Die Suche nach dem unbekannten, unerforschten Land
Der Albumtitel verspricht schon einmal kryptische Opulenz. Ein Fakt, den das Album auch tatsächlich liefert. Wenn es um in Titel eigebettete Geschichten geht, waren The Black Cat’s Eye noch nie verlegen darum, diese entsprechend auszuformulieren. So nannte sich das Debütalbum schon vielversprechend "The Empty Space Between A Seamount And Shock-Headed Julia", der Nachfolger nun vielversprechender "Decrypting Dreams Of Weird Animals And Strange Objects". Warum und überhaupt wieso, das soll die Band an dieser Stelle besser selbst beantworten…

Christian Blaser: Tatsächlich geht es uns darum, Bilder und ungewöhnliche, nicht alltägliche Bezüge herzustellen. Da wir größtenteils instrumentale Musik spielen, dienen die Songtitel als Anregung zu Bildern und Empfindungen, die stellvertretend für die Musik stehen könnten. Sie erfüllen eine ähnliche Funktion wie ein Songtext. Natürlich hat jeder individuelle Vorstellungen – aber wenn ein Titel 'The Walls of Crystal Keep' heißt, ruft das zunächst das Bild einer Burg oder eines befestigten Turms hervor, dessen Mauern aus schimmerndem Kristallglas bestehen. Wie die Landschaft aussieht, in der dieser Turm steht, bleibt jedoch jedem selbst überlassen. Ich persönlich stelle ihn mir in einer weiten, wüstenähnlichen Ebene vor.
Der Albumtitel steht eigentlich für das genaue Gegenteil dessen, was er aussagt. Er ist ein Verweis auf den Irrsinn, alles bis ins Kleinste erforschen, definieren und anschließend erklären zu wollen. Eine Welt, die bis in ihre letzten Winkel vermessen und durchdrungen ist, ist langweilig – sie ist nur noch "touristisch". Echte Abenteuer und Entdeckungen sind nicht mehr möglich, unbekanntes und unerforschtes Land existiert nicht mehr. Der Titel ist ein Appell, sich vom rein Rationalen und vom Technikglauben loszulösen. Stattdessen wieder mehr der Ekstase und dem unergründlichen Geheimnis des Lebens hinzugeben – sich verlieren, Grenzen nicht als gegeben akzeptieren. Ein Appell an das unkontrollierte Sich-Gehen-Lassen, an Instinkt und Flow-Erlebnis. Den Kopf ausschalten, inneren Visionen folgen. Im Grunde genau das, was beim Musikhören oder Musizieren geschehen sollte: Das Ich und der Verstand treten zurück, Menschen kommunizieren ohne Worte und erleben gemeinsame Momente des Flows.

Die Länge und Merkwürdigkeit des Albumtitels und der Songtitel sind inspiriert von der Kunstbewegung des Surrealismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts – von bildenden Künstlern wie Dalí, Max Ernst oder René Magritte. Dalí etwa gab seinen Bildern seltsame Titel, wie zum Beispiel "Atmosphärischer Schädel in Sodomie mit einem Konzertflügel", ein Gemälde aus dem Jahr 1934.
Dieser Idee des Surrealismus, dass alles Absurde und Außergewöhnliche in der Kunst möglich ist, folgt auch die Musik von The Black Cat’s Eye – ohne dass wir uns dabei anmaßen wollten, auch nur annähernd die Genialität und Virtuosität dieser großen Künstler zu erreichen. Es ist eben nur eine Inspiration.
Apropos Pink Floyd – Der Longtrack vom Debüt besitzt dezente 'Meddle'-Referenzen, 'The Magic Balloon' könnte als "Wish You Were Here"-Outtake durchgehen. Sicher eine eurer Inspirationen?
Jens Cappel: Also für mich sind Pink Floyd eher am Rande ein Thema, und da auch eher so die frühen Sachen bis "Live at Pompeji" etwa. Ich habe während der Demo-Erstellung zum neuen Album eher Platten schwedischer Bands von Anfang/Mitte der 70er Jahre gehört, wie etwa Harvesters "Hemat", Kebnekajses "Resa Mot Okänt Mål" oder "Kebnekajse II", Baltik oder die tolle erste Ragnarök Platte von 1976. Da kommt auch eher die Idee her, etwas mit Akkustik-Gitarren zu machen. 'The Magic Balloon' ist ja auch eigentlich auch fast so eine klassische Halb-Ballade, wo es hintenraus noch einmal richtig losgeht. Auf dem Demo war der laute Teil auch etwas rockiger angelegt und nicht so smooth wie jetzt auf der Aufnahme - mal sehen, wie wir das dann live umsetzen.
Dieses Mal gar mit Gesang – wenn auch nur bei einem Track. Ist das ausbaufähig?
