Steve Hackett – Please Don’t Touch

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PleaseDontTouch(Charisma Records/Universal Music, 50:05, 38:35, 38:28, 2CDs, 1 DVD-Audio, 1978/2016)
Über Steve Hackett braucht man nicht viele Worte zu verlieren. Von 1970 bis 1977 war er Gitarrist bei Genesis und prägte den damaligen Sound mit. Er veröffentlichte 1975 als erstes Bandmitglied ein Soloalbum, zwei Jahre später verließ er die Gruppe und etablierte sich als Solomusiker. Die drei Alben „Please Don’t Touch„, „Spectral Mornings“ und „Defector“ aus der Zeit beim Label Charisma Records zwischen 1978 und 1980 gehören für viele Fans zu den Höhepunkten in seiner Karriere. Diese drei erschienen nun am 27.05. als 2CD+1DVD-Audio (5.1 Mix) Deluxe Editionen. Die Reissues bieten jeweils auf der ersten CD neben dem digital optimierten Originalalbum auch noch Bonustitel. Niemand Geringerer als Porcupine Tree-Mastermind Steven Wilson hat „Please Don’t Touch“ und „Spectral Mornings“ von den Original-Multitrack-Bändern neu im 5.1-Surround-Sound abgemischt, zudem produzierte er von diesen beiden Longplayern einen neuen Stereo-Mix. Der 5.1-Mix von „Defector“ wurde von den originalen Stereo-Masterbändern erstellt. Das Album enthält unter anderem auf CD 2 Steve Hacketts Auftritt beim Reading Festival 1980. Im Booklet gibt es unter anderem seltene Fotos und einen neuen Essay von Mark Powell.

Steve Hacketts zweites Soloalbum war das erste nach seinem Ausstieg bei Genesis. Hackett hatte das Gefühl, dass seine Ideen zu kurz kamen und war mit der demokratischen Arbeit in einer Band nicht mehr zufrieden. Der Titeltrack war eines der Instrumentals, das nicht auf Genesis’ „Wind and Wuthering“ erschienen war. Und ‚Hoping Love Will Last‘ war für Hackett ein Song, „den nur eine Frau singen konnte“. Ebenfalls unpassend für Genesis also. Das Album war also ein klarer Schnitt in Hacketts Karriere.

Steve selbst wollte auf „dieser Platte unsichtbar sein“ und sah sich selbst als Katalysator. Im Mittelpunkt standen für ihn die verschiedenen Musiker, unter anderem sein Bruder John Hackett, der mittlerweile leider verstorbene Richie Havens, Genesis Live-Drummer Chester Thompson und Mitglieder der von Genesis beeinflussten Prog-Band Kansas. Natürlich ist es kein Zufall, dass Steven Wilson für das Album den Remix erstellte. Es soll ihn als junger Teenager inspiriert haben. So war er es auch, der Hackett darauf hinwies, dass Thompsons Spiel im Titellied so klinge, als wolle jemand „aus einem Sarg ausbrechen“.

„Please Don’t Touch“ steckt voll cleverer Ideen und lyrischer Melodien; es hat eine friedliche Grundstimmung, die ab und zu durch harte Parts voller Power unterbrochen wird, wie im genannten Titelsong. Starke Rhythmen und typisch Hackettsche romantische Stimmungen schweben über allem, gut zusammengefasst im Opener ‚Narnia‘, gesungen von Steve Walsh, basierend auf The Lion, the Witch and The Wardrobe von C.S. Lewis. ‚Carry On Up The Vicarage‘, in Anlehnung an die Krimis von Agatha Christie, lässt uns Hacketts eigene Stimme hören, gefiltert durch schneller und langsamer laufende Effekte, was dem Song einen Hauch von Surrealismus gibt. ‚Kim‘, wohl seiner damaligen Freundin und Muse Kim Poor gewidmet (eine Künstlerin, die auch für das Cover-Artwork der Charisma-Alben verantwortlich war), besticht durch die Akustikgitarre und John Hacketts Flöte. Der vielleicht überraschendste Gastmusiker Richie Havens singt auf dem beatlesquen ‚How Can I?‘. Diese Kollaboration kam daher, dass Havens 1977 als Support von Genesis aufgetreten war – zugegebenermaßen wurde er nicht allzu enthusiastisch von den Prog-Fans aufgenommen. ‚Hoping Love Will Last‘ wird von der damals noch unbekannten Randy Crawford gesungen. Die Tatsache, dass das Album kaum durch eine Identifikationsfigur besticht und in den einzelnen Songs verschiedene Künstler versammelt, macht es jedoch schwer Hackett als ‚Solokünstler’ wahrzunehmen. Das Problem äußerte sich dementsprechend auch darin, dass er keine Band hatte, die das Album live promoten konnte.

Die vorliegende Neuauflage ist rundum gelungen. CD1 bietet das reguläre Album mit Bonustracks, darunter zwei Alternativversionen von ‚Narnia‘. CD2 beinhaltet den neuen Stereo-Mix von Steven Wilson, die dritte Disc ist eine DVD mit dem neuen 5.1-Mix. Schön, dass alle drei Discs das unverkennbare alte Charisma-Label-Logo haben, den „mad hatter“. Außerdem ist das Artwork neben dem bekannten Albumcover gespickt mit den Singlecovers, Zeitungsausschnitten und Fotos jener Zeit. Ein richtiger Nostalgietrip also. Das Booklet vereint alte und neue Fotos, die Lyrics zum Album sowie einen Begleittext von Mark Powell, in dem auch Hackett selbst zu Wort kommt. Er betont auch, dass die anderen Genesis-Jungs das Album sehr mochten. Der Melody Maker betitelte einen Bericht zur Veröffentlichung des Albums seinerzeit mit der Überschrift: „There’s a thin line between madness and genius. Which side of it is Steve Hackett on?“ Das zu beantworten bleibt wohl auch heute noch dem Hörer überlassen.
Bewertung: 14/15 Punkten (DH 14, KR 14, PR 14)

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Über den Autor

Philipp Roettgers

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Steve Hackett – Please Don’t Touch

von Philipp Roettgers Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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