Sigur Rós – Ágætis Byrjun (20th Anniversary Edition)

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(71:54 + 59:09 + 61:32 + 69:53,  4CD, Krunk Records, Rykodisc / Warner Music Group, 1999/2019)
Mit ihrem programmatisch, in Rückbetrachtung auf das Debüt betitelte zweite Album “Ágætis Byrjun” (in der deutschen Übersetzung: ein recht guter Start), lieferten Sigur Rós im Jahre 1999 einen Meilenstein des Post-Rocks ab. Seit Anfang Juli liegt dieses Album, welches zudem den weltweiten Durchbruch für die Band bedeutete, als “Anniversary Edition” als umfangreiche Box in verschiedenen Formaten vor.

Auch 20 Jahre nach dem offiziellen Erscheinungsdatum hat dieses wunderbare Werk nichts von seiner faszinierenden, geradezu zeitlosen emotionalen Strahlkraft verloren. In der Jubiläumsbox sind neben des regulären Albums noch ein rund 95-minütiges, ursprünglich für das isländische Radio mitgeschnittenes, komplettes Konzert aus dem Jahr 1999 aus der Íslenska óperan, dem Opernhaus aus dem heimatlichen Reykjavik, sowie zum Album passende diverse Demos, Raritäten und Liveaufnahmen den Jahren 1995-2000 enthalten.

Die ganz eigene Musik der isländischen Formation lebt seit jeher von ihrer ausschweifenden Langsamkeit, den sachten, wohl dosierten Ausbrüchen, die in ihrer fast schon sakralen, reinen Schönheit und tonalen Eskapismus direkt ins Herz gehen. Keine Musik, in der Platz für Aggressivität oder Komplexität ist, sondern ein feinsinniger, musikalischer Mikrokosmos, der auf sehr eigene Art und mit wohl dosiertem Krach verzaubert. Irgendwie passt hier einfach alles, man scheint virtuell durch die schroffe, dennoch beeindruckenden Schönheit von Island zu wandern, wähnt sich auf einer fortwährenden Reise zwischen Gletschern, Geysiren und endloser Landschaft.

Neben den schwebenden, ätherischen Klängen, die teilweise durch die mit dem Cellobogen bearbeitete Gitarre für einen ganz eigenen Sound sorgen, sowie den falsettartigen Gesang von Frontmann Jón Þór Birgisson a.k.a. Jónsi, wirkt vieles in der Musik von Sigur Rós wie aus einer ganz anderen Welt, einem entrückten Soundtrack für einen imaginären Film. Nicht von ungefähr spielte die Band dann auch ein paar Jahre später den Soundtrack für den isländischen Film “Angels Of The Universe” ein und bekam zudem einen kleinen, aber feinen Auftritt bei der HBO-Serie “Game Of Thrones“.

Vor allem der 1999er Livemitschnitt, noch eingespielt in der ursprünglichen 4er Besetzung Jón Þór Birgisson (Gesang, Gitarre), Georg Hólm (Bass), Kjartan Sveinsson (Keyboards) und  Ágúst Ævar Gunnarsson (Schlagzeug), offenbart die Faszination, die Sigur Rós auf der Bühne bieten. Der Schreiber dieser Zeilen hatte selbst das Vergnügen, die Band im Rahmen der “Ágætis Byrjun”-Tour in Karlsruhe beim “Zeltival” zusammen mit dem Streichquartett Amiina zu sehen, kurz bevor sie beim prestigeträchtigen Montreaux Jazz Festival auftrat. Ein wirklich einzigartiges Konzert, denn selten erlebte ich in pre-Smartphone Zeiten ein Konzert bei dem wirklich alle Zuschauer gebannt lauschten und erst am Ende jedes Songs in ekstatische Begeisterung verfielen.

Das Schöne bei diesem Package, bei dem selbst die klanglich nicht immer einwandfreien Demos einen spannenden Blick hinter die Kulissen wagen: es geht hier ausschließlich um die grandios zerbrechlich fließende Musik aus anderen Sphären. Traumhaft schön!
Bewertung: 13/15 Punkten (FF 15, KR 12, KS 13)

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Über den Autor

Kristian Selm

Höre eigentlich alles quer durch den bunten Gemüsegarten des Progressive Rocks, vergesse dabei aber auch nicht den Blick über den Tellerrand hin zu "normaler" Rock- und Popmusik, auch wenn mir vom aktuellen Mainstream leider immer weniger gefällt.

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von Kristian Selm Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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