Bill Bressler – Normal Boy

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(34:42, Digital, CD, Unforeseen Monkey / Eigenveröffentlichung, 2018)
Stille Wasser sind tief. Auf den amerikanischen Prog-Rocker Bill Bressler trifft das tatsächlich zu. „Still“ ist es, weil er mit Vorliebe untertreibt. Keine ständige Jagd nach neuen „Gefällt mir“-Klicks und virtueller Gefolgschaft, wie untypisch für unsern Zeitgeist. Umso überraschter war ich, als ich sein Album „Normal Boy“ in die Hände bekam. Damit wären wir jetzt bei „tief“, denn sein Longplayer hat es in sich.
Aber wer zum Teufel ist Bill Bressler eigentlich? Von dem was ich hier mitbekomme, ein talentierter Multiinstrumentalist und Komponist, den viel mehr Leute kennen sollten. So sei es, beginnen wir dazu doch mal mit einer Vorstellung seines bereits 2018 veröffentlichten Debüt-Albums „Normal Boy“.

 

‚Fits and Starts (I: Start II: Go III: Begin)‘

Der Hörer wird angenehm mit einem Pianopart in den Song geführt. Schon bald gesellen sich weitere klassische Tasteninstrumente sowie Gitarre und Rhythmus Sektion hinzu und schnell wird klar, was hier bedient wird. Klassischer Progressive Rock vom Feinsten, im Stile von Genesis und Yes. Bill und seinen musikalischen Kollegen merkt man die Lebendigkeit ihrer Performance an. Große Erwartungen kommen auf, was die folgenden Songs betrifft. Werden die erfüllt – wir werden gleich sehen.

‚Normal Boy‘

Nach den ersten Klängen erinnert man sich, dass es mal eine Band namens Porcupine Tree gab. Nicht, dass die ein alleiniges Anrecht auf dufte Akustikgitarren-Einlagen und tollem Gesang hätten, aber wir leben leider Gottes in einer etikettierten Welt. Ungewöhnlich sind auch die spontanen Einblendungen von einer Art alten Telespiel-Sound. Eins steht fest, Bill hat Humor.

Der Song ist ausgearbeitet Durcharrangiert und hier kommen neben den oben erwähnten Akustikgitarre, auch eine gute in Szene gesetzte Tremolo-E-Gitarre zum Einsatz. Der Song steigert sich von der Instrumentendichte her schnell zu einer wahren Ohrenfreude. Kleine Keyboard-Solos werden von einem Hammond Sound gut unterstützt. Zu meiner persönlichen Freude kommt sogar ein CP-70-Piano von Yamaha zum Einsatz. Der Gesang ist schön harmoniert und an bestimmten Stellen doppelt eingesungen. Spätestens jetzt sollte es klar sein, dass es sich hier um einen ausgecheckten Prog-Musiker handelt.

‚Guitarist‘

Da ist es wieder, das CP-70, das hier Bills leicht durch einen Talkbox-Effekt verfremdeten Gesang im Intro versüßt. Der Gesangseffekt erinnert leicht an denjenigen, den Genesis im Song ‚Duchess‘ benutzt haben. Aber der Herr lässt sich nicht lumpen und spendiert uns zum Reinkommen in den Rhythmus gleich ein Drumloop im Peter GabrielStyle. Ein schönes Sound-Gewand baut sich auf und ein kleines Keyboard Solo läutet letztendlich das Finale ein, das in einem “richtigen” Schlagzeug und einem Hammond-Solo gipfelt. Hier kommen auch mal härtere Gitarren zum Einsatz.

‚The Walk (I Working Man II Blackout III Walking Man IV The Bridge V Almost VI Home)‘

Hier gibt es die volle Dröhnung innerhalb der Songlänge von 12:16 Minuten. Dies ist der einzige Song auf dem Album, der eine längere Spielzeit hat. Gleich zum Anfang wird man in ein schönes Keyboard Solo gefühlt, welches groovig seitens der Rhythmussektion unterstützt wird. Dann gehts erstmal seicht in die erste Strophe und man steigert sich zunehmend in die immer wieder aufblühenden Refrains rein. Die üblichen Verdächtigen in Sachen Instrumentierung tun das, was sie tun sollen: eine richtig tolle Atmosphäre schaffen (diesmal höre ich auch definitiv ein Mellotron heraus). Dabei wird der Zuhörer durch ausgefeilte Arrangements geführt. Und es wird nie langweilig, nicht eine Minute lang. Ein tolles Finale wird geboten und ein schön ruhiger Ausklang zum Abschluss des Songs.

