
Indigenous Groove Metal • Tribal • Acoustic
(21:56; Digital; Season Of Mist; 06.11.2026)
Verschiedene Sprachen haben einen ganz eigenen Klang. Deshalb freue ich mich immer, wenn ein Album einmal nicht auf Englisch, Deutsch, Französisch oder Spanisch eingesungen wurde. Wenn Opeth beispielsweise auf Schwedisch singen, bekommt ihre Musik in meinen Ohren gleich ein anderes Kolorit. Noch spannender wird es bei Sprachen, die unseren Ohren vollkommen fremd sind: OU (Mandarin), Envy (Japanisch), The Hu (Mongolisch) oder Quinquis (Bretonisch) zeigen, wie sehr die eigene Muttersprache den Charakter einer Musik prägen kann – ganz unabhängig davon, was sich instrumental so abspielt.
Mit Mawiza kommt nun eine chilenische Formation hinzu, die auf Mapuzungun singt, der Sprache des indigenen Volkes der Mapuche. Nach dem 2025 erschienenen "Ül" legt das Quartett mit "Iñ Mongeletew" eine akustische EP nach. Drei Stücke des Vorgängers wurden dafür neu interpretiert, hinzu kommen zwei bislang unveröffentlichte Songs. Groove Metal ist das hier zwar nicht mehr, verdammt groovy ist die EP aber trotzdem. Wer eine weichgespülte Folklore-Ausgabe erwartet, darf seine Vorstellung gleich wieder einpacken. Mawiza verzichten auf verzerrte Gitarren und die gewohnte Wucht ihrer Perkussion, nicht aber auf musikalische Eigenständigkeit und kulturelle Verwurzelung.
Wüsste man nicht, welchem Volk Mawiza angehören, ließe sich ihre Musik kulturell kaum eindeutig verorten. Parallelen zu Heilung oder The Hu sind durchaus vorhanden, auch wenn die musikalischen Wurzeln aus einem ganz anderen Umfeld stammen. ’Wingkawnoam’ hätte ich beispielsweise eher irgendwo in Sibirien verortet, während der Gesang in ’Wüzapiwken’ zumindest eine Ahnung davon vermittelt, dass man es mit Musik vom amerikanischen Doppelkontinent zu tun hat. Aber was weiß ich schon, ich bin schließlich kein Ethnologe.
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Dass Musiker mit einer Vorliebe für Tribal- und Folklore-Elemente unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund zusammenfinden, zeigt auch die Verbindung zu Sepultura. Im Oktober 2026 standen Mawiza beim letzten Konzert der Brasilianer in Santiago auf der Bühne und spielten deren ’Kaiowas’ vom 1993er Album "Chaos A.D.". Auch auf "Ül" gab es prominente Unterstützung: Joe Duplantier von Gojira steuerte Gesang zum abschließenden ’Ti Inan Paw-Pawkan’ bei. Auf der akustischen EP müssen wir auf ihn verzichten. Dafür erweitern Mira Ceti von Heilung und Anne Olsen von Danefae gemeinsam mit Fabi Liqen das Stück ’Mür’ um zusätzliche Stimmen.
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Traditionelle Instrumente wie Pifilca und Kultrún sorgen dafür, dass das Ganze nicht wie nachträglich aufgesetzte Folklore-Dekoration wirkt.
Auch inhaltlich bleibt die EP eng mit der Kultur der Mapuche verbunden. Gemeinschaft, Ahnen, Naturverbundenheit und Dekolonisierung ziehen sich durch die Stücke. Besonders ’Mamüll Reke’ verbindet eine ruhige, beinahe rauchige Lagerfeueratmosphäre mit dem Gedanken an Widerstand und den Erhalt überlieferten Wissens. Zum Abschluss schlägt ’Ti Inan Paw-Pawkan’ wieder einen düstereren Ton an und richtet den Blick auf Umweltzerstörung und den Verlust natürlicher Lebensräume. Mapuzungun ist zudem eine bedrohte Sprache, deren Weitergabe an jüngere Generationen zunehmend schwieriger wird. Dass Mawiza konsequent darin singen, ist deshalb weit mehr als ein ungewöhnliches Stilmittel. Sprache, Instrumentierung und kulturelle Identität bilden hier eine überzeugende Einheit.
Allerdings hat die konsequente akustische Ausrichtung auch ihre Schattenseiten. Die Abkehr von internationalen Metal-Klängen führt zwar näher an die Kultur der Mapuche heran, nimmt der Musik aber zugleich eine entscheidende Ebene, an die Hörer westlicher Musik anknüpfen können. Gerade die verzerrten Gitarren, die wuchtigen Grooves und die Nähe zu Bands wie Gojira oder Sepultura bildeten auf "Ül" eine musikalische Brücke, die hier bewusst wegfällt. Wer die Metalversionen der Stücke bereits kennt, dürfte sich mit den akustischen Neuinterpretationen allerdings leichter tun. Deshalb empfehle ich jedem, der eher auf Gojira und Sepultura als auf Heilung steht, zunächst "Ül" anzuhören und sich anschließend auf die andere Klangwelt von "Iñ Mongeletew" einzulassen. Die akustische Variante macht den kulturellen Hintergrund zwar greifbarer, aber nicht zwangsläufig den Zugang zur Musik einfacher. Eine spannende Ergänzung zum Vorgänger ist die EP allemal, dessen musikalische Vielseitigkeit und unmittelbare Durchschlagskraft erreicht sie für mich jedoch nicht.
Bewertung: 10/15 Punkten
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Besetzung:
• Awka - Gesang, Rhythmusgitarre
• Karü - Leadgitarre, Hintergrundgesang
• Zewü - Bass, Hintergrundgesang
• Txalkan - Schlagzeug, Perkussion
Gastmusiker:
• Fabi Hidalgo - Gastgesang auf 'Mür'
• Anne Olsen - Gastgesang auf 'Mür'
• Mira Ceti - Gastgesang auf 'Mür'
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Season Of Mist zur Verfügung gestellt.

