972 Breakdowns (Film und Soundtrack)

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Art conquers all

972 BREAKDOWNS - Auf dem Landweg nach New York (Kino-Plakat)Das wird aber jetzt mal sowas von offtopic! Und zwar allein schon deswegen, weil es hier vordergründig gar nicht um mehr oder weniger progressive Musik geht (und wann hätte es das jemals zuvor hier gegeben? Zwinkersmiley). Sondern um einen erst gestern gesehenen Film – den der Autor übrigens in Deutschlands Lieblingskino des Jahre 2017 erlebt hat, dem WOKI. Jenem Bonner Musentempel also, wo man solch einen Filmstart wenn irgend möglich und drum so auch hier geschehen liebevoll in Anwesenheit des Regisseurs und mehreren Akteuren zelebriert.
Bei reiflicherem Nachdenken: vielleicht weichen wir hiermit ja doch gar nicht so weit ab vom progressiven Pfad. Die spontane Idee zu dieser Film-Empfehlung entstand jedenfalls schon im Kinosessel…

Und sie entstand erstens, weil wir im Film den mehrjährigen Weg einer kleinen Gruppe junger Künstlern begleiten (drei Deutsche, eine Zypriotin, ein Estländer plus mehrere zeitweise dazustoßende “special guests”), während diese das Thema “Leaving home and see the world on a motorbike” auf denkbar experimentelle, originelle sowie riskante (man könnte auch sagen: leicht suizidale) Weise umsetzen. Und mit diesem Ansatz den Größten unter den wahren Pionieren der Progger-Zunft vielleicht gar nicht so unähnlich sind. Zumindest wenn man an deren jeweilige Sturm- und Drang-Zeiten denkt.

972 Breakdowns - Auf dem Landweg nach New York (O.S.T.)Zweitens: obwohl selten ein Film schon aufgrund der Wucht seiner Bilder einen Soundtrack so wenig nötig gehabt hat, um Interesse zu wecken, hat auch dieser natürlich einen – und der ist nicht von schlechten Eltern! Wie hier die sämtlich eigens für den Film geschriebene und eingespielte Musik dessen Flow zugepasst wurde, das nennt das Musiker-Duo zwar selber “Anti-Western” und “Post-Rock”, doch es nutzt erneut Arbeitsweisen, denen man zumindest früher in Progressive-Rock- und Avantgarde-Kreisen begegnen konnte: Beispielsweise sind die Stücke einerseits teils aus Originalgeräuschen der Motorräder aufgebaut – im relativ feinzeichnenden und gut ortbaren Sound des WOKI-Saales (Wer es genau wissen will: aktiver DATASAT Digital Sound in 7.1) hörte man beispielsweise mehrfach links vorne eindeutig einen auf dem Schnarren eines durchgetretenen Kickstarters beruhenden Beat – Snare-Drum mal anders! Und andererseits wurden beispielsweise die Gitarren- auf Motorrad-Sounds getrimmt.

Doch Moment mal, worum geht es hier eigentlich?
Na darum:

972 BREAKDOWNS – Auf dem Landweg nach New York
Ein Film von leavinghomefunktion und Daniel von Rüdiger

Was soll “Leaving-home-funktion” überhaupt bedeuten?
Die Künstler erläutern das freundlicherweise selbst: “LHF ist ein Begriff aus der Automobil-Industrie. Das Aufleuchten der Scheinwerfer soll dem Fahrer im Dunkeln einen sicheren Weg von der Haustür zum eigenen Auto gewährleisten. Oder das sind wir: fünf Künstler auf vier rostigen Motorrädern – bereit, endlich loszufahren! Was heute zählt, ist Sicherheit: Bloß kein unkalkulierbares Risiko eingehen! „Leaving-Home-Funktion“ bedeutet für uns aber das genaue Gegenteil: Das sichere Umfeld verlassen, rausgehen, ohne mehrfach abgesicherten Notfallplan, auf den Zufall die Erkenntnis folgen lassen und Vertrauen in das Unbekannte entwickeln.

