Pavlov’s Dog – House Broken (live 2015)

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K800_PavlovsDog-HouseBroken-2016-FrontCover(67:08, 64:39, 131:48, 2CD+DVD, Rockville//Soulfood, 2016)
„House Broken“ (deutsch etwa: stubenrein) ist die ideale Maßnahme für eine erstmalige oder Wieder-Begegnung mit der bereits 1972 gegründeten und nach einer vieljährigen Pause wieder aktiven Progrock-Institution Pavlov’s Dog. Denn das im Oktober 2015 in Nürnberg mitgeschnittene Live-Doppelalbum plus Konzertfilm hat das Zeug, zum „Live And Dangerous“, „Bursting Out“ oder „Made In Japan“ der Zimmerreinen zu werden. Das lässt sich zum einen mit der fantastischen Setlist begründen, die trotz der Zusammenstellung aus sämtlichen Pavlov’s Dog-Alben, aus David Surkamps Soloalbum und einem von ihm für Savoy Brown sowie für seine Achtziger-Band Hi-Fi geschriebenen und zuguterletzt unveröffentlichtem Material wie aus einem Guss wirkt. Das andere Argument ist die umwerfende Spiellaune der aktuellen Besetzung: Nathan Jatcko – Keyboards, Gesang, Amanda McCoy – Leadgitarre, Manfred Plötz – Schlagzeug, Abbie Steiling – Violine, Gesang, Rick Steiling – Bass, David Surkamp – Leadgesang, Gitarre, Sara Surkamp – Gesang, Gitarre.

PavlovsDog-Stage

Das liebevoll ausgestattete Album kommt mit achtseitigem Booklet, einem besonders für Hundefreunde prächtigen Artwork, zwei ansprechend klingenden Audio-CDs plus, last but not least, Andreas Weimanns Filmmitschnitt des gesamten Konzertes auf DVD.

Nach einem innig bis kathedral klingenden Intro (‚Echo & Boo‘, für das Saylor, die Tochter von Sara und David, farbenfrohe Visuals beisteuerte) steigt das Septett mit ‚Late November‘ und ‚Fast Gun‘ gleich mit zwei fanbeglückenden Klassikern ein. ‚Crying Forever‘ hingegen entstand für Savoy Brown. Aufgrund des hier hervorragend passenden Gesanges von Davids Gattin Sara, Manfreds rollendem Groove und vor allem Amandas wunderbar flüssigem Spiel erinnert die Nummer streckenweise an einen Jam der Hamburg Blues Band mit Snowy White. Spätestens beim melancholischen ‚Lost In America‘ gehören viele Augen und Ohren des Publikums nur noch der ebenso bezaubernden wie virtuosen E-Geigerin Abbie, die auch das ‚Preludin‘‘ des verstorbenen Siegfried Carver eindrucksvoll zelebriert. Bei ‚We All Die Alone‘ klingt Amandas Strat wie eine Sitar.

Die Tempiwechsel des dennoch sehr melodischen ‚Canadian Rain‘ können ebenso schwindelig machen wie Davids charakteristische Sirenenstimme und das fast mitsingbare Funkbass-Solo von Abbies Mann Rick Steiling.

Teapot of the Week

„Teapot of the Week“ auf Betreutes Proggen in der KW33/2016

‚Wrong‘ wird wieder mehr als achtbar von Sara intoniert, ‚Walk Away‘ sogar von mindestens drei Stimmen getragen. Bei ‚Did You See Him Cry‘ schmust der sympathische Frontmann mit einer Stoff-Fledermaus und leitet dann eine Sequenz ein, die alte Fans endgültig zum Hyperventilieren bringt, da sie u.a. ‚Song Dance‘, ‚Theme From Subway Sue‘ und natürlich ‚Julia‘ aufbietet – bei den Letztgenannten liefert übrigens auch David äußerst knackige Gitarrensoli ab.
Bewertung: 13/15 Punkten

Nachgehakt bei David Surkamp:

DavidSurkamp-2016
Glückwünsche zu diesem beeindruckenden Lebenszeichen! Die Band spielt wundervoll und wirkt dabei fast wie eine harmonische Familie.

