Mekong Delta – Tales of a Future Past

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(55:41, LP, CD, Digital, Butler Records, 2020)
Wenn man dem Jahr 2020 überhaupt noch was Gutes abgewinnen kann, dann die freudige Nachricht, dass Mekong Delta nach sechs langen Jahren endlich einen Nachfolger ihres Album “In A Mirror Darkly” eingespielt haben. Für den schreibenden Betreuer, der Klassiker wie das zeitlose “The music of Erich Zann”, das Progmetal-Lehrstück “Dances of death” oder das mittlerweile schon 10 Jahre alte Meisterwerk “Wanderer On The Edge Of Time” Note für Note aufgesaugt hat, wird das erneut zu einer spannenden Reise in einen anspruchsvollen Klangkosmos.

Und lang war die Reise auch dieses Mal. Noch nie waren so viel Hördurchgänge notwendig, noch nie wirkte die Musik so dicht und undurchdringbar wie beim 11. Studioalbum “Tales of a Future Past”.
Insgesamt sechs Songs werden unterteilt mit vier Zwischenspielen, den sog. “Landscapes”, die mit ‘Into the Void’ beginnen und mit einem ‘Pleasant Ground’ enden. Der Weg dahin ist wie gesagt beschwerlich. Direkt mit ‘Mental Entropy’ walzt nämlich eine gewaltige Rifforgie über einen hinweg, begleitet von einem unvorstellbar pfeilschnellen, dabei perfekt taktgenauen Drumming von Alex Landenburg (Kamelot, Universal Mind Project).

Martin LeMar (u.a. Tomorrow’s Eve), seit “Wanderer On The Edge Of Time” als Sänger dabei, lässt immer noch keine Zweifel aufkommen, dass er bisher die idealste Besetzung am Mikro ist. Seine Stimme ist sehr kraftvoll und voluminös, dabei tonsicher und variantenreich.
Das folgende ‘A Colony Of Liar Men’ geht anschließend in eine etwas andere Richtung und hat einen fast Musical-artigen Charakter. Das orchestrale, von der Dramatik her stellenweise an Holsts Planeten erinnernde Instrumental ‘Landscape 2 – Waste Land’ leitet, begleitet von einer klassischen Gitarre und einem E-Gitarren-Solo, die zweite Phase ein, die mit ‘Mindeater’ und ‘The Hollow Men’ erneut steil nach vorne geht. Die rohe Geschwindigkeit, gepaart mit den massiv sägenden Riffs und den unzähligen Varianten, die Bandchef Ralf Hubert am Bass abzieht, ziehen einem die Schuhe aus. Man fühlt sich, als hätte man einen Marathon absolviert und danach 20 Tassen Kaffee getrunken. Aber – und das ist ganz wichtig – es fühlt sich grandios an! Es macht unfassbar viel Spaß der Band beim Musizieren zuzuhören. Mekong Delta sind nicht nur technisch die vielleicht beste deutsche Progmetal-Band aller Zeiten, sie meistern auch die schwierige Herausforderung, dabei nicht zu kühl und steril zu klingen, was bei anderen Bands, die gerne technischen Anspruch darstellen wollen, oft ein zentrales Problem ist.

Beim nächsten Instrumental ‘Landscape 3 – Inharent’ liegt der Schwerpunkt auf Gitarrist Peter Lake, der Riffs hervorzaubert, die nur noch ungläubiges Kopfschütteln und begeistertes Lachen auslösen. Phase 3 verbannt sozusagen alle brutalen Riffs und das ohrenscheinliche Chaos lichtet sich. ‘When all Hope is Gone’ hat wieder etwas Musical-artiges. Begleitet von einem Orchester, zelebriert Martin LeMar den metaphorischen Sturz eines Planeten in ein schwarzes Loch so überzeugend, dass man den Drang verspürt, mal kurz aus dem Fenster zu gucken, ob noch alles in Ordnung ist am Firmament. ‘A Farewell to Eternity’ schließt perfekt daran an. Von einer Akustik-Gitarre begleitet, steigert sich der Song in ein opulentes Beinahe-Finale, welches sich abschließend mit der letzten Phase ‘Landscape 4 – Pleasant Ground’ fast schon versöhnlich fröhlich wie ein schließender Vorhang anfühlt. “War alles nicht so schlimm, wir haben nur Spaß gemacht…”, scheint die Band mit einem zwinkernden Auge dem völlig fertigen und verschwitzen Hörer zu signalisieren.

Auch H.P. Lovecraft kehrt bei Mekong Delta immer wieder zurück. Diesmal über das Cover-Artwork von David Demaret, der das Werk “Berge des Wahnsinns” bildlich in Szene gesetzt hat. In diesem Opus geht es um eine Forschungsmission, die in der Arktis auf etwas Ungeahntes trifft, was die Zukunft der Menschheit eklatant verändern könnte. Auch die Lyrics von Ralf Hubert setzen sich wie so oft mit den gesellschaftlichen Veränderungen der Menschheit und akuten Krisen auseinander. Man könnte angesichts der derzeitigen Lage sagen, dass “Tales of a Future Past” gerade erschreckend aktuell ist.

Teapot of the Week

“Teapot of the Week” auf Betreutes Proggen in der KW19/2020

Mekong Delta bleiben eine der besten Progmetal-Bands aller Zeiten und haben mit “Tales of a Future Past” wieder ein hochkarätiges, sehr anspruchsvolles und sehr mitreißendes Werk vollbracht. Rasende Riffs treffen auf orchestrale Wucht, zelebriert mit allerhöchsten technischen Fähigkeiten. Ein Genuss für alle Progmetal-Freaks! (Und dafür vergeben wir dann auch ausnahmsweise mal einen zweiten Teapot of the week in der gleichen Woche, d. Schlussred. 😉 )
Bewertung: 13/15 Punkten (MBü 13, KR 13)

Surftipps zu Mekong Delta:
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Live Review ProgPower Europe, 2011
Wikipedia

Abbildungen: Mekong Delta/Butler Records

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Über den Autor

Michael Büttgen

Geschmacklich bin ich eigentlich schlecht in irgendeine Schublade einzuordnen. Ich mag sehr viele verschieden Arten von Musik, solange sie für mich einen gewissen Anspruch hat, mich interessiert, fesselt und vor allem berührt.

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Mekong Delta – Tales of a Future Past

von Michael Büttgen Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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