„Ich hab Dir ja gesagt, ich rede zuviel!“ – Im Gespräch mit Andy Tillison

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Andy Tillison ist seit vielen Jahren einer der schillerndsten Figuren der Progszene. Seit den Achtzigern hat er das Prog-Genre mit allerlei Unerwartetem von Post-Punk über Industrial und Elektronik bereichert und dem Genre seitdem ein exzellentes Album nach dem anderen beschert. Noch dazu ist er einer der Wenigen, die den Progressive Rock nach wie vor als Medium für zeitgemäße Themen nutzt und auch in politischen Dingen kein Blatt vor den Mund nimmt. Auch sein feiner Sinn für Humor und Selbstironie hebt ihn deutlich vom Standard-Prog-Musiker ab. Sein aktuelles Werk – ein wunderbarer Tribut an das RPI-Genre, unerwarteterweise ganz nostalgisch und ohne genrefremde Einflüsse – hat Prog-Betreuer SaschaG nun dazu veranlasst, den wortgewandten Musiker einmal im persönlichen Gespräch auszuquetschen. Lest hier also die Highlights einer anderthalbstündigen Konversation mit Andy Tillison

BP: Fangen wir doch einfach mit ein paar Sachen zum neuen Album an. Es ist ja ungewöhnlich, dass man aus Erinnerungen und Nostalgie etwas ganz Neues kreiert – oder?

Andy: Das war eine Sache, die in meinen Erinnerungen immer sehr präsent war. Meine erste elektrische Band-Erfahrung, mit sechzehn Jahren, in einem anderen Land, ich war bereits ein Fan von italienischem Progressive Rock, von PFM zum Beispiel… ich denke, die meisten Menschen vergessen niemals diesen Moment, an dem sie zum ersten Mal eine Band gesehen haben! Zumindest nicht, wenn sie auf Musik stehen…

Andy Tillison und seine Hammond-Orgel

Das Interessante ist, dass ja diese „erste Band“ ja meist nicht eine Megaband wie Genesis, Metallica oder U2 ist, sondern eher eine kleine lokale Band, die es zu nichts bringen wird und nicht einmal eine Fußnote hinterlassen wird. War es Dir wichtig, diesen ambitionierten, talentierten, aber letztlich erfolglosen Bands ein Art Denkmal zu setzen?

Ja, denn wenn man jemanden fragt, „was war Dein erstes Konzert?“, dann heißt es immer Rick Wakeman oder Yes oder was-auch-immer. Aber in neun von zehn Fällen war es einfach eine Band auf irgendeiner Hochzeit, oder irgendeiner anderen Sache, wohin die Eltern sie mitgeschleppt haben! Und das hat mich eben interessiert. Auch die Musik, die wir als Kinder gemocht haben, interessiert mich sehr, diese ersten Platten, die uns zur Musik gebracht haben. Für mich waren es zum Beispiel „Benjamin Britten’s Young Person’s Guide To The Orchestra“ und „Peter And The Wolf“ von Prokofieff. Diese ersten Erfahrungen sind es ja, die uns für Musik begeistern, und auf eine Reise für den Rest des Lebens schicken. Diese Musik beeinflusst heute noch die Art und Weise, wie ich Musik schreibe. Ich bin ein großer Verfechter des Geschichtenerzählens mittels Musik, und „Peter And The Wolf“ hat mich ganz sicherlich in diese Richtung geprägt. Denn über Sachen wie „Tubby The Tuba“ kam man natürlich unweigerlich auf die Sachen, die keinen Erzähler hatten und die die Geschichte nur mit Musik erzählten. Ich meine, ich bin sehr beeinflusst von den großen deutschen Komponisten – ihr hattet wirklich lange Zeit die Besten, haha! – und ich habe zum Beispiel Beethovens „Pastorale“ geliebt. Aber ich dachte dabei nie an ländliche Idylle, ich war immer in einem Raumschiff mit den „Thunderbirds“, haha! Das ist einfach ein wundervolles Stück Musik, das mich woanders hinbrachte. Und seitdem wollte ich auch immer Geschichten erzählen und die Hörer mitnehmen zu anderen Orten. Und „Allium“ ist natürlich genau so eine Geschichte. Eine Geschichte über etwas, das mir passiert ist.

Hast Du von einem der ursprünglichen „Allium“-Musiker seitdem irgendetwas gehört oder irgendein Lebenszeichen gefunden?

Nein. Wir haben niemanden gefunden. Es sprach damals auch nur der Sänger überhaupt Englisch, und die restlichen Musiker waren aus Albanien, möglicherweise Kinder von Immigranten oder auch Flüchtlinge, und sie sprachen mal gerade so Italienisch! 1976 war Albanien noch so ein mysteriöses Land, von dem man gelegentlich in Bond-Filmen hörte…

Andy Tillison und seine Mutter in Rom – am Tag nach Andys Begegnung mit Allium

Die Texte handeln ja auch von der politischen Situation in Albanien zu dieser Zeit.

