Arstidir, Kristoffer Gildenlöw, 31.05.15, Hagen, Christuskirche

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Von Bäumen, Elefanten und himmlischen Chören

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Dieser Konzertbesuch war neben vielem anderem auch eine süße Pflicht. Denn charmanterweise war der Umstand, dass Kristoffer Gildenlöw hier mächtigen Support für Arstidir spendete, auch von der Berichterstattung zu unserem Konzert des Jahres 2014 angestoßen worden. Und den Top Act des Abends kann man ja eigentlich auch gar nicht oft genug live erleben – zumal in einer Kirche…

Bei gelinde gesagt bescheidenem Wetter empfing dieser gut hundertjährige Bau seine Gäste im Innern mit verheißungsvollem blauen Licht und Altarkerzenschein sowie den von Lutz Diehl und seinem Team wohlgedeckten Cateringtischen.

Nachdem das Überleben solcherart gesichert war, ging es auch gleich pünktlich los. Wenn auch in schmalerer Besetzung als zur Uraufführung des „Rust“-Albums, so konnte sich Kristoffer erfreulicherweise doch seinerseits auf den Support von Perkussionist (und Schlagzeuger, Produzent u.v.m.) Rick Snel und Paul Coenradie, einem der beeindruckendsten E-Gitarristen unter der Sonne, stützen. Beim Aufmachersong ‚Living Soil‘ fällt auf, dass Paul inzwischen auch ganze Gesangsparts („I Close My Eyes“) übernimmt, was die Möglichkeit zu Ansätzen von Satzgesang liefert. ‚Callout‘ ist, wie uns der in den Niederlanden lebende Schwede Gildenlöw in Erinnerung ruft, jene magische „sad story about a lonely old man who doesn’t want to die alone“. Die Projektionen hierzu sind sehr effektvoll, jedenfalls nachdem der sie abspielende Fallobst-Rechner sein anfängliches Zicken eingestellt hat.

‚Overwinter‘ ist für den in Bäume vernarrten Kristoffer ein besonders wichtiges Lied. Der sechssaitige Fretless Mayones-Bass, den er sich hierfür umschnallt, sieht selbst so schwer wie ein Baum aus und sein Klang lässt unsere Kirchbänke dezent erbeben.

Inzwischen hat Kristoffer durch eine schnelle Umfrage auch erfahren, dass noch nicht allzu viele der rund 250 Erschienenen ihn und seine Musik kennen, dennoch ist der Applaus überaus freundlich. Dafür bedankt sich der Künstler mit einer Premiere, denn es folgt unveröffentlichtes Material. Für ‚Breathe In, Breathe Out‘ wechselt er an das (E-)Piano. Seine Kopfstimme klingt hier wieder einmal der seines etwas berühmteren älteren Bruders Daniel sehr ähnlich. Das prächtige Stück beginnt zart, baut sich dann aber gewaltig auf, in Hinblick auf Dynamik, Klangfarben und Gesangsweise, stets kongenial unterstützt von Rhythmus-Meister Mijnheer Snel.

Auch ‚The Funeral‘ (Kris dazu: „they are songs from my upcoming album and still work in progress. Lyrics and track name may change for the actual release“) ist „unreleased“. And truly beautiful. Hierfür erscheint – als zauberische Überraschung – erstens Ragnar Ólafsson von der Hauptband Arstidir zur Unterstützung. Zweites unglaubliches „Goodie“: Sebastian Holzhausen begleitet auf der großen Kirchenorgel. Das Stück währt zwar nur etwa eine Minute, aber die reicht für Gänsehaut im Kuhhaut-Format!

Das Titelstück von Kristoffers Solodebüt „Rust“ beendete diesen Teil. Dabei spielen die Künstler zunächst simultan zum eingespielten Original-Video, bis dessen Ton ausblendet und sie sich davon lösen. In diesem „freien“ Teil gelingt es Paul, sein traumhaftes Gitarrensolo der Album-Version noch zu übertreffen. Dabei soliert er – Ort und Anlass angepasst – relativ leise und dennoch mit warmem Crunch und voller Ausdruck. Kristoffer fügt unterdes seinem Spiel ein wenig „Latin“-Feeling hinzu. Abschließend sehen wir ihn mit Lampe und Rotwein, alte Fotos beschauend und sortierend…

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Nach kurzer Umbaupause sind Altarbühne und das (unterdes köstlich gestärkte) Publikum davor bereit für die isländische „Boygroup“. Viele Zuschauer hatten bereits im Oktober 2014 zum ersten Arstidir-Konzert in der Hagener Christuskirche teils lange Anreisen auf sich genommen und erschienen auch zum diesjährigen NRW-exklusiven Konzert zahlreich. Die Veranstalterin hatte die Band bei einem Konzert 2013 kennen und lieben gelernt, bei dem Arstidir, damals noch als Sextett, Pain Of Salvation und Anneke van Giersbergen begleiteten.