‚A Little Song (Before We Go)‘

Der vorletzte Track des Albums fängt gleich mit einem eigenwilligen Honkytonk-Western-Piano-Intro an. Einmal mehr setzt Bill hier auf Humor. Ja schon fast Slapstick-Humor, verpackt in der Intro-Sektion. Aber dann geht’s gewohnt wuchtig in den eigentlichen Song hinein. Man meint sich hier in einem proggigen Bluesrock-Stück wieder zu finden. Immer wieder wechselt die Atmosphäre zwischen cool und bedrohlich hin und her. Im virtuosen Finale platzt der Knoten und es geht dann nur noch um Prog. Gehuldigt wird das am Ende von einem spärlich besetzten Bar bzw. Pub-Publikum. Der Song ist ein klasse Mix aus Prog- und Blues-Segmenten!

‚Reprise of a Sort (I Abnormality to Familiarity II Go Forth Once More III Begin Again)‘

Die ersten Sekunden denkt man unweigerlich an ‚One of These Days (live)‘ von Pink Floyd. Aber der ‚Echo‘-Bass von Roger Waters bleibt aus. Stattdessen folgt tatsächlich eine floydianische Einlage mit allem was dazu gehört. Und die Soundcollage steigert sich, bis sich die Rhythmus-Sektion einklinkt und der Zuhörer Yes bzw. Genesis orientierte Einlagen um die Ohren gespielt bekommt. Hier gibt der Hauptakteur und seine Kollegen nochmal richtig Gas, bevor die letzten zwei Minuten alleine von Bills Gesang, einer Akustikgitarre und einem Piano untermalt werden. Alles in allem präsentiert sich der Titel als würdiger Abschluss eines großartigen Albums! Man sollte sich auch nicht von seinem recht eigenwilligen Cover Artwork befremden lassen. Bill setzt hier auf Untertreibung, verzichtet auf futuristischen Luftschiffe oder sonstige surreale Welten. Stattdessen sieht man einen jungen Typen posieren mit einer Pilotenbrille und einem Keyboard auf den Schultern. Alles augenscheinlich in einer 80er-Jahre-Umgebung.

Fazit – meine Erwartungen wurden weit übertroffen. Nicht oft bekomme ich Material zugeschickt, was mich von Anfang an so anspricht. Bill Bressler gibt sich so wie er ist. Ein „Typ von nebenan“ ohne Allüren, der aber durch sein Talent überzeugt. Das Album bietet für jeden Prog-Fan etwas und wird an keiner Stelle langatmig. Anspieltipp(s): ‚Normal Boy‘, ‚The Walk‘ und ‚Reprise of a Sort‘. Bewertung: 13/15 Punkten (AF 13, KR 13)

Das war mir aber noch nicht genug. Ich wollte mehr wissen, über diesen hier in Deutschland völlig unbekannten Untertreiber. Deswegen war ich so frei und habe ihm noch ein paar Fragen gestellt…

Nachgehakt bei Bill Bressler:

Bill, wenn man sich Dein Debüt-Album „Normal Boy“ anhört, dann merkt man schnell, dass Du kein musikalischer Neuling bist. Leider findet man über Dein Album hinaus nichts weiter von Dir in den Medien. Hattest Du keine Lust früher was zu veröffentlichen?
Ich bin seit über 25 Jahren ein professioneller Komponist und Audioingenieur und arbeite hauptsächlich an Werbespots für Fernsehen und Radio. Ich hatte gelegentlich zum Spaß einen Song geschrieben, aber es fühlte sich nie wie etwas an, das Teil eines Albums sein könnte.