Jens: Auf der ersten EP und dem ersten Album waren ja schon Songs mit Gesang bzw. vokalen Passagen, also so neu ist das ja gar nicht. Christian hatte diesmal ausschließlich instrumentale Ideen, und ich hatte 'The Magic Balloon', was mit seiner Stimme auch gut funktioniert hätte. Auf dem Demo habe ich gesungen und Christian meinte dann, wir sollten das so auch auf das Album bringen, also haben wir es versucht. Ich war vorher eher skeptisch, da ja auf den anderen Alben seine Stimme zu hören war; aber alle haben gesagt, das passt so und nun ist es auf der fertigen Platte mit meiner Stimme zu hören. Vielleicht kommt da auch noch mehr, vielleicht gibt es dann auf dem dritten Album noch mehr Gesang, vielleicht auch gar keinen, das liegt aber noch in der Zukunft. Ideen sind genügend da, mal sehen, wo uns das noch hinführt.
Seid ihr von dem Motorpsycho-Bassisten (Bent Sæther, d. Red.) dermaßen fasziniert, dass ihr diesem gar eine Laudatio in Form eines Longtracks gewidmet habt?
Jens: Auch da ist es wieder so, dass Stefan, unser Schlagzeuger und ich Motorpsycho als Band und als Phänomen schon feiern. Ich versuche auch auf jeder Tour mindestens zwei Konzerte zu sehen. Außerdem schafft es meiner Meinung nach keine andere Band im Rock-Kosmos auch nur annähernd so einen quantitativ hohen Output bei weiterhin großer Qualität zu liefern, und das seit über 30 Jahren ohne größere Pausen. Allein die letzte Platte war wieder so ein großer Wurf - Wahnsinn!
Den Titel hatte ich schon länger, diese Umänderung des Priest-Titels 'Hell Bent for Leather' war irgendwie naheliegend… Die Musik hatte als Idee ja eher so ein NEU!-mäßiges Klaus Dinger-Feeling mit diesem durchgehenden Quasi-'Hallogallo'-Beat. Als ich die neue Motorpsycho-Platte dann gehört habe (da hatten wir unsere Aufnahmen ja schon längst beendet), bin ich fast umgefallen; da sind ja gleich drei Songs drauf, die nach diesem Prinzip aufgebaut sind. Motorpsycho haben das natürlich auch schon früher hin und wieder gemacht, aber das war schon ein schöner Zufall und da machte der Titel dann auch musikalisch irgendwie Sinn…
Was war bei "Decrypting Dreams Of Weird Animals And Strange Objects" anders als bei "The Empty Space Between A Seamount And Shock-Headed Julia"?
Jens: Der größte Unterschied ist, dass diesmal zwei Musiker aus der Band zu gleichen Teilen Songs beigesteuert haben: Christian mit einem eher direkten, progressiven Ansatz – ich mit eher sphärischen und rockigen Stücken. Meiner Meinung nach ergänzt sich beides sehr gut. Ganz allgemein ist unsere Musik etwas "härter" geworden – vielleicht als Reaktion auf die unsicheren Zeiten in Gesellschaft und Politik. Wir hatten einfach Lust, es diesmal etwas mehr „krachen zu lassen“.
Kann man hier vom schwierigen zweiten Album sprechen?
Jens: Nein, wir hatten eine Menge mehr Material, das wir nicht verwenden konnten, da Zeit und Budget nur eine einzelne Platte und kein Doppelalbum hergegeben haben. Und man muss auch realistisch sein: wer kauft bei den stetig steigenden Preisen - gerade im Vinyl-Bereich - ein Doppelalbum einer eher unbekannten Band? Es war aus anderen Gründen etwas schwieriger als bei der EP oder bei der ersten Platte, aber das betraf zeitliche Gründe, wer wann und wie aus der Band für die Aufnahmen zur Verfügung stehen konnte. Auch soundästhetische Fragen wurden diesmal ausführlicher diskutiert, als das noch vorher der Fall war. Aber es ist ja gut, wenn man Sachen auf den Prüfstein stellt - durch das Hinterfragen kann man vielleicht letztendlich eher umsetzen, was man im Kopf hört.
Was ist zuerst da? Der Titel oder die Musik?
Jens: Zumindest bei mir ist immer zuerst die Musik da – Riffs und Melodien, mit denen ich experimentiere. Manche Stücke tragen mitunter monatelang Arbeitstitel wie "E-Bass und Riff" oder "Trüffel" (benannt nach einem Huhn). Wenn ein Musikstück dann durch seinen Sound eine Geschichte erzählt, hat es schließlich einen ausführlichen und wohlüberlegten Namen verdient.
Wie läuft das in einer Band, in der gleich drei Gitarristen auf ihr Recht auf Soli pochen?
Christian: Die Rollen sind klar verteilt, und darüber herrscht eine gemeinsame Übereinkunft. Die Idee hinter der Besetzung mit drei Gitarren war, bei Live-Konzerten einen möglichst fetten Sound ohne klangliche Abstriche zu erreichen. So lassen sich interessante Patterns, Verflechtungen und Dopplungen erzeugen. Im Grunde ist die Aufteilung wie folgt: Wolfi spielt im rechten Stereo-Kanal, Steffen im linken, und die Lead-Gitarre mit den Hauptthemen und leitenden Melodien befindet sich in der Stereo-Mitte. Da wir überwiegend instrumental spielen, übernimmt die Lead-Gitarre in der Mitte eine ähnliche Rolle wie der Gesang in einer klassischen Rockbesetzung.
Das schließt allerdings nicht aus, dass jeder Gitarrist auch mal ein Solo spielt – wenn ihm danach ist.


