Thomas Andersen, Gazpacho, zu „Molok“

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»Dem Molok opfern – has God left the building?«

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Gazpacho haben konzeptionell immer schon gut und gerne extrem dicke Bretter gebohrt – sowohl was ihre Alben als auch was deren Bühnenpräsentation angeht. Mit „Molok“ aber sind sie jetzt wirklich zu weit gegangen, oder? Die Norweger unternehmen laut eigener Aussage damit nichts weniger als den Versuch, das Universum zu vernichten. Denn „ein kleiner Code am Ende des Albums, der wie ein komisches Geräusch, wie ein Piepser klingt, wird die Korrektur-Software auslösen, die in allen CD-Playern läuft, und wird jedes Mal wenn die CD abgespielt wird eine zufällige Nummer errechnen. Sollte diese Nummer mit der gegenwärtigen Position aller Elektronen im Universum korrespondieren, dann könnte das Universum zerstört werden“. (Presseinfo). Es wurde also höchste Zeit, dazu das Gespräch mit den Welten-Demontierern zu suchen, in Sonderheit mit dem Konzept-Hauptverantwortlichen und daher auch Hauptverdächtigen Thomas Andersen.

Die „Molok“-Story ist ein Ausbund an Komplexität und Originalität als Album-Konzept, erinnerte mich allerdings auch ein wenig an Arthur C. Clarkes Sci-Fi-Kurzgeschichte The Nine Billion Names of God: It „tells of a Tibetan lamasery whose monks seek to list all of the names of God, since they believe the Universe was created for this purpose, and that once this naming is completed, God will bring the Universe to an end.“ Was auch hier mit Hilfe von Computer-Technologie angestrebt – und in der Short story auch erreicht wird…

… darauf bin ich auch gestoßen, als ich für „Molok“ recherchiert habe! Es hat mich total angesprochen – ich liebe die Geschichte und finde, dass etwas dran sein könnte, an den neun Milliarden Namen…
Tatsächlich geistert mir diese Idee im Kopf herum [gestikuliert begeistert]… Ich möchte ein Album machen, das nur aus Sounds besteht, aus gesprochenen Lauten, jeweils nur eine halbe Sekunde lang [erzeugt hingebungsvoll einige Schnalzlaute als Beispiel]. Und wenn man das auf „Random play“/Shuffle auf Spotify oder seinem CD-Player hört, könnte es doch irgendwann einen oder mehrere oder gar alle Namen Gottes produzieren?

Trotz einiger Parallelen – etwa dem u.a. von Akkordeon-Spieler Stian Carstensen eingetragenen Balkan-Folk scheint sich „Molok“ musikalisch stark vom Vorläufer zu unterscheiden: „Demon“ hat absolute Perfektion, gewissermaßen eine polierte Oberfläche, unter der man auch nach monatelanger Beschäftigung damit keinen Ton und keinen Takt jemals würde ändern bzw. anders haben wollen. Das aktuelle Album ist auch wunderschön, aber es scheint nicht diese Vollkommenheit, diese Geschlossenheit zu haben. Nachvollziehbar oder Blödsinn? Kann ein stolzer Papa so etwas über sein jüngstes „Brain child“ überhaupt sagen oder bestätigen?

[Denkpause]
Meinst Du den Sound oder die Kompositionen?

Die Kompositionen – der Klang scheint mir makellos.

