
Electro-Acoustic • Dark Ambient • Avantgarde • Post Rock • Arabic Experimental
(43:26; Vinyl, CD, Digital; Constellation Records; 03.04..2026)
Man muss sich das ja erstmal auf der Zunge zergehen lassen: Jerusalem In My Heart trifft auf Oiseaux-Tempête – also kontrollierte Eskalation trifft auf kontrollierte Eskalation. Was soll da schon schiefgehen? Richtig: nicht viel. Und tatsächlich passiert hier auch mehr, als der erste, leicht skeptische Eindruck vermuten lässt.
Denn "Eternal Life No End" (oder, mit angemessenem Pathos: „eine verfluchte, dunkle Nacht, so unerquicklich wie ihre Suchenden“) macht zunächst genau das, was man erwartet – und das auf beachtlichem Niveau: Es wabert, es klagt, es beschwört. Und ja, es meint das alles auch verdammt ernst. Aber anders als zunächst befürchtet, trägt diese Ernsthaftigkeit das Album über weite Strecken.
Der Einstieg mit 'Squeal Of Swine' und 'Dagger Eyes' setzt wirkungsvolle Marker: perkussive Pulsadern, modulare Synthflächen, ein nervös flirrendes Geflecht aus Buzuk und Rababa – und darüber die Stimme von Radwan Ghazi Moumneh, die sich wie ein klagender Muezzin durch die Klanglandschaft windet. Inhaltlich kreisen die Lyrics um Verfall, Entfremdung und eine Gegenwart im moralischen Dauerfieber – weniger konkrete Erzählung als vielmehr ein dichter Strom aus Bildern und Zuständen, der sich erstaunlich gut in die Musik einfügt.
Die Stücke selbst folgen dabei einer ganz eigenen Dramaturgie: rhythmisch stoisch bis zur Monotonie – und gerade deshalb von einer eigentümlichen, fast schon unterschwelligen Sogwirkung. Die Tracks verdichten sich zunehmend, schichten Ebenen übereinander, lassen Klangräume wachsen. Die große Explosion bleibt zwar aus, doch genau darin liegt auch ein Teil der Faszination.
Das ist weniger Spannungsbogen als Spirale. Allerdings keine, die dich mitreißt oder verschlingt, sondern eine, die sich beharrlich weiterdreht und dabei immer neue Details freilegt. Weder die aufwärtsdrängende Energie eines Tornados, noch die nach unten ziehende Gewalt eines Strudels stehen im Vordergrund – vielmehr entsteht eine Form von Bewegung, die sich langsam entfaltet und gerade durch ihre Gleichförmigkeit hypnotisch wirkt.
Oder anders gesagt: Diese Tracks verhalten sich wie eine Vinylplatte mit minimalem Höhenschlag. Sie drehen sich, sie hypnotisieren, sie erzeugen ein Gefühl von Drift – und genau in dieser Beharrlichkeit liegt ihr Reiz.
Wer Oiseaux-Tempête einmal live erlebt hat, weiß zwar, wie sehr Frédéric D. Oberland eigentlich von Dynamik und Eskalation lebt. Hier zeigt er jedoch eine bewusst reduzierte, fokussierte Seite seines Schaffens. Das wirkt stellenweise zurückgenommen, eröffnet aber zugleich Raum für feinere Nuancen und klangliche Details.
Und Moumneh? Der bleibt sich treu – im besten Sinne. Seine Auseinandersetzung mit Diaspora, Identität und Erinnerung trägt weiterhin, seine Stimme oszilliert eindrucksvoll zwischen Fragilität und Autorität. Vielleicht ist das keine radikale Neuerfindung, aber eine überzeugende Weiterführung seiner künstlerischen Handschrift.
Interessanterweise sind es dennoch die Momente ohne Stimme, die besonders hervorstechen. 'A Dream That Never Arrived' etwa löst sich vom Ballast der Bedeutung und entfaltet als tranceartige, leicht dub-getönte Klangstudie eine ganz eigene Sogwirkung – subtil, aber nachhaltig.
Auch textlich bleibt vieles Andeutung. Die Lyrics funktionieren als fragmentarische Beschwörungen – Schatten ohne Körper, Träume ohne Ankunft, Schlangen als Chiffren. Das ist atmosphärisch dicht und fügt sich stimmig in das Gesamtbild ein, auch wenn die bewusste Offenheit nicht immer maximale inhaltliche Schärfe erzeugt.
So bleibt am Ende ein Album, das weniger durch große Gesten als durch Konsequenz und Detailtiefe überzeugt. Zwischen „fragil und leuchtend“ und „politisch aufgeladen“ entfaltet sich eine Musik, die sich Zeit nimmt – und diese Zeit auch verdient.
Das ist vielleicht nicht in jeder Sekunde zwingend, aber oft fesselnd und insgesamt bemerkenswert stimmig.
Oder, um es im Bild zu sagen: Wenn das hier die „dunkle, verfluchte Nacht“ ist, dann eine, in der man länger verweilt, als man zunächst gedacht hätte.
Bewertung: 11/15 Punkten
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Besetzung:
• Radwan Ghazi Moumneh - Gesang, Buzuk, Rababa, Elektronik, Perkussion, Drum Programming
• Frédéric D. Oberland - Instrument
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