
Progressive Metal • Atmospheric Metal
(52:22; Vinyl, CD, Digital; Music Theories Recordings/Artone; 06.02.2026)
Zehn Jahre nach "Machina Viva" und fünf Jahre nach der EP "A Darkened Sun" kehren Wolverine mit "Anomalies" zurück. Und ja, natürlich ist es ein „glorreiches Comeback“. Steht schließlich irgendwo im Pressetext – und Pressetexte lügen bekanntlich nie.
Wer sich an "A Darkened Sun" erinnert, weiß: Wolverine konnten 2021 düster. Richtig düster. Als audio-visuelles Gesamtkunstwerk funktionierte das wie ein dystopischer Sog, musikalisch allein fehlte damals ein wenig die visuelle Dimension, die die Schwermut relativierte. Heavy war weniger das Riffing als das Ambiente. Weltuntergang im Synthie-Gewand, mit Stefan Zells emotionalem Gesang als letzter menschlicher Restwärme.
"Anomalies" geht nun einen anderen Weg. Die melancholische Grundstimmung ist geblieben – aber diesmal schimmert deutlich mehr Licht durch die Risse. Sanfte Melodien tragen viele der neun Songs, dramatisch und zerbrechlich wirken sie, ohne sich in Trostlosigkeit zu suhlen. Wo "A Darkened Sun" streckenweise wie ein akustischer Existenzkrisen-Marathon wirkte, setzt das neue Album stärker auf Balance.
Und für alle, die insgeheim auf eine Rückkehr zu den Death-Metal-Elementen der Anfangstage gehofft haben: Nein. Auch 2026 wird hier nicht gegrowlt, als hätte man die Neunziger in einer Kühlkammer konserviert. Der frühe, melodisch angehauchte Death Metal ist längst Vergangenheit. Wolverine bleiben konsequent im melancholischen Prog-Metal-Kosmos – gereift, kontrolliert, reflektiert.
Zells Stimme steht erneut im Zentrum. Voller Emotionen, introspektiv, gereift. Man glaubt ihm jedes Wort über verlorene Orientierung, Älterwerden und das Gefühl, das eigene Potenzial vielleicht nicht ganz ausgeschöpft zu haben. Aber anders als auf der EP klingt hier nicht mehr alles nach Endstation Nacht. 'Nightfall' etwa kombiniert eingängige, fast poppige Hooks mit Texten über Todesangst.
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Wolverine goes pop. (Stefan Zell)
Keine Sorge: Das hier ist Pop im Sinne von Melodie, nicht im Sinne von Belanglosigkeit.
Überhaupt: Die Hooks greifen schnell und setzen sich fest. Ein wenig Pop hier, ein wenig Pathos dort – aber niemals anbiedernd oder verkitscht. Das Album ist recht ruhig, sehr melodisch, eher straight als verspielt. Die vielzitierte Trilogie aus 'A Perfect Alignment', 'Circuits' und 'A Sudden Demise' bringt zwar vertrackte Passagen ins Spiel, doch insgesamt wirkt "Anomalies" fokussierter als manch früheres Werk.
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Neben Zell prägt vor allem Per Henriksson mit seinen ausladenden Keyboard-Sounds den Charakter des Albums. Seine Flächen betören, umhüllen, öffnen Räume. Die Gitarren arbeiten weniger mit Aggression als mit Atmosphäre. Und doch: Metal ist dieses Album weiterhin – nicht wegen Dauerfeuer-Riffs, sondern wegen seines kraftvollen Fundaments, dieser dunklen Schwere, die unter der melodischen Oberfläche brodelt.
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Im Vergleich zu "A Darkened Sun" fehlt diesmal bewusst die cineastische Zusatzebene – und siehe da: Die Songs funktionieren auch ohne visuelle Krücke. Vielleicht, weil sie unmittelbarer gedacht sind. Leicht zugänglich, ergreifend und trotzdem mit Tiefgang.
Revolutionär ist das alles nicht. Aber es ist reif, stimmig und emotional ehrlich. Wenn "A Darkened Sun" der düster-melancholische Soundtrack einer existenziellen Selbstbefragung war, dann ist "Anomalies" die reflektierte Antwort darauf: weniger dystopisch, mehr hoffnungsvoll – ohne die Schatten zu verleugnen.
Und seien wir ehrlich: In Zeiten von Filterblasen, Fake News und Dauerüberreizung ist es fast schon eine Anomalie, wenn eine Prog-Metal-Band einfach starke, melodische Songs schreibt, die unter die Haut gehen, ohne dabei in Pathos-Kitsch oder technische Selbstverliebtheit abzurutschen.
Bewertung: 11/15 Punkten
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Besetzung:
• Stefan Zell - vocals
• Jonas Jonsson - guitar
• Thomas Jansson - bass
• Marcus Losbjer - drums
• Per Henriksson - keyboards
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Mascot Label Group zur Verfügung gestellt.