»Ich wollte, dass „Normal Boy“ ein atypisches Prog-Album wird. Ein Anti-Prog Prog-Album«

Das Cover Artwork von „Normal Boy“ scheint ziemlich privat und eigenwillig zu sein. Was hat es damit auf sich? Kannst Du uns ein bisschen mehr dazu erzählen?
Ich wollte, dass das Cover ein Porträt von Verletzlichkeit und Intimität ist. Das bin ich, buchstäblich ein Nerd! Ich bin auf dieses Polaroid in einer alten Fotobox gestoßen, die ich 1984 mit dreizehn Jahren aufgenommen habe. Ich trage eine Jacke nur für Mitglieder, ein Izod-Hemd und eine faltbare Sonnenbrille, was für diese Zeit normal war. Ich hielt einen Korg POLY800 auf meiner Schulter, meinen allerersten Synthesizer (den ich in ‚The Walk‘ über eine Talkbox abgespielt habe). Es war dieses Bild, das mich dazu brachte, die Songs lyrisch biografischer zu gestalten.
Ich wollte, dass „Normal Boy“ ein atypisches Prog-Album wird. Ein Anti-Prog Prog-Album. So viele Themen des Genres sind grandios; Science-Fiction, Mystik, Mittelalter, Gotik usw. Ich wollte ein Konzeptalbum machen, das ehrgeizig klang, aber etwas viel Alltäglicheres war, nämlich ich! Geschichten aus kleinen Schnappschüssen meines Lebens, die ich für erzählenswert hielt, während ich all meine Einflüsse projizierte, die mein Leben zu dieser Zeit zu beeinflussen begannen. Ich war auf das Genesis Konzert von der „Mama“-Tour gestoßen, das ich im Radio auf Kassette aufgenommen hatte, und es hatte mich sofort umgehauen. Ich habe ‚Long Distance Runaround‘ (Yes) gehört und die Chance genutzt, „Fragile“ zu kaufen, ohne zu wissen, was mich erwartete. Auch das beeinflusste mich sehr. Und dann bin ich auf eine Vinyl-Kopie von Jean-Luc Pontys „Enigmatic“ gestoßen. Alles, als ich zwölf Jahre jung war! Hast Du eine Idee, was das Zeug mit Kindern macht?!? (lacht).

»Wenn ich die Ressourcen hätte, hätte ich Nick D’Virgilio, Marco Minnemann oder sogar Gavin Harrison engagiert, um auf „Normal Boy“ zu spielen«

Du spielst die meisten Instrumente selbst. Hast Du das bei Lehrern studiert oder Dir alles selbst beigebracht?
Als Kind nahm ich einige Klavierstunden, aber als ich diesen ersten Synthesizer in die Hände bekam, ging es nur darum, nach Gehör zu lernen. Led Zeppelins ‚All My Love‘ war das erste Keyboard-Solo, das ich jemals gelernt habe. Ich fand es aufregend zu entdecken, dass ich den Sound emulieren konnte, den John Paul Jones auf seiner Tastatur verwendete. Bald darauf versuchte ich, mit allem, was zu dieser Zeit aktuell war, mitzuspielen. Duran Duran, Prince, Journey, der Axel F. (Jan Hammer). Das heißt, bis ich mich entschied, mich des ‚Cage‘-Medleys von Genesis anzunehmen, dass ich fast jeden Tag nach der Schule übte und irgendwann Note für Note spielen konnte.
Als ich anfing, professionell zu schreiben, gab es normalerweise kein Budget für externe Musiker, also musste ich mein Bestes geben, damit es so klang, als würde eine Band oder ein Orchester neben mir spielen. Ich habe meine Fähigkeiten über viele Jahre hinweg verbessert. Wenn es zum Beispiel um die Drum-Programmierung geht, spiele ich oft den Beat komplett mit meinen Fingern so wie die einzelnen Teile des Schlagzeugs über die Tastatur verteilt sind. Nachdem ich fertig bin gehe ich in den Donald Fagen-Modus und optimiere mein Gehirn um alles so gut wie möglich klingen zu lassen.
Wenn ich die Ressourcen gehabt hätte, hätte ich Nick D’Virgilio, Marco Minnemann oder sogar Gavin Harrison engagiert, um auf „Normal Boy“ zu spielen. Aber leider war ich halt jemand, der ohne Geld aus dem Nichts kam.

