Meandering Mine über die Arbeit an ihrem Debüt „Neanderthal Nein“

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Die Vielschichtigkeit und Dichte des Debüts dieser Münchener Combo hat ein mittleres Erdbeben in der deutschen und teilweise auch internationalen Progszene ausgelöst. Für uns Grund genug, vor Ort zu betreuen, und die Jungs im Übungsraum im hintersten Winkel in mitten der Stadt zu besuchen und ein Interview ganz im Stile des Albums zu führen.

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In den Albumcredits übernehmt ihr ja keine Verantwortung für die Instrumente, deshalb stellt euch doch bitte kurz vor.

Stefan: Ich bin der Stefan, bin 26 Jahre alt und Keyboarder.

Fabi: Fabi, werde dann 25, Schlagzeug.

Roman: Ich bin der Roman und möchte mein Alter nicht preisgeben, ich bin Bassist.

Wolfgang: Ich bin der Wolfi, ich bin Gitarrist und Sänger, und die beiden (zeigt auf Roman und Fabi) singen auch.

Stefan: Alle singen, außer mir.

Was macht ihr beruflich, beziehungsweise studententechnisch?

Fabi: Also wir sind alle Studenten im Moment, wir waren auch schon in dem Status, wo wir alle nicht studiert haben.

Roman: Als Kinder zum Beispiel.

Fabi: Als Kinder hehe, nee, ich meine, Stefan und Wolfgang haben ja das SAE Institut besucht, also sind beide ausgebildete Tontechniker.

Wolfi: Audio Engineers.

Fabi:  Audio Engineers, genau, und ich studiere Druck- und Medientechnik. Ach so, im Moment studiert Wolfi was Anderes.

Wolfi: Also ich studiere Informatik Games Engineering, und in der Zeit zwischen SAE und dem Studium hab‘ ich Sounddesign und Komposition gemacht für Spiele und war freier Tontechniker und so weiter. Das mache ich jetzt auch noch währenddessen, aber in reduziertem Maße.

Roman: Ich studiere Musik auf Lehramt, Gymnasial-Doppelfach, wie’s so schön heißt, also nur Musik – und, na ja, das mache ich in Würzburg. Und derzeit ist es natürlich ein bisschen schwierig, zum Proben zu kommen, mit der Band. Aber jetzt sind ja Semesterferien und jetzt kommen wir alle wieder zusammen hier und machen ein bisschen was.

Verstehe, also ist während der Studienzeit Bandprobenstille sozusagen.

Roman: Also es war zumindest in diesem Semester so, wir haben ja unser großes Ziel des Albumreleases hinter uns gebracht und dann war erst mal Durchatmen angesagt. Aber jetzt haben wir wieder Power und Energie, und wollen durchaus wieder!

Gut, kommen wir zu Eurem Album, das ja gerade recht einschlägt. Ihr habt euch in der [progrock-dt]-Gruppe gemeldet und recht bescheiden vorgeschlagen, dass man sich das Album mal anhören könne. Und da traft ihr natürlich auf neugierige Menschen. Ich muss sagen, dass jedem, dem ich das Album vorspiele das Kinn runterfällt, weil da so vieles in der Musik drinsteckt. Unter anderem schafft ihr es, 40 Jahre Prog-Rock-Geschichte unterzukriegen. Und da ihr euch schon seit der Kindheit kennt …

Fabi: Teilweise, ja. Wir kennen uns schon recht lang, Roman und ich, und die anderen beiden, ich glaub‘, Ihr kennt euch schon von der Schule.

Roman: Seit dem Jugendalter, das spürt man doch glaub ich auch.

Wolfgang: Ich bin komplett extern, also bei mir ist es so: Ich hab den Stefan erst in der SAE kennengelernt, da haben wir zusammen ein Projekt gemacht, und dann kam der Roman dazu, und dann haben wir versucht, was zusammen zu machen. Zuerst mit anderen Schlagzeugern, und dann kam der Fabi letztendlich irgendwann. So hat sich alles hier geformt.

Wie hat sich das Ganze denn musikalisch entwickelt, wie seid ihr musikalisch groß geworden?

