
Alternative Rock • Progressive Rock • Space Rock • Art Rock
(45:25; Vinyl, CD, MC, Digital; Warner Music; 26.06.2026)
Es sieht so aus, als wäre "The Wow! Signal" genau das Album, auf das ich als Muse-Fan seit fast zwanzig Jahren gewartet habe. Nicht, weil Matt Bellamy plötzlich seinen Hang zum Größenwahn abgelegt hätte – im Gegenteil. Der Mann schreibt noch immer Songs, als hinge das Schicksal der Menschheit von jedem einzelnen Refrain ab. Diesmal gelingt ihm allerdings etwas, das den letzten Veröffentlichungen nur noch sporadisch gelang: Er hat die Songs, um diesen Größenwahn zu tragen.
Mein Einstieg in die Welt von Muse erfolgte damals über "Hullabaloo". Die Mischung aus hartem Alternative Rock, progressiver Schlagseite und Bellamys unverwechselbarer Stimme traf mich mitten ins Herz. Mit "Absolution" und "Black Holes And Revelations" erreichte die Band für mich ihre kreative Hochphase – eine perfekte Symbiose aus Prog, Art Rock, Alternative Rock und Stadionrock. Danach wurde das Verhältnis komplizierter. "The Resistance" besaß starke Momente, ließ den ohnehin vorhandenen Größenwahn aber endgültig zum Betriebssystem werden. "The 2nd Law" überzeugte mit mutigen Experimenten, "Drones" ließ mich weitgehend kalt, "Simulation Theory" verlor schnell an Reiz und "Will Of The People" musste sich seine Gunst erst über mehrere Durchläufe erarbeiten. "The Wow! Signal" hingegen hatte mich bereits beim ersten Hören. So schnell hat mich ein Muse-Album seit "Black Holes And Revelations" nicht mehr abgeholt.
Dass ausgerechnet das berühmte Wow!-Signal als Inspirationsquelle dient, könnte kaum besser zu Muse passen. Seit Jahrzehnten blickt Bellamy lieber ins Universum als vor die eigene Haustür und sucht dort nach Antworten auf Fragen, die vermutlich niemand gestellt hat. Das reale Radiosignal aus dem Jahr 1977 beschäftigt Wissenschaftler bis heute, weil es nur ein einziges Mal empfangen wurde und sich nie erklären ließ. Bellamy macht daraus ein Album, das irgendwo zwischen Science-Fiction, existenzieller Sinnsuche und galaktischem Stadionrock pendelt. Überraschend ist dabei nicht das Thema, sondern wie fokussiert die Band es diesmal umsetzt.
Schon 'The Dark Forest' macht klar, dass Muse keine Lust auf einen vorsichtigen Einstieg haben. Ein treibender Rhythmus, der Erinnerungen an 'Knights Of Cydonia' weckt, allerdings deutlich düsterer, dazu fiepende Elektronik, galoppierende Gitarren, progressive Wendungen und ein zum Schluss immer monumentaler werdender lateinischer Chorgesang mit unverkennbaren 'Carmina Burana'-Anleihen. Für manche dürfte das völlig überladen sein. Für mich ist der Ballon exakt so weit aufgeblasen, dass er nicht platzt, sondern in seiner ganzen Pracht leuchtet. Muse wie man sie liebt. Oder hasst. Meistens beides gleichzeitig.
Dass anschließend ausgerechnet 'Nightshift Superstar' plötzlich auf Disco macht, gehört zu den größten Überraschungen der Platte. Der Bass groovt sich die Seele aus dem Leib, der Song ist funky as fuck und hätte mit etwas mehr Elektronik problemlos auf einem Daft-Punk-Album Platz gefunden. Danach folgt mit 'Shimmering Stars' eine der schönsten Balladen, die Bellamy seit Jahren geschrieben hat. Seine Gesangslinie ist schlicht großartig, der Refrain zum Niederknien, während Orgelklänge und eine herzzerreißende Gitarrenmelodie den emotionalen Tiefgang noch verstärken.
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Auch 'Cryogen' beweist, dass Muse gar nicht ständig alles größer, lauter und verrückter machen müssen. Der Song wirkt fast erstaunlich schlicht – jedenfalls nach Muse-Maßstäben – und erinnert an jene Zeit, als die 2000er gerade erst begonnen hatten.
