Interview mit LISERSTILLE über das neue Album “Ilt”

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Gerade wurde eines der interessantesten Alben dieses Jahres von der dänischen Band LISERSTILLE veröffentlicht. Das neue Album “Ilt” enthält die Ergebnisse einer sechstägigen Live-Komposition, die im Oktober 2018 abschließend vor Publikum aufgeführt wurde.
Wir haben die Gelegenheit genutzt, einige Fragen zu stellen.

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Während der Komposition habt ihr die Fähigkeit eines Akusmoniums mit mehreren Lautsprechern genutzt, um die einzelnen Bestandteile eurer Musik wie eine Symphonie abzuspielen. Was war eure Inspiration hierfür?

Die Idee des Akusmoniums diente als Mittel zum Zweck, und das Ziel sollte immer ein Prozess sein – 2017 lebten die Bandmitglieder in verschiedenen Teilen der Welt und wir hatten angefangen, Ideen zu entwickeln, wie man etwas schnell, aber extrem intensiv tun kann. Wie konnten wir, nachdem wir zwei Jahre getrennt waren, uns in einer Session treffen und ein Album machen? Wir wollten auch sehen, ob wir den Prozess der Komposition für Menschen, die nicht täglich mit dem Handwerk beschäftigt sind, spürbar oder sichtbar machen können. Die Idee des Akusmoniums erfüllt dies beides, da wir so einen intensiven Prozess aufbauen können. Während wir live komponieren, können die Menschen tatsächlich in die Klanglandschaft hineingehen während diese entsteht, ohne mit uns zusammen im Studio sein zu müssen – keine Zensur, nur rohe Komposition und extrem harte Arbeit. Wir wollten zeigen, dass das Schaffen von Musik Arbeit ist wie alles andere, und wir wollten es unter dem gesunden Druck tun, beobachtet zu werden. In vielerlei Hinsicht zeigte es sich: es ist befreiender, von lebenden Menschen beobachtet zu werden, als von den imaginären Augen, die wir alle ohnehin ständig über unsere Schultern blicken haben.

FINAL PERFORMANCE OF LISERSTILLE X ACOUSMONIUM (Facebook Video)

Die Position der Lautsprecher, der Raum selbst und das Publikum haben sicherlich die Klänge beeinflusst. Könnt ihr spezifizieren, wie sich dies auf Eure Arbeit und Eure Kreativität ausgewirkt hat? Welche Schwierigkeiten waren zu bewältigen?

Zum Glück waren uns einige Aspekte vorher bekannt, weil einer von uns, Martin, zu Beginn des Jahres bereits ein Akusmonium für Filmmusik verwendet hatte. Daher war der technische Teil des Verfahrens probiert und verständlich. Und zweitens flogen wir Andreas Frosholm aus London ein, er bereitete auch die Aufnahme vor und masterte das Album. Damit hatten wir sichergestellt, dass das Setup zwischen Studio und Akusmonium absolut sicher war und dass die Platzierung eine solide Aufnahme ergab. Er ist ein brillanter Sounddesigner und Vordenker des Prozesses im Allgemeinen. Wir hatten das Gefühl, dass wir das “große Instrument” kannten, aus dem das Akusmonium wird, bevor wir das Album aufnahmen. Er hatte mit Martin auch am vorherigen Akusmonium zusammengearbeitet, so dass sie mit dem Konzept sehr vertraut waren. Darüber hinaus hatten wir einige großartige Ratschläge von Akusmonium-Expertin und Komponistin Boe Przemyslak (Lola Ajima) und von Henrik Winther, beide sind Dozenten für Akustik, über die uns auch das immense Privileg zu Teil wurde, Valdemar zu ergattern – das verrückt teure binaurale Mikrofon, mit dem das finale Ergebnis aufgenommen wurde. In Bezug auf Hall, Platzierung der Lautsprecher usw. wird das Publikum natürlich zu einer wichtigen Überlegung. Man probiert, künstlichen Hall und Stehwellen auf bestimmten Frequenzen so zu steuern, dass es sowohl zum Raum mit Publikum passt und auch, wenn der Raum fast leer und damit weniger „lebendig“ ist. Dann lässt du dein Ego fallen und jeder tut das, worin er gut ist, ohne Entschuldigung.