Fabi: Generell zur Musik gekommen bin ich über Die Prinzen und sowas, was mir meine Eltern gegeben haben als ich klein war. Ich hab das damals aber schon recht intensiv gehört, das war für mich nie so nebenbei, das habe ich immer schon verehrt und ewig rauf und runter gehört. Und irgendwann hat mir jemand in der 6./7. Klasse Rammstein gezeigt und Nightwish. Das war für mich der totale Flash, denn da habe ich erst gemerkt, was möglich ist, wie man mit Klängen umgehen, Musik machen kann. Auch wenn es nur so‘n kommerzieller Metalkram war. und dann ist es weitergegangen mit System of a Down, Mudvayne, dann irgendwann kam Tool. Von Tool ist wahnsinnig viel ausgegangen, denn da hab ich gemerkt, dass es das ist, wonach ich gesucht habe, nach was ich unterbewusst verlangt habe. Dann ging es los mit Prog. Ich musste erst herausfinden: Was ist Prog? Es gibt progressive Musik, also es gibt Musiker, die nicht in jedem Song Refrain und Strophe brauchen, sondern es auch mal ganz anders angehen. Die keine Grenzen kennen, die sich vom Mainstream absetzen. Meine neueste Musikerfahrung ist Aphex Twin, elektronische Musik, wobei das auf einem anderen Blatt steht, aber das ist ungefähr gerade mein Status, wobei sich da gerade auch vieles tut. Bei Bandcamp zum Beispiel kann man ja wahnsinnig viel Musik entdecken, PoiL zum Beispiel. Das ist meine allerneueste Entdeckung.

Roman: Bei Tool haben wir uns alle zu einem gewissen Zeitpunkt getroffen, das war so ein bisschen ein gemeinsamer Nenner. Von da aus begann dann unser eigenes Pflänzchen zu wachsen. Wir haben uns irgendwie getroffen, und dann ging’s los. Wir hatten keine Zielvorstellung, wo es hingehen soll, sondern irgendwie hat das eine Art Eigenleben entwickelt, und, ja, wir sind dann da gelandet, wo wir gelandet sind mit dem Album. Über mehrere Jahre hinweg.

Stefan: Ich denke man kann betonen, dass wir drei Musiker haben, die eine klassische Musikerausbildung genossen haben mit Klavier- und Gitarrenunterricht. Außerdem waren zwei von uns damals im Musik-LK. Wir haben schon einen guten musikalisch-theoretischen Hintergrund.

Wolfi: Tool ist der gemeinsame Nenner, das sehe ich genauso, und dann kommen eben noch ganz viele verschiedene Richtungen. Von allem, was da noch sonst dabei ist eben, das mischt sich dann so. Bei Roman beispielsweise ist die ganze Familie extrem musikalisch, von daher hat er auch einen richtig breiten Background, viele Fähigkeiten an Instrumenten und kompositorisches Verständnis. Dann hat der Fabi so ‘ne ganz doomige, metalartige Ader, so’n bisschen mit Isis und so weiter. Bei mir ist es ein bisschen expressiver, Deftones mochte ich gern und auch Aphex Twin schon vorher. Alles so’n bisschen hart und zackig, oft auch ein bisschen weinerlich, wie auch immer.

Stefan (schmunzelt): Und ich bring‘ den Pop, mit Coldplay.

Wolfi: Ja, so kommt alles zusammen und das macht es glaub ich aus. Ich denke, weil du ja vorhin gesagt hast, dass wir 40 Jahre Prog mitnehmen, es gibt da ja eine Unterscheidung zwischen Prog als Genre, das eigentlich nur in den 70er-Jahren so wirklich existiert hat, und der Idee von Prog – also progressive Musik zu machen, wo man quasi immer einen Schritt weitergeht. Insofern ist es natürlich schwierig, zu sagen wir haben da angeschlossen an dasGenre, denn es ist etwas Übergeordnetes. Wir machen Kunst-Musik, das ist so die Idee, die dahintersteckt. Natürlich gibt es progressive Elemente, weil wir mit den Rhythmen so viel spielen, weil wir uns nicht quasi auf Schema F verlassen, aber im Endeffekt ist das, was uns ausmacht, nicht, dass wir versuchen, irgendwas nachzumachen, sondern wir versuchen einen Schritt weiter zu gehen, eine Richtung weiterzumachen, die uns inspiriert, um uns davon treiben zu lassen.

