Jolly – Family

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Jolly - Family (Glassville, 2019)(51:56, CD, Glassville/Al!ve, 2019)
“Family”: Familie – besser könnte der Titel des neuen Jolly-Albums gar nicht gewählt sein. Sechs Jahre ist es her, dass “The Audio Guide To Happiness (Part 2)” das Licht der Welt erblickt hat. Zwei Jahre später verließ die Band das Label Inside Out Music, um ihre Musik zukünftig in Eigenregie zu veröffentlichen: Jolly starteten eine Crowdfunding-Kampagne, bei der die engagierte Jolly-Fan-Familie ihre Lieblinge über das Internet finanziell unterstützen konnte. Fortan arbeitete die Band direkt für ihre Fans – neue Musik wurde exklusiv über die Patreon-Plattform veröffentlicht – exklusiv für die Jolly-Familie. Gleichzeitig befanden sich die einzelnen Bandmitglieder in einer Übergangsphase ihres Lebens; eigene Familien wurden gegründet. Die vier Freunde mussten sich der Frage stellen, wie es mit der Jolly weitergehen würde. Am Ende des Prozesses stand fest: Jolly ist er mehr als eine Band, die man einfach so auflösen kann, Jolly ist Familie.

Im Juni 2019 nun endlich ist es soweit: “Family” erblickt das Licht der Welt und viele der hier vertretenen Songs klingen durchaus familiar. Dies ist allerdings kein Wunder, da viele der Lieder schon seit Jahren durchs Internet geistern. Das erste Hören von “Family” ist gleichwohl ein besonderes Erlebnis, da die acht Songs erst im Gesamtkontext des Albums zu voller Stärke auffahren. Dies soll nicht heißen, dass es sich Jolly mit Family ihren Zuhörern einfach gemacht haben: Zu vielschichtig ist die Platte, als dass sie schon beim ersten Hören voll überzeugen könnte. Was anfangs lediglich als dichte Wall of Sound wahrgenommen wird, kristallisiert sich erst nach mehrmaligem aufmerksamem Lauschen in seine einzelnen Fragmente. Grund hierfür könnte die Tatsache sein, dass die Stimme von Sänger und Gitarrist Anadale recht unauffällig bleibt, da sie oft in Einklang mit der Musik steht und mit dieser wie verwoben scheint. Generell stehen Melodien jeglicher Art nicht in Kontrast zu Gitarrenriffs und druckvoller Rhythmusarbeit, sondern ergeben vielmehr eine vielschichtige Einheit. Zu loben ist hier die grandiose Produktionsarbeit von Drummer Louis Abramson, da trotz der Vielschichtigkeit der Musik, alle Instrumente zu jeglicher Zeit klar erkennbar sind.

“Family” ist ein überzeugendes Album in der Schnittmenge zwischen Alternative Rock und Progressive Rock, welches Assoziationen zu unterschiedlichsten Bands hervorruft. Jolly selbst nennen Bands wie Tears for Fears, Radiohead, Faith No More und Pink Floyd als ihre Haupteinflüsse. Diese Namen sind durchaus nachvollziehbar. Dennoch wären Vergleiche mit Bands wie VOLA, Amplifier oder auch Dredg angebrachter. Die Platte startet mit ‘Lie to Me’, bei dem gleich von Anfang an die Marschrichtung von “Family” vorgegeben wird: einprägsame Keyboard-Läufe und detailreiche innovative Sound- und Samplereffekte von Joe Reilly werden unaufdringlich von einer Rhythmusfraktion untermauert, die selbst Freunde von Periphery zufriedenstellen dürfte. Über oder, besser gesagt, neben allem schwebt dabei Anadales Gesang, der sich einem unaufhörlich in die Gehirnwindungen bohrt. ‘Lazarus (Space Masala)’ beginnt mit einem Spoken-Words-Intro von Shaun Roland und wird geprägt von einer dezent indisch anklingenden Atmosphäre. Die leicht wabernden Sounds, zu denen Gastmusiker und Geiger Angelo Sherry seinen Beitrag leistet, hypnotisieren schnell. Anklänge zu Amplifier werden geweckt. Zum Ende hin könnte ‘Lazarus’ gar als weitläufiger Verwandter von Porcupine Tree’s ‘Last Chance to Evacuate Planet Earth’ durchgehen, allerdings um einige Härten metallastiger. Die abschließenden Worte “He proved victorious” darf man getrost auf den Song beziehen: volle Punktzahl!