“Musikalischer Raum aus dunklem, super kondensiertem emotionalem Stoff” ist die mystische Beschreibung eurer neuen Veröffentlichung. Bitte gebt uns einige Details zum Inhalt.

Wir waren also endlich so weit und bereit, ein Album aufzunehmen, und Asbjørn sagte: “Warum versuchen wir nicht einfach, das Konzept nicht zu konzeptualisieren und einfach zusammen zu spielen, was sich in uns angesammelt hat?” – Denkt daran, dass wir zu diesem Zeitpunkt buchstäblich zwei Jahre nicht zusammen gespielt hatten. So haben wir es also getan, und was aus uns herauskam war super-emotional und super-dunkel und extrem komprimiert. Wir hatten einige wilde Jahre hinter uns und in letzter Zeit gab es sowohl Leid und Tod als auch neues Leben – buchstäblich. Ganz zu schweigen davon, dass wir wieder zusammen waren, und alles wurde gerade durch dieses intensive dunkle Liebesthema, Hyper-Emotion und einen Hauch von “Surrealität” angeheizt. Als wäre es wie ein verlassenes Schiff im Weltraum und der Raum ist eine Liebesszene, eine Liebe für das Allgemeine und unsere verrückte Chance, hier zu sein und zu sterben und zu leben. Das Akusmonium verleiht von Natur aus Raum und Atmosphäre, es wurde durch den Prozess immersiv, nicht durch Steuerung. Außerdem haben wir, 20 Meter entfernt vom Akusmonium im Studio, mit einem binauralen Mikrofon im Akusmonium buchstäblich überwacht, was wir gemacht haben. Also waren wir die ganze Zeit in diesem Raum. Wir haben einfach versucht, die Ehrlichkeit einzufangen. Und offen gesagt, das war alles, zu dem wir Zeit hatten.

Ich habe versucht, die Bedeutung des Albumtitels herauszufinden. “Ilt” ist die Kurzform für “I like that” (dt: „Ich mag das“). Ist es wirklich so einfach?

Ilt bedeutet auf Dänisch Sauerstoff. Wir gerieten in eine Art Weltraum-Rahmen, und als es an der Zeit war, Sounddesigner Ketil Sejersen von LLNN für ein paar umgebende Texturen an Bord zu holen, das war so nach drei Tagen, formulierten wir Dinge, die sich zwischen Weltraumterminologie und Pilzen bewegten. Für beide Bereiche schien Sauerstoff von entscheidender Bedeutung zu sein, es ist einfach das Element, das uns auf einer fremden Welt definiert. Gibt es Sauerstoff? Können wir hier wohnen? Außerdem … wenn man im Weltall in seinem Raumanzug schwebt, dann wird Sauerstoff zu einer Art Todesuhr. Ilt ist Leben und Angst in einem.

Gibt es noch etwas, das unsere Leser über Eure aktuelle Veröffentlichung wissen sollten?

Wir möchten euch dazu auffordern, über Entwicklung nachzudenken und zu wissen, dass alles, was ihr in eurem Kopf heraufbeschwört, durch Entwicklung möglich wird, wenn wir dieser erlauben, die konzeptionellen Tendenzen, die wir alle in uns tragen, in Frage zu stellen. Es geht nicht darum, mit Gewalt eine großartige Idee zu vermitteln – Es geht darum, sich auf großartige Prozesse vorzubereiten und darauf zu vertrauen, dass diese uns zu aufregenden Orten innerhalb unseres eigenen Rahmens bringen werden. Dieses Album ist ein Experiment zu dieser Theorie, und wir sind total begeistert, denn was übrig bleibt, ist pure Emotion oder etwas ähnliches, vielleicht verpackt in ein wenig Sci-Fi, aber das liegt an unserer Weltallleidenschaft – wer kann uns das schon zum Vorwurf machen?

Haben ihr bereits neue Ideen für das nächste Projekt von LISERSTILLE?

Nein. Wir sind jetzt ein “wilder Organismus” und werden Prozesse in der Zukunft definieren, die für die Entwicklung von LISERSTILLE geeignet sind oder nicht. Vielen Dank!!!

Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen!

Falls Ihr weitere Fragen habt: LISERSTILLE veranstalten am 26. März 2019 von 20:30-21:30 Uhr eine Frage-und-Antwort-Runde auf ihrer Facebook-Seite!

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Annika Dormeyer

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von Annika Dormeyer Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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