Wenn Eure Musik über Jahre entstanden ist, heißt das, ihr habt einfach losgelegt und  am Ende alles was ihr hattet zu einem Album zusammengesammelt?

Fabi: Die Idee ist schon recht früh entstanden, wir hatten im Keller von Romans Elternhaus schon die Vision von einem ganzen Ding. „Orpheus“ gab’s schon relativ früh, dann gab’s „Lindblum“ und „Bad Apple“, die sind alle drei Anfang 2011 entstanden – auf dem Album ist das ja so „Anfang – Mitte – Ende“. Dann sind wir umgezogen, raus aus dem Keller, in den Container in Pasing, und da haben wir den Rest dann dazu geknüpft.

Nun, die Frage ist, wie ihr das Ganze verbunden habt. Eure einzelnen Ideen stehen ja immer nur 30 bis 45 Sekunden und dann geht schon wieder was Neues los. Das können doch nicht alles individuelle Stücke sein, die ihr einfach hintereinander geworfen habt, oder?

Wolfi: Nee, gar nicht. Also das Album ist tatsächlich relativ gestückelt, also jeder Song an den nächsten dran gebaut. Eigentlich sind die Songs in sich gekapselt, also ein Song steht für sich. Und dann haben sie natürlich schon eine Verbindung zueinander, das kommt schon von der Idee: “Irgendwann machen wir ein Album draus”. Und so kam immer der Gedanke: “Ah ja, das passt mit dem zusammen und das mit dem”, und so hat uns das schon weiter inspiriert im Songwriting für diesen Song. Wir haben dann schon gesehen, ok, jetzt haben wir da diesen Part, oder diese Idee, und da passt jetzt so und so gut mit diesem Song zusammen und dann gibt es diesen schönen Bogen. So ist das im Prinzip zum Konzeptalbum gewachsen. Oft war es so, dass wir ein Riff hatten, und oft war es nur ein Konzept, eine Idee, Oder manchmal hat der Stefan dann schon relativ viel komponiert gehabt, einen Grundstein sozusagen, und von dieser Idee ausgehend haben wir mit unserem roten Faden versucht, das weiter aufzuspinnen. Und wir sind immer wieder iterativ drüber gegangen und habe uns gefragt: “Warum gefällt’s uns nicht, warum ist es nicht so, wie wir uns das vorstellen?”, und haben dann in die Richtung weitergearbeitet.

Fabi: Manchmal, wenn wir davon ausgegangen sind, ein bestimmtes Riff muss am Anfang stehen, haben wir es immer als Intro gesehen. Und plötzlich war’s in der Mitte. Das kam, weil wir immer wieder gefühlt was für davor und dahinter hatten. Und das ging über Wochen. Weil wir immer, wenn wir wieder zusammenkommen, die Ideen vom anderen in die eigene Vorstellung aufnehmen und uns gegenseitig inspirieren. So sind die Songs entstanden, ziemlich natürlich aus sich selbst heraus eigentlich.

Stefan: Wir hatten eigentlich gar kein geplantes Konzept finde ich.

Fabi: Nee, es hat sich irgendwie so ergeben.

Roman: Wie ich schon sagte, hatte das Ganze ein ziemliches Eigenleben, finde ich. So ging es zumindest mir. Es fügte sich eigentlich alles von Geisterhand zusammen. Das fand ich ganz erstaunlich. Und jetzt im Nachhinein kann ich das gar nicht mehr richtig herleiten, wie das so entstanden ist. Man hat schon noch gewisse Eckpunkte, also: „Aha, das ist diese Idee…“, aber wie’s genau vonstatten ging, ich kann’s gar nicht mehr genau sagen.

Wolfi: Ich denke, bei dem Kompositionsprozess war das Gefühl, dass das von Geisterhand passt, auch unser Antrieb. Jedes Mal, wenn wir die gespürt haben, wussten wir: „Jetzt sind wir auf dem richtigen Weg“. Wenn wir gesehen haben: „Ja, jetzt fügt sich’s, das ist der Weg, den wir gehen müssen“ – dann haben wir die Idee gefixt, haben sie festgesetzt, haben wir weitergemacht in eine andere Richtung.