Klingt ja reichlich esoterisch. Und was passiert da so?
Die Antworten liefert ebenfalls die offizielle Fassung (Vorsicht: Spoiler!):
“Im September 2014 starten wir, eine Gruppe junger Künstler in Halle/Saale auf eine Expedition Richtung Osten. Wir, Elisabeth, Efy, Kaupo, Anne und Johannes, tauschten Haarbürste gegen Schraubenschlüssel, Haus gegen Zeltplane, Herd gegen Lagerfeuer. Auf vier alten russischen Motorrädern mit Beiwagen (konkret [gelegentlich]rollende Fossilien der Marke Ural 650; eine “Reverse-Engineering”-Kopie der bereits ab 1938 gebauten BMW R 71, KR) machten wir uns auf den Weg Richtung New York – stets auf der Suche nach dem Punkt, wo es nicht mehr weiter geht. Keiner von uns hatte bis vor kurzem Ahnung von Motorrädern. Nach dem Abschluss unseres Kunststudiums haben wir den Motorradführerschein gemacht und unsere Ateliers direkt in den Seitenwagen gepackt. So konnte die Fahrt in die große, weite Welt beginnen, um diese endlich mit eigenen Augen zu sehen. Verfolgt man unsere Reise auf der Karte, schlängelt sich die rote Linie der Reiseroute von Deutschland Richtung Balkan über Georgien nach Kasachstan weiter in die Mongolei und noch weiter bis in die entlegensten Winkel des Fernen Ostens. Dort verlässt die rote Linie den Verlauf der Straße und folgt einem der größten Flüsse Russlands, dem Kolyma, nach Norden, durchquert baumlose Tundra bevor sie über die 80km breite Meerenge der Beringstrasse von Russland nach Alaska führt. Ab Alaska windet sich die Route für tausende Kilometer durch den nordamerikanischen Kontinent, um schließlich in New York zu enden. Mit einer gehörigen Portion Naivität erkundeten wir, was es heißt endlose Wellblechpisten in der Mongolischen Steppe zu bewältigen, was es bedeutet, wenn in der Wildnis Kanadas kein Krankenhaus in der Nähe ist oder wenn im Norden Russlands Straßen überfluten und Brücken zur Rarität werden. Eine folgenschwere Entscheidung für eine Abkürzung brachte uns ans Ende der Kräfte und nur mit viel Glück und der Hilfe vieler Menschen gelang die Weiterfahrt.

Irgendwann hörten alle Strassen auf und Helme wurden gegen Schwimmwesten eingetauscht. Nach langem Tüfteln wurden die Motorräder umfunktioniert und waren so in der Lage, 1.600 km aufdem Kolyma-Fluss im fernen Osten Russlands bis in den arktischen Ozean zu schwimmen.

Die klapprigen Gespanne, gefertigt in der ehemaligen Sowjetunion, bestimmten den Takt unserer Reise. Die ständigen Pannen (“Breakdowns” sowohl vor allem technischer, teils bürokratischer, üblerweise aber auch medizinischer Natur) ließen das Vorhaben zunächst aussichtslos erscheinen.
Das Scheitern als fast unausweichliches Resultat der eigenen Aktion zu akzeptieren, war die Herausforderung. Trotzdem Tag für Tag erneut aufzubrechen, um mit Erstaunen zu entdecken, dass gerade die Pannen es waren, die als Schlüssel zur Kontaktaufnahme dienten und unzählige Einblicke in Küchen, Wohnzimmer, aber vor allem in die Werkstätten der einheimischen Bevölkerung erlaubten. Nur dank der Hilfe aller Leute, die wir unterwegs getroffen haben, konnten wir nach 43.000 Kilometern am 10.01.2017 um 15:04 ihr Ziel New York City erreichen.”

