Avandras Christian Ayala Cruz über Puerto Rico, Progressive Rock, Pandemien and Philosophie

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Im November 2020 ist „Skylighting“, das dritte Album der puertorikanischen Band Avandra über Layered Reality Productions erschienen. Da das Album in seiner Mischung aus Progressive Metal and Ambient Sounds recht einzigartig ist, waren wir glücklich, die Chance zu haben, dem Sänger und Gitarristen Christian Ayala Cruz ein paar Fragen stellen zu können.

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Hallo Christian. Zuallererst einmal Dankeschön dafür, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast, außerdem Glückwünsche für euer neuestes Album „Skylighting“. Ihr kommt aus Puerto Rico, einer karibischen Insel, welche nicht gerade für ihre Progressive Rock-Szene bekannt ist, zumindest nicht hier in Europa. Könntest du uns bitte etwas über die lokale Szene erzählen? Seid ihr die einzige Prog-Band auf der Insel oder können wir für die Zukunft auf so etwas wie eine puertorikanische Prog-Explosion hoffen?

Die Szene in Puerto Rico wird hauptächlich durch Indie im Rock-Bereich und Thrash im Metal-Bereich dominiert. Es gibt keine Progressive-Szene per se, die wenigen anderen Prog-Bands gehören eher der Metal-Szene an. Die Leute, die auf Metal-Shows gehen sind ziemlich aufgeschlossen und schätzen alles, was gut gemacht ist, egal ob Prog (Moths, Fractal Frame, The Wrong Sides, Paricia’s Patience), Doom (Dantesco), Thrash (Zafakon and Calamity), oder Sonstiges. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht ganz sicher über die Zukunft des Prog auf der Insel. Ich meine, es wäre schon großartig, wenn Prog an Zugkraft geweinnen würde, aber ich würde nicht darauf wetten.

Wie seid ihr mit Progressive Rock in Berührung gekommen? Wer sind eure Idole und Einflüsse?

Ich habe angefangen, Prog zu hören, als ich im Alter von 14 Jahren Dream Theater entdeckte, als eine Cover-Band zufällig ‚Ytse Jam‘ auf der Willkommensparty der Schule meines älteren Bruders Danny spielte. (Er ist übrigens Schriftsteller, ihr müsst unbedingt mal „Unaria“ antesten!). Damals war „Scenes From a Memory“ noch nicht erschienen und sie waren noch nicht so weit bekannt wie heute, so dass dass Auffinden ihrer Alben eine ziemliche Aufgabe war. Wann auch immer ich ein Album fand, kaufte ich es, ohne zu zögern. Ich glaube, dass die Seltenheit Schuld daran hatte, dass ich davon besessen wurde, alles zu lernen, was ich über sie finden konnte, so dass ich eine starke Bindung zu den frühen Alben aufbaute. Dann, im Alter von 19 Jahren, entdeckte ich neben Opeth auch Porcupine Tree, und das hat die Sache dann für mich besiegelt. Ich entdecke noch immer gerne neue Bands und bin auch zurück zu den Klassikern gegangen, aber diese drei Bands bilden meine heilige Dreifaltigkeit.

Die anderen Jungs in der Band haben eine Auswahl verschiedener Bands, die sie lieben. Schlagzeuger Adrián steht sehr auf Old School Prog wie Genesis und Yes, aber auch auf neuere Sachen wie Haken. Gitarrist Louis Javier mag auch alten Prog wie Kansas und Genesis, aber er steht auch auf Fusion-Zeugs und besonders auf Guthrie Govan. Bassist Gabriel Alejandro hingegen ist schon ein bisschen komisch, denn indes er Prog mag, gilt seine Hauptaufmerksamkeit den Funk-Bands, von Parliament bis Promise.

Ihr scheint gut mit anderen Musikern vernetzt zu sein. Kevin Moore spielte auf eurem zweiten Album und „Skylighting“ wurde von Daniel Schwartz (Astronoid) produziert. Wie seid ihr in Kontakt miteinander gekommen? Wart ihr in der Vergangenheit miteinander auf Tour gewesen?