Antonio (de Sarno, Texter des Albums, Anm. d. Autors) weiß ja, dass ich gerne politische Texte schreibe, und obwohl ich ihm da überhaupt keine Vorschriften machte, hat er genau dieses Thema gewählt. Es sind eben Themen, die zu dieser Zeit aktuell waren, und wir haben da auch sehr darauf geachtet – es gibt zum Beispiel auch kein Geshredde auf der Gitarre, weil es das damals einfach noch gar nicht gab. Eddie Van Halen war damals noch unbekannt! Und so konnte er auch nicht, sagen wir mal, über Berlusconi schreiben, oder über Boris Johnson oder Trump. Also nahm er sich der Situation albanischer Einwanderer nach Italien an.

Eine Menge damals Fünfzigjähriger waren und sind vermutlich immer noch der Meinung, dass das letzte gute Album überhaupt von Pink Floyd stammt!

Du verarbeitest ja für gewöhnlich viele moderne und zeitgemäße Elemente und Themen in Deiner Musik. War es schwierig, mit diesen selbstauferlegten Einschränkungen zu arbeiten?

Ich denke nicht. Ich habe das Thema Zeit schon immer als etwas sehr Flüssiges betrachtet. Als ich noch Musik unterrichtete, habe ich meinen Schülern immer wieder gesagt, dass es wichtig ist, sich auch Musik aus der Vergangenheit anzuhören, obwohl die natürlich nur Musik aus der damaligen Neuzeit hören wollten! Ich war zwar ein Fünfzigjähriger, aber natürlich wusste ich auch, wer Radiohead sind oder Aphex Twin und Nine Inch Nails, weil ich die eben auch mochte. Und eine Menge damals Fünfzigjähriger waren und sind vermutlich immer noch der Meinung, dass das letzte gute Album überhaupt von Pink Floyd stammt!
Ich habe also meinen Schülern gesagt: der Schlüssel besteht darin, sich Musik aus einer anderen Zeit anzuhören. Denn die Musik, die bislang noch nicht erfunden wurde, ist ja ebenfalls lediglich Musik aus einer anderen Zeit. Verstehst Du? (lacht) Ich liebe den ganzen Prog-Ethos von Bands wie Yes, die Rock, Jazz, Pop, Klassik und alles Mögliche durcheinander warfen, und ich bediene mich eben auch bei allem, was mich 2021 umgibt – und natürlich ist dieser Prog-Sound der Siebziger selbst auch wieder ein Teil davon!
Und progressive Musik ist auch nie verschwunden, denn irgendjemand hat immer wieder an den Grenzen nach vorne gedrückt! Ob XTC oder Talking Heads oder Radiohead oder Dirty Loops oder Snarky Puppy.
Ja, und dann ein Album zu machen, bei dem ich all diese Einflüsse unterdrücke, ist natürlich zuallererst eine Lernerfahrung! Die musikalische Mode interessiert mich ehedem nicht. Diese Beethoven-Sinfonie klingt ja natürlich immer noch absolut großartig, die hat kein Stück Faszination verloren, nur weil sie schon seit ein paar Jahrhunderten bei uns ‚rumhängt!

Diese Einschränkungen haben Dich auch dazu gebracht, erstmals Live-Drums auf einem Album zu spielen?

Wir hatten einen anderen Drummer eingeplant, das kam aber aus … Gründen (lacht) nicht zustande. Also habe ich, wie auf The Tangents „The Slow Rust Of Forgotten Machinery“, die Drums auf dem Keyboard eingespielt. Wir hörten es uns an, und es klang gut! Wir hätten das also machen können, aber eine Stimme in meinem Hinterkopf sagte mir: „das ist so nicht korrekt!“. Also rief ich einen Drummer hier in der Nähe an, lieh mir sein Schlagzeug aus, baute es hier in der Ecke auf und spielte das Material so oft neu ein, bis ich es richtig hinbekam! (lacht)
Wir waren in der Mitte eines Lockdowns, ich hatte also eh‘ nichts Besseres zu tun, haha, entweder die Drums oder die Glotze! Ich spiele Drums, ich spiele Bass, ich spiele Gitarre, ich versuche sogar zu singen, haha, aber mein Hauptding sind und bleiben die Keyboards. Ich erinnere mich, Jonas (Reingold, gtr, bs) und ich haben auch darüber geredet, dass diese halb-fiktive Band schon aus guten Musikern bestehen würde – aber eben auch nicht sooooo gut (lacht)! Deshalb haben wir auch zum Beispiel nicht Luke (Machin, The Tangent) angerufen – der ist nämlich viel zu gut! Jonas spielt aber auch Gitarre, also übernahm er diesen Job. Weißt Du, wir haben beide soviel von dieser Einschränkung gelernt, und einiges davon könnte sich auch durchaus auf einem zukünftigen The-Tangent- oder Karmakanic-Album wiederfinden.

 

Das analoge Band mit den Aufnahmen für den Album-Opener ‚Mai Tornare‘

Plötzlich meine Musik zu hören von einem Sänger, der richtig singen kann… whoah…! Ich meine, von mir, einem Punk-Sänger, der auf Prog macht, zu jemandem, der singen kann wie Freddie Mercury

Ich muss auch zugeben, dass mich der Gesang von Roberto Tiranti sehr überrascht hat. Ich kannte ihn zwar aus seinen frühen Tagen bei Labyrinth (bei denen er auch heute noch hauptsächlich aktiv ist), als reinen Metal-Sänger unter dem Namen Rob Tyrant – ich hätte nicht gedacht, dass er auch so singen kann wie auf „Allium“!

