bensnburner – noclip

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(52:44, Digital, Eigenproduktion, 2019)
Räumliche Grenzen überschreiten, außerhalb einer gegebenen Kartografie operieren, limitierte Funktionalitäten quasi endlos erweitern – das gelingt in Videospielen zumeist nur mit Cheats, kurzen Konsolenbefehlen, die es den Programmierern und letztlich jedem Anwender erlauben, gegebene Regeln zu Testzwecken außer Kraft zu setzen. Wer mit Ego-Shootern wie Counter Strike, Quake oder Doom aufgewachsen ist, kennt das Verfahren. Hier spielen vor allem kurze Codes à la “god”, “ghost” oder “noclip” eine Rolle, die Unverwundbarkeit oder das Durchschreiten von Wänden ermöglichen. Ben Krahl ist studierter Jazzmusiker und daher zwar qua Passion an das Überwinden von Grenzen gewöhnt, doch im beruflichen Kontext so gut wie immer gezwungen, Kompromisse einzugehen. Die spielen auf “noclip” glücklicherweise keine Rolle mehr. Mit dem dritten Album seines Projekts bensnburner aktiviert der Bassist funktionstüchtige, stellenweise aber auch übereilte Cheats aus Ambient, Drone, Doom Metal und jazzaffinen Experimenten, die sich wenig um Konventionen, dafür umso mehr um Authentizität scheren.

Begann Krahl 2012 noch als Funk- und Soul-inspiriertes Einmannprojekt mit Schlafzimmerproduktion, ist bensnburner sieben Jahre später zum interdisziplinären Kollektiv verschiedenster Künstler angewachsen, die nun alle ihren Fingerabdruck auf den zwölf Stücken von “noclip” hinterlassen haben. Frei flottierende Streichinstrumente ziehen da im Zupfmodus durchs Bild, Gitarren werden mit dem Bogen angeschlagen, Drums zwischen Geradlinigkeit und Querverweisen aufgewühlt, während ein düsterer Metal-Duktus auf den siebensekündigen Nachklang einer stillgelegten Industriehalle in Emmendingen prallt. Was auf Papier nach einem überdimensionierten Klangkonstrukt klingt, entwickelt in der Ausführung tatsächlich cineastisches Potenzial.

Das Intro ‘#FFFFFF’ eröffnet als zurückhaltende Ansammlung akustischer Serendipität, bevor die darauffolgende ‘blush response’ unter zentnerschweren E-Gitarren erfolgreich die Vermählung von Werkhallendrums mit schreienden Synthesizern ausführt. Soundtrackstoff gefällig? Die Größe der Aufnahmeräumlichkeit fungiert auch in ‘routine retirement of a replicant, pt. 3’ (“Blade Runner” lässt Grüßen) oder dem epischen “do we give a damn?” und “laura palmer’s theme” (aus “Twin Peaks”) fast schon als eigenes Instrument. Statt im Echo zu ertrinken, dehnt sich der Sound vom Boden bis zur 30 Meter hohen Decke aus und vermittelt den Eindruck einer Live-Aufnahme. Tatsächlich sind Stücke wie das viskos groovende “ITSTANTRUM” oder der hysterische Violinenmonolog “SUCKMYROCKET” hörbar spontan entstanden, in stundenlangen Sessions, die Krahl alleine oder mit einem Ensemble befreundeter Musiker veranstaltete.

Ein ambitioniertes Unterfangen, das auch im bedrohlich wabernden ‘black orb’ oder der morgendlichen Andacht ‘respire’ mit so manch spannender Idee aufwarten kann, an vielen Stellen allerdings musikalische Schlüssigkeit vermissen lässt. Perfekt müssen und sollen diese Produktionen zwar gar nicht sein, doch gehen selbst die beiden abschließenden Stücke ‘meanwhile’ und ‘#252850’ kaum über das Level tonaler Skizzen hinaus. Stellenweise sind Einflüsse von Mike Patton über Vangelis bis Sleep hörbar, immer wieder auch mal die nach links und rechts ausscherende Ästhetik guter Videospiel-Scores und an der Fähigkeit aller beteiligten Musiker ist sicher nicht zu zweifeln. Aber gerade in Anbetracht dessen wirkt “noclip” unnötig unfertig – wie eine Band, die im Proberaum mit guten Ideen um sich wirft, den Aufnahmen aber kaum Zeit zur Reifung lässt. So ist das dritte Album von bensnburner mehr eine Vorahnung des Potenzials, das dieses Kollektiv in Zukunft hoffentlich noch zur Ausformulierung bringen wird. Vielleicht wäre ein Namenswechsel dann auch nicht die schlechteste Idee.
Bewertung: 8/15 Punkten (KR 11, NS 8)

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Über den Autor

Nils S.

Musikjournalist, Linguist, Kulturpessimist.

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bensnburner – noclip

von Nils S. Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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