Fusion • Jazz
(1:02:02; CD, Digital; Eigenproduktion; 11.09.2026)
Shakespeare war ein Progressiver, ein Jazzer, ein Revolutionär, sagt Caroll Vanwelden! Und dieses Album ist ProgJazz! Damit wäre das schon mal einsortiert. Obwohl Caroll noch nie etwas von Schubladendenken gehalten, geschweige denn selbst praktiziert hat, sondern einfach nur ihre Musik komponiert und produziert. Doch dazu komme ich später noch. Zunächst einmal: Ich persönlich habe mich mit Shakespeare noch nie beschäftigt und erst im Rahmen dieser Rezension und den dazugehörigen Recherchen gelernt, wie Sonette geformt sind. Ist allerdings nur Allgemeinbildung und zum Hören völlig unwichtig.
Meine Empfehlung für den Leser, der bis hier gekommen ist: Sonett 144 auflegen und reinhören, dann ist alles klar:
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Wir haben hier eine Pianistin und Sängerin, einen Cellisten und einen Keyboarder, dazu elektronische Effekte, die dezent eingesetzt werden. Keine Rhythmussektion, und die fehlt auch überhaupt nicht, denn der Rhythmus ist einfach da. Laut Caroll haben die Sonette schon von sich aus einen ganz eigenen Rhythmus.
Spannend bei diesem Album ist: Alle aktuellen YouTube Videos und somit auch das Album an sich wurden live aufgenommen. Eine Hälfte bei Caroll zuhause, wobei sich diese drei Musiker dabei zum ersten Mal trafen, knapp drei Wochen vor ihrem ersten Auftritt. Das hier ist sozusagen eine echte Live-Session ohne gemeinsame Vorbereitung. Die Kompositionen sind von Caroll, die ihren Mitmusikern Keyboarder Dominique Vantomme, ein Freund noch aus Zeiten des Konservatoriumbesuchs, und dem Cellisten Jean-François Assy die Kompositionen ein paar Wochen im Voraus schickte. Die andere Hälfte der Stücke dieses Albums stammen von den Livekonzerten in Neuss bei dem 2025er Shakespeare-Festival. Im Unterschied zu den vorhergehenden Festivals in Neuss hieß dieses Inside/Out, da die Original Location in Neuss abgerissen und das Festival sozusagen in die Stadt gespült wurde. Aus diesem Grund hat sie ihren bisherigen Shakespeare-Sonetten eine Inside/Out-Transformation angedeihen lassen, musikalisch und auch interpretativ.
So entstand "Shakespeare Revisited".
Wie klingt nun die Musik? Was ist daran so faszinierend, dass ich eine sehr seltene Topbewertung von 15 Punkten abgebe? Nun, da sind zuerst die drei Musiker, die einfach perfekt sind, ohne dabei aber steril zu klingen, sondern einfach völlig organisch, zum Dahinschmelzen. Dann ist da Carolls Stimme, die ganz wie ihr großes Idol Ella Fitzgerald alle Nuancen des Gesangs beherrscht, dies in einem warmen, tiefen Alt. Die ganz dezent eingesetzten elektronischen Elemente fallen selten direkt auf, bringen aber erfrischende Abwechslung und plastische Tiefe in die Musik. Der Dialog zwischen Stimme und Cello ist ziemlich einmalig und ganz große Kunst. Shakespeares Texte werden im Original-Englisch rezitiert beziehungsweise gesungen und klingen doch in dieser Fassung einfach nur atemberaubend modern. Mich verblüfft am meisten, wie rhythmisch dieses Album wirkt, ohne dass ein einziges Percussion-Element zu vernehmen ist. Der Rhythmus ist mal in der Stimme, mal in der Basslinie, mal in Akkorden oder Tonwiederholungen, oder sogar in minimalen Pausen.
Pausen und Stille sind ein von den Musikern ganz bewusst eingesetztes musikalisches Element, aber auch das fällt erst beim analytischen Hören auf. Alle Elemente wandern ständig durch alle Instrumente, sodass in jedem Stück ein musikalischer Fluss entsteht und eine Landschaft aus Klangfarben, Melodien, Akkorden und Rhythmus fast greifbar wird. Es ist wirklich schwierig zu beschreiben, was jetzt genau diese Faszination ausmacht und warum dieses Album so um ein Vielfaches besser ist als vergleichbare Alben, s'isso.