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'Be With You' markiert dagegen meinen einzigen echten Wackelkandidaten. Der nur von Orgel begleitete Einstieg geht tief unter die Haut, doch der später einsetzende pumpende Electro-Beat ist mir eine Spur zu penetrant. Solche Momente funktionierten auf "The 2nd Law" für meinen Geschmack etwas besser.
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Die zweite Albumhälfte kennt anschließend kaum noch Schwächen. 'Hexagons' versprüht starke "Hullabaloo"-Vibes, glänzt mit einem fantastischen Gitarrenintro und Keyboardflächen, die sich sofort im Ohr festsetzen. Der fließende Übergang zu 'The Sickness In You & I' sitzt perfekt. Und dann passiert etwas, womit wohl niemand gerechnet hatte: Muse goes Core. Ein brachiales Riff, ein Breakdown, der richtig zuschlägt, darüber Bellamys fast schon an Prince erinnernde Kopfstimme und ein erstaunlich poppiger Refrain. Auf dem Papier völliger Unsinn. In der Praxis funktioniert dieser Kontrast hervorragend.
'Unravelling' knüpft nahtlos daran an und entwickelt sich gegen Ende zu einem der härtesten Songs, die Muse je aufgenommen haben, ohne dabei ihre epische Handschrift zu verlieren. Das Gastspiel von Ellie Goulding auf 'Hush' ist ebenfalls eine angenehme Überraschung. Zum Glück verfallen Muse nicht dem Fehler, den einst Coldplay bei ähnlichen Kollaborationen machten und sich dem Stil ihres Gastes unterzuordnen. Stattdessen integrieren sie Gouldings Stimme organisch in ihren eigenen Sound. Mich erinnert das Ergebnis stellenweise sogar an Major Parkinson – und das ist ganz ausdrücklich als Kompliment gemeint.
Der atmosphärische Closer 'Space Debris' schwebt schließlich beinahe schwerelos durch den Raum. Sanft, schwer greifbar und gerade deshalb von einer besonderen Schönheit. Kein großes Finale mit explodierenden Sternen und einstürzenden Galaxien, sondern ein fast meditatives Ausklingenlassen, das dem Album erstaunlich gut steht.
"The Wow! Signal" ist für mich das beste Muse-Album seit "Black Holes And Revelations". Es kopiert die Vergangenheit nicht, sondern greift deren Stärken wieder auf: packendes Songwriting, stilistische Offenheit, grandiose Melodien und genau die richtige Dosis größenwahnsinnigen Bombasts. Muse haben sich nie für kleine Gesten interessiert. Diesmal besitzen sie endlich wieder die Songs, die diesen Größenwahn rechtfertigen.
Ob das berühmte Wow!-Signal tatsächlich von einer außerirdischen Zivilisation stammt, ist bis heute ungeklärt. Dass Muse nach fast zwanzig Jahren wieder ein Album veröffentlicht haben, das mich vom ersten bis zum letzten Ton so begeistert, halte ich inzwischen für das größere Wunder.
Bewertung: 14/15 Punkten
Tracklist:
- 'The Dark Forest' (5:15)
- 'Nightshift Superstar' (4:07)
- 'Shimmering Scars' (4:28)
- 'Cryogen' (5:01)
- 'Be With You' (3:35)
- 'Hexagons' (5:26)
- 'The Sickness In You & I' (4:17)
- 'Unravelling' (3:58)
- 'Hush (feat. Ellie Goulding)' (3:55)
- 'Space Debris' (5:23)

Besetzung:
• Matt Bellamy – Gesang, Gitarre, Keyboards, Klavier
• Chris Wolstenholme – Bass, Begleitgesang
• Dominic Howard – Schlagzeug, Percussion
Gastmusiker:
• Ellie Goulding – Gesang
• Lovella Bellamy – Begleitgesang
• Poppy Tjoeng – Begleitgesang
• Tobias Tjoeng – Begleitgesang
• Crouch End Festival Chorus – Chor
• London Metropolitan Orchestra – Streicher
• Bingham Bellamy – Percussion
• Tom Kirk – Percussion
• Dan Lancaster – Begleitgesang, Percussion
• Rachel Lancaster – Begleitgesang
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Warner Music zur Verfügung gestellt.