Danke, es ist definitiv die glücklichste Pavlov’s Dog-Version bislang! Die Band hat eine Historie mit durchaus heftigen Auseinandersetzungen und schwierigen Beziehungen, die zumindest anfangs etwas mit dem Altersunterschied zu tun hatten – 1972 war ich noch ein halbes Kind. Als ich vor nunmehr zwölf Jahren wieder anfing, Musik aufzunehmen und aufzutreten, wollte ich auf gar keinen Fall wieder dahin zurück. Und es stimmt – wir sind alle befreundet, verbringen auch sonst Zeit miteinander. Darum waren die letzten auch meine bislang glücklichsten Jahre!

»Ich bin ein Riesenfan von King Crimson. Das erste Album hat mein Leben verändert.«

Wie kommt man an Musiker wie beispielsweise Amanda oder Abbie – und wie behält man sie?

Zum einen sind wir wirklich eine verschworene „Gang“, nicht ein Boss plus Begleitung, wie bei Frank Zappa oder so, obwohl meine Kompositionen immer eine Basis dieser Band waren.
Ein Beispiel: Ich bin ein Riesenfan von King Crimson. Das erste Album habe ich als Teenager gekauft und es hat mein Leben verändert! Habe ich das Original-Line-up geliebt? Na, so was von! Aber ich liebte zum Beispiel auch die „Discipline“-Reinkarnationen, bei denen unser zeitweiliger Live-Drummer Bill Bruford mitgespielt hat. Und ich stehe auf die aktuellen Versionen, bei denen u.a. mein Freund Bill Rieflin (auch: Hi-Fi, Anm. d. Red.) Schlagzeug spielt. Vielleicht sind wir auch so eine Band, die von einer Vision über viele Jahre und Besetzungen getragen wird.

Deine Gesangsstimme hat nichts von ihrer Einzigartigkeit verloren. Stehst Du zwei Stunden problemlos durch? Sind einige der alten Stücke heruntertransponiert?

Ja und nein – diese Lieder zu singen, macht mir auch auf Dauer keinerlei Schwierigkeiten, ich habe sie ja für meine Kehle geschrieben (lacht). Und nein,  alles ist noch in der gleichen Tonart wie damals.

Wie ist es Euch gelungen, aus derart unterschiedlichem Material aus über drei Dekaden eine so geschlossen wirkende Rock-Show zu machen?

Gute Frage (Denkpause). Ich hab ja nun mal bislang über hundert Songs geschrieben. Und ich würde natürlich gerne glauben, dass es in diesem Output eine gewisse Kontinuität gibt. Zum Beispiel die Zugabe ‚Shaking Me Down‘ hatte ich vor diesem Konzert noch nie live gespielt, die anderen hatten es noch nie gehört! Ich weiß nicht, was mich geritten hat, aber ich hab mir einfach Saras Gitarre geliehen und losgelegt. Und trotzdem scheint es gut dazu gepasst zu haben.

Absolut. Eine technische Frage: Sowohl Deine Telecaster wie auch Amandas Stratocaster klingen besonders warm, der Sound hat wenig „Twang“ oder gar Schärfe und erinnert an Les Pauls. Findest Du das auch und falls ja – woran liegt es?

Ich habe zwar ein paar Les Pauls und Les Paul-artige Gitarren, habe aber immer überwiegend Tele gespielt. Das ist für mich die archetypische Klampfe, wenn ich eine Gitarre zeichnen müsste, würde sie vermutlich so aussehen. Was aber den Ton angeht: Tommy Bolin hat mir mal den Tipp gegeben, bei den Brücken-Tonabnehmern die Höhen ganz runter- und Mitten und Tiefen ganz rauf zu regeln. Dann hat meine von Bill Nash gebaute Tele einen Humbucker-Tonabnehmer von Gibson. Außerdem spiele ich meinen VOX AC30 Amp erheblich lauter, als das Niveau, für das er vermutlich gebaut wurde. Und schließlich habe ich mein Fuzz-Tone mit 16 an- und seitdem nie wieder ausgemacht (lacht). Alles zusammen ergibt wohl diesen fetten Ton. Ich glaube, Amanda macht im Wesentlichen das Gleiche. Ihre Fender spielt sie seit sie die mit 14 von ihrem Vater bekommen hat – ununterbrochen.

