Improvisation • zeitgenössische Musik • Chamber Jazz
(39:40; CD, Digital; Relative Pitch Records; 27.03.2026)
Wenn echt schräge, moderne Literatur auf eine passionierte Bassklarinettistin trifft, die sich auf neuzeitliche Musik spezialisiert hat, kommt dieses Meisterwerk dabei heraus.
Aber von Vorne. 1974 schrieb Georges Perec ein Buch namens "Espèces d’espaces". Das Buch selbst kenne ich nicht, sondern nur die Auszüge, die atemberaubend authentisch von Pierre Baux gelesen werden. Wenn eine schöne Stimme Worte in einer Fremdsprache dermaßen berührend ausspricht, muss ich imer gleich an den Film "Ein Fisch namens Wanda" und eine ganz spezielle Stelle denken. Ich hoffe, ein paar unserer Leser können jetzt schmunzeln.
Dann ist da eine niederländische Klarinettenprofessorin in Groningen, die sich durch dieses Werk so berührt fühlte, dass sie dazu ein Projekt ins Leben rief. Sie erzählt das selbst in dem Trailer zu ihrem Album. Ich empfehle, diese drei Minuten auf YouTube zu verbringen, denn Fie Schouten wirkt! Mit ihrer Stimme, ihren Worten, ihren Gedanken und Visionen und natürlich im Hintergrund sehr präsent ihre Bassklarinette. Schon dieser Trailer lässt mich innehalten ob der philosophischen Reflektionen bezüglich Raum und das Teilen von Raum.
Sie bezeichnet sich selbst als Aktivistin, die mit diesem Album Menschen dazu ermuntern möchte, über Raum und Freiräume nachzudenken. Darüber, wie wir mit Raum umgehen und wie wir darüber nachdenken sollten, generöser mit Raum zu sein. Anmerkung der Rezensentin, die selbst jedes Jahr acht Wochen in den Niederlanden an immer verschiedenen Orten verbringt: Nur eine Niederländerin kann glaubwürdig über Raum sprechen, hat dieses Volk doch die ästhetische, effiziente und umweltschonendste Nutzung von Raum zu einer Kunst erhoben, was sich im ganzen Land bewundern lässt.
Aber zurück zum Werk.
Drei Musiker, also Bassklarinette, Cello und Schlagwerk improvisieren insgesamt zehn Abschnitte dieses Buches. Da es sich um improvisierte Musik handelt, ist die hier applizierte Struktur von den zwei Basisbegriffen RAUM und UNIVERSUM als Randelemente sehr hilfreich. Fie Schouten sagt selbst in ihrem Trailer, dass bei Konzerten immer nur eine definierte Grundstruktur steht, wobei sehr viel Raum zur Improvisation bleibt.

- SPACE
- the bed & the room
- the appartment - moving in
- the appartment – walls
- the street
- a letter
- the neighbourhood
- the city
- the country – borders
- UNIVERSE
Track 1 - SPACE : Wie beschreibt man denn den Begriff RAUM? Genial, schon nahezu erotisch, wie das Cello einen Rhythmus vorgibt, Pierre Baux alle Wortvarianten zu RAUM aufzählt, die Bassklarinette und das Schlagwerk Akzente setzen. Der Kontext steht.
Das Bett und das Zimmer, das sind die beiden einzigen Worte, die den zweiten Track einleiten. Die nun folgende Improvisation lässt in ihrer lange andauernden Unaufgeregtheit viel Raum für eigene Gedanken. Erst bei Minute 5 leitet die Klarinette einen neuen Abschnitt ein und das Schlagwerk legt richtig los.
Die Wohnung, eine Auflistung von Verben rund um das Thema Wohnung: Suchen, besichtigen, mieten, umziehen, renovieren, einrichten... Wer jetzt sein eigenes Stresslevel steigen fühlt, sollte diesen Track überspringen, denn das Thema wird meisterlich umgesetzt. Der Sprecher legt ein fühlbar gestresstes Tempo vor, die einzelnen Verben werden überdeutlich gehetzt gesprochen, die Instrumente übernehmen diese Nervosität und insgesamt ist es gut, wenn es nach rund dreieinhalb Minuten vorbei ist. Damit man einmal durchatmen kann.
