
Experimental Jazz • Avantgarde • Metal
(31:54; Vinyl, CD, Digital; Boomslang Records; 18.09.2026)
Was passiert eigentlich mit unserer Wirklichkeit, wenn wir aufhören, sie zu beobachten? Und was hat der Mond damit zu tun? WOBBLE8 liefern mit "The Moon Is Not There When Nobody Looks" keine Antworten, sondern eine ziemlich eigenwillige musikalische Versuchsanordnung. Das Berliner Quartett bewegt sich zwischen experimentellem Jazz, metallischer Schwere und elektronischen Klangexperimenten. Das Ergebnis ist sperrig, düster und bisweilen verstörend, entwickelt aber gerade dadurch eine ganz eigene Faszination.
Schon die ungewöhnliche Besetzung sollte neugierig machen: Schlagzeug, Baritonsaxofon, Synthesizer und Bass VI. Eine Gitarre braucht es hier nicht, um Druck zu erzeugen. Stattdessen baut sich ein Klanggebilde auf, das mal bedrohlich dröhnt, mal nervös zuckt und dann wieder in überraschend hypnotische Passagen kippt. Das Saxofon sorgt für eine raue, fast körperliche Präsenz, während elektronische Klänge die Musik immer wieder in unwirkliche Sphären verschieben. Darunter arbeitet ein Bass, der dem Ganzen die nötige Schwere verleiht, während das Schlagzeug mit irrsinnig verschachtelten Rhythmen dafür sorgt, dass man sich auf vermeintlich sicherem Terrain besser nicht zu früh einrichtet.
Entscheidend ist dabei, wie die vier Musiker miteinander umgehen. Valentin Schuster hält das rhythmische Geschehen in Bewegung, ohne sich auf die Rolle eines bloßen Taktgebers zu reduzieren. Seine Schlagzeugarbeit treibt die Musik voran, verschiebt ihre Schwerpunkte und lässt selbst vermeintlich stabile Passagen jederzeit kippen. Sofia Salvo setzt mit ihrem Baritonsaxofon markante, krasse Akzente, mal dunkel und druckvoll, mal suchend und beinahe geisterhaft. Sebastian Pfeifer erweitert das Geschehen mit elektronischen Klängen, die keineswegs dekorative Ergänzung sind, sondern vielmehr ein eigenständiger Bestandteil dieser (scheinbar) sonderbaren Klangwelt. Und Dan Peter Sundland liefert mit dem Bass VI das tiefe Fundament, auf dem sich die anderen Stimmen reiben und gegenseitig herausfordern. Und wenn er dann noch singt, oder klagt, oder was auch immer, klappen die Kinnladen reihenweise nach unten. Das Entscheidende ist jedoch nicht die Leistung des Einzelnen, sondern das Zusammenspiel: Hier wird nicht einfach eine ungewöhnliche Besetzung vorgeführt. Die vier Musiker bringen ihre Ideen in einen permanenten Dialog, der auch dann spannend bleibt, wenn die Musik ihre Richtung scheinbar vollständig verliert. Dieses Zusammenwirken ist atemberaubend!
Der Albumtitel liefert dazu einen passenden gedanklichen Rahmen. Die Frage, ob der Mond auch dann existiert, wenn niemand hinsieht, verweist auf die Verbindung zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit. WOBBLE8 machen daraus glücklicherweise keinen philosophischen Vortrag, sondern lassen die Musik selbst zum Experimentierfeld werden. Vertraute Strukturen tauchen auf, verändern sich und verschwinden wieder. Gerade wenn man glaubt, einen Zugang gefunden zu haben, wird die Perspektive erneut verschoben. Das ist anspruchsvoll, aber keineswegs bloß verkopft. Die Musik besitzt eine unmittelbare körperliche Wucht, die verhindert, dass sich das Ganze in theoretischen Überlegungen verliert.
Wie viel Energie und Eigenleben in diesem Ansatz stecken, ließ sich beim Freakshow Festival in Würzburg und bei der AG Tanztee im KuBa Jena besonders eindrucksvoll erleben. Live entfalten WOBBLE8 eine Intensität, die über das Album noch einmal deutlich hinausgeht. Die sperrigen Rhythmen greifen unmittelbarer an, die Improvisationen wirken riskanter und die düsteren Klanglandschaften gewinnen eine geradezu physische Präsenz. Man spürt, wie die Musiker aufeinander reagieren, Ideen aufnehmen, verwerfen und in neue Richtungen treiben. Nichts wirkt endgültig festgelegt, obwohl das Zusammenspiel keineswegs beliebig erscheint. Gerade diese Mischung aus Kontrolle und Kontrollverlust macht den besonderen Reiz ihrer Auftritte aus. Das Geheimnisvolle, das der Musik auf Platte bereits innewohnt, wird auf der Bühne regelrecht greifbar.
"The Moon Is Not There When Nobody Looks" ist ein eigenwilliges Album, das sich zwischen Jazz, Metal und elektronischer Experimentierfreude seinen ganz eigenen Platz sucht. WOBBLE8 verlangen Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, vertraute Hörgewohnheiten über Bord zu werfen. Dafür bekommt man eine Musik, die gleichermaßen verstört, fordert und fasziniert. Die Platte ist bereits ein intensives Erlebnis, doch wer die Band live gesehen hat, weiß, dass sich ihre ganze Wucht und improvisatorische Freiheit erst auf der Bühne offenbaren. Hier wird aus einer ungewöhnlichen musikalischen Idee ein unberechenbares Klangabenteuer, das sich einer einfachen Erklärung konsequent entzieht.
Bewertung: 13/15
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Besetzung:
• Valentin Schuster – Schlagzeug
• Sofia Salvo – Baritonsaxofon
• Sebastian Pfeifer – Synthesizer
• Dan Peter Sundland – Bass VI
Surftipps:
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Abbildungen: WOBBLE8/Boomslang Records

