Chaosbay – Asylum

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Chaosbay – Asylum (Timezone/recordJet, 18.9.20)(41:25, CD, Timezone Records/recordJet, 2020)
Chaosbay hatten im Januar gemeinsam mit Soulsplitter im Kölner Tsunami Club eines der – so viel war damals schon deutlich gewesen – Konzerte des Jahres gespielt, zumindest für uns. Was damals noch nicht klar gewesen war: wie vergleichsweise wenig Wettbewerb es dieses Jahr Gig-technisch geben würde, von Festivals ganz zu schweigen…. Doch da kann die Band ja am wenigsten für, die just dieser Tage im MTC ebenfalls zu Kölle sehr gern erneut an den Start gegangen wäre – so schade drum!

So muss sowohl der Band wie ihren Fans nun also diese Zuflucht reichen – als Asyl in kulturfernen Tagen sozusagen. Die lange vorab abgegebene Visitenkarte dazu, ‘Amen’, hatte die Erwartungshaltung in himmlische Höhen schnellen lassen. Denn in dieser inbrünstigen Metal-Theodizee-Variation der menschheitsalten “Warum lässt Gott es zu”-Frage beweist Bandboss Jan Listing einmal mehr, dass er nicht nur ein mächtiger Metal-Shouter ist, sondern auch über eine eindringlich flehende Balladen-Stimme zwischen David Pack (Ambrosia) und Lynn Meredith (Proto-Kaw) verfügt. Und über ein kompositorisches Händchen für das entsprechende Umfeld, das hier so spielerisch wie ästhetisch zwischen erzählerischen Parts und der ganz hohen Progmetal-Tsunami-Welle wechselt.

Vorher hatte noch das knallig-djentige ‘Enjoy The Rise’ den Ritt eröffnet, in dem es konzeptionell um Rassismus, Fremdenhass, Flüchtlingsproblematik und den moralischen Verfall unserer Gesellschaft geht – und die Kritik daran. Ein gewichtiger Teil davon ist die Botschaft, doch den Blick nicht von dem abzuwenden, was im Mittelmeerraum vor sich geht – trotz engagierter Hilfsversuche vieler, die aber immer wieder von der “Wer sich als erster rührt, hat verloren”-Mentalität der meisten Entscheider sabotiert werden: ‘Mediterranean’.

Verbunden mit der kriminellen Energie der Schieber- und Schleuserbanden führt dies allzu oft zur Tragik von Dead On Arrival-Schicksalen: ‘D.O.A.’ Großartig, wie hier das bittersüße ‘Amen’-Thema verwandelt wieder aufgegriffen wird – genau wie ‘If there is a God’ aus dem ‘Amen’-Refrain im ganzen Album textlich widerhallt. ‘Limbus Inn’ führt uns vor Augen, dass und warum sich das Problem auch nicht aussitzen lässt: “I’ll never give up trying / to live a humane life”.

Die Rolle von Kriegen und den sie austragenden Marionetten für das Entstehen von massenhaften Fluchtphänomenen beleuchtet ‘Soldiers’ – interessanterweise wieder aus mehreren Blickwinkeln.

Beim nicht nur vom Text her besonders aggressiven, mit Ausgrenzung haderndem ‘Criminals & Sons’ steuert Simon Kramer von den oben erwähnten Soulmates Soulsplitter ein flirrendes Gitarrensolo bei.

Bleibt noch ‘The Lyin’ King’ mit seiner beunruhigenden Zeile “Enjoy Democracy Till It’s Done” und bleibt das Grande Finale ‘Heavenly Island (Epilogue)’ das einerseits vor selbstgerechten schnellen Analysen und Urteilen vom bequemen und sicheren Spießer-Sofa aus warnt. Und andererseits einige wichtige Motive und Zeilen aus den vergangenen gut 40 Minuten noch einmal Revue passieren lässt.

Was Aufbegehren, die Balance aus textlicher Relevanz und stringenter kompositorischer Umsetzung sowie vor allem was erinnerbare Melodien und Themen angeht, legt “Asylum” die Latte für 2020 einigermaßen hoch.
Bewertung: 12/15 Punkten

Line-up:
Jan Listing – Lead-Vocals, Guitars
Alexander Langner – Guitars
Matthias Heising – Bass
Patrick Bernath – Drums

Christof Kempe: Mix/Mastering (Embark Audio, u.a. Time The Valuator)

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Cover: Chaosbay
Live-Foto: Floh Fish

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Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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