Wessen Signaturen sieht man auf Deiner Bühnen-Tele?

Steve Cropper (u.a. Booker T. & the M.G.’s) war einer meiner allerersten Gitarrenhelden. Und mein Lieblings-Songtexter aller Zeiten ist Keith Reid (Procol Harum). Irgendwann spielten wir auf einem Festival in Belgien, wo auch Steve auftrat und nach seinem Gig in unsere Garderobe kam (mit breitem Südstaatenakzent): „Ich höre, ihr kommt auch aus Missouri“. Da habe ich ihn um ein Autogramm auf meine Gitarre gebeten. Das gleiche passierte mit Keith in London – und ich bin sehr stolz darauf, dass er es getan hat.

Wie kommt nur diese Fledermaus auf die Bühne?

Oh, „Oskar“ (lacht)! Bei einem Auftritt in München, glaube ich, fanden wir eine Reihe von Stofftieren in Regalen vor. Wir liebten diese Fledermaus und fragten, ob wir uns die ausleihen könnten. Und so ging Oskar mit auf Tour. Aber jetzt ist er wieder zurück auf seinem Regalbrett.

Abbies Spiel und Bühnenpräsenz sind gleichermaßen atemberaubend. Hat sie Siegfrieds Parts transkribiert?

Ich glaube, sie hat sie erst rausgehört und extrapoliert heute vom Original aus. Den unglaublichsten Job in der Hinsicht erledigt meines Erachtens Manfred: Er respektiert alle Schlagzeuger, die bei Pavlov’s Dog über die Jahre gespielt haben und bemüht sich, ihren sehr unterschiedlichen Stilen – wenn man z.B. an Mike Safron versus Bill Bruford denkt! – gerecht zu werden. Er hat wirklich jede Variation der Rhythmus-Gruppe studiert und interpretiert sie heute auf seine ganz eigene Weise.

Von Saras Artwork zu schließen, seid ihr des Hundes aus dem Bandnamen noch nicht überdrüssig geworden.

Stimmt, ich habe Hunde solange ich denken kann. Mike und Siegfried wollten die ganz ursprünglich High On A Small Hill genannte Band übrigens auf den Namen Anima Mundi taufen, was ich für völlig ungeeignet hielt. Beim Blättern in einem Psychologiebuch stieß Siegfried dann auf Pavlov’s Dog. Wobei uns damals nicht klar war, dass die Konsequenzen dieser Entscheidung vierzig Jahre später immer noch wirken würden.

Nachgehakt bei Manfred Plötz (Rockville Music):

ManfredPlötz-2016

Wie kommt ein Deutscher auf den Drum-Hocker einer solchen Rocklegende?

Das passierte aus einem Notfall heraus. Pavlov’s Dog arbeiten mit Rockville Music seit 2005 im Booking, Vertrieb und Management zusammen. Daher begleite ich die Band ebenfalls seit 2005 als Tourmanager. Ich war schon Schlagzeuger, allerdings bis dahin eher in Heavy-Metal-Bands. 2010 passierte dann der Notfall, Schlagzeuger Mike Safron erlitt einen Leistenbruch, dummerweise eine Stunde vor der ersten Show der Tour. Da standen wir vor der Entscheidung die Tour abzusagen oder es ohne Proben einfach zu versuchen. Der Versuch hat dann erstaunlich gut geklappt und so lag es nahe, dass ich wieder einsprang, als Mike auch 2015 und 2016 nicht spielte.

Wie stellt sich das Interesse an der Band heute dar?

Erfreulich stabil, insbesondere wenn man bedenkt, dass die Band fast 30 Jahre mehr oder weniger nicht existierte. Die wenigen Konzerte, die die Band jährlich in Europa gibt, sind gut besucht. Besonders freut uns, dass auch immer mehr junge Menschen im Publikum sind.

