Tangerine Dream – Raum

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(68:00, Vinyl, CD, Digital, Eastgate Music/kscope, 2022)
Es wird wohl niemand Widerspruch einlegen bei der Behauptung, dass Tangerine Dream die Ursuppe der elektronischen Musik mit angerührt haben. Heutzutage, wo praktisch jeder zu Hause im eigenen Kinderzimmer, ja sogar auf dem Smartphone dazu in der Lage ist, mal eben einen lockeren Beat mit ein paar synthetischen Klängen zu produzieren, ist es nur noch schwer vorstellbar, dass dies vor mehr als 50 Jahren noch Schwerstarbeit war. Wir erinnern uns an die Fotos der Bandmitglieder, die vor metergroßen Moog-Monolithen mit hunderten herausragenden Kabeln saßen.
Eines der Mitglieder war Edgar Froese, der leider 2015 starb und mit ihm das letzte Mitglied aus der Zeit der Bandgründung. Man denkt als Fan der glorreichen 70er- und 80er-Jahre natürlich auch an Christopher Franke, Peter Baumann oder Johannes Schmoelling, aber letztendlich blieb Edgar Froese immer das Zentrum der Band, die sich um ihn herum immer wieder neu formierte. Zuletzt waren dies Thorsten Quaeschning, Ulrich Schnauss und Hoshiko Yamane, die nach seinem Tod die Band auf seinen Wunsch fortführen sollten. “Quantum Gate” war 2018 somit das erste Album, welches in dieser Besetzung und erstmals ohne Edgar Froese veröffentlicht wurde. Allerdings hinterließ Froese auf diesem Album einen massiven Input an Songideen und noch eigenen Aufnahmen.

Und auch auf “Raum”, dem zweiten Album der Post-Froese-Ära, ist der Meister immer noch mit vielen Songideen und alten Aufnahmen zugegen. Nicht mehr zugegen ist Ulrich Schnauss, dessen Job nun von Paul Frick erledigt wird. Das Trio sorgte schon mit “Quantum Gate” für frischen Wind in der übervollen Diskographie von Tangerine Dream, die überwiegend von großartigen Meisterwerken geprägt ist, aber auch von einigen Rohrkrepierern und diversen Fahrstuhlmusik-Abschweifungen. Erfreulicherweise brachten Quaeschning, Schnauss und Yamane die experimentelle, anspruchsvollere Phase der Band zurück, gingen auf lange Tourneen und zelebrierten dabei bemerkenswerte Live-Darbietungen und ließen die Fans der “alten Tage” mit dem ein oder anderen Freudentränchen zurück.

Keineswegs aber spulen die Damen und Herren jetzt erst recht altgediente Erfolgsrezepte ab. Vier Jahre nach “Quantum Gate” geht man mit “Raum” eher noch einen Schritt weiter. Sequenzen werden nicht ellenlang wie Kaugummi hingezogen, ohne dass sich was bewegt. Es bewegt sich unheimlich viel auf dem Album und es herrscht eine sehr kurzweilige Dynamik, die auch dafür sorgt, dass solche Songs wie das fast 20-minütige Herzstück ‘In 256 Zeichen’ oder der Titeltrack nochmal gehört werden wollen. Natürlich erinnert sehr viel an alte Zeiten, was dem Fan der ersten Stunde sehr gefallen wird, aber auch neue Fans können hinzugewonnen werden, weil Tangerine Dream so modern und frisch wie nie klingen. Um es etwas kontroverser zu formulieren: Man könnte möglicherweise mit dem letzten guten Album aus den 80ern aufhören und mit “Raum” problemlos weitermachen. Gut, vielleicht würde dann die Violine etwas verwundern, aber Hoshiko Yamane ist zwar sehr präsent aber zerstört den Sound nicht. Sie verleiht dem Ganzen einen neuen Anspruch und sorgt dafür, dass nichts zu synthetisch und künstlich klingt.

Anspieltipps sind tatsächlich das nostalgische ‘Portico’, das fast 20-minütige Sequenzer-Epos ‘In 256 Zeichen’, das wunderschöne ‘You’re Always On Time’ und natürlich der gewaltige Titeltrack.

Der schriftsetzende Betreuer und sogenannte Fan der “alten Tage” (s.o.) ist vollends begeistert, Tangerine Dream wieder in dieser Form erleben zu dürfen. Möglicherweise seit sehr langer Zeit das beste Tangerine Dream-Album und ein Fest für Fans elektronischer Musik.
Bewertung: 13/15 Punkten (MBü 13, KR 12)

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YouTube (Thorsten Quaeschning)

Abbildungen: Eastgate Music/kscope

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Über den Autor

Geschmacklich bin ich eigentlich schlecht in irgendeine Schublade einzuordnen. Ich mag sehr viele verschieden Arten von Musik, solange sie für mich einen gewissen Anspruch hat, mich interessiert, fesselt und vor allem berührt.

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Tangerine Dream – Raum

von Michael Büttgen Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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