Pristine – Road Back To Ruin

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(47:39, CD, Nuclear Blast Records/Warner, 2019)
Heidi Solheim und ihre Jungs sind zurück! Nach ihrem Vorgängerwerk “Ninja” von 2017 sind die rothaarige Sängerin aus Tromsö und ihre drei Bandkollegen Espen Elverum Jacobsen an der Gitarre, Gustav Eidsvik am Bass und Ottar Tøllefsen am Schlagzeug mit Album Nummer Fünf am Start. Als Gäste sind auf dem kreativen Output, dessen Titel der vor Power strotzdenden Musik widerspricht, Anders Oskal und Hansi Enzensperger an der Hammond-Orgel dabei. Die beiden ergänzen mit dem Hammond-Sound wie ein fehlendes Puzzlestück in ausgesuchten Passagen der Sound der Band.


(Pristine, Foto: Band)

2012 erschien “Detoxing”, 2013 “No Regret”, beide Alben nur in Pristines Heimat Norwegen. 2016 wurde mit “Reboot” erstmals ein Album außerhalb Norwegens veröffentlicht. Spätestens mit “Ninja” von 2017 gelang der internationale Durchbruch.
Der Titel des neuen Albums mag also ein wenig unpassend anmuten. Heidi Solheim erklärt, dass er aus Frustration über die gesellschaftlichen Zustände auf der Welt entstanden ist. Furcht vor “den anderen”, ein Gefühl der Abschottung, das von einflussreichen Menschen für die Festigung ihrer Macht missbraucht wird, stehen dahinter. Solheim ist frustriert über blindes Misstrauen, die Teilung der Gesellschaft und das (nicht nur symbolische) Bauen von Mauern – aber vor allem darüber, dass die Geschichte sich hier wiederholt und die Gesellschaft in die immer selben Fallen läuft. Sie gibt zu, dass sie Angst hat. Ihr Credo ist: “Take care of each other. Be generous, including and kind.”

‘Sinnerman’ knallt dir in die Ohren und zeigt direkt, wo es langgeht. Alles prescht nach vorne, Heidi steigt ein und zeigt mal eben ganz klar, wer hier die Chefin im Ring ist. Spätestens beim Refrain geht man mit, ob man will oder nicht. Überraschend neu und irgendwie bisher fehlend und daher nun vollkommen willkommen ist ein Orgel-Solo in der Mitte des Songs. Der Sinnerman zeigt, dass Pristine sich seit “Ninja” sowohl musikalisch als auch soundtechnisch entwickelt haben. Hier treibt keine Band für die nächsten Jahre im gleichen Fahrwasser wie manche Artgenossen, sondern entwächst den Klischees.

Der Titeltrack bringt dich zum Bangen. Man merkt, dass Heidi die treibende Kraft hinter Pristine ist. Ihre Energie überträgt sie in ihren Gesang, in den ganzen Song. Auf der ‘Road Back to Ruin’ befindet sich die Band hier ganz sicher nicht, auch wenn man der Sängerin und ihren doomig stonernden Kollegen es rein musikalisch vollkommen abnimmt.

Überhaupt der Sound: Grandios und voll im Vergleich zum etwas trocken und knackiger klingenden Vorgänger-Album. Die Basic-Tracks wurden live eingespielt, die Drums mit Raum-Mikros aufgenommen. Das lässt einen wuchtigen Live-Sound aufkommen, der dem Sound der Band auf der Bühne sehr nahe kommt.

Durchhänger gibt es keinen einzigen auf dem Album. Daher sollten ein paar Track als wirkliche Perlen herausgepickt werden: ‘Aurora Skies’ wird mit vollkommener Sicherheit für lange Zeit in der Dämmerung warmer Sommerabende bei wenig Licht und sehnsüchtiger Gefühlslage oft gespielt werden. Das ruhige, atmosphärische Stück schlägt in die Kerbe von psychedelisch ruhigen Songs im Stile von Jefferson Airplane. Schwermütige und doch sommerlich-leichte Stimmung wird hier verbreitet. Eine große Sehnsucht schwingt mit. Das ist ein ganz großes Stück. Danke, Pristine!

Bei ‘Blind Spot’ brilliert Gitarrist Espen Elverum Jacobsen mit verschiedenen Riffs und Sounds. Im atmosphärischen Intro hören wir die Syrierin Racha Rizk auf arabisch singen. Und ‘Cause and Effect’ könnte geradezu aus einem James Bond Film stammen – oder für den nächsten geschrieben worden sein? “The Arctic Philharmonic”, ein 20-köpfiges Streichorchester, ist sicher nicht ganz unschuldig daran. Bitte im nächsten Bond als Titelsong!

Anschließend begeben wir uns in Neil Youngs akustisch spielende Hände – oder zumindest das davon stark beeinflusste ‘Your Song’. Allein die genannte Auswahl an Stücken zeigt die Vielfalt, die Pristine auf “Road Back To Ruin” zeigt und beherrscht. Dieses Album wird sicherlich in des Betreuers Jahres Top 10 landen. Man ist begeistert und kann den baldigen Gig kaum erwarten. Mit diesem Album haben Pristine in ihrer Karriere einen Meilenstein gesetzt.
Bewertung: 13/15 Punkten (KR 12, PR 13)

Aufgenommen wurde “Road Back To Ruin” übrigens im Paradiso Studio in Oslo mit Produzent Øyvind Gundersen und Techniker Christian Engfelt. 2019 kann man die schweißtreibende Bühnenshow Pristines auch wieder in betreuten Gefilden (und darüber hinaus) erleben. Es lohnt sich!

Pristine – “Road Back To Ruin”
03.05. Biberach, Abdera
04.05. Dornbirn (A), Spielboden
05.05. Tuttlingen, Stadthalle
08.05. Chiemgau, Blues Club
09.05. Augsburg, Spectrum
10.05. Aschaffenburg, Colos-Saal
11.05. Bensheim, Rex
13.05. Berlin, Musik & Frieden
14.05. Kiel, Orange Club w/ The Brew
15.05. Hamburg, Knust
18.05. Bückeburg, Schraubbar
19.05. Frankfurt/M., Nachtleben
20.05. München, Backstage
21.05. Köln, Yard Club (wir betreuen vor Ort!)
23.05. Oberhausen, Zentrum Altenberg
24.05. Lichtenfels, Paunchy Cats
25.05. Osnabrück, Westwerk

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Über den Autor

Philipp Roettgers

“Journalism is a low trade and a habit worse than heroin, a strange seedy world of misfits and drunkards and failures.” - Hunter S. Thompson. “Art is long and life is short, and success is very far off.” - J. Conrad

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Pristine – Road Back To Ruin

von Philipp Roettgers Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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