
Progressive Power Metal • Melodic Death Metal • Black Metal
(53:57; Vinyl (2LP), Digital; Metal Blade Records; 09.01.2026)
Manchmal sind sich selbst eingefleischte Prog-Nerds erstaunlich schnell einig. Als wir 2022 mit insgesamt drei Betreuern beim ProgPower Europe unterwegs waren und abends die Auftritte Revue passieren ließen, herrschte seltene Harmonie: Micha, Klaus und ich mussten nicht lange diskutieren. IOTUNN waren – zusammen mit MEER – das absolute Festivalhighlight.
Dabei hatten die Dänen/Färinger bereits mit ihrem Debüt "Access All Worlds" redaktionsintern für ein leichtes, anerkennendes Raunen gesorgt. Live jedoch übertrafen sich die Musiker noch einmal selbst. Dieser Mix aus epischer Wucht, progressiver Detailverliebtheit, Black-Metal-Anleihen und melodischem Death Metal traf uns seinerzeit mitten ins Herz. Von „äußerst heftig“ bis „ultramelodiös“ war alles dabei – und wenn es nur das charismatische Auftreten des färöischen Frontmannes Jón Aldará war, das selbst hartgesottene Skeptiker einlullte.
Mit "Kinship" legten die Nordlichter dann tatsächlich noch eine ordentliche Schippe drauf. So sehr sogar, dass das Album in der Redaktion zum inoffiziellen Teapot of the Year avancierte. Umso größer der Schock, als Ende letzten Jahres verkündet wurde, dass IOTUNN die Ultima-Ratio-Tour ohne Aldará bestreiten würden. Glücklicherweise hielt die Schnappatmung nicht lange an: Der Sänger hatte die Band nicht verlassen, sondern lediglich eine kreative (und wohl notwendige) Pause eingelegt und wurde vorübergehend von Morten Bering Bryld vertreten.
Fast so, als wolle man all jenen, die diese News nur halb gelesen hatten, noch einmal ausdrücklich versichern, dass Jón Aldará weiterhin ein fester Bestandteil von IOTUNN ist, erscheint nun das Live-Dokument Waves Over Copenhell. Aufgenommen wurde das Ganze bereits 2023 unter dem nächtlichen Himmel des Copenhell Festivals – also zwei Jahre vor dem kleinen Intermezzo. Entsprechend stammt der Großteil der Setlist aus der ""Access All Worlds-Ära, ergänzt lediglich durch die Single 'Mistland', die damals einen ersten Blick in die Zukunft der Band erlaubte. "Kinship" war zu diesem Zeitpunkt schlicht noch nicht veröffentlicht.
Das macht "Waves Over Copenhell" zu einer Momentaufnahme aus vergangenen Zeiten. Und ja, leider auch zu einer, die im direkten Vergleich etwas verblasst. Songwriterisch haben sich IOTUNN seitdem spürbar weiterentwickelt. Was der Live-Mitschnitt an Spielfreude und schäumender Energie aufholt, verliert er an anderer Stelle wieder: soundtechnisch sind die Studioversionen der "Access All Worlds"-Songs den Livefassungen schlicht überlegen. Es sei denn, man steht explizit auf roh und ungeschliffen.
Hinzu kommt, dass echte Festivalatmosphäre kaum aufkommen will – das Publikum ist schlicht zu leise abgemischt. Von den Laser, die laut Pressetext „kosmische Höhen“ eröffnen, ist auf der Aufnahme logischerweise nichts zu hören bzw. zu sehen. So sehr ich die Band schätze: Dieses Livealbum fühlt sich mehr nach Pflichtübung als nach unverzichtbarem Zeitdokument an.
Unterm Strich gilt daher: Wer IOTUNN kennenlernen will, greift besser zu den beiden Studioalben. Und wer sie liebt, spart sich das Geld für "Waves Over Copenhell" und investiert es stattdessen in ein Konzertticket.
Bewertung: 9/15 Punkten
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Besetzung:
• Jón Aldará – Vocals
• Jens Nicolai Gräs – Gitarre
• Jesper Gräs – Gitarre
• Eskil Rask – Bass
• Bjørn Wind Andersen – Schlagzeug
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Metal Blade Records zur Verfügung gestellt.

