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(51:23; Vinyl, CD, Digital; Les Couleurs Du Son; 27.03.2026)
Ich senke beschämt meinen Kopf und sperre die Ohren weit auf. Dieses Album, diese Frau, das ist mehr als Musik.
Vor allem, da ich sie seit zwei Tagen erst höre und zuerst mal dachte: Och nee. Das ist echt nicht meine Musik, aber ich habe JA zur Rezension gesagt, also Ohren auf und ganz unbefangen eintauchen. Was ich jedem Zweifler nur empfehlen kann, solange er/sie sich open minded darauf einlässt. So irritierend diese arabische Musik für europäische Proggerohren auch ist, der geduldige Hörer wird immer wieder eingefangen und mitgenommen.
Aber von Vorne: Naïssam Jalal, eine 1984 in Paris geborene Flötistin, Komponistin und Sängerin, Kind syrischer Eltern mit doppelter Staatsbürgerschaft und im Laufe der Jahre mit diversen renommierten Preisen geehrt, hat bereits neun Alben (zählt man die vier anderen Formationen mit, die sie gegründet hat, sind es mehr) eingespielt. Sie brach ihre Musikstudien (Flöte) mit 17 Jahren ab und organisierte ihre eigene musikalische Weiterbildung sozusagen weltweit, mit namhaften, überwiegend arabischen Musikern. Allein ihr musikalischer Werdegang sprengt jetzt schon mein Auffassungsvermögen, ich empfehle interessierten Lesern eine eigene Recherche - nehmt Euch ein paar Stunden Zeit.
Neben ihrer Musik äußert sie sich auch politisch. Dazu empfehle ich die französische Lektüre ihres Blogs auf ihrer Website.

Sind ihre früheren Alben eher arabisch geprägt, ist dieses neue Album "Landscapes of Eternity" in Indien und in hinduistischer Musik zu verorten. Sie ist dafür monatelang durch Indien gereist, hat mit verschiedenen indischen Meistern musiziert und von ihnen gelernt. Sehr eindrucksvoll, vor allem auch durch die Bilder, ist der Trailer zum Album auf YouTube. Was ich beispielsweise so nebenbei in diesem Film erfahren habe ist, dass dieser typisch arabische Singsang ohne Worte religiöse Texte intoniert und somit der Musik eine weitere Dimension gibt. Gut zu wissen, aber das kann ich in dieser Rezension nicht einbringen, da mir dazu das Grundwissen fehlt.
Also machen wir weiter mit der Musik an sich und ignorieren die religiösen Aspekte. Dazu nehme ich Euch mit auf eine knappe Stunde Reise an den Ganges. Naïssam Jalal selbst spielt die Flöte und singt, alle Kompositionen stammen von ihr. Flo Comment spielt die Tanpura, die einen sehr eigentümlichen, schwingenden Grundton liefert. Nabankur Bhattacharya spielt die Tabla, diese indische Variante einer Trommel mit ihrem typischen Klang. Sougata Roy Chowdhury spielt die Sarod und ich empfehle dringend, die Beschreibung hierzu nachzulesen. 25 Saiten, in verschiedene Richtungen gespannt, mit verschiedenen Funktionen und (innerliches Zusammenzucken ist hier erlaubt) kunstvoll zugefeilten Fingernägeln, um spezielle Glissando-Laute zu erzeugen. Damit hätten wir die traditionellen indischen Instrumente aufgelistet, aber nun gehören zu dem Ensemble noch ein Drumset und ein Flügel, die dem Gesamtwerk eben diese europäische Note geben, die es mir deutlich vereinfacht, mich in die Musik hineinzufinden.
Hören wir uns das doch mal an:
Naïssam Jalal hat eine wunderschöne Stimme, die mich ab Track 1 'Tears In Delhi’s Fog' gleich einnimmt und die zusammen mit den mir bekannten Instrumenten wie Klavier und Flöte völlig organisch traditionelle hinduistische Instrumente wie Sarod, Tabla und Tanpura einbaut. Ein Rhythmus wird erst nach fünf Minuten erkennbar und das Stück nimmt an Fahrt auf, ohne jedoch den meditativen Charakter aufzugeben. Ich finde dieses Verschmelzen von klassischen Klängen, orientalischen Rhythmen und Instrumenten faszinierend. Der Spannungsbogen erstreckt sich auf über zehn Minuten und lässt mich mit offenem Mund sitzen.
Track 2 'Bath Of Forgiveness In The Moonlight' beginnt wieder mit Tanpura und Klavier. Diese Kombination aus orientalisch waberndem Liegeton und dem Klavier, das ... ja was spielt das Klavier eigentlich? Irgendetwas zwischen Melodie und Akkorden, gibt es eigentlich Tonarten in der indischen Musik? Dazu singt ab und an eine Männerstimme im Stil arabischer Maqam-Tradition, Rhythmus gibt dem Ganzen etwas Struktur und doch vergesse ich das Hier und Jetzt und dann sind auf einmal 12 Minuten vorbei. Der Mund steht noch immer offen, erste Fliegen kreisen hoffnungsvoll über mir.
Track 3 heißt 'Soft Rain On A Silent River' und beginnt ähnlich wie Track 2 mit Tanpura und Klavier, jedoch übernehmen hier Flöte und Sarod die Hauptrollen und erschaffen ein Gemälde aus Klängen. Ab Minute viereinhalb legt die Tabla zusammen mit dem Klavier einen meditativen Rhythmus auf, Vokalgesang verschmilzt mit den Instrumenten, das Ganze wird mehr und mehr hypnotisch, dann wieder rhythmisch bewegt und bringt mich schließlich nach zwölfeinhalb Minuten zurück zu mir. Der Mund ist mittlerweile sogar den Fliegen zu trocken - sowieso verschmelze ich in Liebe zum Hier und Jetzt mit den Seelen der Lebewesen und Gegenstände um mich.
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Track 4 'In The Rice Fields At Dawn' entführt mich dann endgültig und ohne Rückflugticket nach Indien und ich frage mich, inwieweit die Musik traditionelle indische Gesänge interpretiert oder ob das völlig neu komponierte Melodien und Vokalisen sind, oder ob hier einfach alles verschmilzt? Ist das überhaupt wichtig? In diesem Stück höre ich in der zweiten Hälfte sogar etwas Jazz auf Klavier und Drumset, was mich echt überrumpelt und dann abrupt zurück nach Europa bringt.
Track 5 'Inner Landscape In Raag Kafi' überrascht mich mit der Stimme von Naïssam Jalal, die zum ersten Mal echte Worte spricht, dazu wunderschöne stimmliche Melodiebögen über drei Oktaven, spannende a cappella Stimmencluster, ein drängender Rhythmus.... Welch ein Finish.
Fazit: Ein zutiefst bewegendes Album, auf das man sich ohne Vorurteile oder Erwartungen einlassen muss. Bei mir klingt die Tanpura noch immer nach und ich habe meine eher kritische Haltung arabischer/indischer Musik gegenüber dank des Studiums dieses Albums schätzen gelernt.
Erinnern wir uns doch mal an gregorianische Gesänge, die ja ebenfalls in der Religion verankert waren, gefühlt endlos weitergingen und in denen man sich auch in Trance verlieren kann - sofern man dies möchte.
Diese Reise nach Indien war jede Minute wert.
Chapeau, Madame Jalal!
Bewertung: 12/15 Punkten
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Mosaik Promotion zur Verfügung gestellt. Fotos Tanguy Ginter