Caroll selbst verwies mich auf die folgende,wunderbare, englische Rezension des Albums. Da kann ich nur mit dem Kopf nicken und muss ja nichts wiederholen, was schon geschrieben wurde.
Der geneigte Leser, der hier noch immer dabei ist und eventuell schon reingehört hat, wird verstehen, warum ich Caroll um ein Interview gebeten habe, um mehr über sie und ihre musikalische Vision zu erfahren. In dem mehrstündigen Interview, das ganz kurzfristig geplant wurde, erzählte sie mir, wie dankbar sie dem deutschen Publikum, den deutschen Förderern der Kulturszene und auch den deutschen Musikern für die jahrelange Treue, Unterstützung und Zusammenarbeit ist.
Warum nun Shakespeare? Die Geschichte dazu ist echtes Leben: In ihren jungen Jahren, gegen Ende ihres Ingenieurstudiums in Brüssel, meldete ihre Mutter sie ohne ihr Wissen zu einem Casting für eine Puccini-Inszenierung im belgischen Fernsehen an. Als letzte Kandidatin, nach einem Tag des Wartens zwischen lauter professionellen Opernsängern/innen, wurde sie zu ihrer Überraschung ausgewählt und absolvierte so ihren ersten öffentlichen Auftritt, sozusagen als Amateursängerin. Erst danach begann sie ihr Musikstudium an der berühmten Londoner Guildhall School of Music & Drama. Derselbe musikalische Leiter dieses ersten Projekts kontaktierte sie später, als er ein Shakespeare-Projekt in Wien plante und ihre Stimme dafür wollte. Das Projekt wurde aufgrund diverser künstlerischer Differenzen nie realisiert, aber so kam Caroll zu Shakespeare - oder umgekehrt.
Auf meine Frage hin, wie sie denn aus einem Sonett Musik macht, erklärte sie mir Folgendes:
Caroll Vanwelden - Composer
Nachdem das Projekt gestorben war, kaufte ich mir ein Buch mit Shakespeare-Sonetten, stellte mir das aufs Klavier und las die ersten Zeilen. Du musst verstehen, diese Sonette sind an sich schon Musik in Wortform. Da ist Rhythmus in den Zeilen. Sobald ich ein Sonett fand, das in mir etwas klingen ließ, entschied ich mich dafür und die Musik entstand.
Dass sie noch vor ihrer musikalischen Karriere zwei Kinder bekam und mit ihrer Familie nach Heidelberg umzog, klingt vielleicht wie ein Nebensatz, aber es war eine kraftraubende Zeit, von der sie heute nicht mehr weiß, wie sie das alles durchgestanden hat, nur, dass vier Stunden Schlaf reichen mussten. Trotzdem verbindet sie nur positive, ermutigende Bilder mit dieser ersten Zeit:
Ich hatte die drei Musiker gefunden, mit denen ich mein erstes Konzert im November 2012 in Mannheim spielen sollte. Ich selbst war öffentlich bisher lediglich als Sängerin aufgetreten und wollte nie auf der Bühne Klavier spielen, da ich mich selbst nicht gut genug fand. Allerdings habe ich mich auch nie wohlgefühlt, in einer Jazzformation an der Front zu stehen und die Musiker sozusagen hinter mir. Da sagten die anderen drei Musiker zu mir: "Caroll, kein anderer Pianist wird die Stücke so spielen wie Du und außerdem klingst Du doch wunderbar. Also warum noch einen Pianisten dazunehmen, das wird schon". So konnte ich mich endlich als Teil des Quartetts fühlen, stand nicht mehr vorne am Mikrofon und nun übte ich täglich stundenlang, um meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Dann kam das erste Konzert. Ich konnte nur mäßiges Deutsch mit flämischem Akzent (Anmerkung: klingt ein bisschen wie Rudi Carrell) und hatte mir alle Zwischenmoderationen auf Deutsch vorbereitet und auswendig gelernt. Aber völlig unwichtig wie mein Deutsch klang, ich sprach es und das Publikum war völlig aus dem Häuschen.