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Also die Musik leitet Euch mehr als ihr die Musik. So hab Ihr’s ja auch geschrieben in eurem Waschzettel: “So wenig Einfluss wir in Wahrheit auf die Musik haben, die sich wie ein Exkrement des Geistes einfach abscheidet.” Der Übungsraum als Seelenklo?

Gelächter …

Fabi: Ja, wir haben alles durchgemacht. Wir waren oft schlecht drauf, es war sehr frustrierend teilweise. Weil man manchmal in die Probe kam, mit dem, woran man wochenlang gearbeitet hat und dann gemerkt hat, dass man nicht auf dem richtigen Weg ist. Und wir waren dann auch so idealistisch, dass wir gesagt haben: „Nee, dann werfen wir es auch weg“, wenn es uns nicht gefiel. Wir verwursten das dann nicht trotzdem. Wir wollten, dass der Song so gut wird wie es nur geht, und wenn wir gemerkt haben, er wird nicht gut oder nur halb gut, dann haben wir den Song so auch nicht gemacht. Das ist natürlich frustrierend, weil man keine Ergebnisse sieht, an denen man sich festhalten kann. Man kann dann auch nicht auftreten, weil kein Song da ist. Man kriegt auch kein Feedback von außen und man hat immer nur selbst die Vorstellung von dem Song, den es irgendwann geben könnte. Und das ist eben frustrierend.

Wolfi: Also das ist genau der Punkt: Es gibt keinen, der etwas zu Hause fertig komponiert hat und der dann zur Band geht und sagt: „Hier, jetzt spielt das alles.“, und wir spielen das und finden: „Das klingt ganz cool, das machen wir jetzt“. Das macht es aus, deswegen ist da auch so viel von uns allen drin, weil wir uns eben gesagt haben: „Jetzt schauen wir mal, wo wir hinkommen“. Wir mussten dann gemeinsam hart dran arbeiten und wir mussten einen Konsens finden, um immer wieder dieses Neue auf den Punkt zu bekommen. Uns immer wieder zu synchronisieren ist genau das, was es ausmacht. Genau die harte Arbeit, genau die „Qual“, die wir da erlitten haben, die auch die Zeit gebraucht hat, genau das merkt man jetzt, dass das in der Musik drinsteckt. Weil es wirklich der gemeinsame Nenner ist. Ich glaub, das kann man nicht einfach so machen. Eine einzelne Person kann natürlich schnell komponieren, kann selber schnell Entscheidungen treffen, aber unsere Musik ist außerhalb von dem und das ist glaube ich das Spannende daran: Dass wir nicht in der Reihe stehen mit vielen anderen Bands, bei denen nur einer der Komponist ist, sondern dass es hier tatsächlich vier Komponisten sind die sich alle eingebracht haben.

Stefan: Man sieht das vor allem an „Bad Apple“, wo ja der erste Teil komplett von mir vorgegeben war in einer Midi-Aufnahme und dann ist es zum Schluss komplett in eine andere Richtung gegangen, als ich eigentlich gedacht habe. Also da haben wir ganze Teile von meiner Midi-Komposition komplett weggeworfen und haben gesagt: Das andere passt irgendwie besser dazu und fügt sich besser ein.

Fabi: Und haben die Stimmung vom Song komplett verändert – im Gegensatz dazu, wie du dir das eigentlich gedacht hast. Das ist dann eben auch schwer, wenn du reinkommst wie der Stefan: “Ja ich hab das gemacht, wollen wir das umsetzen?” “Ja ok”, und dann plötzlich merkst du, wie die anderen das in die Hand nehmen und anders formen. Es ist dann auch schwierig, sich darauf wieder einzustellen, weil du ja eigentlich eine andere Vorstellung davon hast. Es ist immer wieder ein Hindernis gewesen, sich auf das, was der andere denkt, einzulassen. Es ist ja bekanntlich schwierig (schmunzelt), sich in die Gefühle und Ideen von anderen Menschen hineinzuversetzen, und das dann wieder aufzunehmen und wieder eigene Gedanken zu entwickeln. Es ist natürlich toll, wenn der andere dann auch wieder auf die eigenen Gedanken eingeht…

Eigentlich ja ein gesunder Prozess, zu sagen: „Ok, ich komm mit der Emotion rein und der Nächste dreht sie um schickt mir das zurück.“

Fabi: Das ist spannend, aber wenn es mit so viel Arbeit verbunden ist, dass sich vier Menschen zweimal die Woche im Proberaum treffen und es dann doch nicht so ist, wie du die ganze Woche darüber nachgedacht hast, kann das auch schwierig sein.