Roberto kam auch durch Antonio ins Spiel. Er sagte mir, er habe genau den richtigen Typen für den Job und schickte mir eine Aufnahme. „Setz‘ Dich hin, wenn Du’s Dir anhörst!“, sagte er noch – und dann hörte ich ihn ‚Mai Tornare‘ singen. Ich konnte gar nicht fassen, was da passierte! Es gibt ja schon immer viele Meinungen darüber, ob ich bei The Tangent singen sollte. Natürlich gibt es viele Leute, die sagen, ich sollte das tun, aber genauso viele Leute, die sagen, ich sollte das nicht! Und auch ein paar, die der Meinung sind, man sollte es mit gar nicht erst erlauben, zu singen (lacht)! Grundsätzlich geht mir das alles am Arsch vorbei, aber plötzlich meine Musik zu hören von einem Sänger, der richtig singen kann… whoah…! Ich meine, von mir, einem Punk-Sänger, der auf Prog macht, zu jemandem, der singen kann wie Freddie Mercury – mit einem Schritt! Mal erinnert er mich eben an Mercury, mal an Demetrio Stratos von Area und mal an Ian Gillan – und das sind meine persönlichen Lieblingssänger! Und auch meine Musik in Italienisch zu hören, war ein besonderes Leckerchen…

Viele Fans in Deutschland sind bezüglich italienischer Vocals ein wenig durch cheesige Schnulzensänger wie Eros Ramazotti traumatisiert…

Wer?

Eros Ramazotti? Ist der im UK kein großes Thema?

Nie gehört, haha.

Du Glücklicher (beide lachen)! Was fasziniert Dich am RPI-Genre?

Nun, als ich zwölf war, entdeckte ich „Close To The Edge“ von Yes, und seitdem fasziniert mich diese Welt von Progressive Rock im Ganzen. Musik, geschrieben und gespielt von Menschen meiner Generation, nicht von einem toten Typen aus Deutschland! Und dann hörte ich PFM im BBC-Radio, wo ein Konzert von ihnen übertragen wurde. Und ich verliebte mich sofort, auch in die Tatsache, dass ich kein Wort verstehen konnte! Ich konnte mir also meine eigenen Bedeutungen ausmalen. Ich meine, ich habe bis heute keine Ahnung, was das alles bedeutet (singt ein Stück)! Ich hatte keine Ahnung davon, als ich vierzehn war, und heute mit zweiundsechzig immer noch nicht – und es ist mir vollkommen egal, ich liebe es trotzdem, haha! Ich habe zwar eine grobe Übersetzung der Texte auf dem neuen Album bekommen, aber eigentlich will ich‘ auch da gar nicht wissen, ich möchte die selbe Erfahrung wie damals, die Stimme als Instrument – und, in Robertos Fall, natürlich ein ganz besonders edles Instrument!

Dann lass‘ uns doch kurz über Deinen anderen Kollegen Jonas Reingold sprechen. Ihr habt nun schon eine seit Jahrzehnten andauernde Arbeitsbeziehung miteinander, die nach wie vor ganz wunderbar zu funktionieren scheint…

Jonas ist einfach ein fantastischer Musiker, und noch wichtiger, er hat die unglaubliche Fähigkeit, mich zu ertragen und tolerieren, haha! Aber ernsthaft, er ist ein fantastischer Kerl und einer meiner besten Freunde. Er ist auch jemand, der sich nicht von den Regeln für Prog gebunden fühlt, ein unglaublich offener Verstand. Wir beide mögen Jazz-Fusion und Funk, das verbindet auch… Er versteht, was ich machen will und kann alles davon auch umsetzen. Ich denke, wir werden also auch weiter zusammenarbeiten, bis einer von uns tot umfällt…

Der Bass, mit dem Jonas das „Allium“-Album einspielte…

Er (Steven Wilson, remixend) tendiert dazu, die Bassdrum lauter zu drehen, weil das eben aktuell dem Zeitgeist entspricht, aber dadurch kann ich zum Beispiel hören, dass Bill Bruford aus dem Timing kommt!

Wie stehst Du eigentlich so ganz generell zur heutigen Prog-Szene? Ein oft gehörter Vorwurf ist ja, dass alles konservativer zu werden scheint, und Leute wie Steven Wilson wenden sich bereits wieder ab – selbst das letzte Big-Big-Train-Album klang oft mehr nach Elton John als nach Genesis…

