
Progressive Rock • Experimental Rock • Noise Rock • Psychedelic Rock • Stoner • Doom
(40:50; Vinyl, CD, Digital; Season Of Mist, 17.10.2026)
Stilistische Veränderungen gelten gemeinhin als Weiterentwicklung. Passiert ein solcher Richtungswechsel allerdings mitten in einer Albumtrilogie, darf man sich fragen, ob hier die natürliche Entwicklung oder doch das Konzept Regie führt. Denn "Songs To Moon" ist alles andere als ein typisches Stoner-Album. Wobei Stoned Jesus ohnehin nie nur aus schweren Riffs bestanden: Doom, Progressive Rock und Grunge gehören seit jeher zum musikalischen Baukasten. Oder vielleicht besser gesagt: zum Baukasten von Igor Sydorenko, schließlich vervollständigen Andrew Rodin und Yurii Ciel das Trio erst seit "Songs To Sun".
Der Vorgänger lotete diese Einflüsse mit ordentlich Druck und teils überraschenden Wendungen aus. "Songs To Moon" hat mich deshalb ziemlich kalt erwischt – mit einer stilistischen Ausrichtung, die ich der Band so nicht zugetraut hätte. Der Auftakt 'Under The Skin' täuscht zunächst noch Vertrautheit vor: Finster, aggressiv und schwer schiebt sich der Song mit harschen Vocals durch postmetallisches Gelände. Lediglich die fuzzy Gitarre gibt einen Hinweis darauf, wer hier tatsächlich am Werk ist. Doch die Stoner-Riffs sind bald nicht mehr als ein ferner Bekannter. Stattdessen übernehmen Melancholie, Alternative Rock und akustische Passagen das Kommando.
'Velvet' kombiniert einen schleppenden, doomgazeartigen Groove mit einem verdammt einprägsamen Refrain. Igor Sydorenkos Stimme erinnert mich dabei, wie schon auf dem Vorgänger, immer wieder an Tool-Frontmann Maynard James Keenan. Grunge schimmert aus jeder Pore, ohne dass der Song seine eigene Handschrift verliert. 'ZYX' überrascht nach den ersten beiden Nummern dann vollends: eine melancholische Akustiknummer, in der Grunge auf proggige Strukturen trifft und die rhythmisch einiges zu bieten hat. Vom klassischen Stoner-Sound ist hier nicht einmal eine Spur zu finden. Ein wunderbares Stück.
Das instrumentale 'Syzygy' nimmt das Tempo aus der Sache. Verträumte Gitarren wecken Erinnerungen an Soundgarden, dezente Keyboards setzen atmosphärische Akzente, und \Renie Fiske\ steuert ein Gastsolo bei. Eine bittersüße Nummer zum Schweben, Träumen und Sehnsüchteln. Mit 'Jackal' zieht anschließend wieder Unheil auf. Die bedrohliche Stimmung lässt zunächst eine Doom-Nummer vermuten, doch stattdessen entfaltet sich ein düsteres Prog-Stück mit Spoken Words, unvorhersehbaren Rhythmuswechseln und einer gehörigen Prise Wahnwitz. Hier scheint jederzeit etwas aus dem Ruder laufen zu können – und genau das macht den Reiz aus.
Mit knapp achteinhalb Minuten ist 'Window In My Room' der längste Track des Albums, aber keineswegs dessen große Prog-Übung. Stattdessen gibt es melancholischen Alternative Rock, dessen bedächtige Dynamik zum Titel passt. Die eigenen vier Wände werden zum Rückzugsort, während die Welt draußen immer weiter abrückt. 'One More Empty Day' setzt schließlich den passenden Schlusspunkt: Akustikgitarre und eindringlicher Gesang machen aus dem intimen Stück einen Song, der seinem Titel alle Ehre erweist und unter die Haut geht. Die emotionale Wirkung erinnert an Nine Inch Nails und 'Hurt', ohne ganz in dessen Liga zu spielen. Auch A Silver Mt. Zion schimmern stellenweise durch. Am Ende bleibt kein großer Knall, sondern ein stiller Nachhall, der sich nicht so schnell abschütteln lässt.
"Songs To Moon" ist ein Album, das mich überrascht hat, ohne mich von seiner Qualität überzeugen zu müssen. Es ist stilistisch abwechslungsreich, reizt die Kontraste aber weniger extrem aus als "Songs To Sun". Dafür wirkt es in seiner melancholischen Grundstimmung geschlossener und konsequenter. Der unmittelbare Druck des Vorgängers fehlt zwar gelegentlich, doch das ist kein Qualitätsverlust, sondern Teil dieser ungewohnten Ausrichtung. Ob natürliche Weiterentwicklung oder konzeptioneller Mondkurs innerhalb der Trilogie: Stoned Jesus bleiben auch ohne Dauerbeschuss aus dem Riff-Feuerwerk spannend. "Songs To Moon" steht für mich qualitativ auf derselben Stufe wie sein Vorgänger.
12/15 Punkten
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Besetzung:
• Igor Sydorenko – Gesang, Gitarre, Bass, Keyboards
• Andrew Rodin – Bass, Hintergrundgesang
• Yurii Ciel – Schlagzeug, Hintergrundgesang
Surftipps:
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Season Of Mist zur Verfügung gestellt.