Wolfi: Es ist vor allem nicht nur so, dass man denkt: „Ja, die machen das irgendwie anders“, sondern es schwingt jedes Mal ein bisschen mit: “Hm, die finden scheiße, was ich da gemacht hab”. Da einen Schritt darüber hinwegzugehen, das ist das Schwierige, was einen dann letztendlich aber auch berührt. Und das ist glaube ich das progressive Element. Um progressiv Musik machen zu können, musst du dich selber weiterentwickeln, in dem Moment, in dem du sie machst.

Daher wohl auch der Bandname?

Fabi: Den Bandnamen gab’s vorher schon, aber deswegen ist er wohl auch geblieben, weil’s eben dazu passt.

Wolfi: Das ist halt unser Name jetzt. Man muss zugeben, er ist schwer zu erklären, und oft kommt die Frage: „Ja wie, kannst du das mal buchstabieren?“ Das passiert ganz oft.

Was unter Umständen ja ein Karriere-Hindernis sein könnte, so ein schwieriger Name.

Wolfi: Das ist schon richtig, und wir haben ihn auch öfter schon mal hinterfragt. Aber, ja, jetzt ist er halt unser Name. Wir verbinden uns eben auch damit, gewissermaßen. Und eines Tages kommt vielleicht doch der Tag, an dem wir ihn ändern, wir wissen es jetzt noch nicht.

Das dürfte jetzt zu spät sein, glaube ich. Der Album Titel “Neanderthal Nein”: Das Neandertal ist im Westen Deutschlands gelegen, hat kein ‘h’ im Namen und war Heimat flachschädeliger Menschen. Welche Motivation hat das ‘h’ da drin?

Stefan: Das hat absolut nichts mit dieser Region zu tun, sondern ist ein Wortspiel, das sich an den Bandnamen anlehnt.

Roman: Was jetzt wiederum deine Interpretation ist. So siehst du’s. Ich glaube da hat jeder von uns seine eigene Beziehung zu diesem Titel.

Fabi: Ganz nüchtern gesagt, ist er so entstanden (schmunzelt): Wir waren beim Roman, beim Kicker spielen, und haben gemeint, „Aah, wollen wir uns nicht vielleicht umbenennen?“ „Ja keine Ahnung, Meandering Mine …“. Und haben rumgeblödelt: “Mine, nein, nein …” und so, und plötzlich stand da „Neanderthal Nein“, und das klang wie „Atomkraft? Nein Danke“ oder so (Gelächter). Nach den Recordings, fünf Jahre später, waren wir so durch, dass wir gesagt haben: „Das ist der Albumtitel“.

Wolfi: Wir haben damals nicht über den Titel nachgedacht, man muss ja auch unterscheiden, das war viel, viel früher, die Idee von Neanderthal Nein.

Fabi: Ja, damals ging es um den Bandnamen und nicht um den Albumtitel. Als das Album dann fertig war, kam der Begriff ‚Neanderthal Nein‘ eben wieder auf.

Wolfi: Am Ende hat wieder jemand gesagt: wie wäre es denn mit „Neanderthal Nein“? Und ich fand’s ganz cool, einfach zu sagen: „Meandering Mine, Neanderthal Nein“. Das hat so eine innere Kohärenz, die mir einfach gut gefällt.

Fabi: Was ich ganz schön finde ist, dass das ein Begriff ist, bei dem jeder erst mal sagt: „Was? Das ist irgendwie ’n bisschen lustig“. Aber auch: „Hey, der meint’s ja ernst“. Und schon dabei entsteht eine sehr interessante Reibung. Das heißt, der Begriff steht jetzt für sich und kann zu einer ganz eigenen Deutung werden. Das finde ich eigentlich ganz cool. Wir wollten nicht so etwas nehmen wie ‚Black Shadow‘ oder ‚Universe Blabla‘, das ist immer schon so vorbelastet und belegt und irgendwie auch langweilig.

Stefan: Es ist auch sehr deutsch.

