Karfagen – 7

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Karfagen_7(67:31, CD, Caerllysi Music/Just For Kicks, 2015)
Hinter der Band Karfagen steckt der ukrainische Multiinstrumentalist Antony Kalugin – kein Unbekannter in der Progszene, da er ausgesprochen umtriebig unterwegs und nicht nur in dieses Bandprojekt involviert ist. Da sind auch noch die Formationen Sunchild, Hoggwash und Antony Kalugin’s Kinematics Orchestra, kurz AKKO. Auch in unseren Breitengraden wurde Kalugin schon gesichtet, er war beispielsweise mit seiner Band Sunchild anlässlich eines Prog Resiste-Festivals Gast im legendären Spirit of 66 in Verviers. Während Sunchild im Neoprog-Bereich zu Hause sind, steht Karfagen eindeutig für symphonischen Retroprog.

Es gibt Alben, da fällt das Rezensieren irgendwie besonders schwer, dieses gehört dazu. Nicht, weil man sich auf eigentlich fremdem Terrain bewegt – nein, Symphonic Rock ist besonders gern gesehen bzw. gehört. Karfagens Nummer Sieben hat auch alle Zutaten, die den Rezensenten ins Schwärmen geraten lassen … könnten. Aber aus irgendeinem, nicht eindeutig definierbaren Grund will das Album nicht so recht zünden. Dabei gibt es durchaus exzellente Passagen, sind die Musiker kompetent unterwegs, finden sich viele Zutaten für ein gelungenes Retroprog-Album. Doch die vereinzelten Highlights reichen nicht aus, um nachhaltig großen Gefallen am Album zu finden.

Der Albumtitel wurde nicht rein zufällig so gewählt, Kalugin listet die Begründung im Booklet auf. Und zusätzlich passt es ja auch, dass es bereits die siebte Veröffentlichung dieser Formation ist, sie hat also schon einiges an Material anzubieten. Karfagen haben durchaus auf diversen Alben Eindruck hinterlassen können und ihren eigenen Sound entwickelt, und das bedeutet melodiösen, teils bombastischen Symphonic Prog mit mächtiger Keyboardarbeit und insbesondere mit charakteristischen Einlagen von Flöte und Oboe. Auf „7“ weichen sie kaum von ihren typischen Strickmustern ab. Der Longtrack-Fan darf sich gleich auf einen gut 28-minütigen Opener mit Namen ‘Seven Gates‘ freuen. Ein Song, der Kalugin so wichtig zu sein scheint, dass er am Ende noch mal „radiofreundlich“ in einer 15-minütigen editierten Version auftaucht. Dazwischen gibt es noch drei Songs mit Spielzeiten zwischen gut sechs und knapp zehn Minuten. Beim ersten Durchlauf fiel gar nicht auf, dass am Ende ein bereits bekannter Song wiederholt wird, was zeigt, dass zunächst wenig haften bleibt.

Karfagen arbeiten in der Regel ausgiebig mit langen Instrumentalpassagen, Gesangslastigkeit ist eher beim Ableger Sunchild zu beobachten. Möglicherweise könnte Kalugins Versuch, ein bisschen mehr Sunchild in Karfagen zu transplantieren, ein Grund für das Nichtzünden sein. Karfagen haben ihre Stärken im Instrumentalbereich schon oft bewiesen, die hier eingestreuten Gesangseinlagen jedoch überzeugen nicht. Sieht man sich das Booklet an, könnte man den Eindruck gewinnen, dass hier eine Sängerin namens Olha Rostovska wichtigen Einfluss haben könnte, doch sie spielt eine untergeordnete Rolle, denn sie taucht – kaum hörbar – nur als Background Sängerin auf. Den Haupt-Gesangspart übernimmt Kalugin selbst, was nicht gerade als unbedingtes Kaufargument herhält. Kein wirkliches Drama, aber gelegentlich recht farblos, vielleicht mit Cross oder Fruitcake zu vergleichen. Wie auch schon auf älteren Aufnahmen zu beobachten, gehören Arrangements an Flöte, Oboe oder Akkordeon zu den wirklich gelungenen Farbtupfern. Auch die Tasteninstrumente werden sehr effektiv eingesetzt, ob feines Klaviersolo, mächtiger Kirchenorgel-Sound oder satte Mellotron-Breitseite – alles dabei. Und auch die Gitarre kommt bisweilen vorzüglich ins Spiel, wobei man gelegentlich recht blumenköniglich unterwegs ist, aber auch Pink Floyd eine Inspirationsquelle zu sein scheint. Liest sich also wie ein tolles Symphonic-Prog-Album – aber irgendwie fehlt dann doch etwas. Es wirkt irgendwie zusammengewürfelt, das Album „fließt“ nicht so recht.

Prinzipiell sollte sich der Symphonic-Prog-Fan mit Tendenz zur eher melodiösen denn sperrigen Ausrichtung angesprochen fühlen. Der geneigte Karfagen-Fan hört den bandeigenen Sound schnell heraus, aber irgendwie hat man die Ukrainer schon mal besser gehört. Und nochmal: Es hat einige wirklich tolle Momente, aber die Gesangsparts passen nicht so recht ins Karfagen-Gesamtbild. Trotzdem: Die angesprochene Klientel sollte dieses Album, das mit sehr ansprechender Covergestaltung (verantwortlich: Igor Sokolskiy) ausgestattet ist, sicherlich mal antesten.

Die Verantwortlichen:
Antony Kalugin – keyboards / vocals / percussion / programming
Max Velychko – electric & acoustic guitars
Olha Rostovska – vocals
Kostya Shepelenko – drums
Oleg Prokhorov – basss

Und als weitere Gäste:
Will Mackie – narration
Ivan Rubanchyuk – drums
Serg Kovalov – bayan/ accordion
Helen Bour – oboe
Lesya Kofanova – flute / recorder
Bewertung: 9/15 Punkten (JM 9, KR 5)

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Karfagen – 7

von Juergen Meurer Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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