The Receiver – All Burn

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All Burn(42:18, CD, KScope/Edel, 2015)
Dass im Stall von KScope immer wieder interessante und vielversprechende neue Acts unterkommen, ist hinlänglich bekannt. Die im US-Bundesstaat Ohio beheimateten Brüder Casey und Jesse Cooper machen da keine Ausnahme. Unter dem Bandnamen The Receiver legen sie mit „All Burn“ ihr inzwischen drittes Album vor und debütieren damit auf dem britischen Label. Die Musik von The Receiver klingt gänzlich unamerikanisch – die elf Songs auf „All Burn“ sind wahre Ohrenschmeichler, die Casey J. Cooper mit seiner Samtstimme intoniert. Der Geist von ‚Everybody’s Got To Learn Sometime‘, dem einzigen Hit der Korgis, schwebt durch den Raum. Die Arrangements sind fast gänzlich von Piano und Synthesizern dominiert. Der rhythmische Unterbau besteht aus einer Mixtur aus elektronischen und echten Drums und Percussion. Gitarren bleiben außer einem Bass im Ständer stehen, wegen der üppigen Tasten-Instrumentierung bliebe für sie auch kaum Platz.

Das kurze A-cappella-Stück ‚Drift‘ eröffnet das Album sphärisch. Der rhythmische Synthie-Sound im nachfolgenden ‚Transit‘ erinnert deutlich an ‚Is it love?‘ von Tony Banks‘ (Genesis) Soloalbum „The Fugitive“ aus dem Jahr 1983.

Auch in ‚To Battle An Island‘ finden sich Reminszensen an Banks’sche Pop-Bestrebungen in jener Epoche, The Receiver packen aber deutlich mehr Moll und Melancholie in ihre Melodien. Die traurige Piano-Ballade ‚Dark Matter‘ findet irgendwo zwischen Keane und Radiohead ihr Plätzchen. Das gleiche gilt für ‚April Blades‘. Immer wieder bedient man sich heimlich und kurz an Onkel Tonys Keyboard-Arsenal, das sonst ja sowieso nur noch in der Ecke vor sich hin staubt. ‚Let It Dry‘ fällt durch seine unkonventionelle Melodieführung auf, die, wenn man will, auch wieder an den Genesis-Tastenmann denken lässt. Der ruhige Titelsong ‚All Burn‘ ist vergleichsweise sparsam arrangiert und fällt dadurch etwas aus dem Rahmen. Die abschließenden ‚How bo be young‘ und ‚These Days‘ schlagen wieder in die melancholische Synth-Pop/Art-Pop-Kerbe der ersten Stücke.

Alles in allem ein gelungenes und kompaktes Werk mit ausgeprägtem Achtziger-Charme, das seine Fans finden wird. Prog-Puristen mag Komplexität fehlen und der sanfte Wohlklang missfallen. Andererorts gab es bereits Punktabzüge für fehlenden Mut zum Prog. Zugegebenermaßen ist die Musik von The Receiver im KScope-Kosmos etwas ungewöhnlich, was jedoch nicht zu Schubladen-Denken führen muss. Die Qualität der Songs erfüllt den Label-Standard allemal. Und warum sollte ein Label das Interpreten-Spektrum nicht erweitern? Im Übrigen ist neben der zur Rezension vorliegenden CD auch eine Vinyl-Version von „All Burn“ im Handel.
Bewertung 12/15 (DH 12, HK 11, KR 11)

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The Receiver (Foto: Band)

 

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Über den Autor

Dieter Hoffmann

Dass der Prog-Virus hoch infektiös ist, musste ich bereits in meiner frühen Kindheit erfahren. Während meine Schulfreunde noch sorglos Ilja Richters Disco mit The Sweet und den Bay City Rollers schauen konnten, hatte mich mein älterer Bruder bereits in den frühen Siebzigern mit ELP und Yes verkorkst. Mein erster Radiorekorder und die LP-Hitparade von SWF3 gaben mir mit Genesis und Eloy dann den Rest.

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The Receiver – All Burn

von Dieter Hoffmann Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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