Wolfi: Es ist spannend, dass es deutsch ist, weil es dadurch – international gedacht – exotisch ist.

Roman: Ja ich sehe es ähnlich wie Du, Fabi, das ist wie so ein Glas, das mit Bedeutung gefüllt werden kann. Das ist wie: Ja, da denkt sich jemand richtig tief rein in was wir machen und sagt: “Das ist irgendwie sinnvoll, deshalb heißt es Neanderthal Nein”. Und das ist ganz ähnlich wie bei unserer Musik, es ist irgendwie entstanden und wir sind jetzt in Erklärungsnot, dass wir nicht sagen können, warum das jetzt eigentlich so heißt.

Man kann sich ziemlich viele Gedanken darüber machen, jeder hat so seine eigene Idee dazu. Ich dachte schon, ihr würdet euch schön plakativ der ‚Neandertalität‘ der modernen Popmusik verweigern.

Wolfi: Ja, das ist eben eine der Interpretationen, vor denen wir auch Angst hatten. Als wir über den Namen nachgedacht haben, war es zumindest meine Angst, dass man uns als hochnäsig wahrnimmt. Wir nehmen Musik ja als allgemeines Konzept. Für uns ist ja Popmusik nicht gleich schlecht. Wir lehnen die ja überhaupt nicht ab, wir finden das spannend. Es gibt ja wunderbar gemachte Popmusik, die ich sehr gerne höre. Queen, wobei das nicht Popmusik ist, Michael Jackson, das sind natürlich alles wunderbare Sachen, das sind einfach Genies gewesen und deswegen wollen wir uns von dieser plakativen Interpretation unseres Albumtitels schon distanzieren, wir wollen nicht als Aussage: “Weg mit dem ganzen vorsintflutlichen Zeug, wir müssen irgendwie progressiv sein“, oder so. Das ist nicht die Idee (schmunzelt). Um das mal klarzustellen!

Ok. Aufgenommen habt ihr das Ganze im Heimstudio, wenn ich das richtig gelesen habe?

Fabi: Ja, die Drums sind genau da aufgenommen worden, wo sie jetzt stehen, nämlich hier, im Proberaum. Für den Drum-Sound haben wir uns sehr viel Zeit genommen, haben viel rumgebastelt. Wir haben vor das Set eine riesige Verstärkerwand hingestellt, um zu versuchen, ein bisschen zu diffundieren, den Sound.

Stefan: Nachts, wenn unsere Nachbar-Bands nicht proben.

Fabi: Ja, wir haben zwei Wochen lang jede Nacht die Drums aufgenommen. Drei Tage lang haben wir eingestellt und dann jede Nacht einen Song gemacht. Und dann Bass auch noch hier drin. Synthi wurde mal hier, mal da aufgenommen. Mal kam ganz am Ende noch was rein, mal ganz am Anfang.

Stefan: Also ich hab ganz vieles zu Hause aufgenommen und später noch mal umgeändert.

Fabi: Der Flügel war bei Romans Eltern.

Stefan: Der kam ganz zum Schluss, vorher war in allen Tracks schon ein provisorisches Klavier als Guidetrack vorhanden, für die andern zum Einspielen. Die richtigen Klavieraufnahmen kam dann später noch.

Roman: Und für den „Joker“ noch das schön verstimmte Klavier, das auch bei meinen Eltern steht.

Ach, das ist kein Sample?

Roman: Nein, das ist wirklich ein schön verstimmtes Klavier bei meinen Eltern, das habe ich Jahre lang nicht gespielt gehabt und dann habe ich mich mal hingesetzt und mir gedacht: „Ah, das wär doch geil für den ‚Joker‘!” (schmunzelt). Und eigentlich war mir das sogar wichtiger als der Flügel für die anderen Lieder. Und da habe ich die anderen gefragt: „Wollen wir das nicht bei mir aufnehmen?“

Fabi (lachend): Und dann die Gitarre – das war der aufwendigste Komplex in dieser ganzen Geschichte.