Nun, ich bin natürlich kein Kritiker, aber ebenso natürlich habe ich eine Meinung zu der Sache. Ich mache dieses ganze „Prog“-Ding schon seit einer ganzen Weile, schon, bevor in den 1990ern beschlossen wurde, das Genre zurückzubringen. Steven Wilson sehe ich mit gemischten Gefühlen. Einerseits mag ich seine Musik ganz entschieden, ob mit Porcupine Tree oder solo, ich finde, er ist ein ganz erstaunlicher Typ, der phänomenale Musik schreibt, komplett offen für alles, modern, ein Wahnsinns-Künstler. Und wenn er experimentiert, dann – nun ja, dann macht er einfach seinen Job, weißt Du (lacht)? Er macht richtigen Progressive Rock, dazu gehört einfach, die Grenzen zu verschieben, was ich auch immer versuche, wenn auch weniger erfolgreich – aber um den Erfolg geht’s dabei ja auch gar nicht. Auf der anderen Seite wünschte ich mir aber, er würde damit aufhören, all die Scheiß-Yes-Alben zu remixen (lacht)! Denn a) verschwendet er damit seine Zeit: vielleicht lernt er im Bestfall irgendetwas dabei, aber, sorry, Steven, die Originale sind dennoch besser! Er tendiert dazu, die Bassdrum lauter zu drehen, weil das eben aktuell dem Zeitgeist entspricht, aber dadurch kann ich zum Beispiel hören, dass Bill Bruford aus dem Timing kommt! Bei ‚Siberian Khatru‘ denke ich mir immer, „komm schon, Bill, hol‘ auf!“ Und das wurde ursprünglich so gemischt, das man das niemals hören konnte – Steven, was hast Du getan (lacht)? All seine Alben klingen so fantastisch, dass ich mich frage, wie er das macht – aber ich möchte eigentlich keine Remixes mehr hören, sorry. Und b) ist es so, dass wenn Steven ein weiteres Yes- oder was-auch-immer-Album remixt, das Geld aus dem Prog-Rock-Pool schon wieder an Yes geht – ans selbe Album! Und manche Künstler wie Robert Fripp melken, melken, melken den Katalog einfach nur noch. „Hier ist eine Aufnahme aus einer Telefonzelle in London 1979, ich summe eine Version von ‚The Mincer'“, solche Sachen.

Andy Tillison – ca. 1976

Und weißt Du, all diese jungen Musiker würden sich über ein Investment wirklich freuen! Ich kenne einen Typen, der sechs verschiedene Ausgaben von „Close To The Edge“ auf CD hat und dazu noch drei Vinyl-Platten! Es ist das selbe Album, jedes! einzelne! Mal!, nur ist hier die Hi-Hat etwas lauter, hier alles etwas klarer und hier die Scheiß-Bassdrum viel zu verdammt laut (lacht)!

Bezüglich der anderen Bands… nun, ich habe schon auf Alben von Big Big Train gespielt, wie Du weißt. Sie sind eine fantastische Gruppe, und vor allem auch supernette Leute, speziell David (Longdon, voc) und Rikard (Sjöblom, keys, gtr, voc), den ich ganz arg mag, ein guter Freund von mir. Nun, ihre Musik klingt eben ein wenig nach Genesis, und das ist vermutlich auch Teil ihres Erfolges, den sie sich absolut verdient haben und der auch viel für die Prog-Szene gebracht hat. Aber wenn ich an Big Big Train denke, dann denke ich mir immer, dass sie mir auch die Freiheit gegeben haben, etwas Anderes zu machen! Ursprünglich sollte ja The Tangent genau das sein, eine traditionelle, britisch klingende Progband, aber dann kamen sie und machten das einfach besser als wir! Somit bewegte ich mich naturgemäß in eine andere Richtung! Ich meine, die ursprüngliche Prog-Szene existierte grob gesagt von 1967 bis 1979. Dann kam eine Drei-Jahres-Pause, nach der wir Marillion, Pallas und all diese Bands hatten, und nach einem weiteren Acht-Jahre-Break kam das große Revival und seitdem ist Prog nicht mehr aus der Szene verschwunden! Die Fans diktieren eben, was Erfolg hat – und Bands, die nach der reinen 1970er-Lehre klingen, tendieren zu mehr Erfolg als die, die etwas weird sind und nach vorne schauen, so ist es halt einfach.

Oftmals haben ja auch in den Siebzigern die innovativen Bands nicht unbedingt die größten Erfolge gehabt, erst rückblickend wurde ihr Status anerkannt. King Crimson oder Van Der Graaf Generator haben ja auch nie den Erfolg von beispielsweise Yes erreicht.

Da hast Du jetzt eigentlich genau meine drei Lieblingsbands aus der Zeit genannt, haha! Ich meine, klar, man zitiert heute Crimson und Van Der Graaf gerne als Innovatoren, als unbequem, experimentell, kunstvoll und unkommerziell, was sie natürlich auch waren – aber weißt Du, für mich waren Yes schon immer die am Weitesten entwickelte, mutigste, abenteuerlichste und wildeste dieser Bands! Ich meine, die waren genauso irre wie Henry Cow oder Magma! Aber irgendwie schafften sie es, all diesen Wahnsinn so zu verpacken, dass er für jeden konsumierbar wurde und nicht mehr verkopft klang. Genau wie David Bowie, der aus all diesen Underground-Strömungen ein vermarktbares Produkt erschaffen konnte – so waren auch Yes! Ich muss zugeben, kein großartiger Genesis-Fan zu sein, ich mag natürlich viele ihrer Alben bis inklusive „Duke“, aber… sie haben mich nicht so bewegt und inspiriert wie Yes. Nimm nur mal „Tales From Topographic Oceans“ und „Relayer“ – zwei aufeinanderfolgende Alben, die immer noch klingen wie nichts anderes auf der Welt. Klar, es haben viele Künstler sich davon beeinflussen lassen, vielleicht sogar kopiert, aber niemand hat’s je erreicht! Sie begeben sich stilistisch teilweise ins Gebiet von Return To Forever, aber es klang nie anders als nach Yes! Ich habe vor einer Weile meinen Schülern ‚Soundchaser‘ vorgespielt und sie gefragt, was für ein Wort sie mit dem Song assoziierten. Und sie sagten, sie mochten es, weil es wirklich funky war! Das wäre mir natürlich als Beschreibung nie eingefallen, aber ich sehe es gerne so: das Wort kommt ja von dem deutschen Wort Funke, und so sehe ich den Song tatsächlich auch: Funken versprühend, wie ein Feuerwerk, diese Feuerwerkskörper, die herumspringen und völlig unkontrollierbar zischen und explodieren. Ich hätte diesen Begriff nie gewählt, aber meine Schüler haben mich da absolut getoppt. Ja, ich liebe Yes (lacht)!