Die nun folgende Ballade ‘Rain’ bringt etwas Ruhe in die Platte, da vor allem Anthony Rondinone am Bass und Louis Ambramson am Schlagzeug einen Gang zurückschalten. Keyboards und Vocals agieren als kaum trennbare Einheit und erzeugen eine fast meditative Atmosphäre, die vereinzelt an Großtaten von Dredg erinnern lässt. Eine erste große Überraschung auf “Family“ ist ‘Ava’. Fast könnte man denken, die verwendeten Effekte stammten von einer Atari-Konsole oder aus einem alten C64-Spiel. ‘Ava’ ist feinster Elektro-Pop mit eingängigem Chorus. Für Puristen des Prog-Metal wahrscheinlich unzumutbar, aber eine Empfehlung für Liebhaber von Sounds, die zum Beispiel VOLA auf “Applause for a Distant Crowd”, Long Distance Calling auf “Trips” beziehungsweise Haken auf “Affinity” verwendet haben.

Das nahtlos anschließende ‘Who Will Remember (When You Forget)’ wäre für sich selbst genommen leicht entbehrlich, doch nimmt es auf “Family” eine wichtige Funktion ein, da es mit mike-olfieldschen Sounds den Übergang vom Achtziger Sound des Vorgängers zum über zehnminütigen Prog-Monster ‘Let Go’ bereitet. Diese Komposition überrascht, da man es nach dem straighten Intro und dem schnell folgenden Chorus zunächst für einen simplen Drei-Minüter halten könnte. Was jedoch folgt, ist ein adrenalinhaltiger Rollercoaster-Trip mit und unvorhersehbaren Wendungen. Das Stück entpuppt sich mit fortschreitender Spielzeit als klassischer Prog im Alternative-Gewand, bei dem alles erlaubt ist und nichts unmöglich erscheint. Mit dem nun anknüpfenden ‘Violet’ vollführt die Band eine erneute 180°-Wendung. Erstaunlich aber wahr: bei diesem Liedchen treffen 80er-Jahre-Genesis-Softporno-Fantasien auf Gesangsharmonien, die an Soundgarden und Chris Cornell denken lassen. Jolly wären allerdings nicht Jolly, wenn sie diese Einflüsse nebeneinander herlaufen ließen. Stattdessen verschmelzen sie diese so unterschiedlichen Zutaten zu etwas Neuem, etwas ganz Eigenem.

Teapot of the Week

“Teapot of the Week” auf Betreutes Proggen in der KW25/2019

Highlight der Platte, neben den schon beschriebenen ‘Lazarus’ und ‘Let Go’, ist allerdings das fast siebenminütige ‘Circuit Heaven’. Eingeleitet von einer verzerrten Computerstimme, die bekannt gibt, dass sie aus der Zukunft stamme (oder vielleicht doch eher aus Manic Mansion?), bricht kurz darauf der von einem Vocoder verzerrte Sprechgesang von Anadale über uns herein. Immer wieder unterbrochen durch zuckersüße di-di – di-di – di-di-di-Skandierungen und durch die Zeile „Welcome to the carnival“ entwickelt sich der Song zu einer Mitsing-Hymne aller erster Güte. Die Trompetenuntermalung von Michael Herczeg sowie die Gitarrenarbeit Anadales veredeln dieses Meisterwerk melancholischer Feel-Good-Music. Wäre ‘Let Go’ das perfekte Lied um ein reguläres Jolly-Set abzuschließen, so käme wahrscheinlich nur ‘With Me’ als anschließende Zugabe in Frage, um das Publikum wieder runterzubringen und mit einem wohligen Gefühl im Bauch nach Hause zu schicken. Ein balladeskes Stück Musik, welches dieses Album mit seinem letzten Wort perfekt zusammenfasst: LOVE!
Bewertung: 13/15 Punkten (FF 13, KR 12)

Jolly - Family - Autographed!
Surftipps zu Jolly:
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Rezension “46:12” (2009)
Rezension “The audio guide to happiness (Part 1)”
Rezension “The Audio Guide To Happiness (Part 2)”
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Über den Autor

flohfish

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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