Wolfi: Für mich war der Gitarrenaufwand schon wichtig, weil der in meinen Augen einfach viel vom Sound definiert. Wir hatten viele verschiedene Verstärker im Proberaum, die hätten wir theoretisch nehmen können. Vox, Marshall, wir hatten alles da, aber ich wollte das nicht benutzen. Ich weiß, wie man das alles aufnimmt. Man kriegt einen Sound hin, mit dem man alles machen kann, aber mein Ziel war es, sich da ein bisschen abzuheben. Ich hab auch die Dinge, die ich spiele, anders gesehen. Ich habe die nicht als Erbe der ganzen Musik von vorher gesehen, sondern ich wollte den Rest der Musik auch darauf anpassen und schauen, dass es genau das ausdrückt, was in der Musik gesagt werden soll. Dementsprechend haben wir dann verschiedene Sachen gemacht. Also viel läuft über die Software ReValver von Peavey, wo du eben die Möglichkeit hast, relativ viel einzustellen, also bis auf die Schaltungsebene irgendwelche Röhren zu verändern und so weiter. Ob es jetzt realistisch erscheint oder nicht, sei mal dahingestellt. Man kann jedenfalls mit diesen Einstellungen sehr interessante Sounds erzeugen. Bei einem Song habe ich zum Beispiel Folgendes gemacht: Ich bin durch dieses Radio da von meinem Großvater, das diese lustigen ovalen Boxen hat, gegangen (deutet auf einen braunen Kasten). Wir haben da einen HiFi-Verstärker angeschlossen und den Sound durch den HiFi-Verstärker in das Radio rein und unten habe ich zwei Mikrofone dran gemacht, und hab dann noch mit den Phasen rumgespielt.

Meandering Mine Radio

Unabdingbares Recording-Equipment im Jahre 2016

Fabi: Der Discosound, oder?

Wolfi: Der Discosound, genau, also „Disco“ heißt auf dem Album „Nein“. Bei dem Lied habe ich es eben so gemacht, denn die Gitarre hat plötzlich angefangen, so synthetisch zu klingen. Die hat so „gesungen“ und das hat mir total gefallen, denn der Song ist ja auch ein bisschen auf Elektro gemacht, und das hat mir gut gefallen. Ich hatte immer die Idee, wie die Gitarre ungefähr sein soll. Aber am schlimmsten war es immer dann, wenn ich keine konkrete Idee für den Gitarrensound in einem Song hatte. Hatte ich eine Idee, ging’s immer gut, aber dann gab es auch andere Sachen, wo es ein bisschen schwieriger war. Aber so grob hatte ich schon immer eine Vorstellung von der Ästhetik, die hinter dem Klang stehen soll, und ich hab’ dann halt ewig rumgeschraubt. Ich hab auch zu Hause so ein rotes Beistellhöckerchen, und in dieses Höckerchen habe ich so ‘ne Box, also einen Treiber gebaut, hab das zugemacht und ein Mikro reingestellt und habe davon eine Impulsantwort aufgenommen und habe die Impulsantwort in meiner Software verwendet und leicht verändert. Lauter solche Sachen halt. Das war auch wieder so Flow-getrieben, ähnlich wie die ganze Komposition war, und ich habe immer geschaut ob ich auf dem richtigen Weg bin, ob ich in diese oder jene Richtung gehen muss. Ich habe immer alles zusammen gedoppelt. Hatte ich etwas einmal eingespielt, musste mich entscheiden ob es gut klingt oder ob ich es wegwerfen soll und immer so weiter. Das hat halt Ewigkeiten gedauert, weil wir ja nebenher auch arbeiten mussten. Aber ich bin insgesamt sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Was mich dann auch zur nächsten Frage führt: Wie wollt ihr das Ganze denn live aufführen, wenn ihr so einen Aufwand treibt? Ihr könnt ja schlecht das Radio mit auf die Bühne nehmen.

Fabi: Live haben wir vorher auch schon gespielt. So, wie der Wolfi das Album gemixt hat, unterstützt er ja nur die Effekte, die wir vorher auch schon auf die Bühne gebracht haben.