Als ich die klassischen Yes Ende der Achtziger zum ersten Mal hörte, hatte ich natürlich vorher schon jede Menge Musik gehört, die sich des von ihnen eingeführten Vokabulars ausgiebig bediente. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das Material damals geklungen hat, als Yes diesen Sound eben gerade erfanden!

Ich erinnere mich noch gut daran… „Close To The Edge“ und „Fragile“ habe ich mit zwölf erstmals gehört, und sie haben mich bis heute nicht losgelassen! Ich meine, ‚Heart Of The Sunrise‘ – wow (singt das Intro)! Und auch in den Achtzigern als sie das komplette Ethos der Band umdrehten und es mit all diesen amerikanischen Stadionrockacts aufnahmen – das war mutig! Wobei ich zugeben muss, dass meine Leidenschaft in den letzten Jahre ein wenig ins Wanken geraten ist. Es passiert nicht mehr, dass ich ein neues Yes-Album kaufe und mir denke „das hier ist großartig“. Tatsächlich gibt es nur wenige der alten Bands, die heute auch nur in die Nähe ihrer Klassiker kommen. Du kannst wahrscheinlich die in den letzten zwanzig Jahren erschienenen großartigen Alben von Bands dieser ersten Prog-Welle an einer Hand abzählen. „Do Not Disturb“ von Van Der Graaf Generator ist eins davon, ein wirklich großartiges Album und auf einer Stufe mit all ihren Klassikern. Aber jenseits davon… ich finde spontan nun tatsächlich nur dieses Eine, haha! Andererseits haben zum Beispiel Argos aus Deutschland unglaubliche Platten veröffentlicht, und ich frage mich, wieso freuen sich alle über ein okayes Yes-Album, wenn sie doch ein großartiges Kunstwerk von Argos haben könnten? Ich kapier’s nicht. Aber wir verbringen so viel Zeit damit, uns in Einundzwanzigjährige zu verlieben… Mit zwölf verlieben wir uns in die einundzwanzigjährigen Rockstars, sie sind unsere Helden. Mit Einundzwanzig lieben wir die Musiker in unserem Alter. Mit Fünfunddreißig mögen wir vielleicht immer noch diese Bands, aber wir diskutieren darüber, wie viel besser sie doch mit Einundzwanzig waren! Ich bin jetzt 62, und die meisten meiner Freunde denken immer noch, dass der einundzwanzigjährige David Gilmour in Pompeji das Allerbeste überhaupt ist! Ich meine, erinnerst Du Dich an diesen komischen Controller, den Keith Emerson sich damals zwischen die Beine steckte und damit herumfummelte? Das war eine superbescheuerte und kindische Sache, ohne Frage, etwas das nur Einundzwanzigjährige machen! Trotzdem gibt es Polizeichefs, Richter und was-weiß-ich-noch-alles, die mit 70 allen Ernstes immer noch behaupten, das wäre einfach toll gewesen (lacht)! Stell Dir nur vor, irgendein Rapper würde so etwas machen… „bäh, das ist ja abartig!“. Wir lieben alle die Einundzwanzigjährigen, Du weißt schon, „David war nie besser als auf ‚Ziggy Stardust'“ und so weiter. Ha, ich glaub‘, ich muss ein Album darüber schreiben (lacht)! Magenta haben ja schon dem „Twenty-Seven Club“ gehuldigt, über all die Leute, die mit 27 sterben, weil sie nicht drüber wegkommen nicht mehr 21 zu sein!

Andys im Jahre 2010 dahingeschiedener Mini-Moog und ein Freund

Ich war zum ersten Mal erfolgreich vor zwanzig Jahren, als das erste The-Tangent-Album herauskam. Meine Musik ist also von einem zweiundvierzig- bis zweiundsechzigjährigen Musiker geschrieben worden – und ich glaube auch, in der Zeit tatsächlich meine beste Musik gemacht zu haben, und ich glaube, auch vermieden zu haben, dass alles gleich klingt. Du erkennst die Leute, die schon lange kein The-Tangent-Album mehr gehört haben, daran, dass sie uns als Retroprog bezeichnen! Da ist so ein Typ in Kanada, der auch CDs rezensiert, und er hat über unser „Proxy“-Album eigentlich sogar ganz gut bewertet. Was mir allerdings auffiel und ich seltsam fand, war, dass er im ganzen Review nicht einmal erwähnte, dass das Album einen achtzehnminütigen Dance-Track enthält! Ich dachte, „wenn Du das Album wirklich angehört hättest, wäre Dir sicherlich dieser ewig lange Dance-Song aufgefallen, im Sinne von Ibiza, der einen Groove wie Fatboy Slim oder The Prodigy hat!“

