Van Der Graaf Generator – Vier Reissues

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(2CD & DVD, Universal, 2021)
Bedenkt man, wie oft manch ein Backkatalog bereits wieder und wieder wiedergekäut wurde, kann man eigentlich nur wenig dagegen sagen, dass der originale Charisma-Lauf von Van Der Graaf Generator 2021 eine Neuauflage erhält. Allerdings muss man dazu sagen, dass die vor rund 15 Jahren veröffentlichten Remasters eigentlich schon ziemlich ideal ausgefallen waren: von Mastermind Peter Hammill höchstselbst klanglich überarbeitet und auch in Sachen Extras wenig zu wünschen übriglassend. Universal, die den Charisma-Katalog derzeit verwalten, haben also mit ihrer Version der Klassiker durchaus etwas zu beweisen.

Für Alles-Sammler oder komplette Neueinsteiger höchst interessant ist natürlich die große „The Charisma Years“-Box, die neben allen offiziellen Alben der Phase auch noch BBC-Mitschnitte, Liveshows und diverse Single-Versionen enthält. Die lag den Prog-Betreuern allerdings nicht zur Rezension vor, weshalb es hier um die Standalone-Fassungen von „He To He Who Am The Only One“, „Pawn Hearts“, „Godbluff“ und „Still Life“ gehen soll. Die kommen alle in identischer Aufmachung, als Vier-Panel-Digipacks mit zwei CDs, einer DVD und einem 24seitigen Booklet, schön verpackt in einem Slipcase. Optisch also 1:0 für die 2021er Auflage. Das Booklet enthält jede Menge Fotos und Sleevenotes von Mark Powell, tatsächlich aber exakt die selben Sleevenotes wie die der 2005er Fassung. Dafür enthielten diese seinerzeit auch noch die Lyrics, auf die heuer unschönerweise verzichtet wurde. Zählt also mindestens als Ausgleichstreffer.

Über die Musik auf den Alben muss man auf dieser Seite wohl kein Wort mehr verlieren – allesamt natürlich Klassiker, bis heute prägend für unser kollektives Lieblingsgenre und 99% der Leser bis aufs kleinste Detail vertraut. Kommen wir also gleich zum Klang – hier hat sich schließlich am Meisten verändert. Die 2005er Ausgabe hatte ja , wie erwähnt, der Sofagott persönlich remastert – und ja, sehr auf den damaligen Zeitgeist gedrückt, laut, druckvoll und ein wenig schrill. Das neue Master klingt weit luftiger, dynamischer und wärmer – im Falle „Pawn Hearts“ sogar weit(!) dynamischer als die ebenfalls recht „laute“ originale Vinylversion. So offen und klar hat z.B. ‚Man-Erg‘ noch nie geklungen. Auch wenn der Meister himself verantwortlich war und somit „im Künstlersinne“ immer Recht hat, verliert die ältere Version gegen die aktuelle. Aber da gibt es ja noch den Gamechanger: eine brandneue Remixversion. Stephen W. Tayler geht bei seinen Stereo-Mixes deutlich behutsamer vor als zum Bespiel Steven Wilson: das Siebziger-Klangbild bleibt erhalten, die Drums wurden nicht nach modernen Maßstäben „umgepolt“, sondern tönen genauso, wie man das vom Original in Erinnerung hat. In der Tat klingen gerade die Drums sogar noch dynamischer als zuvor, und generell wirkt der Neumix noch einmal etwas weniger komprimiert, wovon speziell die Vocals profitieren, die ohne ein Zerren ganz unangestrengt über allem thronen. Klanglich also das 2:1 für die Neufassung.

Wer’s noch wilder treiben möchte, der findet auf der DVD auch noch Surround-Mixes der Alben. Und genau da hätte sich dieser Rezensent ein wenig mehr erwartet. Positiv, dass auf allzu viele Gimmicks verzichtet wurde, speziell die sehr „live“ klingenden „Godbluff“ und „Still Life“ nutzen das Surround-Format hauptsächlich für Ambience, Soli und sehr plastische Drums. Allerdings passiert es hier auch gelegentlich, dass die druckvolleren und „diabolischeren“ Passagen der Songs beinahe auseinanderfallen, weil die „Dampfwalzen-Produktion“ aufs Stereoformat perfektioniert wurde und die Aufteilung auf sechs Kanäle der Musik oftmals einfach die Brachialität nimmt. Die Stereomixes sind in HiRes-LPCM-Format, also verlustfrei enthalten, die Surround-Versionen lediglich in AC-3 beziehungsweise auf 96kHz und 24 Bit gesampelt im DTS-Format enthalten – also, dem Platz auf der DVD geschuldet, keine Lossless-Surround-Option. Das dürfte die Meisten nicht stören (den Rezensenten z.B. schon mal nicht), für audiophile Ohren – an die sich solche Surround-Mixe ja im Schnitt richten – wird’s eine Enttäuschung sein. Da die DVDs auch keinerlei Videomaterial enthalten, geht dieser Schuss insgesamt also leider knapp am Tor vorbei.

Aber da wäre ja noch das Bonusmaterial. Die aktuelle Auflage enthält diverse BBC-Sessions, die exzellent klingen – die der Fan wohl aber schon auf der „After The Flood“-Compilation besitzt. Dafür fehlen bei „H To He“ und „Pawn Hearts“ einige Bonustracks der 2005er Ausgabe, und die sind leider bislang nur dort erhältlich oder alternativ in der großen Box. Die Bonus-Livestücke von „Godbluff“ und Still Life“ wurden hingegen mit übernommen – leider immer noch auf maximal mittlerem Bootlegniveau. Wer darauf gehofft hatte, eine bessere Quelle dieser Songs sei aufgetaucht, wird abermals enttäuscht. Durch das interessantere Bonusmaterial schaffen die 2005er Fassungen also den Ausgleich.

Unterm Strich sind die Standalone-Fassungen also eine zwiespältige Angelegenheit. Wo es die 2005er Master vor wenigen Monaten (psst, bei manchem Medien-Goliath immer noch) noch allerorten zum Nice Price zu erstehen gab, kosten die neuen Fassungen mit 22 bis 25 € in etwa pro Stück soviel wie drei der Vorgängereditionen. Der – Achtung, Geschmacksfrage! – verbesserte Sound spricht natürlich für die neuen Fassungen, die erwähnten Abstriche allerdings führen dazu, dass die neuen Ausgaben die Vorgänger noch lange nicht obsolet machen. Und wer vorhat, die vier Standalone-Alben zu kaufen, sollte überlegen, ob es nicht lohnen würde, einfach noch dreißig Tacken draufzulegen und gleich das ganze „The Charisma Years“-Package einzutüten. Spoiler: es würde.
Ohne Bewertung (Reissue)

Surftipps zu VdGG:
Offizielle Homepage
Sofasound (Peter Hammills Website)
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Van Der Graaf Generator – Vier Reissues

von SaschaG Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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