Track 4 beschreibt die Wohnung. Eine Wand. Ein Bild an der Wand. Das Cello im Flageolet macht die philosophischen Irrungen des Sprechers deutlich, der sich im Vergessen ergötzt. Wenn man die Wand vergisst, an der das Bild hängt, dann ist da nur ein Bild. Aber Bilder brauchen Wände. Da wir aber die Wände vergessen haben, müssen wir Wände erfinden, damit die Bilder eine Daseinsberechtigung haben. Das Cello ist richtig psycho als Soundtrack zu diesem brain f**ck. Die Bassklarinette und das Schlagwerk sorgen für völlig schräge Akzente und nach diesen vier Minuten stehe ich an der Wand und fühle die Tapete. Nur so, um sicher zu sein, dass ich nichts vergessen habe.
Track 5 ist die Straße und da ist richtig was los. Das Cello gibt den walking bass und jetzt wird mir klar, warum der so heisst. Die Klarinette und das Schlagwerk interpretieren Straßengeräusche, von Sirenen über Handyklingeln, vorbeirauschende Autos und Busse, es ist wirklich was los auf dieser Straße. Ich schaue aus dem Fenster und erinnere mich daran, wie es war, in einer Stadt zu leben. Stimmt. Das war so.
Auf Track 6 erzählt der Sprecher bilderreich, wie er in einem Café Platz nimmt und sich selbst als nachdenklichen Briefeverfasser inszeniert. Er beobachtet detailliert, was in dem Café und auf der Terrasse davor passiert und denkt an jemand, also an Dich, wer immer das ist. Sehr unaufgeregt reflektieren die drei Instrumente die philosophischen Beobachtungen und lassen Raum für eigenes Kopfkino. Ich brauche einen Kaffee.
Denken wir an Nachbarschaft, auf niederländisch de buurt, le quartier auf Französisch, dann steigt sogleich der Stresspegel. Da sind Spannungen, da ist Bewegung, Gegenbewegung, Echo und Durcheinander, höre ich da eine Sirene?
Die Stadt beginnt majestätisch und sehr getragen, verändert aber recht schnell ihr Antlitz und wird belebt bis um Minute 3 etwas passiert. Das Cello übernimmt die Führung und bringt mich, ja wohin denn?
Vermutlich zum nächsten Level, denn das ist die Ländergrenze. Ich sage Euch, über eine Ländergrenze lässt sich vortrefflich philosophieren, in wunderschönen französischen Sätzen. Der Sprecher spricht ein sehr sauberes und wunderschön intoniertes Französisch, das sich sehr gut verstehen lässt und Spaß beim Zuhören macht. Aber wie vertont man nun eine Ländergrenze? Indem man über Tausende von Toten spricht, die an und für Ländergrenzen gestorben sind. Um einen Bereich von hundert Metern zu verteidigen. Da lässt sich sehr gut Musik zu machen. Erschreckend aktuell.
Und schon sind wir im Universum. Die Klarinette startet sogleich eine melodische Linie, die sehr gut zu einer Sci-Fi-Serie passen würde. Die Musik hat viel Luft, wirkt atmosphärisch, da alle Instrumente in höheren Lagen spielen. Zum Abschluss wird noch die Adresse des Schriftstellers vorgelesen, endend in Paris, Frankreich, Europa, Erde, Universum. Das ist ein würdiges Ende für eine musikalische Philosophiestunde.
Wobei - und ich rühre mit dem kleinen Löffelchen in meiner Kaffeetasse, obwohl ich gar keinen Zucker nehme - dieses Album offenbart auch beim sechsten Hören noch neue Momente. Wer sich also auf eine erneute Reise ins All einlassen möchte, nur zu.
Bewertung: 13/15 Punkten
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Bandcamp. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Besetzung:
Fie Schouten - clarinets
Vincent Courtois - violoncello
Sofia Borges - drums
Pierre Baux - spoken word
Surftipps zu Fie Schouten:
• Homepage
• Bandcamp
• YouTube
• Wikipedia
Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Hubtone PR zur Verfügung gestellt.

