
(59:44; Digital; Mighty Jam Music Group; 28.11.2025)
Wenn in der Welt des Progressive Rock noch irgendein Rest von Gerechtigkeit herumlungert – vielleicht hinter der nächsten Mellotron-Wolke, oder gut versteckt unter Steven Wilsons nackten Füßen –, dann wird "Pachinko" in ein paar Jahren in einem Atemzug mit den richtig großen Klassikern genannt werden. Und zwar nicht im Sinne von: "Joa, ganz nett, kann man mal laufen lassen", sondern eher: "Warum zur Hölle hab ich dieses Album nicht schon viel früher gehört?"
Ich weiß nicht, wie oft ich "Pachinko" mittlerweile durchgehört habe. Vermutlich häufiger als mir meine Nachbarn verzeihen können. Aber ich weiß eines ganz genau: Dieses Album geht einfach nicht weg. Es klebt im Hirn wie Kaugummi im Sommer auf dem Gehweg – nur deutlich schöner und erheblich weniger eklig. Und ich bezweifle zutiefst, dass sich das irgendwann ändern wird.
Neu erfunden haben die Norweger das Rad natürlich nicht – wobei ich mir nicht sicher bin, ob Moron Police nicht heimlich doch irgendwo an einer Art Prog-Rundum-Sorglos-Zeitmaschine basteln. Aber was sie hier mit ihrem vierten Longplayer abliefern, läuft so geschmeidig, rund und liebevoll poliert, dass man sich fragt, ob sie die letzten Jahre vielleicht in einem hyperfunktionalen Kreativitätslabor eingeschlossen waren.
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Schon das Cover zeigt: "Pachinko" steht klar in der Tradition des Vorgängeralbums "A Boat On The Sea". Bunt, verspielt, völlig gaga – und zugleich auf eine perfide Art genial. Genau der Sweet Spot, in dem Moron Police schon immer am liebsten verweilen.
Der kleine Ausflug mit der "The Stranger And The Hightide"-EP ins Country-&-Western-Gebiet? Ja, der gehört endgültig der Vergangenheit an. Aber das hier ist trotzdem ein Album, das nur von einer Band stammen kann, deren musikalischer Horizont so weit über den klassischen Prog hinausragt wie eine Fretless-Basslinie von Christian Fredrik Holtsteen über den Simplizitätsanspruch eines Formatradio-Programmdirektors.
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Was Moron Police hier verarbeiten, sprudelt nur so vor Inspiration. Und wenn ich "sprudelt" sage, meine ich eigentlich: explodiert in einem fröhlich-chaotischen Funkenregen voller WTF-Momente.
Klassischer Prog? Check.
Der leicht durchgeknallte Fusion-Einschlag von *Thank You Scientist*? Ebenfalls check.
Der Wahnsinns-Faktor von Primus? Doppelcheck mit Ausrufezeichen.
80er-Synthpop? Aber sicher doch.
Rhythmik à la The Dillinger Escape Plan? Ja, nur etwas gezügelter.
Rock-Opern-Extravaganz wie bei The Dear Hunter? Natürlich, warum auch nicht.

Nach dem tragischen Unfalltod ihres Drummers Thore Omland Pettersen war lange unklar, ob Moron Police überhaupt weitermachen würden. Und ganz ehrlich: Niemand hätte es ihnen übel genommen, wenn sie es nicht getan hätten.
Aber nun, drei Jahre später, ist klar: Es war die richtige Entscheidung. "Pachinko" ist nicht weniger als ein musikalisches Denkmal. Ein Album, das Thores kreativen Geist nicht ersetzt, sondern weiterträgt. Und das er – da bin ich mir absolut sicher – mit stolzgeschwellter Brust abgenickt hätte.
Dass Billy Rymer (The Dillinger Escape Plan) die Drums übernommen hat, ist mehr als eine Fußnote. Er verpasst diesem Album einen Drive, der zwischen feinfühlig, absurd virtuos und völlig jenseitig pendelt. Ohne ihn wäre "Pachinko" ein anderes Album – und vermutlich ein weniger irrwitziges.
Das Konzept?
Ein Typ verwandelt sich in Tokio in eine fühlende Pachinko-Maschine.
Ja, das meint die Band ernst.
Und nein, es wird dadurch nicht weniger großartig.
60 Minuten lang gibt es Non-Stop Moron-Police-Action, wie die Band selbst trocken formuliert. Ein Konzeptalbum zwischen Progressive Rock, Jazz, Fusion, Pop, Musical und Progressive Metal – also basically überall und nirgendwo, aber immer exakt da, wo es dramaturgisch Sinn ergibt. Oder zumindest Spaß macht. Oft beides.
Die Arrangements sind schier irre: Streicher, Hörner, Saxophon, Oboe, Piano, Banjo, Synths, Programming – alles wird zu einem wilden, aber nie chaotischen Mosaik verwoben. Das erinnert immer wieder an große, genregrenzensprengende Namen – und klingt doch nie wie ein Klon. Moron Police bleiben Moron Police.
"Pachinko" ist ein Meisterwerk. Punkt. Nicht im elitären "Das musst du drei Jahre studieren, um es zu verstehen"-Sinne. Sondern in diesem herrlich ehrlichen, lebensbejahenden "Das hier ist Kunst, und du darfst Spaß daran haben"-Sinne.
Es ist ein Album, das weint, lacht, strahlt, explodiert, tröstet und zwischendurch völlig durchdreht.
Ein Album, das sich ständig weiterentwickelt.
Eines, das die Grenzen des Prog spielerisch überschreitet, statt sich daran aufzuhängen.
Und eines, das seine eigene Absurdität feiert, ohne jemals die emotionale Tiefe zu verlieren.

Bewertung: 15/15 Punkten
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Besetzung:
• Sondre Skollevoll - Guitars, vocals, backing vocals, synths, piano, double bass, desert bass, banjo, percussion, programming, string & horn arrangements
• Lars Christian Bjørknes - Synths, piano, organs, melodica, percussion, backing vocals, programming, string & horn arrangements
• Christian Fredrik Holtsteen - Bass, fretless bass
• Thore Omland Pettersen (†)- Drum Outro ('Giving Up the Ghost')
Gastmusiker:
• Billy Rymer - Drums
• William Grøv Skramsett - Trumpet
• Morten Norheim - Saxophone
• Claudia Cox - Violin, Hardanger Fiddle
• Marius Westling - Violin, Hardanger Fiddle
• Oleg Bezuglov - Violin, Hardanger Fiddle
• Gabriel Bastos - Violin, Hardanger Fiddle
• Simen Hallset - Additional Backing Vocals
• Edgar Vivas - Cello
• Felipe Manuel Sosa - Oboe
• Robert Julian Badenhope Hvistendahl - Percussion
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Abbildungen: Moron Police/Bandcamp

