Wilderun – Epigone

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Wilderun – Epigone (Century Media, 07.01.22)(1:02:42, Vinyl (DoLP)/CD/Digital, Century Media, 2021)
Es ist schön, miterleben zu können, wie vielversprechende Bands nach einer grandiosen Eigenveröffentlichung die Lorbeeren einfahren und einen Plattenvertrag bei einem renommierten Label finden. Umso größer ist die Freude, wenn sie dem Erwartungsdruck des Labels standhalten und ein Album abliefern, das seinem Vorgänger qualitativ in nichts nachsteht und gleichzeitig nicht einfach ein Klon davon ist – wodurch die Band zu ihren eigenen Epigonen würde.

All dies trifft genau so auf die Bostoner Formation Wilderun zu, die im Jahre 2019 mit ihrem Drittwerk “Veil Of Imagination” nicht nur Fans und Kritiker beeindruckten, sondern auch Century Media dazu veranlassten, die Band unter ihre Fittiche zu nehmen und das in Eigenregie veröffentlichte Album wiederzuveröffentlichen. Zweieinhalb Jahre später ist mit “Epigone” nun das vierte Album der US-Amerikaner veröffentlicht worden, und das Major-Debüt ist alles andere als eine eine einfache Nachahmung von “Veil Of Imagination”.

Düsterer und tiefgründiger als “Veil Of Imagination” ist “Epigone” ein Album, das erst langsam Fahrt aufnimmt, sich dann immer weiter auftürmt, bis man von der Wucht seiner symphonischen Klanggewalten förmlich mitgerissen wird. Kennt man die Band nicht, so kann man sich nach dem ersten Song kaum vorstellen, wo die musikalische Reise der Bay Stater einen auf diesem Album noch hinführen wird. Denn der Aufmacher ‘Exhaler’ ist eine ergreifende Akustikballade mit schwermütiger Stimmung, sanften orchestralen Arrangements und beruhigendem Gesang.

Auch ‘Woolgatherer’, der Anschluss-Track, bewahrt diese Atmosphäre noch für anderthalb Minuten. Bis die Neuengländer die Zügel loslassen und das 14-minütige Mini-Epos langsam aber sicher immer weiter an Fahrt aufnimmt und sich in Richtung Symphonic Progressive Metal entwickelt. Die orchestralen Arrangements werden dabei immer wuchtiger und türmen sich, unterstützt von Jon Teacheys Blastbeats, zu Wagnerscher Größe auf, während epischer Chorgesang und finstere Death-Metal-Growls zu einer Einheit verschmelzen, die man nur noch schwer voneinander unterscheiden kann. Es ist das erste musikalische Aufbäumen eines Stückes, das in den folgenden zehn Minuten noch zahlreiche Stimmungs- und Tempowechsel durchlaufen soll, bevor es nach einem weiteren orchestralen Klimax genauso folkloristisch ausklingt, wie es begonnen hatte.

Wer an dieser Stelle der Rezension augrund des Wörtchens “Growls” schon innerlich mit der Platte abgeschlossen hat, dem sollte gesagt sein, dass der Gutturalgesang von Evan Anderson Berry maximal fünf Prozent des ganzen Albums ausmacht. Dabei erfüllen die kehligen Laute zu keinem Zeitpunkt den reinen Selbstzweck, sondern dienen als stilistisches Mittel, der Musik, am Höhepunkt ihrer Verdichtung, ein dramaturgisches I-Tüpfelchen aufzusetzen. Dabei sind die Growls so geschickt in die orchestralen Arrangements miteingebunden, dass sie nach mehrmaligem Hören einfach Teil des Gesamtsounds werden. Denn sie gehören einfach an genau die Stellen, an denen sie sich auch befinden.

Musikalisch abwechslungsreich geht es auch im weiteren Verlauf der Platte zu. Das anschließende ‘Passenger’ ist dabei das Stück mit den aggressivsten Death-Metal-Passagen auf ‘Epigone’, aber auch jenes mit den eingängigsten Clean-Vocals, so dass ein reizvoller Kontrast entsteht, der von klassischen Arrangements getragen wird.

Auch ‘Identifier’ ist symphonischer Progressive Metal mit Folk-Einsprengseln, der sich jedoch vor allem durch seine Synthie-Effekte von den übrigen Liedern unterscheidet und die schönsten Melodien des Albums auffährt.

‘Ambition’ hingegen ist ein kurzes atmosphärisches Interlude, das eine kleine Verschnaufpause zwischen den Monster-Tracks bietet und mit außerweltlichen Geräuschen zur Entspannung einlädt. Bevor Wilderun dann zum ganz großen Schlag ausholen und den Hörer in der über viertel-stündigen ‘Distraction-Suite’ auf einen Walkürenritt in drei Teilen mitnehmen, um im abschließenden ‘Distrection Nulla’ die zuvor geschaffenen Melodien und Harmonien musikalisch ad absurdum führen.

Teapot of the Week

“Teapot of the Week” auf Betreutes Proggen in der KW1/2022

Mehr Werk als Album, ist Wilderuns “Epigone” eine Aufnahme, die größer ist als ihre Einzelteile. Es ist Musik, die einen gefangen nimmt und selbst dann nicht mehr losläst, wenn man am Ende angekommen ist. Ein Album, das mit jedem Hördurchgang wächst und zu dem eigentlich nur noch die passende Opernaufführung fehlt.

‘Everything In Its Right Place’ kann man da eigentlich nur mit den Worten Thom Yorke sagen. So wie es auch Wilderun tun, denn eine Cover-Version des gleichnamigen Titels von Radiohead rundet ‘Epigone’ als Bonustrack auf gar wundervolle Weise ab.
Bewertung: 14/15 Punkte

Wilderun – Epigone (Century Media, 07.01.22)
Tracklist:
1. ‘Exhaler’ (4:44)
2. ‘Woolgatherer’ (14:11)
3. ‘Passenger’ (9:58)
4. ‘Identifier’ (11:32)
5. ‘Ambition’ (2:41)
6. ‘Distraction I’ (4:56)
7. ‘Distraction II’ (5:39)
8. ‘Distraction III’ (5:46)
9. ‘Distraction Nulla’ (3:15)

Bonus Tracks:
10. ‘Everything In Its Right Place’ (3:57)
(only on CD & digital)
11. ‘Exhaler’ (Synth Mix) (4:33)
(only digital)

Besetzung:
Daniel Müller
Jon Teachey
Joe Gettler
Evan Anderson Berry
Wayne Ingram

Diskografie (Studioalben):
“Olden Tales & Deathly Trails” (2012)
“Sleep at the Edge of the Earth” (2015)
“Veil of Imagination” (2019)
“Epigone” (2022)

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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Head of PR zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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