Die Kevin-sache war pures Glück. Ich hatte ihm eine ganz nette Nachricht über Facebook geschickt, in der ich ihm erklärte, dass er wahrscheinlich einer meiner Lieblingsmusiker aller Zeiten ist, und dass es ein Privileg für mich wäre, ihn auf dem neuen Album dabeizuhaben. Er war so freundlich, meine Bitte anzunehmen und machte einen tollen Job beim Synthie-Solo von ‚Derelict Minds‘.

Daniel Schwartz und seine Band Astronoid waren mit uns auf dem gleichen Label, auf dem „Descender“ veröffentlicht wurde. Das Label arrangierte, dass Dan das Album mixen würde, und so kamen wir miteinander in Kontakt. Im August 2018 reiste ich rauf nach New Hampshire, um das Abmischen von „Descender“ in seinem Studio fertigzustellen. Seit diesem Zeitpunkt sind wir Freunde. Sein Abmisch-Stil wäre perfekt für „Skylighting“ gewesen, so dass ich ihn fragte, ob er den Mix machen wolle, und er akzeptierte. Der Rest ist Geschichte, wie man sagt.

Euer neuester Gastmusiker, Vikram Shankar, war mir bis dato unbekannt. Kannst du uns etwas über seinen Hintergrund erzählen und warum habt ihr euch entschieden, ihn die Synthies auf „Skylighting“ spielen zu lassen?

Von Vikram hörte ich zum ersten mal durch seine Band Lux Terminus. Er spielt auch bei Redemption und Silent Skies (zusammen mit dem Evergrey-Sänger Tom Englund). Ich liebte seinen Synthie-Stil. Es war so atmosphärisch und gleichzeitig spielte er mit solcher Virtuosität, so dass, als die Zeit kam, die Synthies für „Skylighting“ aufzunehmen, er einfach der perfekt Passende war.

Auf eurem letzten Album erinnerte euer Klang über weite Strecken sehr an Dream Theater, doch auf eurem neuen Album hat dieser Sound Platz für ambiente Klänge gemacht (die übrigens perfekt zu deiner entspannten aund unaufgeregten Stimme passen). Was hat zu dieser Entwicklung geführt?

Die ursprüngliche Idee für das dritte Album war, das was wir auf „Descender“ gemacht hatten, fortzusetzen, allerdings auf einem härteren Level. Doch gerade, als wir angefangen hatten, das Schlagzeug aufzunehmen, erreichte das Corona-Virus Puerto Rico und wir gingen fast augenblicklich in den Lockdown. Da wir das Jahr nicht mit leeren Händen beenden wollten, beschloss ich, einfach ein anderes Album zu schreiben, ein Album mehr in jener Stimmung, von welcher ich fühlte, dass das Jahr sie die Welt erfahren ließ. Es wurde zwischen März und April geschrieben und aufgenommen. Es ging alles sehr schnell, und das nur, weil ich eine klare Vision hatte. Diese Album hatte zum Ziel, dass sich die Leute beschaulich fühlen sollten. Es sollte ihnen dabei helfen, dem fürchterlichen Durcheinander des Jahres zu entfliehen, indem ich sie auf eine ätherische Reise einlud. Von da an projizierte sich praktisch alles selbst, sodass am Ende das Album stand.

Im Pressetext zu „Skylighting“ steht geschrieben, dass ihr schon neues Material geschrieben hattet als die Pandemie ausbrach. ‚Celestial Wreath‘ wurde unter dem Einfluss jener Umstände geschrieben und der Rest des Albums schloss sich daran an. Kannst du uns etwas über den Schreibprozess unter den Bedingungen des Social Distancings sowie die Texte der Lieder erzählen?