Es gibt zum Beispiel bei „Trivial Thing“ diese ‚Szene‘ im Song, wo es immer wieder leise, dann wieder laut wird. Das haben wir ja immer auch schon so gespielt, und zwar mit Dynamik. Der Wolfi ist da zum Beispiel ein bisschen mit ‘nem Filter drüber gegangen um das Ganze zu verstärken. Aber letztendlich haben wir es schon so live aufgeführt. Sound aus der PA, zum Beispiel vom Synthi oder der Gitarre, der sich auf der Bühne oder im Proberaum gut anhört, kann sich im Mix manchmal auch überraschenderweise als etwas ganz Anderes entpuppen, was überhaupt nicht mehr dazu passt. Und dann musst du überlegen, wie du das mit dem Mix dann hinkriegst. Daher brauchten wir viele Lösungen. Ich habe da einen Sound im Kopf, im ersten Drittel von „Nein“, wo der überdrehte DJ anfängt etwas über Spaß zu schreien. Da hatte der Stefan einen Sound, der uns live total überzeugt hat, aber im Mix hat er abgestunken. Live ist alles durchaus aufführbar – wir haben ja auch im Oktober 2015 das Album mit einem Release-Konzert herausgebracht und dort auch alle Songs gespielt.

Wolfi: Wir haben ja immer live gespielt, immer live komponiert.

Roman: Bei „Lindblum“ ist es so, dass wir vor der Albumversion – aber dieses Lied ist eine Ausnahme – eine Bandversion hatten. So wie das Lied jetzt auf dem Album ist, kann man es ja offensichtlich nicht auf die Bühne bringen. Die Bandversion ließe sich aber auch reanimieren. Alle anderen Stücke sind ohne Weiteres so, wie sie auf dem Album klingen, aufführbar.

Stefan: „Kanon“ dürfte ein bisschen schwierig werden mit den ganzen Klangschalen.

Fabi: Also gut, „Kanon“ haben wir tatsächlich beim Release-Gig zum ersten Mal auf der Bühne präsentiert, aber wir haben da im Gegensatz zur Albumversion reduziert. Wir haben da nicht alle Klangschalen mit reingebracht, sondern sind ganz minimalistisch auf Akkustikgitarren gegangen, mit Sounds vom Synthesizer. Ich hab da ein relativ komplexes Percussion Set, das habe ich alles am Drumset gespielt. Ich bin mit einem großen Klöppel an meine Lowtom gegangen, hab damit die Bass gemacht, solche Geschichten eben.

Gibt’s Termine oder Ideen?

Fabi: Ideen gibt’s viele, Termin gerade nur einen: Am 17. Juni spielen wir auf dem Festival Schallvagabunden. Hoffentlich dann schon mit einem neuen Bassisten.

Wir kommen zum Ende, und hier habe ich noch eine Bitte an euch: Wenn wir mal nicht „Neanderthal Nein“ hören wollen, was schlagt ihr euren Fans als Alternativen vor?

Stefan: Was moderneres vielleicht, Chon. Sehr, sehr anspruchsvolle Gitarrenmusik. Das ist wie Animals as Leaders, nur nicht mit achtsaitigen Gitarren, sondern mit Sechsseiter-Gitarren und Bass.

Wolfi: Auf jeden Fall Aphex Twin, insbesondere das Album „Drukqs“. Das aus meiner Sicht die kompletteste, vollständigste, perfekteste Musik, die ich … – also ich finde, das ist so abgeschlossen wie nichts Anderes. Das ist meine Meinung. Ansonsten vielleicht klassische Musik. Benjamin Brittens „War Requiem“, das ist gut.

Roman: Beethoven, Schubert, Bach, und so weiter.

Fabi: Ja, ich schließ‘ mich da dem Wolfi an: Wenn ich Reviews auf babyblaue-seiten.de schreiben würde, wären das wahrscheinlich meine einzigen 15 Punkte, die ich jemals vergeben würde, es sei denn mich belehrt in Zukunft jemand eines Besseren. Aber das ist mein Status: Aphex Twin. Eigentlich alles, was er gemacht hat, aber besonders „Drukqs“. Und dann würde ich Isis sagen, das Album „In the Absence of Truth“. Das ist für mich auch ein großes Highlight gewesen, schon immer. Auf eine ganz andere Art und Weise, als es Aphex Twin ist, aber es berührt mich immer wieder sehr.

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Meandering Mine - 2016 -3

Fotos: Sebastian Baumann, Raimond Fischbach

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Meandering Mine über die Arbeit an ihrem Debüt „Nean…

von Raimond Fischbach Artikel-Lesezeit: ca. 19 min
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