Und ich frage mich oft… hm, ich meine, wir verkaufen ziemlich viele Platten, ich sollte mich also nicht beschweren. Aber ich denke oftmals daran, wie wir in den Siebzigern immer lange überlegen mussten, ob wir uns dieses oder jenes Album leisten können. Das war die große Frage: kann ich mir Be-Bop Deluxes „Live! In The Air Age“ leisten, wenn ich aber auch „The Lamb Lies Down On Broadway“ gern hätte? Das ist heute gar nicht mehr das Problem. Die meisten Leute können sich ohne Probleme alles Mögliche leisten, aber die Frage ist: haben sie auch die Zeit, all diese Musik anzuhören und zu würdigen? Ich weiß ja selbst, wie das ist. Ich hatte früher die Zeit, mir jeden Tag ein Album anzuhören, nicht im Hintergrund beim Abwasch, sondern mit einer Tasse Tee, einer Zigarette oder etwas Interessanterem vor der Stereoanlage sitzend, einfach nur auf die Reise gehen. Ich mache diese Art von Erfahrung heute viel, viel weniger oft, als mir das lieb ist, und es macht mich traurig. Und so muss ich als Musiker akzeptieren, dass einige meiner CDs zwar verkauft werden, aber die Folienverpackung möglicherweise nie geöffnet werden wird – weil viele Menschen diesbezüglich heute eher Sammler sind. Einige alte Tangent-Veröffentlichungen gehen auf eBay für unfassbares Geld über den Tisch – und ich glaube nicht einmal, dass sie angehört werden! Wenn ich ganz, ganz ehrlich zu mir selbst bin, muss ich zugeben, dass mir dieses ganze Business aber auch sowas von gar nicht interessiert. Ich habe einfach auch kein Talent für die geschäftliche Seite! Ich sollte mir einmal eine Woche freinehmen, um einfach nur die Arbeitsweisen von Steven Wilson oder Big Big Train zu studieren, aber ich kann’s einfach nicht! Ich denke viel über Musik nach, aber gelegentlich muss ich mich selbst ohrfeigen und mir sagen: „Hey Andy, es ist Zeit, dass Du mal etwas Geld verdienst!“. Aber meist komme ich mit solch bescheuerten Ideen an wie einem Tribute-Album an eine italienische Band, die keiner kennt, ein Album über Musiker, die es nie zu einem eigenen Album gebracht haben – was für eine bescheuerte Idee (lacht), wenn man’s analysiert. Aber es musste einfach sein, also hab‘ ich’s gemacht!

Hast Du eigentlich jemals von Devin Townsend gehört?

Ja, natürlich, den Namen hab‘ ich schon mehrfach gehört, Luke ist ein Fan. Ich selbst hab‘ aber bewusst zumindest noch nichts von ihm gehört. Er fällt so in diese Gitarrenhelden-Kategorie wie Steve Vai, oder? Das ist nun auch ehrlich gesagt nicht unbedingt eine Musik, die mich interessiert, ich mag zwar Gitarren, aber wenn es nur um Gitarren geht… hm…

Eigentlich nicht, ich würde ihn eher als eine Mischung aus Frank Zappa, Death Metal, ABBA und Enya bezeichnen, bisweilen mit ein wenig Country und Tangerine Dream abgeschmeckt…

Okay, das hätte ich jetzt nicht erwartet. Du siehst, so wie manche Menschen ein falsches Bild von The Tangent haben, habe ich den selben Fehler mit ihm gemacht! Wenn ich ehrlich bin: ich habe erst vor kurzem Frank Zappa entdeckt, weil ich auch ein etwas verzerrtes Bild von ihm im Kopf hatte. Ich dachte mir immer, eigenlich gefällt mir das gar nicht so, aber es ist gut gemacht, und bestimmt gefällt es mir irgendwann einmal – und der Punkt war dann plötzlich da (lacht)! Ich bin CB-Funker, und ein Freund, mit dem ich öfter spreche, ist großer Zappa-Fan, und er hat mich dazu gebracht. Ich habe ‚Inca Roads‘ gehört und mich von dort aus weitergetastet…

Ein guter Startpunkt!

Ja, absolut. Und das hat mich wiederum auf George Duke gebracht, der auch fantastisch ist!

Spotify – Das sind einfach Piraten mit Anwälten

Der Grund, warum ich Townsend erwähne, ist, dass er auch viel über Kunst gegen Geschäft philosophiert. Beim Release seines letzten Albums hat er sogar über Twitter seine Fans gebeten, sich das Album doch, falls sie es sich nicht leisten wollen, im Notfall illegal zu besorgen, Hauptsache sie würden es sich überhaupt anhören.

Haha!

