Progressive Metal • Progressive Rock • Djent
(45:07; Vinyl, CD, Digital; Kscope/Edel; 23.01.2026)
Lange waren sie weg. So lange, dass man sich irgendwann dabei ertappt hat, Textures gedanklich eher im Archiv als im Hier und Jetzt zu verorten. Acht Jahre nach der selbst verordneten Auflösung und ein Jahrzehnt nach "Phenotype" tauchen die Niederländer nun wieder aus der Versenkung auf – und nehmen mit "Genotype" direkt dort Platz, wo sie nie wirklich ersetzt wurden. Spoiler vorweg: Das Warten hat sich gelohnt.
Dabei ist "Genotype" ausdrücklich keine Fortsetzung von "Phenotype", sondern eher dessen konzeptioneller Widerpart. Keine liegengebliebenen Skizzen, kein halbgares Reunion-Produkt, sondern ein kompletter Neustart, von Grund auf neu geschrieben und in Eigenregie produziert.
Musikalisch bewegen sich Textures 2026 in einem modern klingenden Prog-Metal-Kosmos irgendwo zwischen TesseracT, Karnivool und The Ocean. Polyrhythmische DNA ist nach wie vor vorhanden, wird aber stärker denn je von Melodie, Atmosphäre und elektronischen Texturen flankiert. Synths, Loops und dezente Industrial-Spielereien geben dem Album einen kühlen, leicht maschinellen Anstrich, ohne dass "Genotype" je seine organische Wucht verliert. Die Produktion ist fett, druckvoll und glasklar – vielleicht an der ein oder anderen Stelle fast schon zu steril, aber handwerklich über jeden Zweifel erhaben.
Was zunächst auffällt: "Genotype" ist erstaunlich eingängig. Hooks werden nicht mehr hinter Komplexität versteckt, sondern bewusst ausgespielt. Gerade in der ersten Hälfte schleichen sich dadurch auch Momente ein, die beim Erstkontakt ein wenig austauschbar wirken. Doch genau hier liegt die Stärke des Albums: Es wächst. Mit jedem Durchgang offenbaren sich neue rhythmische Verschiebungen, kleine elektronische Details und feine melodische Verästelungen, die das Material zunehmend vertiefen.
Inhaltlich richtet sich das Album an jene, die selten im Rampenlicht stehen. Introvertierte, Außenseiter, Menschen mit lauten Innenwelten. Besonders eindrucksvoll gerät 'Vanishing Twin', das sich dem kaum thematisierten Vanishing-Twin-Syndrom widmet – einer pränatalen Erfahrung von Verlust, die laut Schlagzeuger Stef Broks das ganze Leben prägen kann. Ohne Pathos, aber mit spürbarer emotionaler Schwere wird hier Progressive Metal zur Projektionsfläche für Identität, Trauma und Resilienz. Auch das groovig-eingängige 'At The Edge Of Winter', bei welchem Daniël de Jongh im Duett mit der früheren Delain-Frontfrau Charlotte Wessels singt, oder 'Closer To The Unknown' schlagen in diese Kerbe und verbinden technische Präzision mit erstaunlich viel Gefühl.
Nach über zwanzig Jahren Bandgeschichte wirkt "Genotype" wie eine selbstbewusste Standortbestimmung. Textures müssen niemandem mehr beweisen, wie komplex sie spielen können. Stattdessen bündeln sie ihre Stärken, destillieren ihren Sound und liefern acht Songs, die weniger beeindrucken wollen als vielmehr wirken.
Unterm Strich ist "Genotype" kein revolutionärer Paukenschlag, aber ein überzeugendes, reifes Comeback. Kreativ, vielfältig, modern – mit kleinen Schönheitsfehlern, die sich mit der Zeit relativieren. Textures sind zurück. Und sie klingen nicht wie ein Relikt, sondern wie eine Band, die im Jahr 2026 sehr genau weiß, warum sie wieder da ist.
Bewertung: 12/15 Punkten
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Bandcamp. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Besetzung:
• Daniël de Jongh – Vocals
• Bart Hennephof – Guitars
• Joe Tal – Guitars
• Remko Tielemans – Bass
• Uri Dijk – Keyboards
• Stef Broks – Drums
Gastmusiker:
• Charlotte Wessels – Vocals
Surftipps:
• Homepage
• Linktree
• Bandcamp
• YouTube
• Wikipedia
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews
Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Kscope zur Verfügung gestellt.

