositorisch den Erwartungen der Fans gerecht werden? Die letzten Veröffentlichungen von Anderson, u.a. mit Jean-Luc Ponty, hinterließen ein zwiespältiges Echo. Auch die Flower Kings scheinen ihre ganz großen Tage hinter sich zu haben.

Nun, da das Album auf dem Markt ist, kann sich jeder sein eigenes Bild machen. Wie es scheint, wird das Album bislang recht positiv aufgenommen. Zwei Dinge lassen sich bereits nach wenigen Takten konstatieren: Jon Anderson ist bestens bei Stimme, und „Invention Of Knowlegde“ ist ein ordentlicher Tritt in den Allerwertesten von Yes. Das Album ist in vier Epen unterteilt, was die auffälligste Ähnlichkeit mit „Tales From Topographic Oceans“ ist. Bezogen auf den Sound gibt es die eine oder andere kleine Reminiszenz an jenes Werk von 1973, kantige oder gar experimentelle Elemente wie in ‚The Ancient‘ oder ‚Ritual‘ sollte man allerdings nicht erwarten. Mit höherem kompositorischen Input von Stolt wäre da womöglich mehr drin gewesen. Das Album baut jedoch weitestgehend auf Co-Kompositionen Andersons mit anderen Musikern auf, die allesamt in der Progszene bislang nicht in Erscheinung getreten sind.

Das 23-minütige Titelepos eröffnet das Werk hochmelodisch, symphonisch und verspielt. Andersons Gesangslinien erinnern dabei eher an seine jüngere Vergangenheit, denn an die Heydays seiner Ex-Band. Aufällig ist, dass es nur kurze Instrumental-Parts gibt. Jon Andersons esoterische Wohlfühl-Lyrik, die obendrein von opulenten Chören unterstützt wird, nimmt den überwiegenden Raum ein. Musikalisch wandelt das dreiteilige Stück auf Flower Kings-  und etwas auf Yes-Pfaden. Hin und wieder meint man aus der Ferne ‚Close To The Edge‘ zu hören. ‚Knowing‘ startet mit einem Gesangsthema, das im abschließenden ‚Know …‘ wieder aufgenommen wird. Der eine oder andere Hörer wird sich an ‚I’ve Seen All Good People‘ erinnert fühlen. Auch dieses Stück ist sehr vocallastig, im zweiten Teil führt es in etwas weniger symphonische Gefilde und unternimmt den einen oder anderen sphärischen bzw. akustischen Ausflug. ‚Everybody Heals‘ ist dann ein Stück in bester Flower-Kings-Manier. Vermutlich hatte Roine Stolt hier den größten kompositorischen Anteil. Der eine oder andere Tastensound ruft hier Reminiszenzen an Rick Wakeman hervor. Das abschließende ‚Know …‘ birgt schließlich mit seinem angejazzten Groove zu Beginn die größte Überraschung des Albums. Ebenfalls angenehm fällt auf, dass der Titel vergleichsweise sparsam arrangiert ist. Piano und auch Stolts Solo-Gitarre setzen angenehme Akzente. Moog- und Orgel-Reminiszenzen an die goldenen Siebziger und ein dann wieder bombastisches Finale runden den Titel ab. Ein würdiger Abschluss.

Als Quintessenz läst sich festhalten, dass „Invention Of Knowledge“ viel von dem bietet, wonach Yes-Fans seit Langem darben. Die völlige Abwesenheit von Experientierfreude und der extrem hohe Gesangsanteil werden allerdings nicht jeden Hörer völlig zufriedenstellen. So schön unser Jon auch singt, die eine oder andere Verschnaufpause könnte er sich gönnen. Dass er die Davids und Davisons locker in die Tasche steckt, steht völlig außer Zweifel. Roine Stolt hat ihm hierfür die Stücke detailreich und liebevoll auf den Leib arrangiert. Sollte es eine Fortsetzung der Zusammenarbeit geben, wäre noch eine zusätzliche Schippe musikalischen Wagemuts wünschenswert.

Neben der CD-Version ist das Album auf rotem, blauen und schwarzen Vinyl erschienen. Die auf 100 Exemplare limitierte rote Version war schon vor Veröffentlichung ausverkauft. Die auf 200 Exemplare limitierte blaue Version ist derzeit (Stand 1. Juli 2016) wohl noch zu haben.
Bewertung 11/15 Punkten (WE 10, DH 11, HK 11, JM 10)

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Über den Autor

Dieter Hoffmann

Dass der Prog-Virus hoch infektiös ist, musste ich bereits in meiner frühen Kindheit erfahren. Während meine Schulfreunde noch sorglos Ilja Richters Disco mit The Sweet und den Bay City Rollers schauen konnten, hatte mich mein älterer Bruder bereits in den frühen Siebzigern mit ELP und Yes verkorkst. Mein erster Radiorekorder und die LP-Hitparade von SWF3 gaben mir mit Genesis und Eloy dann den Rest.

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Anderson/Stolt – Invention Of Knowledge

von Dieter Hoffmann Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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