Am Tag darauf kam noch eine Nachricht, in der er schrieb, dass sein Manager und seine Familie ihn gebeten haben, das Ganze zurückzunehmen, da sie schon gerne hätten, dass die Hypothek, die sie für die Produktion aufgenommen hatten, wieder abbezahlt werden würde und sie keine Lust hätten, für seine Kunst auf die Straße zu ziehen…

Haha, ich supporte Devin! Wir leben in einer Welt, in der einige Menschen sich Dutzende Alben kaufen können, die sie sich nie anhören, und andere können sich die eine nicht leisten, die sie gerne hätten. Abgesehen davon gibt’s ja auf Spotify eigentlich fast alles an Musik fast kostenlos! Als Künstler finde ich das natürlich nicht toll, aber für den Konsumenten ist es natürlich ein Geschenk! Trotzdem fühlt es sich falsch an – ich finde, man sollte nicht die komplette Geschichte aufgezeichneter Klänge jedem für einen Zehner im Monat verfügbar machen. Das kann ja nur ein Abzockgeschäft sein. Das sind einfach Piraten mit Anwälten. Da werden mit der Kunst Anderer irgendwelche seltsamen Deals gemacht, ein wenig Bestechung bei der Plattenfirma vielleicht noch, oder einfach die Drohung: „Wenn ihr nicht mitmacht, machen wir Euch platt!“ Und das könnten sie, ähnlich wie Netflix. Ich habe letztens gehört, dass der Typ, dem Spotify gehört, darüber nachdenkt, Arsenal zu kaufen, den zweitgrößten Fußballclub Englands, direkt hinter Manchester United vermutlich! So reich ist der Kerl! Wenn Du – aufgerechnet nach meinen Tantiemen dort – Dir alles, was mit meiner Beteiligung auf Spotify steht, am Stück anhörst, dann sind das rund 36 Stunden Musik. Und für diese 36 Stunden Entertainment würde ich einen halben amerikanischen Dollarcent bekommen! Nur schade, dass die amerikanische Halbcent-Münze schon Ende der 1800er abgeschafft wurde! Um soviel zu verdienen wie ein McDonalds-Verkäufer musst Du auf Spotify eine! Million! Plays! jeden Monat! haben – eine Million! Das ist doch irrwitzig! Diese Firma müsste sofort geschlossen werden. Alle Künstler müssten sich zusammentun und sich dagegen stellen. Aber ich selbst benutze es ja auch! Ich versuche Spotify immer so zu nutzen, wie das viele behaupten: ich finde Musik dort, und dann kaufe ich sie. Wenn das aber wirklich so ist, warum verkauft niemand mehr irgendetwas? Wenn das wirklich stimmen würde, ginge es den Plattenfirmen und Künstlern mit Sicherheit weit besser…

Die White-Label-Testpressung von „Allium“

Wenn wir gerade beim Thema physikalischer Tonträger sind: eine ganze Menge Deines Backkataloges ist mittlerweile Out Of Print, und gerade die Alben von Parallel Or 90 Degrees und Gold, Frankincense & Diskdrive sind selbst gebraucht fast nicht zu bekommen. Da das Meiste davon mittlerweile digital über Bandcamp erhältlich ist, gehe ich davon aus, die Rechte liegen bei Dir? Wie stehen die Chance, dass das Material irgendwann in physikalischer Form wiederveröffentlicht wird?

Nur eines der PO90-Alben ist nicht auf Bandcamp, weil es einem der damaligen Mitglieder etwas peinlich ist… nun ja! Ich hatte tatsächlich ein Angebot von einem deutschen Label, dass einige der PO-90-Alben wiederveröffentlichen möchte, allerdings ist hier noch nichts in trockenen Tüchern, es kann also zustandekommen oder auch nicht. Auch einige der alten Tangent-Alben sind ausgestorben, leider.

„Comm“ habe ich bis heute nicht in die Finger bekommen…

Zum Beispiel, ja. Ich meine… Inside Out, ich höre viel Gemecker über sie, aber um ehrlich zu sein, ich kann mich nicht ein Stück über sie beschweren. Sieh‘ mal, diese Leute haben seit zwanzig Jahren an mich geglaubt und mich auf jedem Stück meines Weges unterstützt. Das haben sie nicht gemacht, weil sie meine Freunde sind, obwohl wir mittlerweile längst auch Freunde sind. Am Anfang war ich einfach dieser Rotzlöffel – naja, eher ein mittelalter Kerl – der Progrock spielte, und sie haben das angenommen und veröffentlicht. Die veröffentlichen The Tangent nicht, weil ihnen meine Haare so gut gefallen, sondern, weil The Tangent sich ganz vernünftig verkaufen! Und wenn sie sich nicht mehr verkaufen, dann rufen sie mich an und sagen mir, dass die Alben out of print gehen – und das ist für mich auch absolut in Ordnung, denn sie müssen genauso sehen, wo sie bleiben wie wir! Und statt nochmal Geld für „The Music That Died Alone“ zu verbraten, ist mir lieber, wenn sie mir das Geld für ein neues Album geben! Zu Beginn hatte ich tierisch Angst vor ihnen, weil sie diese professionellen Business-Menschen sind. Das hat sich aber völlig geändert, und mittlerweile haben wir eine verdammt gute Arbeitsatmosphäre. Ich stell‘ mir das Ganze so vor: Dream Theater und Yes bringen das Essen auf den Tisch auf den Tisch, The Flower Kings vielleicht Brot und Butter, und The Tangent bringen eben nur Salz und Pfeffer (lacht)! Und Thomas (Waber, Labelchef) ist eben auch ein absoluter Fan von dem was er macht. Und Jessica (Lausen), mein Hauptkontakt, ist ein riesiger Nine-Inch-Nails-Fan. Ich hab‘ mich auch immer gut mit Dirk Jacob verstanden, und natürlich auch mit Freddy Palmer, der quasi meine englische Kontaktperson ist. Das sind alles Top-Leute und echt nette Menschen noch dazu, und ich habe nicht umsonst so viel Zeit bei ihnen verbracht. Nun haben wir TRT natürlich nicht bei ihnen veröffentlicht, sondern über Reingold Records, was natürlich Jonas‚ Label ist. Das heißt, wir werden wohl nicht soviel davon absetzen, weil einfach die Verbreitung nicht so weit geht, aber dafür bleibt auch mehr Geld hängen, also… (grinst)