Caroll Vanwelden - Shakespeare Revisited Bandfoto
Ihre Shakespeare-Kompositionen verteilen sich auf insgesamt vier Alben:
2012 - Shakespeare Sonnets I
2014 - Shakespeare Sonnets II
2017 - Shakespeare Sonnets III
2026 - Shakespeare Revisited
2013 übrigens entstand ein anderes Album mit Coverversionen ihrer liebsten Jazzkompositionen: "Don´t Explain - Songs of the 40s" - Anspieltipp: 'Black Coffee' - eine ergreifendere Version habe ich nie gehört. Es gibt auch ein Album von 2009 "Cheek to Cheek - Songs of the 30s", das ich noch nicht gehört habe, aber es geht ja bei diesem kurzen Einblick in ihre Diskografie nur darum, die Vielfältigkeit ihrer Musik zu illustrieren. Für ihr 2016er Album "Portraits of Brazil" lernte sie brasilianisches Portugiesisch und im Ernst: Das klingt so echt, man würde glauben, sie spricht fließend Brasilianisch - sagen sogar ihre Mitmusiker von damals. Sie beherrscht die Sprache allerdings überhaupt nicht, ist nur einfach Perfektionistin mit einer tiefen Liebe zur Musik und dem Wunsch, jede Musik so authentisch wie möglich wiederzugeben.
Heute wohnt Caroll wieder in ihrer Heimatstadt Gent in Belgien, plant ihre aktuelle Tournee und wird geflutet mit Anfragen aus der ganzen Welt. Leider, so sagt sie, ist es aufgrund der weltweiten Kürzungen in den Fördertöpfen der Kulturszene immer schwieriger, eine Tournee zu organisieren - was sie übrigens auch komplett selbst macht. Trotzdem: sie freut sich auf ihre geplanten Live-Auftritte und hat nun endlich auch ein paar Merch-Artikel, die sie in den Konzertpausen persönlich verkauft. Ihre eigene Modekollektion (Caps, T-Shirts und Hoodies) mit dem Aufdruck 144 - ihrem (und meinem) liebsten Sonett - ist aus diesem Grund entstanden.
Sie wird von Universitäten weltweit, aber auch von Gymnasien in Deutschland (meistens Englisch- und Musikleistungskurse) zu Workshops eingeladen und sie ist immer begeistert von den Begegnungen mit jungen Menschen. Dazu liebt sie Deutschland, da Crossover Projekte hier viel neugieriger und offener angenommen werden. Warum aber steckt sie selbst dann in dieser Jazz-Schublade? Das liegt daran, dass Kulturförderung nun mal in Schubladen organisiert ist. Sie selbst sieht sich als eine Crossover Musikerin, was ihr aktuelles Album klar beweist.
Übrigens hat sie dieses Album integral selbst produziert, hat sehr viel gelernt über Software, Studioarbeit, Mixing und vieles mehr. Diese Arbeit im Studio, die Lernkurve, das alles ist ihre geheime Passion. Ein Schelm, wer hier an ihr Ingenieurstudium denkt. Die meiste Zeit verbringt sie aktuell auf Social Media, da Promotion nun mal darüber läuft und zehn verschiedene Social Media Kanäle viel Aufmerksamkeit verlangen.
Ich fragte sie, wie es nun weitergeht?
Ach weißt Du, ich habe noch 18 fertig komponierte Pop Songs und ich habe riesig Lust, damit etwas zu machen. Bisher waren die mir noch nicht gut genug, die Songs sind zum Teil recht alt und müssen überarbeitet werden, aber vielleicht wird das nächste Album ein Popalbum. Dann würde sich ein Kreis schließen, denn mein allererstes Album "Colours" (2008) war schon ein Popalbum. Jetzt aber erstmal die Tour und dann schaue ich mal. Lust auf Pop hätte ich schon.
Ich bin gespannt, was kommt und bis dahin gibt es genug Hörmaterial, um die Zeit zu überbrücken, denn ihre Stimme, daran kann ich mich nicht satthören. Bewertung: 15/15 Punkten
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Bandcamp. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Als angehende Seniorin dem Prog schon lange verbunden und regelmäßig auf den Progfestivals in und um Deutschland zu finden, ist der Status meiner Prog-Beziehung heute "eher frustriert". Daher bin ich eine Suchende in den Paralleluniversen von Jazz und zeitgenössischer klassischer Musik. Hauptsache, es ist Musik die bewegt, mit Ecken und Kanten und vor allem nicht leicht konsumierbar.
Selbst aktive Musikerin in verschiedenen Sinfonischen Blasorchestern und kammermusikalischen Gruppierungen (Fagott)
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Turnstile. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Vimeo. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.