Welche Art von Musik hörst du so privat und was sind deine musikalischen Einflüsse?
Progressive Rock und Fusion sind mein Ding, alles Klassiker. Und ich mache immer noch neue Entdeckungen. Ich habe gerade Gentle Giants „Interview“ auf Vinyl gekauft (nicht mein Favorit von denen), zusammen mit dem Brand X-Album „Moroccan Roll“ und Happy the Mans erstem Album. Und meine musikalischen Einflüsse kommen wirklich von überall her. Ich habe immer noch eine Vorliebe für den Pop der 70er und 80er Jahre, als die Melodie so wichtig war, um einen Song großartig zu machen. Ich liebe natürlich auch die Beatles. Melodie ist für mich sowohl im Gesang als auch in den Soli der stärkste Teil eines Songs.
Genesis, Yes und Spock’s Beard haben großen Einfluss auf mich. Ich habe Steven Wilsons „Hand.Cannot.Erase“ zum Zeitpunkt der Erstellung des Albums viel gehört. Es gibt auch einen Hauch von Großbritannien: Rush, King Crimson und ELP. Und ob Du es glauben kannst oder nicht, Sting auch. Ein Song wie ‚Saint Augustine in Hell‘ ist auf so vielen Ebenen fantastisch, und sie haben David Sancious mit diesem fett klingenden Hammond und Vinnie Colaiuta, der einen raffinierten 7/4-Groove darunter legt.

»Musik, die es belohnt, sie wiederholt anzuhören. Es ist viel los (sogar eine Rückwärtsnachricht!)«

Wie würdest Du selbst Deine Musik beschreiben?
Progressive Rock mit einem Hauch von Pop, der leicht zu hören ist, aber nicht Easy Listening (lacht). Musik, die es belohnt, sie wiederholt anzuhören. Es ist viel los (sogar eine Rückwärtsnachricht!). Und ich möchte, dass die Leute alles daran entdecken und genießen.

Hast Du vor auch live mit einer Band aufzutreten?
Sobald wir durch Covid kommen, würde ich gerne Leute suchen, die mit mir spielen. Prog-Rock-Musiker sind nicht leicht zu finden, weißt Du.

Kommt ein weiteres Album oder was sind Deine zukünftigen musikalischen Ambitionen?

Ich arbeite schon seit einiger Zeit an einem zweiten Album und es ist noch lange nicht fertig. Deshalb habe ich gelegentlich einen Track auf Bandcamp veröffentlicht, um den Traum am Leben zu erhalten. Ich habe meine Familie und meinen Job, und leider müssen meine persönlichen Projekte einen zweiten Platz einnehmen.

Bestimmte humoristische Elemente in der „Normal Boy“-Produktion sind nicht zu überhören. Bist Du vielleicht ein Monty-Python-Fan?
Definitiver Monty-Python-Fan hier! Aber sie hatten keinen musikalischen Einfluss auf mich und ich kann nicht sehr gut pfeifen. Frank Zappa zeigte mir den Weg für Humor in seiner Musik, der mich buchstäblich verrückt machte. Allein schon in „Joe’s Garage“ war er sowohl satirisch beißend wie politisch und ergreifend und oft urkomisch. Und es waren nicht nur die Texte, sondern auch die Musiker, die so tief und komplex spielen und den Gesang ergänzen.
Genesis hatten so clevere und humorvolle Texte in so vielen ihrer Songs. Sogar ein ernsthafter Track wie ‚Home by the Sea‘ handelte von einem Einbruch, der sich in eine Geistergeschichte verwandelt. Ich liebe es!
Einige Leute sagten meine Texte erinnerten sie ein wenig an Kevin Gilbert. Ich bin ein Fan, aber ich denke der Einfluss ist subtiler. In meinem Song ‚A Little Song (Before We Go)‘ kann ich hören, dass dieser ein bisschen von einem Ort namens ‚Joytown‘ entstammt.

Vielen Dank für das GesprächBill !

Musiker auf dem Album:
Bill Bressler – Keyboards, Synthesizers, Additional Guitars and Guitar Programming, Vocals, Drum Programming,Talk Box
Jeremy Abbate – Lead Electric and Acoustic Guitar
Mark Asch – Vocals
Stephen Goldberg –  Vocals, Additional Acoustic and Electric Guitar
Vin Tabone – Bass Guitar.

Surftipps zu Bill Bressler:
Bandcamp
Spotify
YouTube

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Über den Autor

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Progressiver Musiker, Songwriter, Produzent und Redakteur. Hört so ziemlich alles was es an Musik gibt -> außer Schlager. "You can't really dust for vomit." -- Nigel Tufnel, Spinal Tap

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Bill Bressler – Normal Boy

von André Fedorow Artikel-Lesezeit: ca. 9 min
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