Ein Blick in die Zukunft: ein neues Kalman-Filter-Album steht ja schon in der Pipeline, richtig?

Ja, ich hab’s sogar schon hier (hält ein Exemplar in die Kamera)! Ich liebe einfach die Freiheit dieser Soloalben, weil ich einfach machen kann, was ich will, mal etwas im Stil von Tangerine Dream, mal richtigen Jazz-Fusion-Kram, und dann vielleicht ein bisschen Pet Shop Boys zur Abwechslung – es muss sich nicht doll verkaufen, ich muss es nur aus meinem System rauskriegen, verstehst Du?

Camel sind okay, ich mag tatsächlich viel von ihnen, aber es gibt eben keine Diskussion, sie waren einfach eine Band aus der zweiten Reihe, die plötzlich fast alleine stand.

Hast Du auch einmal darüber nachgedacht, ein Projekt im Stil Deiner Punk-/Post-Punk-Vergangenheit anzuschieben?

Ehm… ja, das tue ich tatsächlich oft. Punk war für mich ein Möglichmacher. Ich denke, eines der größten Probleme des Progressive Rock ist, dass Du einfach verdammt gut auf Deinem Instrument sein musst! Und oftmals geht damit auch eine gewisse Überheblichkeit einher. Und so um 1976 musstest Du, um in eine Rockband einsteigen zu können, in etwa so gut ausgebildet sein wie ein Opernsänger oder ein Orchestermusiker mit Diplom vom Royal College Of Music in London. Es geriet einfach außer Kontrolle. Und dann war da die plötzlich diese große Unterbrechung: nach „Brain Salad Surgery“, „Relayer“ und „Wish You Were Here“ kam für eine ganze Weile nichts mehr von den Großen! Viele Progbands verklagten sich nur noch gegenseitig oder ihre Plattenfirmen – und das hinterließ ein Loch. Keine ELP, keine Pink Floyd, keine Led Zeppelin, die alle verschwanden – und ließen Camel als Verantwortliche zurück (lacht)! Ich meine, Camel sind okay, ich mag tatsächlich viel von ihnen, aber es gibt eben keine Diskussion, sie waren einfach eine Band aus der zweiten Reihe, die plötzlich fast alleine stand. So wie Eure zweite Bundesliga! Und ich war endlich alt genug für eine Band, aber ich konnte natürlich weder wie Rick Wakeman noch wie Keith Emerson spielen! Aber dann sah ich Barry Andrews von XTC und Dave Greenfield von The Stranglers oder auch Captain Sensible von The Damned, und ich dachte, hm, das kann ich! Und in meiner ersten Band fragten sie mich, ob ich so ein wenig wie der Typ von Blondie spielen könne, und ja, auch das konnte ich! Wir entwickelten uns auch schnell weiter, eher in Richtung Graham Parker oder Bruce Springsteen, denn natürlich wurden wir besser und wollten auch mehr als die üblichen drei Akkorde spielen. Aber auch wenn das meinen zukünftigen Weg bestimmt hat, ich liebe diese simple Musik immer noch, diese jugendliche Energie. Wäre Punk nicht gekommen, wäre ich eventuell nie in einer Band eingestiegen. Und The Damned haben zum Beispiel einen Zwanzig-Minuten-Prog-Song auf ihrem „Black Album“ veröffentlicht, der ganz und gar großartig ist! Ich erinnere mich, ein Interview mit Captain Sensible gelesen zu haben, in dem er er die Band Egg erwähnte! Ich liebe Egg, eine klassische Canterbury-Kapelle. Und die haben einen Song namens ‚A Visit To Newport Hospital‘, und in dem kommt die Zeile vor: „We spent the day avoiding Skinheads and the law“. Und wir hatten in den Siebzigern alle ziemlich Angst vor den Skinheads, die zum Großteil ein wenig Nazi-mäßig drauf waren – wir mochten sie also nicht. Und er erwähnte, dass ihm speziell diese Zeile so richtig gut gefiel, und ich dachte nur, „Mir auch, Captain!“. Und Rat Scabies (ursprünglicher The-Damned-Drummer) liebte Phil Collins! Diese Leute gaben uns wieder einen Platz auf der Bühne, und alleine deshalb schon mochte ich es!


Surftipps zu TRT
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Antonio De Sarno
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Abbildungen: Andy Tillison, mit freundlicher Genehmigung

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„Ich hab Dir ja gesagt, ich rede zuviel!“ –…

von SaschaG Artikel-Lesezeit: ca. 24 min
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