“A Million Ways to Die in the East”

Eine solche Variante von “A Million Ways to Die in the West” müsste einen ja noch nicht unbedingt interessieren, doch tatsächlich fasziniert, bewegt und schockiert die Story über die ganzen 110 Minuten. Denn schon dadurch wie sie erzählt wird, ist es den Machern gelungen, sie als einzigartige Mixtur darzustellen. Ganz subjektiv wirkte das beim ersten Schauen wie ein Mix aus a) “On the Road” (nur ohne Kerouacs Geschwurbel), b) “Im Lauf der Zeit” (dem ewigen Lieblingsfilm des Rezensenten, in dem interessanterweise ebenfalls ein (wenn auch nur kurzer) Trip mit einem BMW-Gespann eines der Schlüsselelemente darstellt) und schließlich c) “Zen and the Art of Motorcycle Maintenance, indem es dem Autor Robert M. Pirsig (obschon der auch nicht alle Latten am Zaun gehabt haben dürfte) gelingt, aus der Kunst, ein Motorrad selbst am Laufen zu halten, eine umfassende Philosophie und Qualitätstheorie abzuleiten.

Hinzu kommt noch der einfühlsame Schnitt, kommen die oft trotz der beschränkten Mittel schlicht atemberaubenden Bilder – teils mit einer einfachen Drohne von oben geschossen – sowie ganz oben drauf eine höchst originelle Bildsprache: den Expeditionsverlauf auf einer Karte nachzuzeichnen, ist ja eher ein alter Hut bzw. Motorradhelm. Hier aber bereiten außerdem noch auf dem Original-Wartungshandbuch der Ural beruhende animierte Explosionszeichnungen auf die jeweils als nächstes folgende Technik-Panne vor. Das ist so spannungsfördernd wie lehrreich.Breakdown #27

Fun fact:
Der Regisseur Dr. Daniel von Rüdiger hat selbst nicht an dem Trip teilgenommen. Er wurde erst hinzugezogen, als schon alles einigermaßen glimpflich überstanden war, aber nun händeringend jemand gesucht wurde, um aus 500 Stunden selbst dokumentiertem Bewegtbild, Ton und Dokumenten einen sehenswerten Kinofilm zu machen. Ausgewählt wurde er übrigens u.a. aufgrund seiner multiplen Begabungen. Gemeinsam mit Stefan Carl bildet er die Band 0101, der man Punk- und Hardcore-Wurzeln nachsagt, und die nun auch den Soundtrack zum Roadmovie beigesteuert hat. Punkig-ruppig ist der allerdings nicht ausgefallen. Eher filigran. Er weist überdies auch Beiträge von Gastmusikern auf, wie etwa die atmosphärischen Violinen-Parts von Malina Sosnowski.

Der Film ist im September angelaufen und wird hoffentlich recht lange gezeigt. Noch empfehlenswerter ist natürlich der Besuch einer der Termine mit anwesendem Team (“Film-Tour”), diese laufen noch bis mindestens Oktober und sind hier aufgelistet.

Fazit:
Wenn Euch “zusammen Sachen (möglich) machen” und das intensive Erleben, ja gelegentlich der Zusammenprall mit der Natur sowie mit nur anfangs, dann aber noch enorm fremden Kulturen und unbekannten Menschen etwas gibt, dann ist das – hoffentlich – Euer Film! Und vielleicht funktioniert der Soundtrack (erhältlich digital, auf CD sowie LP, vgl. Surftipps) für Euch ja – wie für den Autor – auch schon ohne Bilder. Zum Beispiel das gruselige ‘Road of Bones’ (Obacht IQ-Fans!), der comic relief von ‘The Rooster”, die rückwärts laufenden, und daher fast nach Mellotron klingenden Spuren bei ‘Tolbo Lake’… ‘Dr. Knödler’ hingegen ist pure Elektronik und ‘Irbit Untyp’ hat bei Goth Wave gut hingehört. Worth a try.
Bewertung Film: 13/15, Soundtrack: 11/15 Punkten

PS: Natürlich gibt es auch ein Buch zum Film (400 Seiten, Eigenverlag, 50€), DVD und Blu-ray mit reichlich Bonus-Material sind zumindest angedacht.

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Alle Abbildungen: leavinghomefunktion, mit freundlicher Genehmigung

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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972 Breakdowns (Film und Soundtrack)

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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