Wie laufen die alten Platten bzw. Eure Reissues?

Auch stabil, vor allem in Europa, Japan und Australien. Wir sind zufrieden.

Übernimmst Du neben dem Management und der Veröffentlichung auch das Booking?

Ja. Wobei sich der Booking Aufwand angesichts des knappen Kontingents von rund zehn bis 15 Dates pro Jahr in Grenzen hält beziehungsweise sogar fast ein Selbstläufer ist. Da muss man nicht lange nach Veranstaltern suchen. Auch Festivals waren immer mal wieder dabei, z.B. Burg Herzberg, Loreley, Wudzdog oder Arrow Rock.

Wie viele Shows absolviert diese Formation in den USA?

Dort sind es meist nur wenige Einzelshows, oft als Warm-up für eine Europatour.

Du hast vor geraumer Zeit mal Ärger mit nicht offiziellen „Homepages“ zu Pavlov’s Dog erwähnt. Gibt es die noch und wie geht man mit so etwas um? Auf welcher offiziellen Seite sollten sich Fans informieren?

Die einzige offizielle Seite ist die Facebook-Seite der Band (nicht zu verwechseln mit den beiden FB-Fanpages). Eine offizielle Website gibt es nicht. Was die inoffiziellen angeht, so habe ich da ehrlich gesagt den Überblick verloren. Klaus Reicherts schöne Seite pavlovs-dog.de gibt es leider nicht mehr.

Nachgehakt bei Konzertfilmer Andreas Weimann:

V.o.n.u.: Oskar, Andi Weimann

V.o.n.u.: Oskar, Andi Weimann

Andi, wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Ich habe zu der Band bereits seit 2005 Kontakt. Seinerzeit fotografierte ich, nachdem sie ein Konzert in Gießen beendet hatten und ließ die Bilder der Band per E-Mail zukommen. Ich war wohl der Einzige, der das tat und blieb so in Erinnerung. Binnen weniger Tage lernte ich zufällig über einen gemeinsamen Bekannten Manfred Plötz kennen. Wir freundeten uns an und ich habe die Band seither fast auf jeder Europa-Tournee gesehen, oft auch gefilmt. Daher vermute ich, dass niemand ein größeres Filmarchiv der Pavlov’s Dog des 21. Jahrhunderts hat.

Was waren die besonderen Reize und Herausforderungen dabei?

Das weiß man vorher ja nie – oder anders gesagt: Das Spannende ist das Hören und Sichten des Materials zu Hause bzw. im Studio. Es gibt dutzende Dinge, die schiefgehen oder eben funktionieren können. In diesem Fall freut es mich, eine audiovisuelle Sternstunde eingefangen zu haben.

Dein Konzertfilm zeigt eine einfühlsame, intelligente Bildregie und etliche sehr geschmackvolle Bildüberlagerungen – hast Du auch geschnitten?

Ja – und vielen Dank!

Das Booklet spricht von neun Kameras – wie viele Menschen haben die bedient?

Ich habe die Kameras im Saal und auf der Bühne positioniert. Jochen Reichhart und ich haben je eine in der Hand geführt.

Wie läuft die Synchronisation mit dem 24-Spur-Ton?

Heutzutage synchronisiert das Schnittprogramm die Tonspuren der einzelnen Quellen. Wobei in der Produktion die Tonmischung zumindest im Groben vor dem Bildschnitt zu erfolgen hat.

Was kostet eine solche Produktion bei Dir – mit oder ohne Bearbeitung?

Da gibt es viele Möglichkeiten und viele individuell gestaltbare Größen. Bei einer Produktion dieser Größenordnung wird man im deutlich vierstelligen Bereich landen.

Danke an alle für ihre Auskunftsfreude!

Surftipps zu Pavlov’s Dog:
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Rezension „The Pekin Tapes“ (1973/2014)
Prog Archives
Discogs
Wikipedia

Live-Fotos: Pressefreigaben, privat (A. Weimann), Satipics

PavlovsDog-2016-Applause2

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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Pavlov’s Dog – House Broken (live 2015)

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 8 min
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