Wie schon zuvor erwähnt, hatten wir die Aufnahmen für das ursprüngliche dritte Album wegen der Pandemie nach hinten verschieben müssen. Aus diesem Grund begann ich damit, wie du es schön beschrieben hast, ‚Celestial Wreaths‘ als ein One-Off bzw. als Single zu schreiben und das war es. All die anderen Lieder sprudelten aus diesem einen Song heraus. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte ich mich eingehender mit der Literatur für meine Master-Arbeit, die eine Mischung aus Philosophie und Neurowissenschaften ist. Vor allem befasste ich mich mit der Philosophie von Friedrich Nietzsche, welcher der Philosophen-Protagonist meiner Arbeit ist. Eines seiner obersten Lebensbestätigungsideale ist die Idee der Ewigen Wiederkunft. Obwohl meine Arbeit diesen eher metaphysischen Aspekt seiner Philosophie nicht berührt, begann ich damit, viel über dieses Thema zu lesen, sodass ich durch so erstaunliche Gelehrte wie Wolfgang Müller-Lauter und Diego Sanchez Meca ein wenig von diesem Thema besessen wurde. Demzufolge beschäftigen sich die meisten der Texte mit der Ewigen Wiederkunft in meinen verschiedenen Interpretationen von ihr. Das Stück ‚Eternal Return‘ bildet den Zenith des Albums (weswegen es sich in der Mitte des Albums befindet), bei dem ein sich wiederholendes Ostinato zuerst von der Gitarre gespielt wird, dann vom Bass, und zuletzt von den Synthies. Es ist die Vorstellung, von der Marcel Proust schrieb, als er versuchte, eine Analogie auf die Ewige Wiederkunft zu schaffen, als er sagte, dass es wie eine Melodie sei, die wieder und wieder gespielt wird, wiederholt zuerst von dem einen, dann von einem anderen Instrument und immer fort. Die gleiche Melodie, doch jederzeit in unterschiedlichen Klangfarben und Stilen. Gegen Ende des Liedes gibt es eine Neu-Interpretation von Teilen der ersten drei Stücke, wiederum mit der Idee, dass sich die Ewige Wiederkunft innerhalb der Neu-Interpretationen von lebenswichtigen Erfahrungen selbst wiederholt.

Was ist aus den Liedern geworden, an denen ihr ursprünglich gearbeitet hattet? Werden sie eines Tages veröffentlicht werden?

100%! Das nächste Album, das wir aufzunehmen planen, wird aus diesen Liedern bestehen. Wir werden mit den Aufnahmen gegen Februar nächsten Jahres beginnen, also drückt die Daumen für ein Release in 2021! Ob Pandemie oder keine Pandemie, von uns könnt ihr ein hohes Maß an Aktivität erwarten, da wir eine ganze Menge in der Pipeline haben!

Euer Auftritt bei Prog Power Europe 2020 musste wegen Corona abgesagt werden, doch ihr seid bereits für das nächste Jahr bestätigt worden. Plant ihr eine kleine Tour rund um das Festival oder wird es sich um ein One-Off handeln?

Eine Tour vor oder nach dem PPE 2021 käme einem wahrwerdenden Traum gleich. Europa ist unser Lieblingsort auf der Erde und es wäre erstaunlich, wenn wir es nicht nur passiv als Touristen, sondern auch aktiv erleben könnten, indem wir in jedwedem Laden dort drüben (egal welcher!) spielen könnten! Doch es ist ein Dilemma, da viele Läden neuen Künstlern von weit weg keine Bühne geben wollen, bevor sie nicht schon irgendwie auf Tour gewesen sind. Doch die Möglichkeiten zu touren sind dünn gesät und schwer zu kriegen, solange es nicht wenigstens ein paar Venues gibt, die Gruppen wie uns eine Chance einräumen. Wir müssen einfach nur kämpfen und so viel wie möglich Mundpropaganda betreiben!

Danke für das Interview.

Danke für die großartigen Fragen!


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Rezension: „Skylighting“ (2020)
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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Hold Tight zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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