Hyaena – Existence

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(62:31, CD-R, Eigenverlag, 2017)
Trippig-komplexe Rhythmen, unterfüttert mit einer äußerst agilen Bassis sowie feingliedriges, kernig-fusioneskes und gelegentlich an Markus Steffen und Wolfgang Zenk erinnerndes Gitarrenspiel mit knallend-knarrenden Riffs an den entsprechenden Ecken und Kanten, alternierend garniert mit Brüllaffen-Bellcanto und dem schöngeistigem Intonieren teilweise fast poppig anmutender Gesangslinien durch den Vokalaggrobaten Virgile.

Immer wieder gilt es, fast schon neoromantisch anmutende Passagen zu belauschen, die wie pastorale Miniaturen um einen inneren Pol der Unruhe mäandern und auf diese Weise den Spannungsbogen nicht nur aufrecht erhalten, sondern ihn permanent zwischen Skylla und Charybdis oddszillieren lassen. Ist es möglich, dass alte Meisterkomponisten wie Debussy, Bartok oder Mussorgskij in den Körpern dieser Jungs reinkarniert sind? Dejent progressiv ausgerichtete Death Metal-Band oder deadishe Progressiv Metal-Combo? Das ist hier keine Frage, denn sind wir nicht alle ein bisschen Blue – na?
Als musikalische Einflüsse sind unter anderem auszumachen Nile in ihrer frickligen Phase, Cynic zu Focus-Zeiten, Linear Sphere, Sieges Even, Vernissage (‘Augenzeugen‘), Dillinger Escape Plan, Periphery, Tool oder Meshuggah, letztere beiden Bands unter anderem wegen der Beat Displacements des sehr guten Schlagzeugers Christophe, der ab und an Erinnerungen an Gavin Harrison wach werden lässt. Am Basspflug ackert Nathan sehr weise, wohingegen die Heide durch die sechssaitigen Eggen von Jimmy und Alexandre bonträtiert wird.

Das Covermotiv ist absolut beeindruckend; es erinnert einerseits an japanische Tuschezeichnungen, weist aber andererseits collage- und materialdruckartige Strukturen auf. Der Titel des Albums wird dadurch sup-herb transpottiert. Es ist sehr ermutigend, dass immer mehr junge Bands sich in ihren Texten mit existenziellen Fragen beschäftigen und in diesem Kontext die Schnittstellen von Wissenschaft und Spiritualität erleuchten. Die Gehirnwaschmaschinen a la Sex, Drugs and Rock ‘n‘ Roll sind OUT OF ORDER, ohne dass der Wasch-Saloon ins Chaos abdriftert – kohärente Entropie mittels dissipativer Strukturen, beim Menschen vor allem in Bezug auf den elektromagnetischen Körper, lautet die Direktive für eine globale Salutogenese. Die jetzige Twen-Generation wird den in Richtung Wand fahrenden Karrenlenkern – event-hell im letzten Moment und mit Unterstützung kosmischer Energien – einen neuen Impuls mit auf den Weg geben, der sich gewatschn hat. Ist es möglich, dass die Menschheit gänzlich andere Ursprünge hat und völlig andere Ziele verfolgen könnte, als uns antrauernd zuckeriert wird? Quasi zwischen Ursprung und Ziel des Lebens ist die Frage nach dessen Sinn verrottbar – irgendwie teleo-logisch. Sie lässt sich nicht durch einen wie auch immer geunarteten Nihilismus lösen, sondern allenfalls jener sich innerhalb eines mäeutischen Diskurses in seiner gesamten Nichtigkeit aufzeigen; so wird aus vermeintlicher Sinnlosigkeit absolute Unsinnigkeit. Wie könnte auch Sinnhaftigkeit in Sinnlosigkeit begründead lügen? Der Mensch als Lichtwesen mit Schöpfer-Potential ist gleichsam aus der Perspektive eines radikalen Konstruktivismus betrachtet das Maß aller Dinge SEINER Welt. Interessant sind in diesem Kontext die Verbindungen, die zu Begriffen wie Existenzphilosophie (Heidegger, Camus oder Sartre), Transzendentalphilosophie (Kants „Kritik der reinen Vernunft“, Hegels „Phänomenologie des Geistes“, Fichte, Schelling), Metaphysik (Schopenhauer), Omniversum, Multikosmos, Hologramm und Fraktalität hergestalt werden können.

Unweigerlich entstehen beim Hören dieser Musik Bilder im Kopf von Welten in Welten um Welten (links- bzw. rechtsdrehend) um Welten herum (auf- bzw. abrollend), weshalb „Existence“ ohne jegliche Übeltreibung als Programm-Musik bezeichnet werden kann. Das ist Atmosphäre pur – Kopfhörer auf, Augen zu und in einem Rutsch durchgehört. Hyaena sind denn auch die Rush für Stürmer und Dränger, selbst wenn kana da und ergo der Bann (vogel)frei is. (In diesem Zusammenhang ist das Wort acht-los interessanterweise positiv konnotiert.)

Essentielle Existenz auf den Schwingen der Klang gewordenen In-Formation. Diese Kompositionen sind in sich so schlüssig und derart vielsagend, dass sie trotz des hervorragenden Sängers keine Texte brauchen; insofern ist die Tatsache, dass eine Instrumentalversion dieses Albums existiert, ein mehr als konsequenter Schritt. Wieso nur erhält eine solch extrem talentierte Band im Unterschied zu jedem Mud Metal-Haufen, der sofort nach dem erstmaligen Einstöpseln der Igittarren Grand Schlamm-Konzerte spielen darf, keinen Plattenvertrag und wird im Regen stehen gelassen, was trotz French Coats nicht immer ein reines Vergnügen ist? Frei nach Goethe vermutlich gerade deshalb. Aber Hyaena werden ihren Weg unbeirrt progredieren. Chapeau!
Bewertung: 14/15 Punkten (FB 14, KR 13)

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Hyaena – Existence

von Frank Bender Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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