Ich kann mir vorstellen, dass die „Molok“-Songs von den sehr unterschiedlichen Geschichten und Themen beeinflusst sind, die das Album durchziehen. Das Album behandelt die Abwesenheit von Gott – in unseren Leben und in der Gesellschaft. An der Oberfläche handelt es von einem Mann, der um das Jahr 1920 herum feststellt, dass egal wo irgendjemand einen Gott anbetet, er dieses in der steinerner Form tut. Ob eine Kathedrale, die Steine von Mekka oder Stonhenge. Gott scheint von seinen Anbetern in Stein getrieben worden zu sein, um niemals zurückzukehren…
Der Mann baut also die Maschine „Molok“, um die gesamte Geschichte des Universums nachzustellen – vom Big Bang zu Beginn bis zu seinem durch die Berechnung sämtlicher Elektronenpositionen herbeigeführten Ende.
[hier baut Thomas freundlicherweise einen hoch verdichteten Exkurs über Quantenphysik ein] Der letzte Song, ´Molok Rising´, enthält auch den Klang, den die Maschine am Ende hervorbringt. Auf seinem Weg dorthin behandelt „Molok“ verschiedene Religionen. Nimm zum Beispiel die Kirchenchöre von ´Choir Of Ancestors´ – das ist eine Art Zitat, stilisiert, um bestimmte Assoziationen hervorzurufen – und daher auch ein größtmöglicher Gegensatz zu „Demon“, wo die gesamte Musik direkt „von uns“ kommt.
Das gleiche trifft auf ‚Algorithm´ zu – um arbeiten zu können, benötigt die Maschine die Masse, die Bewegung und die Richtung der Bewegung aller Partikel im Universum. In der Geschichte erweisen sich diese als Konstanten, und unser Held findet diese in alten Mathematik-Texten in einer altehrwürdigen arabischen Bibliothek. Das Instrumental verdeutlicht seine Suche nach diesen „magischen Zahlen“. Wieder geht es also nicht um das Lied eines Komponisten, sondern eher um eine Versuchsanordnung: „Wie würde die Maschine Molok klingen, wenn sie zu diesem Zeitpunkt in Deinem Zimmer stehen würde? Wie würde sie klingen, wenn sie in einer Trauerhalle in Irland stünde? Und wie, wenn man Gott in einem Park begegnete (‚Park Bench‘), während die Maschine das Universum ausrechnet?“ Wie könnte sich die musikalische Beschreibung einer solchen Situation anhören?
Insofern ist das eine interessante Beobachtung – bei „Demon“ gibt es eine direkte Verbindung zwischen Komposition, Interpretation und Zuhörer, bei „Molok“ aber fast immer die vermittelnde Schicht dieser Situationen.

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Unterliegt „Molok“ nicht eine reichlich pessimistische Sicht auf die Gesellschaft(en)?

Absolut. Ich fürchte, Fortschritte beispielsweise bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz könnten uns in ernsthafte Schwierigkeiten bringen: Wenn eine Maschine millionenfach intelligenter als wir ist, kann sie sich auch unserer Kontrolle und Zugriff entziehen, in dem sie beispielsweise in das Internet oder ähnliche Netze oder Systeme flüchtet. Und ab diesem Punkt – warum sollte sie uns am Leben lassen? Unser Umgang mit HighTech kommt mir manchmal vor wie ein Kind, das mit Papas Schusswaffen spielt…
Ich denke, dass wir uns seit dem Mittelalter zwar technologisch gewaltig, geistig aber nicht wesentlich weiterentwickelt haben. Wir jagen immer noch dem Reichtum um des Reichtums willen nach. Wir lieben es immer noch, Hinrichtungen auf dem Marktplatz zu beobachten – buchstäblich und im übertragenen Sinne. Wir sind also kaum gereift. Aber wenn Gott gegangen ist, dann müssen wir schnell(er) erwachsen werden! Es ist unsere Verantwortung.

God has left the building?

Das bleibt eine offene Frage – auch am Ende des Albums. Wer zerstört das Universum – die Maschine „Molok“, die eine immense Intelligenz entwickelt hat? Oder ist es Gott, der findet, dass „Molok“ seinen Geheimnisse und Mysterien zu nah gekommen ist? Oder ist es einfach nur Zufall?
Wir sind nur eine Rockband – ob Gott existiert, ist eine persönliche Frage, die jeder für sich beantworten kann und muss.
Wir wollen keine Antworten geben – schon weil viele unserer Zuhörer viel klüger sind als wir. Das sage ich nicht nur so. Das weiß ich, weil ich viele getroffen habe.
Aber Fragen wollen wir stellen. Wenn alles ideal läuft, dann schaffen die Musik, die Texte und das Denken und Fühlen des Zuhörers zusammen in seinem Kopf ein Kunstwerk. Um dieses Bemühen geht es in all unseren Alben. Und bei unseren Konzerten auch.

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Aktuelles Album: Gazpacho – Molok
(44:40, CD, Kscope/Edel, 2015)
Bewertung:14/15 Punkten

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Fotos: Tobias Berk

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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Thomas Andersen, Gazpacho, zu „Molok“

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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