O.R.k., LizZard, 22.01.18, Dortmund, Piano

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LizZORk Turning Wild: von Drumfeen und hartnäckigen ORKwürmern

O.R.k. live in DortmundMit besonderer Freude hatte BetreutesProggen die folgende Rechnung mit angestellt: LizZard + O.R.k. = LizZORk. Und die unter dem Motto „Turning Wild“ stehende Tournee auch präsentiert. Klare Sache, dass wir den nächsterreichbaren Termin auch wahrnahmen. Das hat sich gelohnt – auch wenn die Zuschauerzahlen in Dortmund an diesem nasskalten Montagabend arg überschaubar blieben.

Als erste überzeugt sich das britisch-französische Trio LizZard vom Befüllungsgrad des urig-gemütlichen Musiktheaters. Um die 40 werden wir um 20 Uhr wohl so gerade sein. Davon aber gänzlich unbeeindruckt legen Mathieu Ricou (Gitarre, Gesang), Katy Elwell (Schlagzeug) und William Knox (Bass) einen vor Spielfreude, Virtuosität und Begeisterung sprühenden Auftritt hin. Beispielsweise das knallige ‚Singularity‘ weist als Video-Vorschau auf das erst Ende Februar erscheinende neue Album „Shift“ voraus. Das für ein traditionell besetztes Trio besonders abwechslungsreiche Material kombiniert häufig Tool-artige Polyrhythmik mit supermelodischen Refrains und heftiger, bisweilen dezent nach Djent klingender Saitenarbeit.

LizZard live in Dortmund

Dazu ist die Band auch optisch ein Genuss, wenn man das so sagen darf. Mathieu hat eine enorme Bühnenpräsenz und wirkt dabei gelegentlich wie eine Mischung aus Carl Palmer (Virtuosität), Gustaf Gründgens „Mephisto“ (Ausdruck) und Frau Krone-Schmalz (Intellekt, Frisur). Katy ist mit Verlaub so hübsch, wie ihr Schlagzeugspiel amtlich ist. Während allerdings die beiden Erstgenannten sich häufig „anspielen“ und gegenseitig anstacheln, wirkt Bassist Will fast gänzlich auf sein Instrument und sein Effekt-Board inklusive Wah-Wah konzentriert. Vor und inmitten besonders halsbrecherischer Passagen scheint er sogar die Luft anzuhalten. Und solche kommen beim gerade rhytmisch faszinierenden ‚The Roots Within‘ und auch ‚Vigilent‘ vom 2014er Album „Majestic“ allemal vor.

LizZard live in Dortmund

Mathieu verbreitert den Band-Sound durch geschickten Einsatz von Loops und Delay enorm. Entsprechend ungern lassen die inzwischen knapp 50 Besucher, wiewohl mehrheitlich für O.R.k. erschienen – das Trio nun ziehen. Viele aber versorgen sich während der erfreulich kurzen Umbaupause beim Gitarristen am Merch-Stand mit klingenden und/oder kleidsamen Erinnerungshilfen.

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Um Viertel nach Neun aber ist – wie bei Tolkiens Sauron das Zeitalter der O.R.k.s angebrochen. Das All-Star-Projekt besteht weiterhin aus Lorenzo Esposito Fornasari („LEF“, Gesang, Keyboards, Produktion; u.a. Obake, Berserk!), Carmelo Pipitone (Gitarre; Marta Sui Tubi), Colin Edwin (Bass und allgemeine Coolness; u.a. Porcupine Tree, Astarta/Edwin) und Pat Mastelotto (drums sowie charmante Anmoderationen; u.a. King Crimson, Stick Men).

Losgehen tut es aber nicht mit einem O.R.k.-Stück, sondern mit ‚Therapy‘ von LEFs grandiosem Solo-Werk „Hypersomniac“. Als erstes fällt dabei auf, dass sein Gesang live nochmals mehr als von Konserve überzeugt – da geht von David Sylvian-hafter Salonkühle bis zum (manchmal) schreienden Rock’n Roll Animal einfach alles! Spannend auch das Bühnensetting: Der Sänger steht als Einziger auf dem hinteren, erhöhten Bühnenteil und wird vom Schalldruck, den der ganz vorne links am Bühnenrand thronende Pat erzeugt, durch eine Plexiglas-Faltwand abgeschirmt. Gleich neben ihm Colin Edwin – was für eine coole Sau. Gemeinsam eine der derzeit aufregendsten uns bekannten Rhythm Sections. Er wechselt zwischen Instrumenten mit und ohne Bund, den phantastischsten Klang hat der rote Fretless. Carmelo spielt eine verstärkte, teils heftig verzerrte Akustikgitarre mit und ohne Slide.

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‚No Need‘ wird bereits mit einem kurzen, aber atemberaubenden Schlagzeugsolo abgeschlossen, gefolgt von einem Gang über die ‚Funfair‘ und eine kleine Einführung in die britischen (Colin) versus die US-amerikanischen (Pat) Bezeichnungen für einige der Vergnügungen dort.

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Im Verlauf des hypnotischen ‚Searching For The Code‘ – was für ein unausrottbarer ORKwurm übrigens! – findet sich die reizende Katy wieder hinter dem Podest des Schlagzeugs ein, auf dem sie vorher hatte spielen dürfen. Gut verborgen schaut sie dem Meister von unten zu – und headbangt! Sehr stark auch ‚Collapsing Hopes‘.

Für ‚Till The Sunrise Comes‘ steigt LEF vom Podest herab und Pat zählt an: „1, 2, 3, 5“. Für ‚Pyre‘ jedoch pfeift LEF kunstvoll und wie bei Morricone.

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Nach nur einer ungemein intensiven Stunde scheinen Publikum wie Band gargekocht. Und Pat erklärt, dass man nun statt dem vielfachen Abgang-/Auftritt-Spielchen sofort nur noch ein Stück spielen werde – das Bowie-Cover ‚I’m Afraid Of Americans‘. Ein Schelm, der dabei und bei seiner Ansage, dass er grade wenig Heimweh habe, an den amtierenden POTUS denkt… Trotz des bitteren Beigeschmacks davon beendet dies ein in Summe perfektes Musikerlebnis – von der hungrig-wilden Vorgruppe bis zur umwerfenden Perfektion und den Persönlichkeiten der O.R.k.s.

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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O.R.k., LizZard, 22.01.18, Dortmund, Piano

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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