Plini – Impulse Voices

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Plini – Impulse Voices (unsigned, 27.11.20)

© Alex Pryle

(38:30, Digital, CD, Vinyl, Boxset, Eigenveröffentlichung, 2020)
Der Australier Plini Roessler-Holgate ist ein wahres musikalisches Wunderkind und gilt als einer der besten Rock-Gitarristen der letzten Jahre. Sein von Kritikern hochgelobtes Debütalbum „Handmade Cities“ (2016) wurde vom US-Amerikanischen Guitar World Magazin zum fünftbesten Gitarrenalbum der Dekade gewählt, während das britische Prog Magazin ihn jüngst in die Liste der 100 besten Prog-Musikern aller Zeiten wählte. Selbst Gitarrenlegende Steve Vai schwärmte von „Handmade Cities“ als „one of the finest, forward thinking, melodic, rhythmically and harmonically deep, evolution of rock/metal instrumental guitar records I have ever heard“. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass Plini im Jahre 2019 neben Steve Vai, Joe Satriani und Devin Townsend als Gastlehrer bei der Vai Academy auftrat. Selbst renommierte Hochschulen für zeitgenössische Musik wie das Berklee College of Music, das Musicians Institute in Los Angeles, das BIMM in Bristol und die JMC Academy im australischen Melbourne haben Plini in der Vergangenheit eingeladen, bei ihnen Lehrstunden zu geben.

Plini einer einzigen Musikrichtung zuzuordnen ist kein leichtes Unterfangen, denn der Sydneysider, lässt so verschiedene Genres wie Progressive Rock, Jazz, Post Rock, Fusion und Djent zu einer harmonischen Einheit zusammenfließen. Als musikalische Brüder im Geiste können an dieser Stelle die Gitarristen David Maxim Micic (Destiny Potato, Sordid Pink) und Jakub Żytecki (DispersE), aber auch Bands wie Polyphia oder Unprocessed genannt werden, Sie alle stehen für innovative und moderne progressive Sounds, die zwar technisch auf höchstem Niveau sind, gleichzeitig aber durch einen gewissen Pop-Appeal bestechen.

Der Signature-Gitarrensound von Plini ist dabei stets weich und geschmeidig und unterscheidet sich deutlich von dem anderer Gitarristen. Dem neuen Album „Impulse Voices“ wird so eine Leichtfüßigkeit verliehen, die ihres gleichen sucht, denn selbst komplizierteste Gitarrenläufe und Geschredde erscheinen so natürlich und nachvollziehbar als ob jemand Quantenphysik mithilfe eines Kinderbuches erklären würde.

Schon beim Opener ‚I’ll Tell You Someday‘ stellt sich ab der ersten Sekunde eine relaxte Laid-Back-Atmosphäre ein, die gleichzeitig warm und flauschig wirkt. Hieran ändert auch das tighte Spiel von Bassist Simon Grove nichts, da es die schönen Klangfarben in ihrer Wirkung nur noch unterstützt.

Genau wie dieses Stück war auch das anschließende ‚Papelillo‘ schon im Vorfeld als Single veröffentlicht worden. Während am Anfang des Stückes eine verträumt-psychedelische Melodie auf djentige Rhythmen stößt, legt Plini im Laufe des Liedes immer wieder sein beeindruckendes Gitarrengefrickel über dieses Fundament. Letztendlich verschwinden die jazzig-psychedelischen Töne volständig, um im letzten Viertel des Stückes von düster-metallischen Polyphia– oder Vildhjarta-Klängen abgelöst zu werden.

Der Eindruck, den man anhand der beiden Singles schon im Vorfeld der Albumveröffentlichung gewinnen konnte, verfestigt sich im Laufe der weiteren Spieldauer: zwar ist „Impuls Voices“ das Soloalbum eines Ausnahmegitarristen, doch steht hier nicht die technische Fingerfertigkeit des Protagonisten im Mittelpunkt des Geschehens, sondern vielmehr die Erzeugung von Atmosphäre, was sich auch in den eigenen Worten Roessler-Holgates wiederspiegelt:

To make an analogy, I feel like I designed a pretty cool house for the listener to inhabit with these songs, but it was made truly special by the masterfully-crafted furnishings and decorations added by Chris, Simon and the rest of the musicians involved.

Auch im Zuge der weiteren sechs Titel gelingt es Plini, geschmackvolle musikalische Leckerbissen zu kreieren, die einmal jazzig-poppig klingen (wie das grandiose ‚Pan‘ mit John Waugh am Saxofon), ein anderes Mal an Steve Lukather und Toto erinnern (‚Last Call‘) und dann wieder episch-progressiv erschallen wie im abschlißenden ‚The Glass Bead Game‘ (inklusive  elektroakustischer Harfe von Amy Turk).

Unterm Strich hat Plini Roessler-Holgate mit „Impulse Voices“ ein wunderbares, warmes und entspanntes Gitarrenalbum aufgenommen, bei dem die Gesamtatmosphäre größer geschrieben wird als die Summe der Einzelleistungen aller beteiligten Musiker.
Bewertung: 12/15 Punkten (FF 12, KR 12)

© Chad Dao

Tracklist:
1. ‚I’ll Tell You Someday ‚(4:10)
2. ‚Papelillo‘ (4:11)
3. ‚Perfume‘ (4:06)
4. ‚Last Call‘ (3:56)
5. ‚Impulse Voices ‚(3:18)
6. ‚Pan‘ (5:33)
7. ‚Ona / 1154‘ (4:09)
8. ‚The Glass Bead Game‘ (9:07)

Besetzung:
Plini Roessler-Holgate (Gitarren)
Chris Allison (Schlagzeug & Perkussion)
Simon Grove (Bass & Stuntgitarre)

Gäste:
Dave Mackay (Piano und Synthesizer – 2, 3, 4, 7)
Devesh Dayal & Aleksandra Djelmash (Stimmen – 1, 6, 8)
John Waugh (Saxophon – 6)
Amy Turk (Elektroakustische Harfe – 8)

Surftipps zu Plini:
Konzertbericht: 01.11.19, Köln, Essigfabrik
Konzertbericht: 29.03.17, München, Backstage
Rezension: „Sunhead“
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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Hold Tight zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

flohfish

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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