Naturgemäß stand der aktuelle Auftritt des Quartetts und ihres mitreisenden Cellisten Guillaume Lagravière vor allem im Zeichen ihres jüngsten Albums „Hvel“ (übersetzt: Hemisphäre) und begann folgerichtig mit dem hymnischen, auch ohne Kirchenakustik sakral wirkenden ‚Himinhvel‘ (übersetzt: Firmament). Dazu passend wurde die Christuskirche in tiefblaues Licht getaucht, Wolken zogen am Gewölbe des Gottehauses auf. Auf das Thema „Himmel“ wurde bei der Ausleuchtung immer wieder eingegangen, auch hier besteht eine Parallele zu den Studioaufnahmen der Isländer.

Der zweite Song der „Hvel“ folgte auch im Konzert: ‚Things You Said‘ ist rhythmischer und wirkt schon wegen des englischen Gesangs von Daniel Auðunsson weniger wie ein Hatifnatten-Traum. ‚Someone Who Cares‘ hat sogar beträchtliche Pop-Qualitäten. ‚Moonlight‘ bezaubert u.a. mit herrlichem Streichereinsatz und der Gänsehautstimme von Gunnar Már Jakobsson. Anschließend wird der oft gespielte Arstidir-Klassiker ‚Days & Nights‘ angestimmt, gesungen von Ragnar, der in seiner Ansage lobende Worte für die Zusammenarbeit mit Kristoffer findet.

‚Á Meðan Jörðin Sefur‘ (etwa: während die Erde schläft) gesungen von Karl James Pestka, kann all jene ein wenig trösten, welche die mythisch-folkige isländische der englischen, poplastigeren Seite der Band vorziehen. Damit perfekt auf ihr vielleicht schönstes Stück überhaupt vorbereitet – ‚Heiðin‘ (Zufall, dass die den ganzen Abend sehr überzeugend agierende Lichttechnik just hierfür alles in orangem Licht flutet? ;-).

‚Nú Gleymist Ég‘ beschließt das erste Set, was willkommene Gelegenheit zu Socializing und ggfs. auch weiteren Stärkungen verschafft.

Das Instrumentalstück ‚Ró‘ lockt noch die Letzten zurück ins Kirchenschiff. Es folgen ‚You Just Have To Know Of Me‘ und das herzzerreißend traurige ‚Ljóð Í Sand‘ vom zweiten Studioalbum „Svefns Og Vöku Skil“ – bei dem immer noch irgendwie manchmal ‚Nothing Else Matters‘ durchscheinen will.

Die weitere Speisefolge: ‚Orð Að Eigin Vali‘, ‚Silfurskin‘ und die wunderbar, fast wie von einem himmlischen Chor, acapella in der Kapelle vorgetragene Hymne ‚Heyr, Himna Smiður‘, deren Text bereits 800 Jahre alt ist und Arstidir als ‚Trainstationsong‚ über vier Millionen Aufrufe bei YouTube einbrachte.

Für den nächsten Song betritt Kristoffer erneut die Bühne, zur Weltpremiere von ‚Systir‘ spielt er den Bass. Seinen typischen Stil konnte er dafür auch bereits während der Komposition des neuesten Liedes der Isländer einbringen. Zur Finanzierung des neuen Albums hatte es eine Kickstarter-Kampagne gegeben, und ‚Systir‘ entstand nach dem Wunschthema eines Geldgebers. „Die ersten Minuten eines Gewitters“ sollten darin verarbeitet werden. Das Lied wird von Ragnar gesungen und ist pianozentriert eingespielt. Hört man da etwa dicke Tropfen? Im Laufe des Jahres werden wohl noch weitere Kickstartersongs folgen.

Nicht für das neue Album, doch für eine andere Herzensangelegenheit rief Kristoffer nun noch zu Spenden für sein eigenes Charity-Projekt auf. Vor Kurzem hatte er den „Baby Elephant Song“ veröffentlicht, dessen Einnahmen komplett an den David Sheldrick Wildlife Trust gehen, um durch Wilderei u.ä. verwaiste Elefanten- und Nashornbabys aufzuziehen und anschließend auszuwildern. Unter Zuhilfenahme der kirchlichen Klingelbeutel konnten 400 Euro für diesen guten Zweck gesammelt werden, das sichert die Versorgung von acht Waisen für ein Jahr.

Anschließend ging es weiter mit ‚Shine‘, ‚You Again‘, ‚Shades‘ und im Zugabenteil: ‚Ísland Farsælda Frón‘ (acapella mitten im Publikum gesungen) und ‚Kill Us‘, was ein ganz besonderes Konzert beendete, bei dem sich die sowohl erfreuten wie bewegten Zuschauer nur sichtlich schwer vom Ort des Geschehens trennen konnten…

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Surftipps:
Der Veranstalter: konzert.XYZ
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Kickstarterkampagne zu „Hvel“ mit Videos der Toppstöðin-Sessions und vielen Hintergrundinfos
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„Rust“ (YT)
10-Fragen-Interview mit Kristoffer auf Gaesteliste.de
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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

2 Kommentare

  1. Joachim Weber am

    Danke für den tollen Bericht und die wunderschönen Fotos.
    Ich wäre gerne dabei gewesen, musste aber am nächsten Tag
    arbeiten und Hagen ist ein Stück zu fahren.

  2. Pingback: Es gibt Live, Baby! Update d. Tour- u. Festival-Daten vom 12.01.16

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Arstidir, Kristoffer Gildenlöw, 31.05.15, Hagen, Christuski…

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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